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Started by Guido Gabriel
Thu, 01 May 1997 00:00
ai/FAQ: Kogruppen
Author: Guido Gabriel
Date: Thu, 01 May 1997 00:00
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------------------------------------------------------------------ amnesty international AI-JOURNAL ------------------------------------------------------------------ L�nder-Koordinationsgruppen bei amnesty ======================================= Ein Blick hinter die Kulissen L�nderarbeit bei amnesty international: Wer sich darunter wagemutige Under- Cover-Recherchen in Gef�ngnissen menschenrechtsverletzender Staaten vorstellt, der d�rfte entt�uscht werden. Die Arbeit der ehrenamtlichen L�nderspezialisten bei amnesty international ist meist wenig spektakul�r, macht aber einen wesentlichen Teil der Wirkung von ai aus. Das ai-Journal wirft einen Blick hinter die Kulissen. Im Bonner Sekretariat von amnesty international klingelt das Telefon. "K�nnen Sie mich bitte mit Ihrer Nahost-Abteilung verbinden? Wir m�chten gerne ein Radio-Interview zu dem neuen Bericht �ber Menschenrechtsverletzungen an Frauen im Nahen Osten f�hren." Gunnar K�hne, Pressesprecher in der Bonner Zentrale, kennt solche Anfragen gut. Die Bundesgesch�ftsstelle mit etwa 40 Besch�ftigten hat allerdings keine eigenen Regionalabteilungen. Sie ist einfach zu klein und mit zu vielen anderen Aufgaben befa�t, um jederzeit und detailliert �ber den aktuellen Stand der Menschenrechtslage in allen L�ndern der Welt Bescheid zu wissen. Wie jede andere Nichtregierungsorganisation verf�gt auch amnesty international �ber begrenze Ressourcen. In der Organisation amnesty international ist zudem die Zentrale eher eine Servicestelle f�r die etwa 15 000 ehrenamtlichen Mitglieder. So ist es selbstverst�ndlich, da� auch die inhaltliche Arbeit zu den L�ndern weitestgehend von engagierten Mitgliedern in sogenannten L�nder-Koordinationsgruppen (Kogruppen) geleistet wird. Die eigentlichen Ermittlungen jedoch werden vom Londoner Internationalen Sekretariat geleistet. Eigens geschulte L�nderexperten recherchieren Menschenrechtsverletzungen in den Staaten, f�r die sie zust�ndig sind und verfassen die amnesty-Dokumentationen. In der deutschen Sektion gibt es daneben 64 ehrenamtlich arbeitende Kogruppen, die mit den zust�ndigen Abteilungen in London zusammenarbeiten und fast alle L�nder der Welt abdecken. Hunderte ai-Mitglieder, die sich im Laufe der Jahre genaue Kenntnisse zu "ihrem" Land oder L�ndern angeeignet haben, arbeiten in den Kogruppen zwischen Flensburg und dem Bodensee. So verbindet der Pressesprecher die Radio-Redakteurin nicht mit der "Nahost-Abteilung", sondern vermittelt einen Kontakt zur Algerien-Kogruppe in Berlin. Dort hat ein Spezialist, der die Lage im Nahen Osten seit Jahren verfolgt, einige Tage zuvor den englischen Bericht aus London bekommen und erkl�rt sich zu dem gew�nschten dreimin�tigen Telefon- Interview bereit. Vor einem solchen Termin h�lt der Interviewte in der Regel telefonisch R�cksprache mit den zust�ndigen Ermittlern in London, um Unklarheiten zu beseitigen und aktuelle Entwicklungen zu erfragen. Die ehrenamtlich arbeitenden L�nder-Koordinationsgruppen der deutschen Sektion erf�llen wichtige Aufgaben im Bereich der Informationsauswertung und der �ffentlichkeitsarbeit, bei der Unterst�tzung lokaler ai-Gruppen, bei der Vorbereitung und Veranstaltung von Kampagnen oder bei der Lobbyarbeit gegen�ber Regierung und Parlament. Als Fachleute f�r bestimmte L�nder spielen die Kogruppen innerhalb der Gesamtstruktur von ai eine bedeutende Mittlerrolle zwischen dem Internationalen Sekretariat in London und den amnesty-Gruppen. In der �ffentlichkeit ist ihre T�tigkeit jedoch weitgehend unbekannt. Auch ai-Mitglieder kennen ihre Arbeit oft nicht im Detail. Denn das Tagesgesch�ft der Kogruppen ist meist wenig spektakul�r: Es besteht im Sammeln und Aufarbeiten von Hintergrundinformationen zum jeweiligen Land, im �bersetzen von ai-Papieren aus London oder in Kontakten zu f�r ihr Land wichtigen Personen und Institutionen. Doch gerade diese Arbeit im Hintergrund macht einen wesentlichen Teil der Wirkung von ai aus. So trifft sich beispielsweise die China-Kogruppe in Berlin einmal pro Woche. Die sieben Mitglieder der Gruppe - im Privatberuf Studentin, Programmierer, Wissenschaftler oder �rztin - haben sich die Arbeit aufgeteilt: Ein oder zwei Mitglieder treten gelegentlich in der �ffentlichkeit auf, w�hrend die Mehrheit der Gruppe hinter den Kulissen arbeitet. Zu den Auftritten in der �ffentlichkeit z�hlen Radio-Interviews, die anl��lich von Besuchen chinesischer Politiker oder der Ver�ffentlichung von ai-Berichten zu China gegeben werden, oder auch mal ein Vortrag vor einem Bundestagsausschu�. So sprach zum Beispiel Dirk Pleiter, langj�hriges Mitglied der Kogruppe, anl��lich einer Tibet- Anh�rung vor dem Deutschen Bundestag. Andere Mitglieder wollen sich solch aufregenden Ereignissen jedoch (noch) nicht stellen: Sie f�hren stattdessen das umfangreiche Archiv der Gruppe, das inzwischen Dutzende Ordner umfa�t. Auf dieses Archiv greift die Gruppe zum Beispiel beim Schreiben von Gutachten f�r Verwaltungsgerichte in Asylangelegenheiten zur�ck. Die Zusammenarbeit mit den lokalen ai-Gruppen, die ein "Action file" zu China bearbeiten - etwa einen politischen Gefangenen, den sie �ber einen l�ngeren Zeitraum hinweg betreuen oder ein anderes Menschenrechtsanliegen - ist eine der Hauptaufgaben der Kogruppen. Als "Experten" stehen sie den zu ihren L�ndern arbeitenden ai-Gruppen beratend und unterst�tzend zur Seite - zum Beispiel durch einen Rundbrief, den fast alle Kogruppen zusammenstellen. Die China-Kogruppe versorgt nicht nur die 35 amnesty-Gruppen, die in Deutschland zu chinesischen F�llen arbeiten, mit Materialien. Auch 200 andere Personen, von Journalisten �ber ai-F�rderer bis zu Universit�tsprofessoren, werden mit Informationen zu bestimmten Aspekten der China-Arbeit versorgt. Gelegentlich werden dar�ber hinaus auch Seminare zur Menschenrechtslage in China organisiert. Hervorgegangen ist die Gruppe Ende der siebziger Jahre aus der ehemaligen Rhodesien-Gruppe, die sich nach der Unabh�ngigkeit Simbabwes nicht mehr ausgelastet f�hlte. Einige Mitglieder sind seit dieser Zeit dabei. Zugleich werden regelm��ig neue Mitglieder eingearbeitet. Um sich mit der Lage in China vertraut zu machen, �bernehmen die Neueinsteiger, die zum Teil schon lange bei amnesty sind, auf den w�chentlichen Treffen die "aktuelle Minute". Dabei fassen sie f�r die anderen Mitglieder anhand von Zeitungsartikeln die wichtigsten Ereignisse in China zusammen und werden dadurch aktiv in die Arbeit der Gruppe einbezogen. Noch etwas �lter als die China-Kogruppe ist die bereits Anfang der siebziger Jahre gegr�ndete Gruppe zu Malawi. Sie entstand aus einer Pinneberger ai-Gruppe, die damals einen Gefangenen aus Malawi betreute - einem Land, das die Gruppenmitglieder erst einmal gemeinsam auf der Karte im S�den Afrikas suchen mu�ten. Die engagierten Mitglieder trafen sich einmal mit dem f�r Malawi zust�ndigen Ermittler aus dem Internationalen Sekretariat. Dieser schlug ihnen vor, eine Kogruppe zu gr�nden. So wurde die weltweit erste Malawi-Kogruppe aus der Taufe gehoben. Unter den vielen Menschen, die in den folgenden Jahren f�r die Menschenrechtsarbeit zu Malawi motiviert werden konnten, geh�rten auch der deutsche Botschafter in Malawi und Lokalpolitiker aus Hannover, der Partnerstadt der malawischen Industriestadt Blantyre. Die Hartn�ckigkeit von amnesty zahlte sich aus: Seit dem Sturz des mit diktatorischen Mitteln regierenden Pr�sidenten Kamuzu Banda scheint die lange Leidensgeschichte der Malawier endlich ein Ende gefunden zu haben. Die Arbeit von ai ist damit jedoch nicht beendet. Allerdings �ndert sich die Form der Arbeit: Die Kogruppe unterst�tzt jetzt Menschenrechtsaktivisten dabei, Programme zu entwickeln, die die Malawier mit den Menschenrechten besser vertraut machen sollen. Die Arbeitsschwerpunkte von Kogruppen m�ssen sich der Lage in dem jeweiligen Land anpassen. Es gibt L�nder, in denen ai das gesamte Spektrum des Mandates abdecken mu�: von Folter �ber Willk�rhaft bis hin zu Todesstrafe, "Verschwindenlassen" und politischem Mord. Die Arbeit zu anderen Staaten erfordert dagegen auch eine inhaltliche Spezialisierung. So dominiert das Thema der inhaftierten Kriegsdienstverweigerer die Arbeit zu Griechenland und die Todesstrafe pr�gt die Arbeit der USA-Kogruppe - ein Kampf, der manchmal hoffnungslos anmutet: In immer mehr US- Bundesstaaten wird die Todesstrafe eingef�hrt, und die Zahl der Hinrichtungen steigt. Die USA-Kogruppen verschiedener ai-Sektionen haben sich ihre Arbeit aufgeteilt. Die deutsche USA-Kogruppe konzentriert sich in ihrer Arbeit auf die Gefangenen in Texas und Missouri. Wie auch die Mitglieder der Malawi-Kogruppe sind jene der USA-Kogruppe �ber drei St�dte verteilt - ein Umstand, der erfolgreicher Kogruppenarbeit offenbar nicht entgegenstehen mu�. Die Arbeit der Kogruppen unterscheidet sich auch je nachdem, ob ihr Land offen zug�nglich oder "geschlossen" ist. Die Mitglieder der Guatemala- oder der Brasilien-Kogruppe reisen beispielsweise oft in "ihr" Land und haben dort - in Absprache mit der Londoner ai-Zentrale - enge Kontakte gekn�pft. Andere L�nder, wie beispielsweise Saudi-Arabien, sind f�r ai nicht zug�nglich, und die zu diesen L�ndern arbeitenden Kogruppenmitglieder sind nie dort gewesen. Auch wenn Kogruppenarbeit zu weiten Teilen hervorragend funktioniert, gibt es Defizite, die bei ehrenamtlicher Arbeit kaum zu vermeiden sind. Kogruppenmitglieder sind nicht 24 Stunden mit den Menschenrechten besch�ftigt, sondern haben "nebenbei" noch ihre Arbeit oder ein Studium zu bew�ltigen. Manche arbeiten schon seit �ber zehn Jahren zu einem Land und haben ein bemerkenswertes Fachwissen angesammelt, m�ssen aber pl�tzlich wegen beruflicher Belastungen oder aus privaten Gr�nden k�rzer treten. Mancher zieht sich auch v�llig aus der Kogruppenarbeit zur�ck. Es kommt vor, da� sich Kogruppen ganz aufl�sen, so da� ein Land f�r einige Zeit "verwaist". Dann m�ssen die anderen Ebenen der L�nderarbeit bei amnesty international einspringen: Doch auch bei der ehrenamtlichen Vorstandsreferentin f�r L�nderarbeit, beim f�nfk�pfigen L�nderreferat in der Bonner Zentrale (zwei von ihnen arbeiten ausschlie�lich f�r die Eilaktionen) und dem sogenannten L�nderteam sind die Kapazit�ten begrenzt. Das "L�nderteam" setzt sich aus f�nf ehrenamtlichen Beauftragten zusammen, die jeweils f�r einen Kontinenten verantwortlich sind. Sie sind eine Art Bindeglied zwischen Bonner Sekretariat, Vorstand, Kogruppen und internationaler Ebene. Au�erdem sind sie Ansprechpartner f�r Themen, die l�nder�bergreifend in ihren Kontinenten anfallen. Kommt aus irgendwelchen Gr�nden die Kogruppenarbeit zu einem bestimmten Land zum Erliegen, versucht der zust�ndige Regionalbeauftragte meist diese L�cke zu schlie�en, bis eine neue Gruppe gefunden ist. Damit es nicht so weit kommt, sollte eine Kogruppe aus mehreren aktiven Mitgliedern bestehen, um eine kontinuierliche Arbeit zu sichern, auch wenn einzelne aussteigen oder ihre Arbeit einschr�nken. Nur vereinzelt gibt es deshalb in der deutschen ai-Sektion sogenannte Einzelkoordinatoren, die allein f�r die Arbeit zu einem - dann meist kleinen -Land zust�ndig sind. Neue Kogruppenmitglieder k�nnen entweder aus ai-Gruppen kommen oder "L�nderexperten" sein, die (noch) nicht Mitglied bei ai sind. Im Grunde steht die Arbeit in einer Kogruppe jedem offen, der ein Land gut kennt und mit seinem Wissen die Menschenrechtsarbeit von ai unterst�tzen m�chte. Manuel Schiffler Margit Jost Angela Dencker Vielf�ltig wie die ai-L�nderarbeit ist auch die Autorenschar dieses Artikels: Manuel Schiffler ist Nahostbeauftragter der deutschen ai- Sektion, Margit Jost Vorstandsreferentin f�r L�nderarbeit und Angela Dencker Referentin f�r L�nderarbeit im Bonner ai-B�ro. Wer sich f�r die Mitarbeit in Kogruppen bei amnesty international interessiert, wende sich an: amnesty international, L�nderreferat, 53108 Bonn, Tel.: (0228) 983 730. ------------------------------------------------------------------ Aus: ai-Journal Oktober 1995 (c) amnesty international 1995 Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international. amnesty international, Sektion der Bundesrepublik Deutschland e.V. Nationales Sekretariat, 53108 Bonn (Heerstrasse 178, 53111 Bonn) Telefon (02 28) 9 83 73-0, Telefax (02 28) 63 00 36 - Spendenkonto 80 90 100 bei allen Banken, Sparkassen sowie dem Postgiroamt Koeln ------------------------------------------------------------------ ai-de@amnesty.cl.sub.de
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