🚀 go-pugleaf

RetroBBS NetNews Server

Inspired by RockSolid Light RIP Retro Guy

2 total messages Started by Redaktion Akin Tue, 20 Oct 1998 00:00
Zeitgeschichte/Prinzipielles: Dank an Martin Walser
#9
Author: Redaktion Akin
Date: Tue, 20 Oct 1998 00:00
309 lines
17412 bytes
**************************************************************************
akin-Pressedienst.                                                       *
Elektronische Teilwiedergabe der                                         *
nichtkommerziellen Wiener Wochenzeitung 'akin'.                          *
Texte im akin-pd muessen aber nicht wortidentisch mit den in der         *
Papierausgabe veroeffentlichten sein.                                    *
Nachdruck von Eigenbeitraegen mit Quellenangabe erbeten.                 *
Namentlich gezeichnete Beitraege stehen in der                           *
Verantwortung der VerfasserInnen.                                        *
Ein Nachdruck von Texten mit anderem Copyright als dem unseren sagt      *
nichts ueber eine anderweitige Verfuegungsberechtigung aus.              *
**************************************************************************
Aussendezeitpunkt: Di, 20.10.98, 13:40                                   *
**************************************************************************

Zeitgeschichte:

> Dank an Martin Walser

Ueber die Folgen pathetischer Geschichtschreibung

---
  "(...) Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch
     zurechnungsfaehiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von
     Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese
     Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dasz sich in mir etwas
     gegen diese Dauerpraesentation unserer Schande wehrt. Anstatt
     dankbar zu sein fuer die unaufhoerliche Praesentation unserer
     Schande, fange ich an wegzuschauen. (...)

     Auschwitz eignet sich nicht dafuer, Drohroutine zu werden,
     jederzeit einsetzbares Einschuechterungsmittel oder Moralkeule
     oder auch nur Pflichtuebung. Was durch solche Ritualisierung
     zustande kommt, ist von der Qualitaet Lippengebet. Aber in welchen
     Verdacht geraet man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein
     normales Volk, eine gewoehnliche Gesellschaft?

     In der Diskussion um das Holocaustdenkmal in Berlin kann die
     Nachwelt einmal nachlesen, was Leute anrichteten, die sich fuer
     das Gewissen von anderen verantwortlich fuehlten. Die Betonierung
     des Zentrums der Hauptstadt mit einem fuszballfeldgroszen
     Alptraum. Die Monumentalisierung der Schande. Der Historiker
     Heinrich August Winkler nennt das "negativen Nationalismus". Dasz
     der, auch wenn er sich tausendmal besser vorkommt, kein biszchen
     besser ist als sein Gegenteil, wage ich zu vermuten,
     wahrscheinlich gibt es auch eine Banalitaet des Guten. (...)"

              (Martin Walser in seiner Rede am 11.10 zur Verleihung des
              Friedenspreises des deutschen Buchhandels, zit. nach "Der
                                                      Standard", 12.10)


---
Elfriede Jelinek hat Walsers Aeuszerungen scharf kritisiert.
Ebenfalls im "Standard" wird sie zitiert mit: "Leute, die sich
engagieren, werden heruntergemacht, und das Unpolitische wird
gelobt. Da krieg' ich schon einen Hasz." Ja, im Hassen ist sie
gut, die Jelinek, und dafuer gebuehrt ihr auch Verehrung. Ohne
Hasz und Wut werden viele Dinge nicht ausgesprochen, die
ausgesprochen werden muessen. Aber es gibt einen Punkt, an dem der
Hasz der nuechternen Betrachtung weichen musz. Jelinek hat an
einer anderen Stelle einmal gesagt: "Die Geschichte hat sich nach
1945 entschlossen, noch einmal ganz von vorne zu beginnen. Zu
demselben Entschlusz hat sich auch die Unschuld durchgerungen."
(zit. nach NZZ) Genau das ist der Grund, warum diese Moralwellen
eingesetzt haben -- der Glaube, mit massiven Bekenntnissen jetzt
etwas gutmachen zu koennen, nachdem solange geschwiegen worden
war. Walser aber geht es m.E. gar nicht darum, zu entpolitisieren
oder die Geschichte vergessen zu machen. Was ihm zu schaffen
macht, ist der Einsatz des Grauens als apodiktische Mahnerin.
Apodiktik aber reizt immer zur Widersetzlichkeit -- und das macht
die Sache kontraproduktiv.

1986 war ich 18, als die ganze Waldheimgeschichte hochgekocht
wurde. Da brachen Wunden auf. Ploetzlich war es ein Thema, was
lange Zeit kein Thema sein durfte: Die Nazis waren unter uns,
waren nicht nur Deutsche, waren verdammt viele Oesterreicher,
wurden nach dem Krieg nicht zur Verantwortung gezogen, wurden
nicht aus ihren hohen Aemtern entlassen usw. usf.

Waldheims "Ich habe nur meine Pflicht erfuellt" war der Ausdruck
der allgemeinen Staatsluege und die 2.Republik lag in den
Fiebertraeumen ihrer praenatalen Traumatisierung. Es war
wohltuend, zu sehen, dasz da endlich auch auszerhalb der
Intellektuellenzirkeln ueber dieses Thema geredet wurde.

Heute bin ich 30. Seit ich erwachsen bin, habe ich betroffen zu
sein. Es war einfach zuviel. Seit so vielen Jahren immer wieder
die KZ- und Kristallnachtgreuel und das grosze "Wie-konnte-das-
nur-geschehen?"-Gezeter. Und da musz ich einfach einem
Intellektuellen wie Martin Walser, Jahrgang 1927, danken, der
aehnliche Empfindungen zu haben scheint wie ich, der ich das fuer
ein Generationenproblem gehalten hatte.

*

Mein Unbehagen mit der Form der Debatte gruendet sich vor allem
darauf, dasz der populaere Umgang mit dem Grauen ein zutiefst
idealistischer ist. Von materialistischem oder auch nur reflexiv-
vernetzten Denken keine Spur. Waehrend Goldhagen sowas wie ein
deutsches Antisemitismusgen entdeckt zu haben glaubte, hat man in
Deutschland und hierzulande immer die These vertreten: Entweder du
warst ein Guter oder du warst ein Boeser. Es hat sich zwar im
Laufe der Zeit einiges geaendert, wen man als Guten und wen man
als Boesen ansah -- vor allem, seit viele Schreibtischtaeter von
damals tot oder zumindest in Pension sind --, aber das Prinzip ist
das gleiche geblieben. Genausowenig wie die Deutschen als Ganzes
ein boeses Volk waren oder sind, genausowenig ist der Einzelne nur
boese oder nur gut. Das weisz zwar jedes kleine Kind, aber vor der
Geschichte wird diese zutiefst menschliche Tatsache gerne unter
den Tisch fallen gelassen.

Es ist die Frage zu stellen, ob es nicht besser waere, Ursachen
wirklich verstehen zu wollen, anstatt pauschal zu verurteilen. Es
ist naemlich sehr viel bequemer, zu verurteilen -- vor allem dann,
wenn man selbst nicht weisz, wie man in einem autoritaeren Regime
sich verhalten wuerde. Man verdraengt lieber die Tatsache, dasz es
nunmal in Zeiten des Wohlergehens meist einfacher ist, anstaendig
zu bleiben, als in den Zeiten der politischen Cholera.  Doch wer
Verstaendnis fuer ein Verbrechen hat, laeuft halt immer Gefahr,
sich dem Verdacht auszusetzen, auch Sympathie dafuer zu haben.

Alles verstehen heiszt naemlich nicht automatisch
alles verzeihen. Es geht nicht darum, dasz Schuld nicht mehr
Schuld waere. Der Einzelne hat, ueber das, was er tut, immer
Rechenschaft abzulegen. Aber Rechenschaft legt man immer vor einem
Richter ab. Als oeffentliche Meinung sind wir -- ob wir wollen
oder nicht -- alle Richter. Und schlechte Richter sind wir, wenn
wir sagen: "Diese Tat ist nicht zu verstehen, der Beschuldigte ist
einfach moralisch verderbt." Daraus wird niemand lernen.

Wer die Handlungsweise eines Menschen beurteilen will, musz die
ganze Geschichte kennen -- oder zumindest versuchen, dieser
Geschichte auf die Spur zu kommen. Aber solange man sich in dieser
Republik weigert, sich ernsthaft mit der Geschichte des
20.Jahrhunderts auseinanderzusetzen, so lange wird
"Zeitgeschichte" etwas sein, das sich auf die Zeit von 1938 bis
1945 beschraenkt. Alles andere tut naemlich wirklich weh. Denn die
Geschichte des 20.Jahrhunderts wurde in Oesterreich etwa wie folgt
geschrieben:

"1) Bis 1914: Es wahr sehr schoen, es hat mich sehr gefreut.
 2) 1914-1918: Krieg wegen der boesen Serben.
 3) 1918-1938: Republik, in der sich Sozialdemokratie und
    Christlichsoziale vollkommen ohne Grund bekriegten, obwohl sie
    doch alle Oesterreicher waren.
 4) 1938: Es kamen die boesen Nazis und zerstoerten unsere
    bluehende Demokratie.
 5) 1945: Es kamen die boesen Besatzer und vertrieben die boesen
    Nazis, waren aber nicht viel besser.
 6) 1950: Die moskauhoerigen Kommunisten wollten die Republik
    zerstoeren, aber das demokratische Oesterreich hat das verhindert.
 7) 1955: Staatsvertrag. Seither: Friede, Freude,
    Sozialpartnerschaft."

Zugegeben, heute steht im Bewusztsein des ueberwiegenden Teils der
Bevoelkerung unter Punkt 4 folgendes: "1938: Es kamen mit
Unterstuetzung vieler Oesterreicher die boesen Nazis und
zerstoerten unsere bluehende Demokratie." Da hat sich also was
geaendert. Aber viel ist das nicht.

Solange aber diese Geschichtsvorstellungen herrschen, kann man
sicher sein, dasz der beruehmte kleine Mann von der Strasze
bestimmt kein differenziertes Bild dieses Landes und dieses
Jahrhunderts bekommt. Und das ist fuer den Machterhalt sehr
wichtig. Und deswegen machen wir lieber -- nachdem Jahrzehnte lang
geschwiegen wurde, weil da einfach noch zu viele Belastete an den
Hebeln gesessen waren -- auf mahnenden Antifaschismus, bis der
letzte unzufriedene Jugendliche auf die Idee kommen kann, dasz das
vielleicht doch eine tolle Zeit war. Denn wenn eine heuchlerische
Gesellschaft, die sich einen Scheiszdreck um so etwas wie
Volksbildung schert, den mahnenden Zeigefinger erhebt, dann
begreifen viele dies -- ja, eben, als Fingerzeig: "Das sind unsere
schlimmsten Feinde! Die machen unsere schoene Demokratie kaputt!"
Wenn junge Menschen aber nicht mit diesem politischen System
zufrieden sind, dann wissen sie dank dieser gelungenen Art der
Aufklaerung, wohin sie zu gehen haben. Wenn dann die VAPO
marschiert, dann haben jene, die ja doch immer davor gewarnt
haben, endlich eine Rechtfertigung fuer ihre selbstgefaellige Art.

*

Mit Schuld umzugehen, ist eine Sache der Betroffenheit: Wer Taeter
war, will nicht darueber reden. Wer Opfer war, oft genug auch
nicht. Wer von frueheren Taetern abhaengig ist, hat auch kein
Interesse daran. Also werden diese Fragen ignoriert, ein paar
Unuebersehbare werden bestraft -- als Ausdruck dafuer, dasz man
einen Schluszstrich gezogen hat. Doch dringt dann die Wahrheit
durch, weil die Taeter ihre Macht verloren haben -- dann wird im
groszen Maszstab verurteilt. Es zu verstehen, das versucht man
erst, wenn aber auch alle damals Beteiligten tot sind. Nur dann
liegt schon verdammt viel Schutt darueber. Dann man kann
vielleicht in Ruhe darueber reden -- aber eben mit niemanden mehr,
der das alles erlebt hat.

Ich glaube nicht, dasz dieses Dilemma der Zeitgeschichte so
akzeptiert werden musz. Zumindest sollten die Opinionleader in
diesem Land endlich die Angst ablegen, fuer Komplizen zu gelten,
wenn sie verstehen wollen, was passiert ist. Es gilt nach Gruenden
zu suchen. Denn Ekelgefuehle zu erzeugen ist nunmal weder
Geschichtswissenschaft noch politische Aufklaerung.

Sehr wohl ist das Gefuehl der persoenlichen Betroffenheit
gerechtfertigt -- nicht nur, was die Nazis angeht, sondern
gegenueber allem, was beschissen ist auf dieser Welt. Die
Legitimitaet der Empoerung -- egal ob aus eigenem Erleben oder aus
solidarischem Empfinden --, hilft uns aber nicht weiter, wenn wir
wissen wollen, warum das eigentlich alles passiert ist. Denn die
stehende Wendung heiszt: "Aus der Geschichte lernen." Aus der
Empoerung lernt man nichts.

Was wir als antifaschistische Linke beispielsweise klarmachen
wollen, ist, dasz der Auslaenderhasz dem Judenhasz nicht ganz
unverwandt ist. Wenn wir aber nicht versuchen, die Mechanismen der
Schuldzuschreibung und der Schaffung eines Aussenfeindes zum
Zwecke des Machterhalts oder der Machterringung aufzudecken,
werden wir auf taube Ohren stoszen. Sicher, in manchen
intelligenter geschriebenen Flugblaetter autonomer Demos kann man
sowas nachlesen -- aber wer liest das schon? Die anerkannten
linksliberalen, sozialdemokratischen und ehrlichen buergerlichen
und kirchlichen antifaschistischen Institutionen jedoch ueben
Betroffenheit. Da kann man jetzt lamentieren, was das Zeug haelt,
ueber "Reformismus" und "Lampenputzer", aber die Linke macht es
ihnen auch leicht. Verlangt wird Bekenntnis zum Antifaschismus,
nicht politische Aufklaerung. Das macht es ihnen leichter. Die
antifaschistische Linke hat ihre Meriten, ja, Komplizenschaft mit
den Nazis wird kaum mehr goutiert. Hoehere Parteifunktionaere --
wenn sich nicht gerade der FPOe angehoeren --, riskieren beim
Anstreifen an nationalsozialistisches Gedankengut ihren
politischen Kopf. Aber jetzt musz der naechste Schritt folgen: Die
Frage nach dem "Warum?".

Eine Moeglichkeit zur Analyse anzusetzen, waere zum Beispiel auch
die Frage zu stellen, wieso es so wenig Widerstand gegen die Nazis
gab. Und eine von vielen Antworten waere, dasz der
Klerikalfaschismus bereits die sozialdemokratische und
kommunistische Opposition weitgehend vernichtet hatte -- die ja
der erste Anlaufposten fuer die Gedemuetigten und oekonomisch
Marginalisierten in diesem Land gewesen waere. Und dasz das
Schuschniggregime in seinen letzten Zuegen massiv versucht hatte,
den Nationalsozialismus zu kopieren. Wenn sich heute VP und SP von
Haider vor sich hertreiben lassen, ist das ein sehr aehnlicher
Mechanismus -- aber wer, der eine Stimme in der oeffentlichen
Diskussion hat, traut sich das auch nur anzudeuten?

Eine andere moeglicherweise recht hilfreiche Geschichte sind die
jetzigen Forderungen der ehemaligen Zwangsarbeiter und enteigneten
Fluechtlinge. Denn die Sache ist viel unangenehmer, als die
Zeitgeschichtehysteriker gerne haetten. Denn hier kann nur mehr
sehr schwer die Rede von "nicht erklaerbarem Wahnsinn" und
aehnlichem die Rede sein. Denn waehrend beim ganz normalen
Holocaust man nur die fuer den Machterhalt aeuszerst wirksame
Suendenbockfunktion ignorieren muszte, sind hier massive
oekonomische Gruende dingfest zu machen. Da duerfte es eigentlich
nicht mehr viel brauchen, das "Unverstaendliche" ploetzlich sehr
verstaendlich zu machen.

Dennoch ist es einfacher, sich dieser Analysen zu entheben, denn
damit befindet man sich im Chor eines behaglich staatstragenden
Verantwortungsgefuehls. Wie Macht und damit Faschismus
funktioniert, laeszt sich aber wohl nicht damit erklaeren, dasz
das alles unerklaerbar ist oder vielleicht im Irrationalen des
Menschseins liegt. Oder hoert man so haeufig von den Akteuren der
etablierten Oeffentlichkeit beispielsweise eine Kritik an der
Verstrickung von Kapital und rechtsgerichteten Politikern?

*

Antifaschismus ist eine Sache der politischen Opportunitaet: Als
Kreisky mit Friedrich Peter und anderen Nazi-Belasteten aus der
FPOe zum Zwecke der Regierungsmehrheit paktierte und ihm das von
der OeVP vorgehalten wurde, hatte dieser keine Probleme damit, der
Nachfolgepartei der Christlichsozialen ihre eigene Vergangenheit
in aller Ausfuehrlichkeit auf die Nase zu binden. Heute werden
alte und neue Nazis regierungsseitig zumindest per
Lippenbekenntnis geaechtet, vom Buergerkrieg in diesem Land
hingegen wird militant geschwiegen.

Es ist fuer all die etablierten Institutionen nichts zu gewinnen,
wenn sie von sich aus beginnen, politische Aufklaerung betreiben
zu wollen. Von selbst werden auch weder die Wirtschaftspartei LiF
noch die Betroffenheitspartei GA zu entsprechenden Aussagen
hinzureissen sein. Von Kirche, Gewerkschaft oder anerkannten
Menschenrechtsvereinen gar nicht zu reden. Da mueszte die Linke
Druck machen. Es ist sicher ein wichtiger Schritt, beispielsweise
hohe Politiker zum Ehrenschutz der Wehrmachtsausstellung zu
gewinnen, aber wenn man sie damit entlaeszt, dann hat man nichts
gewonnen.

*

Es geht nicht darum, Schluszstriche zu ziehen, Geschichte ist ein
dynamischer Prozesz. Sie hat keinen definitiven Anfang und sie
endet gestern. So musz man sie auch behandeln. Wer mit der Analyse
einer Epoche beginnt, wenn das fuer das jeweils aktuelle
politische Geschehen ungefaehrlich geworden ist, wird damit kaum
mehr erreichen als ein Arzt, der bei der Obduktion draufkommt,
dasz der Patient doch noch zu heilen gewesen waere.   *Bernhard Redl*


*************************************************************************
'akin - aktuelle informationen'
a-1010 wien, wipplingerstra�e 23/20
kontakt: bernhard redl
vox: ++43 (0222) 535-62-00
fax: ++43 (0222) 535-38-56
redaktion.akin@signale.comlink.apc.org
http://akin.mediaweb.at
pgp-key auf anfrage
Re: Zeitgeschichte/Prinzipielles: Dank an Martin Walser
#8
Author: Michael M. Resch
Date: Tue, 20 Oct 1998 00:00
136 lines
6222 bytes
Redaktion Akin <REDAKTION.AKIN@SIGNALE.comlink.apc.org> schrieb im 
> 1986 war ich 18, als die ganze Waldheimgeschichte hochgekocht
> wurde. 

1986 war ich 22 und konnte miterleben wie der ganz normale
antisemitismus in wirtsstuben und intellektuellencirclen wieder
aufbrach. ich war nicht gluecklich darueber dass endlich auch ausserhalb
der sogenannten intellektuellenzirkeln der antisemitismus wieder
en vogue war.

> Heute bin ich 30. Seit ich erwachsen bin, habe ich betroffen zu
> sein.

heute bin ich 34 und mich hat noch nie jemand gebeten betroffen zu sein.
ich war es manchmal allerdings wenn ich verschiedenes lass oder
sah.

> da musz ich einfach einem
> Intellektuellen wie Martin Walser, Jahrgang 1927, danken, der
> aehnliche Empfindungen zu haben scheint wie ich, der ich das fuer
> ein Generationenproblem gehalten hatte.

der versuch sich der geschichte zu entziehen ist kein
generationenspezifisches
merkmal. und dass walser es tut und du es auch gern tust sagt nichts
darueber aus ob es eine sinnvolle reaktion ist.


> Es ist die Frage zu stellen, ob es nicht besser waere, Ursachen
> wirklich verstehen zu wollen, anstatt pauschal zu verurteilen.

ohne zu verurteilen wirst du aber nie an den punkt kommen wo du dich
nach den ursachen fragst. ohne die heraushebung der BEurteilung
verschwindet
geschichte doch aus dem gedaechtnis der menschen. und die pauschale
verurteilung einer politik die die nsdap betrieben hat scheint mir
notwendig weil diese politik als totale (insofern pauschale) betrieben
wurde.

> Es
> ist naemlich sehr viel bequemer, zu verurteilen -- vor allem dann,
> wenn man selbst nicht weisz, wie man in einem autoritaeren Regime
> sich verhalten wuerde.

es ist sehr viel schwieriger weil man sich staendig fragen muss ob man
denn auch selber diesem anspruch genuegen wuerde. deine implizite
behauptung wonach die verurteiler sich diese frage nicht stellen wuerden
entbehrt jeder grundlage.

> Man verdraengt lieber die Tatsache

wer ist man? doch offenbar du. sonst wuerdest du es nicht auch anderen
unterstellen.

> Wer die Handlungsweise eines Menschen beurteilen will, musz die
> ganze Geschichte kennen

nein. ob ein mord ein mord ist lehrt uns nicht die geschichte sondern
der blick auf die tat. auch noch so viel studium der geschichte wird uns
nur in extremen ausnahmefaellen dazu fuehren den mord als notwehr
zu bezeichnen. und die geschichtsforschung des 20ten jahrhunderts
ist weit genug um notwehr in einer ganzen reihe von faellen
(etwa xx millionen) auszuschliessen.

> Aber solange man sich in dieser
> Republik weigert, sich ernsthaft mit der Geschichte des
> 20.Jahrhunderts auseinanderzusetzen

nur beschaeftigen sich die vertreter beider denkschulen mit der geschichte.
die einen kommen zu anderen schluessen als du. solange man der anderen
seite einfach die kenntnis abspricht weil sie anders schliesst ist
ein dialog ein wenig schwierig.

> Solange aber diese Geschichtsvorstellungen herrschen

usw usf. wer heute noch vor dem nationalsozialismus warnt ....
schluss um ein paar ecken .... treibt die jugend in die arme der
neuen extremen rechten. so einfach geht es aber nicht.

> Aber jetzt musz der naechste Schritt folgen: Die
> Frage nach dem "Warum?".

der schritt kann nicht mehr folgen wenn die verurteilung als solche
aufgehoben werden soll. welche rechtfertigung haette er denn noch?
wozu sollte nach dem warum einer sache gefragt werden mit der
du dich nicht belastet sehen willst? intellektuelles interesse
an der sache? wenn du nicht faehig bist zu beurteilen oder nicht willens
zu verurteilen wuerde eine analyse nur den sinn machen dass du
dein verhalten auf die konsequenzen der analyse abstimmen kannst.
wenn aber ohne eine vorstellung von falsch und richtig analysiert wird
wird als ergebnis auch kein falsch oder richtig herauskommen. auch fuer
die gegenwart nicht.

> aber wer, der eine Stimme in der oeffentlichen
> Diskussion hat, traut sich das auch nur anzudeuten?

wer wuerde es wagen das auch durchzudiskutieren ohne seinen
gegnern unwissenheit ueber geschichte oder das beduerfnis nach machterhalt
vorzuwerfen? solange das aber keiner wagt weil der vorwurf der ignoranz
noch
allemal in der debatte weiter hilft als der versuch ein argument zu bringen
ist solche forderung fuer die katz.

> oekonomische Gruende dingfest zu machen. Da duerfte es eigentlich
> nicht mehr viel brauchen, das "Unverstaendliche" ploetzlich sehr
> verstaendlich zu machen.

nun. das wurde zum beispiel ausfuehrlich diskutiert. und der schluss der
wissenschaftlichen forschung ist dass sich eben die nsdap nicht eindeutig
aus 
den oekonomischen gruenden erklaeren laesst.

> Dennoch ist es einfacher, sich dieser Analysen zu entheben, denn
> damit befindet man sich im Chor eines behaglich staatstragenden
> Verantwortungsgefuehls.

oder im chor eines behaglichen "ich weiss es besser weil ich gegen 
das system bin" gefuehls.

> Oder hoert man so haeufig von den Akteuren der
> etablierten Oeffentlichkeit beispielsweise eine Kritik an der
> Verstrickung von Kapital und rechtsgerichteten Politikern?

mitunter ja. sonst haettest du es ja nicht lesen koennen, oder?
oder hast du geheime schriften zu dem thema einschmuggeln muessen?

> Antifaschismus ist eine Sache der politischen Opportunitaet

zweifellos ist das moeglich.

> vom Buergerkrieg in diesem Land
> hingegen wird militant geschwiegen.

oder heftig in den news diskutiert.

mchael (MiR)
Thread Navigation

This is a paginated view of messages in the thread with full content displayed inline.

Messages are displayed in chronological order, with the original post highlighted in green.

Use pagination controls to navigate through all messages in large threads.

Back to All Threads