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Article #23

ai/Journal: USA Buchtip Todesstrafe

#23
From: Guido Gabriel
Date: Fri, 01 Dec 1995 00:00
98 lines
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amnesty international                                   AI-JOURNAL
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11/95 - usa2.doc



BUCHTIP

Live aus der Todeszelle

Mumia Abu-Jamal ist ein "privilegierter" Todeskandidat. Um seine geplante  
Hinrichtung gab es einen Medienrummel wie sonst nie in den USA und gute  
Verteidiger konnten erst einmal einen Hinrichtungsaufschub erreichen. Mit  
seinen Essays lenkt er den Blick auf die, die nicht das Gl�ck haben, da�  
ihr Schicksal von der �ffentlichkeit begleitet wird.

Rund 3000 M�nner und Frauen sitzen in den Todeszellen amerikanischer  
Gef�ngnisse. Wohl keiner von ihnen verf�gt �ber einen so professionellen  
Stamm von Anw�lten und �ber so viele - auch prominente - Unterst�tzer  
au�erhalb der Gef�ngnismauern. Mumia Abu-Jamal wurde 1982 in einem  
zweifelhaften Proze� zum Tode verurteilt, weil er angeblich einen  
Polizisten ermordet hat. Im August dieses Jahres sollte er hingerichtet  
werden. Zehn Tage vor seinem Hinrichtungstermin wurde die Exekution jedoch  
auf unbestimmte Zeit aufgeschoben. Menschen aus aller Welt hatten die  
amerikanischen Medien, Politiker und Beh�rden mit Protestschreiben per  
Luftpost und per Fax zugesch�ttet. In der Bundesrepublik und in  
Australien, in Neuseeland, Japan und nat�rlich den USA gingen Zehntausende  
f�r Abu-Jamal auf die Stra�e. Inzwischen hat der gleiche Richter, der 1982  
das Todesurteil verh�ngte, eine Wiederaufnahme des Verfahrens abgelehnt.  
Abu-Jamals Richter gehen in Revision, so da� eine jahrelange Verl�ngerung  
des Rechtsstreits anstehen d�rfte.

Selten zuvor hatte die Welt angesichts eines richterlich angeordneten  
Todes so laut aufgeschrien wie unmittelbar vor dem Hinrichtungstermin Abu- 
Jamals. Ohne seine Pers�nlichkeit w�re soviel Engagement wahrscheinlich  
niemals zustande gekommen. Durch den politischen Hintergrund - Abu-Jamal  
hatte vor seiner Festnahme polizeikritische Artikel geschrieben - sorgte  
er f�r mehr Aufsehen als das "gew�hnliche" Todeskandidaten tun. Mit  
Charisma und Intellekt konnte Mumia Abu-Jamal vor allem hierzulande die  
Sympathien der "gebildeten Linken" f�r sich gewinnen. Der Journalist, der  
vor seiner Festnahme vor allem Fragen der schwarzen und spanischst�mmigen  
Amerikaner aufgegriffen hatte und als "Stimme der Stimmlosen" galt,  
verstummte auch im pennsylvanischen Todestrakt nicht: Seine dort verfa�ten  
Essays, die in amerikanischen wie in europ�ischen Zeitungen  
ver�ffentlicht, im Radio gesendet und als Buch erschienen sind, sorgten  
f�r Aufsehen. Nun liegen sie erstmals auf deutsch vor.

Die Arbeiten "... aus der Todeszelle" bestechen, zumindest in der  
deutschen �bersetzung, weniger durch sprachliche Finesse als durch pr�zise  
Beobachtung des Gef�ngnisalltags und sensible Schilderung der Schicksale  
einzelner Mitgefangener. Mumia Abu-Jamal schreibt mit nur m�hsam  
geb�ndigter Wut, gleichzeitig beweist er gro�e Kompetenz und  
�berzeugungskraft, wenn er die Todesstrafe als politisches und  
rassistisches Instrument entlarvt. Seine Stimme leiht er denen, die sie  
nie erheben k�nnen, die nie geh�rt w�rden: Die mit ihm im Todestrakt  
sitzen, die neben ihm den t�glichen "Ausgang" im Stahlk�fig verbringen,  
die bereits auf staatliche Anordnung hin ermordet wurden, die in  
sogenannten B-Zellen, deren Einrichtung aus einer urintriefenden Matratze  
und einem Loch im Boden besteht, "gebessert" werden, und die t�glich in  
der Freiheit Opfer wei�er Willk�r sind.

Und das ist somit auch die Botschaft des Mannes, der hierzulande um den  
August herum von unz�hligen Plakaten auf Telefonk�sten l�chelte: Die  
Ungerechtigkeit in ihrem Plural wahrzunehmen und den politischen Kampf  
nicht auf das Einzelschicksal zu beschr�nken. Die USA haben ihr grausiges  
Jubil�um soeben erlebt: Die 300. Hinrichtung seit 1977 ist vollzogen.

Lioba Werrelmann



Mumia Abu-Jamal: ...aus der Todeszelle. Essays. Aus dem Amerikanischen von  
Regine Geraedts. Agipa Press. Bremen 1995. 195 Seiten.





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Aus: ai-Journal November 1995
(c) amnesty international 1995

Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international.  Redak-
tion: Harald Gesterkamp (hgesterk@amnesty.cl.sub.de, Telefon 0228/
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