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Started by Guido Gabriel
Sat, 17 Feb 1996 00:00
ai/Journal: BUCHTIP Verbrannte Erde
Author: Guido Gabriel
Date: Sat, 17 Feb 1996 00:00
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------------------------------------------------------------------ amnesty international AI-JOURNAL ------------------------------------------------------------------ 02/96 - buchtips Verbrannte Erde Am 26. M�rz 1994 warfen zwei t�rkische Jagdbomber vier gro�e Bomben auf das Dorf Kuskonar (traditioneller Name: Gever) in der Provinz Sirnak. 24 Dorfbewohner wurden get�tet, darunter zw�lf Kinder bis zu 15 Jahren. Verwendete Waffen: Zwei Kampfflugzeuge, h�chstwahrscheinlich aus den USA geliefert, vier Bomben, ebenfalls h�chstwahrscheinlich aus den USA geliefert. Am 4. Oktober 1994 brannten t�rkische Soldaten mit Unterst�tzung von drei Hubschraubern das Dorf Yazi�ren im Bezirk Ovacik in der Provinz Tunceli nieder. Verwendete Waffen: Zeugen berichteten, da� die Soldaten leichte Panzerabwehrwaffen US-amerikanischer Konstruktion mit sich f�hrten und da� die meisten Soldaten mit G3 Gewehren deutscher Konstruktion bewaffnet waren und jeder zehnte ein MG 3-Maschinengewehr, ebenfalls eine deutsche Konstruktion, trug. Dies sind nur zwei der vielen Fallstudien, die das "Human Rights Watch (HRW) Arms Project" in dem soeben erschienenen Bericht "Weapons Transfers and Violations of the Laws of War in Turkey" ver�ffentlichte. Sie untermauern, was Menschenrechtsorganisationen wie HRW und amnesty international seit Jahren anprangern - im kurdischen S�dosten der T�rkei verfolgen Milit�r und Spezialeinheiten im Kampf gegen die PKK eine Strategie der "Aufstandsbek�mpfung", die im wesentlichen die Zivilbev�lkerung trifft und zu systematischen Menschenrechtsverletzungen f�hrt - staatliche Morde, "Verschwindenlassen", Zerst�rung von D�rfern und Vertreibungen. Aber nicht nur die �bergriffe werden beschrieben, umfassend werden Details �ber Strukturen und Bewaffnung des Milit�rs und der "Sicherheitskr�fte" offengelegt. Da� auch das Ausland mitschuldig an den Menschenrechtsverletzungen ist, zeigen die detaillierten Beschreibungen der verwendeten Waffen sehr deutlich. Vor allem R�stung amerikanischer und deutscher Herkunft oder Konstruktion ist es, die von den Zeugen der Milit�reins�tze gegen die Zivilbev�lkerung immer wieder identifiziert wird. Dies best�tigt die ausf�hrliche Beschreibung des t�rkischen Waffenarsenals und der ausl�ndischen R�stungslieferungen - auf den ersten Pl�tzen stehen die USA und Deutschland. Unerkl�rlich bleibt, wieso die Bundesregierung der T�rkei trotz der bekannten Menschenrechtsverletzungen weiterhin Jahr f�r Jahr R�stungslieferungen in horrender H�he genehmigt (1993 f�r 1,01 Mrd. DM, 1994 f�r 619 Mio. DM) und zus�tzlich gebetsm�hlenartig den Einsatz deutscher Waffen in Kurdistan abstreitet. Mathias John Human Rights Watch Arms Project: Weapons Transfers and Violations of the Laws of War in Turkey, englisch, Verlag, Verlagsort, 1995 Von der Folter zerst�rt "Wir st�hnten und schwiegen, wollten nur einen Augenblick ein wenig schlafen k�nnen. Und wir waren begierig auf ein Wort aus der Welt drau�en". Das sind Erinnerungen, die der 30j�hrige Radschad in dem Roman "�stlich des Mittelmeers" von Abdalracham Munif hat, als er nach f�nfj�hriger Haft in einem arabischen Land nach Frankreich f�hrt, um sich dort medizinisch versorgen zu lassen. Der Aufenthalt in einem fremden Land kann jedoch die Probleme des Verfolgten nicht l�sen. Ihm drohen zwar nicht mehr unmittelbar Folter und Ermordung, doch in der "ruhigen" Umgebung des Gastlandes dringt das Erlittene immer st�rker ins Bewu�tsein. Radschad empfindet w�hrend seines Aufenthaltes in Frankreich Scham dar�ber, da� er sich in einem Augenblick v�lliger Ersch�pfung und Mutlosigkeit schriftlich dazu verpflichtet hat, jede politische Aktivit�t im eigenen Land zu unterlassen. F�nf Jahre lang hat er der Folter standgehalten und unter unmenschlichen Bedingungen gelebt- mal in Isolationshaft, mal mit anderen Gefangenen in Kellerl�chern. Um einen Pa� f�r seine Ausreise zu erhalten, verpflichtete ihn die Regierung, seine Landsleute in Frankreich zu bespitzeln. Dort beschlie�t Radschad, seine Erlebnisse aufzuschreiben, um sie dem Roten Kreuz in Genf zu �bergeben. Seine Pl�ne werden durchkreuzt: Die Regierung seines Heimatlandes bedroht die Familie seiner Schwester. Sein Schwager Hamid wird unter Druck gesetzt. Radschad will nicht, da� jemand den Preis f�r seine Freiheit bezahlt und kehrt zur�ck: Erneut wird er verh�rt und gefoltert. Nach drei Wochen kommt er nach Hause, erblindet. Vier Tage sp�ter ist er tot. Hamid, der nie politisch aktiv war, wird inhaftiert. Er wird daf�r verantwortlich gemacht, da� in einer ausl�ndischen Zeitung �ber Radschads Tod nach der Folter berichtet worden ist. Abdalracham Munif, einer der wichtigsten zeitgen�ssischen Autoren in arabischer Sprache, lebt heute in Damaskus - sein Vater stammt aus Saudi- Arabien, die Mutter aus dem Irak. "�stlich des Mittelmeers" hat er schon 1975 in Beirut ver�ffentlicht. 20 Jahre sp�ter erschien es jetzt in deutscher �bersetzung - sp�t, aber nicht zu sp�t. Denn aktuell ist das Thema leider geblieben. Helmtrud Rumpf Abdalracham Munif: �stlich des Mittelmeers. Lenos Verlag, Basel 1995, 267 Seiten. Grundrechte "amnesty international" k�mpft f�r die Beachtung von Menschenrechten, wie das Recht auf Leben und k�rperliche Unversehrtheit, die Freiheit der Person, die Rechte des Angeklagten und die Unzul�ssigkeit der Todesstrafe; alles rechte, die im Grundgesetz verankert sind." Mit den Rechten des Individuums gegen den Staat besch�ftigt sich Werner Glenewinkel in einem informativen - und trotz seines juristischen Themas geradezu spannenden - Buch und macht deutlich, da� Menschenrechte und Grundrechte "dasselbe meinen und wollen." Weil amnesty-Mitglieder und -unterst�tzer in ihren Appellbriefen an Regierungsbeh�rden nicht nur humanit�r, sondern auch juristisch argumentieren, ist ein fundiertes Wissen �ber nationale Grund- und internationalen Menschenrechte wichtig. In dem Buch geht es nach einer historischen Einleitung um "Fakten", die gar nicht so faktisch dastehen - "Gibt es Grundrechte des Kindes? F�r wen gilt das Grundgesetz eigentlich?" Die Diskussion �ber "Probleme" stellt etwa die Frage nach der richterlichen Unabh�ngigkeit; "Argumente" werden zum Beispiel anhand der Frage ausgetauscht, ob die freie Meinungs�u�erung bei der Verleumdung eine Grenze findet. Schlie�lich werden "Tendenzen" angerissen: Hier wird der europ�ische Zusammenschlu� genauso diskutiert, wie die Rolle der sozialen Rechte. J�rgen Adam Werner Glenewinkel: Grundrechte, Rowohlt Taschenbuchverlag, rororo 6364, Reinbek 1995, 144 Seiten. Widerstand gegen Ceausescu Bukarest, 7. Mai 1983: Der 27jahrige Radu Filipescu verteilt mitten in der rum�nischen Hauptstadt umst�rzlerische Flugbl�tter gegen Staatschef Nicolae Ceausescu. "Ich wollte eine Art Krieg gegen Ceausescu f�hren. In einem Krieg mu� man mit Opfern rechnen. Ich hatte mich dennoch entschieden, in diesen Krieg zu ziehen. Der Unterschied zu anderen Soldaten war jedoch, da� ich freiwillig in diesen Krieg zog", erl�utert er sein riskantes Engagement. W�hrend er Flugbl�tter in Briefk�sten von Wohnblocks verteilt, nimmt ihn die ber�chtigte Geheimpolizei Securitate fest. Die Menschen, die seine Festnahme beobachten, schauen nur zu. Keiner traut sich, die Flugbl�tter auch nur anzuschauen. Radu Filipescu bleibt von der Richtigkeit seiner Aktion �berzeugt. Sie habe sich nicht gegen die sozialistische Gesellschaftsordnung, sondern allein gegen Nicolae Ceausescu gerichtet, erkl�rt er den Verh�rbeamten. Diese Unterscheidung wird von den rum�nischen Machthabern selbstverst�ndlich nicht akzeptiert: Radu Filipescu wird im September 1993 zu zehn Jahren Gef�ngnis verurteilt. Der Grund: "Propaganda oder sonstige Aktivit�ten, die die �nderung der sozialistischen Ordnung zum Ziel haben oder die Staatssicherheit gef�hrden k�nnen." Am 18. April 1986 wird Radu vorzeitig freigelassen. Herma Kennel, eigentlich als Kinderbuchautorin bekannt, hat mit dem Buch �ber Radu Filipescu eine Geschichte des Widerstandes gegen eine totalit�res System geschrieben. Den authentischen Fall - Radu Filipescu war seinerzeit von amnesty international als gewaltloser politischer Gefangener betreut worden - beschreibt sie nicht in trockenen Fakten, sondern lebendig. Dramaturgisch perfekt ist auch der Schlu�: Nach der Niederschlagung von Protesten der Demokratiebewegung nimmt die Securitate Radu Filipescu am Morgen des am 22. Dezember 1989 fest. Als er abends frei kommt, ist Ceausescu bereits gest�rzt. Harald Gesterkamp Herma Kennel: Es gibt Dinge, die mu� man einfach tun - Der Widerstand des jungen Radu Filipescu. Herder spektrum 4446, Freiburg-Basel-Wien 1995, 224 Seiten. Flucht und Asyl Eine ganze Reihe von lesenswerten Neuerscheinungen ist zum Thema Flucht und Asyl erschienen. Die Fl�chtlingsorganisation der Vereinten Nationen, UNHCR, beschreibt in ihrem Jahresbericht die traurige Realit�t der Fl�chtlinge. J�rgen Krais und Christian Tausch haben einen juristischen Ratgeber zum Asylrecht erstellt. Bettina H�fling-Semnar hat ausf�hrlich und parteiisch die Entwicklung "von der Krise des Asylrechts zur Perfektionierung der Zugangsverhinderung" beschrieben (wobei die ai- Quellen, die sie als Literatur angibt, nicht gerade durch Aktualit�t �berzeugen). Eine Dokumentation des Basso-Tribunals zum Asylrecht in Europa, das im Dezember 1994 in Berlin stattfand, stellt die "Festung Europa" auf die Anklagebank. Renate Holzapfel untersucht den Alltag von Asylbewerbern am Beispiel einer afghanischen Familie in Hessen. Die Deutsche Stiftung f�r UNO-Fl�chtlingshilfe analysiert unter anderem aus verschiedenen Sichtweisen das neue deutsche Asylrecht und eine Studie des UNHCR mit den Verb�nden der freien Wohlfahrtspflege kritisiert den rechtsfreien Raum, in dem sich (B�rger-)Kriegsfl�chtlinge in Deutschland bewegen m�ssen. UNHCR-Report 1995/96: Zur Lage der Fl�chtlinge in der Welt, Dietz-Verlag, Bonn 1995, 288 Seiten. J�rgen Krais/Christian Tausch: Asylrecht und Asylverfahren. Beck Rechtsberater, dtv 5623, M�nchen 1995, 478 Seiten. Bettina H�fling-Semnar: Flucht und deutsche Asylpolitik - Von der Krise des Asylrechts zur Perfektionierung der Zugangsverhinderung. Verlag Westf�lisches Dampfboot, M�nster 1995, 296 Seiten. Basso-Sekretariat Berlin: Festung Europa auf der Anklagebank, Dokumentation des Basso-Tribunals zum Asylrecht in Europa, Verlag westf�lisches Dampfboot, M�nster 1995, 296 Seiten. Renate Holzapfel: Leben im Asyl - Netzwerke und Strategien einer afghanischen Familie in Deutschland, Schriftenreihe des Instituts f�r Kulturanthropologie und Europ�ische Ethnologie der Universit�t Frankfurt/ M., Band 51, Kulturanthropologie-Notizen, Frankfurt 1995, 174 Seiten. Klaus-Henning Rosen (Hrsg.): Jahrbuch der Deutschen Stiftung f�r UNO- Fl�chtlingshilfe 1995 - Flucht; Ost West Verlag, Berlin-Bad Honnef, 128 Seiten. UNHCR/ Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (Hrsg.): Kriegs- und B�rgerkriegsfl�chtlinge in Deutschland - Situationsbericht am Beispiel der Fl�chtlinge aus Bosnien-Herzegowina, ZDWF-Schriftenreihe Nr. 59, Siegburg 1995, 108 Seiten. ------------------------------------------------------------------ Aus: ai-Journal Februar 1996 (c) amnesty international 1996 Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international. Redak- tion: Harald Gesterkamp (hgesterk@amnesty.cl.sub.de, Telefon 0228/ 98373-46). amnesty international, Sektion der Bundesrepublik Deutschland e.V. Nationales Sekretariat, 53108 Bonn (Heerstrasse 178, 53111 Bonn) Telefon (02 28) 9 83 73-0, Telefax (02 28) 63 00 36 - Spendenkonto 80 90 100 bei allen Banken, Sparkassen sowie dem Postgiroamt Koeln ------------------------------------------------------------------ ai-de@amnesty.cl.sub.de
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