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1 total messages Started by Guido Gabriel Sat, 06 Jan 1996 00:00
ai/Journal: ALGERIEN Entfuehrt und vergewaltigt
#15
Author: Guido Gabriel
Date: Sat, 06 Jan 1996 00:00
198 lines
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amnesty international                                   AI-JOURNAL
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01/96 - algerien.doc



ALGERIEN

"Ich kann diese H�lle nicht vergessen"

Die "K�mpfer Gottes" in Algerien glauben selbst bei den brutalsten  
Mi�handlungen und Erniedrigungen noch, sie t�ten das mit der Erlaubnis  
Gottes. Schreckliche Schandtaten der religi�sen Fanatiker erlebte eine  
junge Algerierin. Ihr Bericht wurde im September am Rande der  
Weltfrauenkonferenz in Peking vorgetragen.



Ich hei�e Ouarda. Ich bin 17 Jahre alt, Gymnasiastin und wohne im Zentrum  
von Algier. Au�erdem bin ich Sch�lerin an einer Musikschule. Ich hatte  
viele Freundinnen. Zu Hause war ich sehr gl�cklich und wurde verw�hnt,  
weil ich die J�ngste in der Familie bin.

An diesem schrecklichen 28. Oktober 1994 hat sich mein Leben schlagartig  
ver�ndert. Als ich aus der Schule kam, sprach mich ein junger Man an. Er  
bat mich, ihm die Praxis des Gemeindearztes zu zeigen. Ich war �berhaupt  
nicht mi�trauisch, und bevor ich begriff, was mir passierte, stie� er mich  
in einen Lieferwagen, der in der N�he stand, verband mir die Augen und  
fesselte mich. Ich war in Angst und Schrecken, weil er mir ein Messer an  
die Wange hielt. Ich begriff noch nicht, da� dies der Weg in die H�lle  
war.

Die Fahrt kam mir vor, als n�hme sie kein Ende. Je mehr Zeit verstrich,  
desto gr��er wurden meine Angst und mein Entsetzen. Ich dachte an meine  
Eltern, an ihre Panik. Ich hoffte, da� irgend jemand aus dem Viertel alles  
gesehen h�tte, und da� man meine Entf�hrer schnell identifizieren und mich  
befreien w�rde.

Dann lie� man mich aussteigen und in ein altes, kaputtes Haus gehen, wo  
sich schon ungef�hr zehn M�dchen befanden. Als ich sie sah, beruhigte ich  
mich ein wenig, denn ich sagte mir: "Ich bin nicht die einzige, der das  
passiert". Einige waren in meinem Alter, drei waren �ber 20 und zwei kaum  
zehn Jahre alt. Eine Gruppe bewaffneter Terroristen bewachte uns.

Ich erfuhr sp�ter, da� alle M�dchen entf�hrt worden waren, auf der Stra�e  
oder aus ihren H�usern. Ihre Eltern waren mit Waffengewalt bedroht worden,  
denn diese Fundamentalisten waren immer in Gruppen von 15 bis 20 Mann  
unterwegs, um Br�nde zu legen, zu t�ten, Familien zu terrorisieren und  
ihre T�chter zu verschleppen. Eine der Entf�hrten, Khadidja, war vom Chef  
der Gruppe, den sie Emir nannten, sogar im Haus ihres Onkels vergewaltigt  
worden. Sie war nicht �lter als 15.

Jeden Morgen verteilte der Gruppenf�hrer die Aufgaben unter uns. Ich wusch  
ihre W�sche, und nat�rlich wurde ich wie alle anderen M�dchen jeden Tag  
vergewaltigt. Da ich nicht sehr h�bsch war, wurde ich den W�chtern  
zugeteilt. Die Sch�nsten waren dem Emir vorbehalten, die anderen blieben  
f�r die Mannschaft.

Ich habe diesen Horror nur wenige Tage nach meiner Ankunft in dem  
Unterschlupf der Terroristen erlebt. Wir fr�hst�ckten drau�en und sa�en in  
einem gro�en Kreis zusammen. An diesem Tag waren zwei W�chter dabei. Sie  
unterhielten sich und lachten, wobei sie mich die ganze Zeit scharf  
anschauten. Sp�ter erfuhr ich, da� sie sich Boualem und Kamel nannten. Ich  
hatte schreckliche Angst. Ich sagte mir: "Oh mein Gott, heute bin ich an  
der Reihe." Ich hatte gesehen, was sie mit den anderen M�dchen machten.  
Einer der beiden fragte mich, ob ich mit dem Essen fertig sei. Ich sagte:  
nein. Er wiederholte die Frage mehrmals. Das war damals, glaube ich, die  
l�ngste Mahlzeit meines Lebens. Ich stopfte mich voll, um das Schreckliche  
hinauszuz�gern.

Kamel und Boualem schickten dann die anderen M�dchen weg. Weil sie  
verstanden hatten, was vor sich ging, rieten einige mir, mich nicht zu  
wehren, die Augen zu schlie�en und alles mit mir machen zu lassen, sonst  
liefe ich Gefahr, verst�mmelt zu werden. Einer der beiden W�chter kam,  
immer noch bewaffnet, auf mich zu; ich wei� nicht mehr, ob Kamel oder  
Boualem. Er befahl mir, meine Hose auszuziehen. Ich weigerte mich und  
sagte ihm, da� das, was er machen wollte, schlecht sei und da� Gott dies  
verdamme. Er bedrohte mich mit seinem Dolch und sagte, er w�rde mir das  
Gesicht zerschneiden und mit mir tun, was er wolle. F�r alles habe er die  
Erlaubnis Gottes, weil er sein "K�mpfer" sei. Er f�gte hinzu, da� er mich  
sowieso sp�ter heiraten w�rde. Er wirkte sehr bedrohlich und b�se. Ich  
hatte sehr, sehr gro�e Angst. Ich habe gebettelt, geweint und gesagt, da�  
ich noch jung und unber�hrt sei. Daraufhin setzte er die Klinge seines  
Dolches auf meine Wange. Ich zog meine Hose aus und bettelte weiter. Ich  
weigerte mich, meinen Schl�pfer auszuziehen. Da nahm er eine Zigarette und  
fing an, meine Oberschenkel zu verbrennen. Ich br�llte vor Schmerzen. Als  
er wieder anfing, fiel ich in Ohnmacht. Was danach geschah, wei� ich  
nicht. Als ich wieder zu mir kam, war ich voller Blut, lag auf dem Boden,  
und mein ganzer K�rper war zerschunden. Ich weinte und weigerte mich, mit  
den anderen M�dchen zu sprechen, die zu mir gekommen waren. Ich wurde noch  
viele Male vergewaltigt.

Seit meiner Ankunft in dieser H�lle hatte ich gewu�t, was mich erwartete,  
weil die anderen M�dchen mich gewarnt hatten. Sie hatten mir erz�hlt, wie  
einigen von ihnen das Gesicht zerschnitten worden war, weil sie sich  
gewehrt hatten. Das Schlimmste aber war, da� diese Terroristen und  
Vergewaltiger nach ihrem Verbrechen zu uns kamen und wissen wollten, ob  
wir etwas dabei empfunden h�tten... .

Von diesem Tag an lebte ich in derselben Angst wie meine Gef�hrtinnen, der  
Angst, schwanger zu werden. Amel war schwanger. Sie war 20 Jahre alt und  
seit mehreren Monaten dort. Sie litt f�rchterlich. Manchmal hielt ihr  
Schluchzen uns die ganze Nacht wach. Am meisten machte sie die Vorstellung  
verr�ckt, nach einer m�glichen Freilassung von ihren Eltern aufgrund der  
Schwangerschaft versto�en zu werden. Diejenigen, die kurz vor der  
Niederkunft standen, wurden in der N�he eines Dorfes freigelassen, und ich  
wei� nicht, was aus ihnen geworden ist. Ich habe hinterher erfahren, da�  
viele der Kinder aus Vergewaltigungen in Krankenh�usern ausgesetzt wurden,  
w�hrend die M�tter von ihren Familien versto�en wurden, weil sie nach  
deren Meinung Schande �ber sie gebracht hatten.

Wir lebten alle mit der Hoffnung, eines Tages freigelassen zu werden, denn  
jedesmal, wenn eine von uns vergewaltigt wurde, versprach ihr Peiniger ihr  
die Freiheit.

Eines Abends beschlo� Souad zu fliehen, koste es, was es wolle. Auch sie  
war schon viele Monate dort. Sie war ungef�hr in meinem Alter und sehr  
sch�n. Sie weinte unaufh�rlich und dachte an ihre Mutter, ihre Familie und  
die "Schande". Wir haben alle versucht, sie davon abzubringen, aber mitten  
in der Nacht stand sie auf und versuchte herauszukommen. Einer der  
W�chter, der bei uns schlief, wachte auf, schaltete das Licht an, packte  
sie bei den Haaren und t�tete sie vor unseren Augen mit zwei Sch�ssen in  
den Kopf. Ich hatte gerade noch Zeit, die Ohren der kleinen Myriam  
zuzuhalten, die zehn Jahre alt war und neben mir schlief. In dieser Nacht  
sind wir wirklich zusammengebrochen. Danach warfen sie den K�rper unserer  
Gef�hrtin hinaus, deren sch�nes und nun zerschmetterten Gesicht ich nie  
vergessen werde. Erst am n�chsten Morgen schaufelten sie irgendwo ein  
Loch, um sie zu begraben. Ihre Eltern wissen wahrscheinlich gar nicht, was  
mit ihr geschehen ist.

Ich, die jetzt frei ist, kann die Eltern von Souad nicht suchen, denn  
keine von uns hat den anderen ihren richtigen Namen genannt oder gesagt,  
wo sie herkommt. Ich habe ihnen erz�hlt, ich sei in einen Dorf entf�hrt  
worden. Ich f�hlte eine solche Scham, ich war so verh�hnt und meiner W�rde  
beraubt worden, da� ich ein anderes "Ich" erfinden mu�te. Alle haben das  
gemacht. Wir wu�ten alle, da� wir uns bel�gen, aber das hat uns geholfen,  
zu �berleben, vielleicht... Jede von uns hat an ihre Befreiung gedacht,  
und man durfte keine Spuren hinterlassen. Wenn ich gesagt h�tte, wer ich  
bin, h�tte man mich in meinem Stadtteil wiedererkennen k�nnen.

Da� ich heute in Freiheit bin, verdanke ich der Aufmerksamkeit und Hilfe  
einiger Bewohner eines Dorfes, in das uns die Terroristen geschleppt  
hatten. Die Dorfbewohner alarmierten die Polizei, die uns dann befreite.  
Ich war in einem f�rchterlichen Zustand: Ich hatte stark abgenommen und  
hatte L�use. Die wenigen Kleidungsst�cke, die mir geblieben waren, waren  
zerlumpt. Einen Teil davon hatte ich als Binden verwendet. Ich konnte mich  
nicht waschen, weil wir nur Anrecht auf einen Liter Wasser f�r zwei Tage  
hatten, um zu trinken und uns zu waschen. Mein Leidensweg dauerte zwei  
Monate. Er war mir wie eine Ewigkeit erschienen.

Seitdem ich die Zuneigung meiner Familie wiedergefunden habe, lebe ich mit  
der schrecklichen Zwangsvorstellung: da� die Terroristen mich wiederfinden  
k�nnten, obwohl wir umgezogen sind. Ich habe gro�e Angst, da� sie  
Vergeltung an meiner Familie �ben, wie sie es schon bei anderen gemacht  
haben.

Ich kann die H�lle, die ich durchlebt habe, nicht vergessen. Ich bin  
unf�hig, an die Zukunft zu denken. Ich wei� nicht, wie ich meine Wunden  
verbinden soll. Ich habe noch nicht einmal die Kraft, wieder Musik zu  
machen. Meine Familie und alle, die sich um mich k�mmern, lieben mich und  
best�rken mich; sie sagen, da� ich jung bin, da� ich von meinen Alptr�umen  
genesen kann, von meinen Schmerzen, da� ich meinen K�rper wieder werde  
betrachten k�nnen, ohne ihn zu verabscheuen, da� ich aufh�ren werde, die  
M�nner zu hassen. Aber ich schaffe es nicht, weil ich immer noch vor Angst  
zittere, denn ich wei�, da� die Verantwortlichen f�r diese Verbrechen noch  
immer w�ten.



Den Text entnehmen wir leicht ver�ndert mit freundlicher Genehmigung der  
viertelj�hrlich erscheinenden Zeitschrift "Der �berblick", Ausgabe 3/95,  
die von der Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst  
herausgegeben wird.





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Aus: ai-Journal Januar 1996
(c) amnesty international 1995

Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international.  Redak-
tion: Harald Gesterkamp (hgesterk@amnesty.cl.sub.de, Telefon 0228/
98373-46).

amnesty international, Sektion der Bundesrepublik Deutschland e.V.
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