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Article #21ai/Journal: Oliver Ness - Freispruch fuer das Opfer
From: Guido Gabriel
Date: Thu, 31 Oct 1996 00:00
Date: Thu, 31 Oct 1996 00:00
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------------------------------------------------------------------ amnesty international AI-JOURNAL ------------------------------------------------------------------ 9/96: Oliver.doc Oliver Ne�: Freispruch f�r das Opfer 26. Juni 1996, mittags: Pressekonferenz im Gemeindesaal der Hamburger Friedenskirche. Das �rtliche "Komitee zur Verteidigung der Menschenrechte" hat eingeladen. "Ich bin zufrieden mit dem Urteil. Schlie�lich bin ich freigesprochen worden", sage ich. Es ist Zynismus, als ich den zahlreich anwesenden Presse-Kollegen das Urteil bewerten soll, das der Vorsitzende Richter des Hamburger Landgerichts, Ulf Br�chner, "im Namen des Volkes" nach zehn Proze�tagen als seine Sicht der Dinge zum Polizei-�berfall auf mich gef�llt hat. Die �ffentliche, auf Filmmaterial detailliert festgehaltene Mi�handlung eines Fernsehjournalisten, die von der Londoner amnesty-Zentrale als "der Folter gleichkommend" klassifiziert wurde und die Kriminalistik-Professoren als die "bestdokumentierte Straftat in der bundesdeutschen Justizgeschichte" einstufen, degradierte Br�chner zur Bagatelle. Demnach kostet es deutsche Polizeibeamte 3.200 bzw. 4.800 DM, wenn sie einen B�rger nachweislich schwer mi�handeln, mit Schlagst�cken zusammenpr�geln und die B�nder im Fu�gelenk gezielt zerrei�en. Diese Tortur ist f�r Richter Br�chner gerade einmal "N�tigung" und "fahrl�ssige K�rperverletzung". Obwohl der �berfall auf zwei Filmen und auf Dutzenden von Bildern von Fernsehkollegen und Pressefotografen fast l�ckenlos dokumentiert ist, hat der Richter - wie er sagt - "im Zweifel f�r die angeklagten Polizisten entscheiden m�ssen." Nur: Es gab keinen Anla� zu zweifeln, denn der �berfall der Polizeibeamten war eindeutig. Z�: Racheakt der Polizei 30. Mai 1994: W�hrend ich in der Hamburger Innenstadt die Kundgebung des �sterreichischen Rechtspopulisten J�rg Haider f�r eine Reportage beobachte, sprechen mich zwei Personen in Zivilkleidung an - wie ich sp�ter erfahre, zwei Polizeif�hrer. Der eine droht: "Heute pa�t Du auf!" Der andere packt mich mit den agressiven Worten: Wir kennen uns ja!" Die Bekanntschaft ist einseitig. Ich wei� nicht, wer die M�nner sind. Wahrscheinlich kennen sie mich wegen meiner zahlreichen Reportagen aus den letzten Jahren �ber Menschenrechtsverletzungen durch die Hamburger Polizei, die mit zur Aufdeckung des Polizeiskandals der Hansestadt f�hrten. Der Gedanke, deswegen m�glicherweise einmal einem Racheakt der Polizei zum Opfer zu fallen, kam mir damals nicht. Heute ist ein Racheakt die einzig logische Erkl�rung f�r die brutale Mi�handlung, die sich den verbalen Attacken der beiden Zivilbeamten anschlie�en sollte. Denn pl�tzlich kommen weitere Zivilbeamte auf mich zu. Einer schl�gt mir wortlos mit voller Wucht seine Faust ins Gesicht. Mehrere M�nner pr�geln auf mich ein, dann kommen Uniformierte hinzu. Sie treiben mich mit schmerzhaften Kn�ppelschl�gen vor sich her. Zum Zeichen der Aufgabe nehme ich die H�nde hoch und rufe, da� ich Pressevertreter bin. Mit W�rgegriffen werde ich mehrfach zu Boden gerissen, immer weiter schlagen Uniformierte auf mich ein. Am Boden drehen sie mich auf den R�cken. Mehrere Beamte knien auf mir, einer sitzt auf meinem Brustkorb und h�mmert seinen Schlagstock immer wieder gehen meine Brust. Die Schmerzen sind unertr�glich. Dann kommt ein weiterer Beamter, der mir den Schuh vom rechten Fu� zieht und den Fu� in beide H�nde nimmt. Dann dreht er den Fu� brutal aus dem Gelenk. Ein ohrenbet�ubender Knall geht durch meinen K�rper bis in den Kopf. Da passiert es noch einmal. Wieder wird der Fu� aus dem Gelenk gerissen, wieder ein Knall. Alle B�nder im rechten Fu�gelenk sind zerfetzt, irreparabel zerst�rt. Die Beamten lassen auf Intervention eines Vorgesetzten von mir ab, ich bleibe schwer verletzt auf dem Pflaster liegen. Im Krankenhaus werden Verletzungen am ganzen K�rper attestiert: Nieren-, Becken-, Gesichts- und Schulterverletzungen, Bluterg�sse am ganzen K�rper. Am schlimmsten ist aber das zerst�rte Fu�gelenk. Seit zwei Jahren werde ich deswegen von Chirurgen und Physiotherapeuten in Rehabilitationszentren behandelt. Fast ein Jahr war ich arbeitsunf�hig. Auch eine aufwendige Operation hat den Fu� nicht wieder stabilisieren k�nnen. Obwohl die angeklagten Polizisten Oliver Heins und Olaf Aust bei ihren Taten auf dem Filmmaterial zweifelsfrei identifiziert sind, sollen sie f�r diese Mi�handlung an mir nach dem Willen von Richter Br�chner nur 3.200 bzw. 4.800 Mark zahlen. So viel mu�ten schon mehrfach ertappte Schwarzfahrer in �ffentlichen Verkehrsmitteln berappen. Die Pr�gelkumpane von Heins und Aust - insgesamt hatten mich w�hrend meiner Arbeit bei der Haider-Kundgebung fast ein Dutzend uniformierte und zivile Beamte �berfallen - mu�ten sich nicht einmal vor Gericht verantworten. Denn f�r jeden Schl�ger in Uniform konstruierte Staatsanwalt Martin Slotty andere Gr�nde, warum sie gedacht haben k�nnten, da� meine Mi�handlung vielleicht doch irgendwie rechtm��ig gewesen sein k�nnte und sie daher unweigerlich mitmachen mu�ten. Richter Br�chner assistierte, indem er einem Beamten diese Ausrede andichtete, obwohl der ausdr�cklich gesagt hatte, da� er ganz gezielt und willentlich auf mich losgegangen sei. Z�: Der Versuch, das Opfer zum T�ter zu machen Zur�ck in den Gemeindesaal der Friedenskirche. Einige Journalisten sind zun�chst verwundert: Warum Freispruch f�r das Opfer?, fragt die "Bild"- Zeitung. Mir war es zwar wichtig, da� wenigstens zwei der T�ter zur Rechenschaft gezogen werden. Mindestens genauso sehr ist es mir in den zehn Verhandlungstagen aber darum gegangen, von den ehrverletzenden, perfiden und existenzgef�hrdenten Verleumdungen hochrangiger Hamburger Polizeif�hrer - nach dem �berfall hatten sie mich zum "R�delsf�hrer gewaltt�tiger Demonstranten" gemacht, der im Begriff war, Polizeibeamte anzugreifen - rehabilitiert zu werden. Es ging also sehr wohl im Proze� gegen die T�ter auch um einen Freispruch f�r das Opfer. Wenigstens zu diesem "Freispruch" f�r mich konnte sich das Hamburger Landgericht durchringen, nachdem auch Richter Br�chner in dem Verfahren beharrlich versucht hatte, mir eine Mitschuld an dem �berfall anzuh�ngen. Dies gelang nicht - und das ist eine Ausnahme in Prozessen gegen pr�gelnde Polizisten. Bislang hatten die Ermittlungsbeh�rden den Opfern von Menschenrechtsverletzungen durch die Hamburger Polizei immer den Makel der vermeintlichen Provokation anst�ndiger, stets gestre�ter Ordnungsh�ter angelastet. Am Ende betonte selbst Richter Br�chner: "Herr Ne� hat sich aus den Turbulenzen bei der Haider-Kundgebung vollkommen herausgehalten und keinerlei Anla� zum Eingreifen der Polizei geboten." Zwei Jahre lang hatten Polizeif�hrung, Staatsanwaltschaft und Mitarbeiter des "Untersuchungsausschusses" zum Hamburger Polizeiskandal alles versucht, eine "R�delsf�hrerschaft von gewaltt�tigen Demonstranten" zu konstruieren. Dabei lie�en vor allem die Polizeidirektoren Richard Peters und Jens Herrmann nichts aus. Sie veranla�ten untergebene Beamte sogar dazu, Polizeiberichte entsprechend abzugleichen und zu f�lschen. Die gef�lschten Berichte wurden mit vertraulichem Vermerk an den Innensenator weitergereicht, der seinerseits von h�chster Stelle das L�genkonstrukt der Polizeif�hrung vom "R�delsf�hrer Oliver Ne�" der �ffentlichkeit vorstellte. Dies belegen interne Beh�rdenpapiere. Deshalb: "Zufriedenheit �ber meinen Freispruch", wenngleich ich formal nicht angeklagt war. Die kriminelle Energie hoher Polizeif�hrer kannte keine Grenzen in den zwei Jahren, in jenen Polizei und Staatsanwaltschaft vorgaben, die T�ter des �berfalls ermitteln zu wollen. So wurden in dieser Zeit von der Polizei zwei eigene Videos vom Einsatz bei der Haider-Kundgebung unterschlagen. Polizeidirektor Jens Herrmann leugnet deren Existenz bis heute, obgleich Fernsehbilder sogar die Kameram�nner der Polizei bei ihrer Arbeit zeigen. Ein drittes Video der Polizei wurde so manipuliert, da� sechs Minuten darin fehlen. Sp�ter wurde der Staatsanwaltschaft anonym ein Polizei- Videoband zugeschickt, in dem die sechs Minuten wieder aufgef�llt waren. Der "Spiegel" l��t Zweifel laut werden, ob darin die Originalbilder enthalten sind oder harmlose Szenen hineinkopiert wurden. Dar�ber hinaus wurden im Polizeipr�sidium die aufschlu�reichen Funkprotokolle der Polizei vom Tag des �berfalls auf mich komplett vernichtet - versehentlich, versteht sich. Die Staatsanwaltschaft, die der Polizei vier Monate Zeit gelassen hat, bis das polizei-eigene Beweismaterial vernichtet war, hat ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingeleitet. Damit alles seine Ordnung hat. Wer im Polizeipr�sidium daf�r verantwortlich ist, wird wohl niemals bekannt werden. Ebenso jene Staatsschutz-Beamten der Observationsabteilung im Landeskriminalamt, die mich nach eigenen Berichten schon vor dem �berfall vom 30. Mai 1994 �ber Jahre beobachtet hatten. Und auch jene Beamte, die dies in den zwei Jahren nach dem �berfall fortsetzten. So wurde ich ausweislich entsprechender interner Polizeiberichte nicht nur bei meiner Arbeit oder bei einem Vortrag an der Universit�t, sondern sogar bei meiner Behandlung im Hamburger Rehabilitationszentrum - wo ich wieder laufen lernen mu�te - von der Polizei observiert. Der politisch Verantwortliche f�r diese kriminellen Umtriebe bei der Polizei, Innensenator Hartmut Wrocklage (SPD), schweigt zu alledem. Oliver Ne� ist Fernsehjournalist in Hamburg. ------------------------------------------------------------------ Aus: ai-Journal September 1996 (c) amnesty international 1996 Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international. Redak- tion: Harald Gesterkamp (hgesterk@amnesty.cl.sub.de, Telefon 0228/ 98373-46). amnesty international, Sektion der Bundesrepublik Deutschland e.V. Nationales Sekretariat, 53108 Bonn (Heerstrasse 178, 53111 Bonn) Telefon (02 28) 9 83 73-0, Telefax (02 28) 63 00 36 - Spendenkonto 80 90 100 bei allen Banken, Sparkassen sowie dem Postgiroamt Koeln ------------------------------------------------------------------ ai-de@amnesty.cl.sub.de - 5 -
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