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1 total messages Started by Guido Gabriel Thu, 02 Jan 1997 00:00
ai/FAQ: Kogruppen
#32
Author: Guido Gabriel
Date: Thu, 02 Jan 1997 00:00
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amnesty international                                   AI-JOURNAL
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L�nder-Koordinationsgruppen bei amnesty
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Ein Blick hinter die Kulissen

L�nderarbeit bei amnesty international: Wer sich darunter wagemutige Under- 
Cover-Recherchen in Gef�ngnissen menschenrechtsverletzender Staaten  
vorstellt, der d�rfte entt�uscht werden. Die Arbeit der ehrenamtlichen  
L�nderspezialisten bei amnesty international ist meist wenig spektakul�r,  
macht aber einen wesentlichen Teil der Wirkung von ai aus. Das ai-Journal  
wirft einen Blick hinter die Kulissen.



Im Bonner Sekretariat von amnesty international klingelt das Telefon.  
"K�nnen Sie mich bitte mit Ihrer Nahost-Abteilung verbinden? Wir m�chten  
gerne ein Radio-Interview zu dem neuen Bericht �ber  
Menschenrechtsverletzungen an Frauen im Nahen Osten f�hren." Gunnar K�hne,  
Pressesprecher in der Bonner Zentrale, kennt solche Anfragen gut. Die  
Bundesgesch�ftsstelle mit etwa 40 Besch�ftigten hat allerdings keine  
eigenen Regionalabteilungen. Sie ist einfach zu klein und mit zu vielen  
anderen Aufgaben befa�t, um jederzeit und detailliert �ber den aktuellen  
Stand der Menschenrechtslage in allen L�ndern der Welt Bescheid zu wissen.  
Wie jede andere Nichtregierungsorganisation verf�gt auch amnesty  
international �ber begrenze Ressourcen. In der Organisation amnesty  
international ist zudem die Zentrale eher eine Servicestelle f�r die etwa  
15 000 ehrenamtlichen Mitglieder. So ist es selbstverst�ndlich, da� auch  
die inhaltliche Arbeit zu den L�ndern weitestgehend von engagierten  
Mitgliedern in sogenannten L�nder-Koordinationsgruppen (Kogruppen)  
geleistet wird.

Die eigentlichen Ermittlungen jedoch werden vom Londoner Internationalen  
Sekretariat geleistet. Eigens geschulte L�nderexperten recherchieren  
Menschenrechtsverletzungen in den Staaten, f�r die sie zust�ndig sind und  
verfassen die amnesty-Dokumentationen. In der deutschen Sektion gibt es  
daneben 64 ehrenamtlich arbeitende Kogruppen, die mit den zust�ndigen  
Abteilungen in London zusammenarbeiten und fast alle L�nder der Welt  
abdecken. Hunderte ai-Mitglieder, die sich im Laufe der Jahre genaue  
Kenntnisse zu "ihrem" Land oder L�ndern angeeignet haben, arbeiten in den  
Kogruppen zwischen Flensburg und dem Bodensee.

So verbindet der Pressesprecher die Radio-Redakteurin nicht mit der  
"Nahost-Abteilung", sondern vermittelt einen Kontakt zur Algerien-Kogruppe  
in Berlin. Dort hat ein Spezialist, der die Lage im Nahen Osten seit  
Jahren verfolgt, einige Tage zuvor den englischen Bericht aus London  
bekommen und erkl�rt sich zu dem gew�nschten dreimin�tigen Telefon- 
Interview bereit. Vor einem solchen Termin h�lt der Interviewte in der  
Regel telefonisch R�cksprache mit den zust�ndigen Ermittlern in London, um  
Unklarheiten zu beseitigen und aktuelle Entwicklungen zu erfragen.

Die ehrenamtlich arbeitenden L�nder-Koordinationsgruppen der deutschen  
Sektion erf�llen wichtige Aufgaben im Bereich der Informationsauswertung  
und der �ffentlichkeitsarbeit, bei der Unterst�tzung lokaler ai-Gruppen,  
bei der Vorbereitung und Veranstaltung von Kampagnen oder bei der  
Lobbyarbeit gegen�ber Regierung und Parlament. Als Fachleute f�r bestimmte  
L�nder spielen die Kogruppen innerhalb der Gesamtstruktur von ai eine  
bedeutende Mittlerrolle zwischen dem Internationalen Sekretariat in London  
und den amnesty-Gruppen. In der �ffentlichkeit ist ihre T�tigkeit jedoch  
weitgehend unbekannt. Auch ai-Mitglieder kennen ihre Arbeit oft nicht im  
Detail.

Denn das Tagesgesch�ft der Kogruppen ist meist wenig spektakul�r: Es  
besteht im Sammeln und Aufarbeiten von Hintergrundinformationen zum  
jeweiligen Land, im �bersetzen von ai-Papieren aus London oder in  
Kontakten zu f�r ihr Land wichtigen Personen und Institutionen. Doch  
gerade diese Arbeit im Hintergrund macht einen wesentlichen Teil der  
Wirkung von ai aus.

So trifft sich beispielsweise die China-Kogruppe in Berlin einmal pro  
Woche. Die sieben Mitglieder der Gruppe - im Privatberuf Studentin,  
Programmierer, Wissenschaftler oder �rztin - haben sich die Arbeit  
aufgeteilt: Ein oder zwei Mitglieder treten gelegentlich in der  
�ffentlichkeit auf, w�hrend die Mehrheit der Gruppe hinter den Kulissen  
arbeitet. Zu den Auftritten in der �ffentlichkeit z�hlen Radio-Interviews,  
die anl��lich von Besuchen chinesischer Politiker oder der  
Ver�ffentlichung von ai-Berichten zu China gegeben werden, oder auch mal  
ein Vortrag vor einem Bundestagsausschu�. So sprach zum Beispiel Dirk  
Pleiter, langj�hriges Mitglied der Kogruppe, anl��lich einer Tibet- 
Anh�rung vor dem Deutschen Bundestag. Andere Mitglieder wollen sich solch  
aufregenden Ereignissen jedoch (noch) nicht stellen: Sie f�hren  
stattdessen das umfangreiche Archiv der Gruppe, das inzwischen Dutzende  
Ordner umfa�t. Auf dieses Archiv greift die Gruppe zum Beispiel beim  
Schreiben von Gutachten f�r Verwaltungsgerichte in Asylangelegenheiten  
zur�ck. Die Zusammenarbeit mit den lokalen ai-Gruppen, die ein "Action  
file" zu China bearbeiten - etwa einen politischen Gefangenen, den sie  
�ber einen l�ngeren Zeitraum hinweg betreuen oder ein anderes  
Menschenrechtsanliegen - ist eine der Hauptaufgaben der Kogruppen. Als  
"Experten" stehen sie den zu ihren L�ndern arbeitenden ai-Gruppen beratend  
und unterst�tzend zur Seite - zum Beispiel durch einen Rundbrief, den fast  
alle Kogruppen zusammenstellen.

Die China-Kogruppe versorgt nicht nur die 35 amnesty-Gruppen, die in  
Deutschland zu chinesischen F�llen arbeiten, mit Materialien. Auch 200  
andere Personen, von Journalisten �ber ai-F�rderer bis zu  
Universit�tsprofessoren, werden mit Informationen zu bestimmten Aspekten  
der China-Arbeit versorgt. Gelegentlich werden dar�ber hinaus auch  
Seminare zur Menschenrechtslage in China organisiert.

Hervorgegangen ist die Gruppe Ende der siebziger Jahre aus der ehemaligen  
Rhodesien-Gruppe, die sich nach der Unabh�ngigkeit Simbabwes nicht mehr  
ausgelastet f�hlte. Einige Mitglieder sind seit dieser Zeit dabei.  
Zugleich werden regelm��ig neue Mitglieder eingearbeitet. Um sich mit der  
Lage in China vertraut zu machen, �bernehmen die Neueinsteiger, die zum  
Teil schon lange bei amnesty sind, auf den w�chentlichen Treffen die  
"aktuelle Minute". Dabei fassen sie f�r die anderen Mitglieder anhand von  
Zeitungsartikeln die wichtigsten Ereignisse in China zusammen und werden  
dadurch aktiv in die Arbeit der Gruppe einbezogen.

Noch etwas �lter als die China-Kogruppe ist die bereits Anfang der  
siebziger Jahre gegr�ndete Gruppe zu Malawi. Sie entstand aus einer  
Pinneberger ai-Gruppe, die damals einen Gefangenen aus Malawi betreute -  
einem Land, das die Gruppenmitglieder erst einmal gemeinsam auf der Karte  
im S�den Afrikas suchen mu�ten. Die engagierten Mitglieder trafen sich  
einmal mit dem f�r Malawi zust�ndigen Ermittler aus dem Internationalen  
Sekretariat. Dieser schlug ihnen vor, eine Kogruppe zu gr�nden. So wurde  
die weltweit erste Malawi-Kogruppe aus der Taufe gehoben. Unter den vielen  
Menschen, die in den folgenden Jahren f�r die Menschenrechtsarbeit zu  
Malawi motiviert werden konnten, geh�rten auch der deutsche Botschafter in  
Malawi und Lokalpolitiker aus Hannover, der Partnerstadt der malawischen  
Industriestadt Blantyre. Die Hartn�ckigkeit von amnesty zahlte sich aus:  
Seit dem Sturz des mit diktatorischen Mitteln regierenden Pr�sidenten  
Kamuzu Banda scheint die lange Leidensgeschichte der Malawier endlich ein  
Ende gefunden zu haben. Die Arbeit von ai ist damit jedoch nicht beendet.  
Allerdings �ndert sich die Form der Arbeit: Die Kogruppe unterst�tzt jetzt  
Menschenrechtsaktivisten dabei, Programme zu entwickeln, die die Malawier  
mit den Menschenrechten besser vertraut machen sollen.

Die Arbeitsschwerpunkte von Kogruppen m�ssen sich der Lage in dem  
jeweiligen Land anpassen. Es gibt L�nder, in denen ai das gesamte Spektrum  
des Mandates abdecken mu�: von Folter �ber Willk�rhaft bis hin zu  
Todesstrafe, "Verschwindenlassen" und politischem Mord. Die Arbeit zu  
anderen Staaten erfordert dagegen auch eine inhaltliche Spezialisierung.  
So dominiert das Thema der inhaftierten Kriegsdienstverweigerer die Arbeit  
zu Griechenland und die Todesstrafe pr�gt die Arbeit der USA-Kogruppe -  
ein Kampf, der manchmal hoffnungslos anmutet: In immer mehr US- 
Bundesstaaten wird die Todesstrafe eingef�hrt, und die Zahl der  
Hinrichtungen steigt. Die USA-Kogruppen verschiedener ai-Sektionen haben  
sich ihre Arbeit aufgeteilt. Die deutsche USA-Kogruppe konzentriert sich  
in ihrer Arbeit auf die Gefangenen in Texas und Missouri. Wie auch die  
Mitglieder der Malawi-Kogruppe sind jene der USA-Kogruppe �ber drei St�dte  
verteilt - ein Umstand, der erfolgreicher Kogruppenarbeit offenbar nicht  
entgegenstehen mu�.

Die Arbeit der Kogruppen unterscheidet sich auch je nachdem, ob ihr Land  
offen zug�nglich oder "geschlossen" ist. Die Mitglieder der Guatemala-  
oder der Brasilien-Kogruppe reisen beispielsweise oft in "ihr" Land und  
haben dort - in Absprache mit der Londoner ai-Zentrale - enge Kontakte  
gekn�pft. Andere L�nder, wie beispielsweise Saudi-Arabien, sind f�r ai  
nicht zug�nglich, und die zu diesen L�ndern arbeitenden  
Kogruppenmitglieder sind nie dort gewesen.

Auch wenn Kogruppenarbeit zu weiten Teilen hervorragend funktioniert, gibt  
es Defizite, die bei ehrenamtlicher Arbeit kaum zu vermeiden sind.  
Kogruppenmitglieder sind nicht 24 Stunden mit den Menschenrechten  
besch�ftigt, sondern haben "nebenbei" noch ihre Arbeit oder ein Studium zu  
bew�ltigen. Manche arbeiten schon seit �ber zehn Jahren zu einem Land und  
haben ein bemerkenswertes Fachwissen angesammelt, m�ssen aber pl�tzlich  
wegen beruflicher Belastungen oder aus privaten Gr�nden k�rzer treten.

Mancher zieht sich auch v�llig aus der Kogruppenarbeit zur�ck. Es kommt  
vor, da� sich Kogruppen ganz aufl�sen, so da� ein Land f�r einige Zeit  
"verwaist". Dann m�ssen die anderen Ebenen der L�nderarbeit bei amnesty  
international einspringen: Doch auch bei der ehrenamtlichen  
Vorstandsreferentin f�r L�nderarbeit, beim f�nfk�pfigen L�nderreferat in  
der Bonner Zentrale (zwei von ihnen arbeiten ausschlie�lich f�r die  
Eilaktionen) und dem sogenannten L�nderteam sind die Kapazit�ten begrenzt.  
Das "L�nderteam" setzt sich aus f�nf ehrenamtlichen Beauftragten zusammen,  
die jeweils f�r einen Kontinenten verantwortlich sind. Sie sind eine Art  
Bindeglied zwischen Bonner Sekretariat, Vorstand, Kogruppen und  
internationaler Ebene. Au�erdem sind sie Ansprechpartner f�r Themen, die  
l�nder�bergreifend in ihren Kontinenten anfallen. Kommt aus irgendwelchen  
Gr�nden die Kogruppenarbeit zu einem bestimmten Land zum Erliegen,  
versucht der zust�ndige Regionalbeauftragte meist diese L�cke zu  
schlie�en, bis eine neue Gruppe gefunden ist.

Damit es nicht so weit kommt, sollte eine Kogruppe aus mehreren aktiven  
Mitgliedern bestehen, um eine kontinuierliche Arbeit zu sichern, auch wenn  
einzelne aussteigen oder ihre Arbeit einschr�nken. Nur vereinzelt gibt es  
deshalb in der deutschen ai-Sektion sogenannte Einzelkoordinatoren, die  
allein f�r die Arbeit zu einem - dann meist kleinen -Land zust�ndig sind.  
Neue Kogruppenmitglieder k�nnen entweder aus ai-Gruppen kommen oder  
"L�nderexperten" sein, die (noch) nicht Mitglied bei ai sind. Im Grunde  
steht die Arbeit in einer Kogruppe jedem offen, der ein Land gut kennt und  
mit seinem Wissen die Menschenrechtsarbeit von ai unterst�tzen m�chte.

Manuel Schiffler
Margit Jost
Angela Dencker



Vielf�ltig wie die ai-L�nderarbeit ist auch die Autorenschar dieses  
Artikels: Manuel Schiffler ist Nahostbeauftragter der deutschen ai- 
Sektion, Margit Jost Vorstandsreferentin f�r L�nderarbeit und Angela  
Dencker Referentin f�r L�nderarbeit im Bonner ai-B�ro.



Wer sich f�r die Mitarbeit in Kogruppen bei amnesty international  
interessiert, wende sich an: amnesty international, L�nderreferat, 53108  
Bonn, Tel.: (0228) 983 730.





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Aus: ai-Journal Oktober 1995
(c) amnesty international 1995

Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international.

amnesty international, Sektion der Bundesrepublik Deutschland e.V.
Nationales Sekretariat, 53108 Bonn  (Heerstrasse 178,  53111 Bonn)
Telefon (02 28) 9 83 73-0, Telefax (02 28) 63 00 36 - Spendenkonto
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