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Started by Guido Gabriel
Thu, 31 Oct 1996 00:00
ai/Journal: FOLTER Interview mit Sepp Graessner
Author: Guido Gabriel
Date: Thu, 31 Oct 1996 00:00
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------------------------------------------------------------------ amnesty international AI-JOURNAL ------------------------------------------------------------------ 9/96 -studie1.doc Interview Folter - kein Abschiebehindernis ================================ Zwei Mitarbeiter des Berliner Behandlungszentrums f�r Folteropfer, der Arzt Sepp Graessner und der angehende Psychologe Ralf Weber, ver�ffentlichten k�rzlich eine Studie zur Bewertung von Folter bei Asylanh�rungen. Ihr Fazit: Die deutsche Asylb�rokratie verf�hrt unsensibel und oberfl�chlich mit schwer mi�handelten und traumatisierten Fl�chtlingen. Das ai-Journal sprach mit Sepp Graessner. ai-Journal: Was hat Sie veranla�t, diese Studie zu machen? Sepp Graessner: Bei Asylbewerbern, die ins Berliner Behandlungszentrum f�r Folteropfer gekommen sind, haben wir eine gro�e Diskrepanz festgestellt zwischen der Darstellung ihres Folter-Traumas im Anh�rungsprotokoll und dem, was sie uns beim ersten Gespr�ch im Behandlungszentrum �ber ihre Foltererfahrung erz�hlt haben. Viele, die wir mit Ausz�gen aus ihren Anh�rungsprotokollen konfrontierten, waren entsetzt �ber ihre eigenen Aussagen und fragten immer wieder: das soll ich gesagt haben? Das war ein Grund f�r die Studie. Wie wurde denn in den von Ihnen dokumentierten F�llen in der Asylanh�rung auf die Folterschicksale der Fl�chtlinge eingegangen? Sepp Graessner: Meistens �berhaupt nicht, obwohl 25 Antragsteller Folter und systematische Mi�handlung direkt in der Anh�rung erw�hnt haben. Indirekte Andeutungen von Folter oder Mi�handlung wurden in der Anh�rung einfach �bergangen oder nicht verstanden. Viele Anh�rer wissen nicht, da� mit "ehrverletzenden Handlungen" sexueller Mi�brauch gemeint ist. Oder da� von Folter und Mi�handlung die Rede ist, wenn ein Asylbewerber sagt: "Ich war in Haft und erlitt Todesangst." F�r diese indirekte Ausdrucksweise mu� man ein Ohr haben. ...und ein gewisses Einf�hlungsverm�gen. Sepp Graessner: Nat�rlich sollte mit der n�tigen Sensibilit�t nachgefragt werden, ohne Voyeurismus. Wenn Frauen beispielsweise vor fremden M�nnern - und meistens sind sowohl die Anh�rer als auch die Dolmetscher M�nner - �ber ihre sexuellen Mi�handlungen berichten m�ssen, dann ist das eine heikle Sache. Solche Themen unterliegen gesellschaftlichen Tabus. Da kann man von den Frauen keine ausf�hrliche Schilderung ihrer Mi�handlungsbiographie erwarten. Da mu� schon sehr behutsam nachgefragt werden. Darauf wollen sich die meisten Anh�rer aber nicht einlassen. Warum nicht? Sepp Graessner: Meine pers�nliche Erkl�rung ist, da� nach �nderung des Asylrechts der Fluchtweg so sehr in den Vordergund ger�ckt ist, da� sich die meisten Anh�rer nur noch mit Nachfragen nach dem genauen Fluchtweg besch�ftigen und nicht mehr mit der eigentlichen Verfolgungsbiographie der Antragsteller. Aber es gibt auch psychologische Gr�nde, da� sich manche Menschen n�heren Ausforschungen eines Traumas nicht aussetzen wollen und dann Vermeidungsverhalten zeigen, wie zum Teil die Fl�chtlinge auch. Liegt das nicht zum Teil auch an mangelnder Schulung der Anh�rer und Anh�rerinnen? Sepp Graessner: Der Sprecher des Bundesamtes f�r die Anerkennung ausl�ndischer Fl�chtlinge hat einmal gesagt, da� sie in ihrer Personalnot gerade Bundeswehrangeh�rige zu Anh�rern machen. Das belegt wohl die schlechte Ausbildung der Befrager. Ich glaube aber, da� ein angemessener Umgang mit Folter�berlebenden allein aus einem Amt heraus sowieso nicht zu leisten ist. Da sind Fachleute aus anderen Einrichtungen gefragt, aus Behandlungszentren, die mit Traumatisierten arbeiten. Die m��ten Supervisionen durchf�hren und das Anh�rungspersonal in Schulungen f�r die Befragung von Folter�berlebenden sensibilieren. Welche anderen gravierenden M�ngel der Anh�rung haben Sie festgestellt? Sepp Graessner: Ein gravierender Punkt ist die knappe Zeit der Anh�rungen. Das mu� alles sehr schnell gehen. In einigen F�llen wurden nicht einmal die Protokolle f�r die Asylsuchenden r�ck�bersetzt wegen der fortgeschrittenen Tageszeit. Oder es wurde nicht das Protokoll r�ck�bersetzt, sondern die Notizen der Dolmetscherin f�r den Asylbewerber. Das ist fatal, weil das Bundesamt nur nach Aktenlage entscheidet. Allein das Anh�rungsprotokoll bildet die Grundlage f�r den Asylbescheid. Das ist sozusagen der Urtext, an den die Entscheider alle weiteren Fragen richten und Widerspr�che ermitteln. Eine Praxis, die Sie heftig kritisieren. Sepp Graessner: Allerdings. Der ganze Rahmen der Anh�rungen ist ja nicht helfend-unterst�tzend, sondern ein reiner Verwaltungsakt. Im besten Falle gibt das Protokoll sachlich das Wesentliche des Gespr�chs wieder. Es sagt aber nichts �ber die Atmosph�re der Anh�rung aus. Weder zur Schau getragene Zweifel der Anh�rer, noch ihre Ungeduld oder Wutausbr�che werden protokolliert. Das sind alles Dinge, die es den Asylbewerbern unm�glich machen, ihr Verfolgungsschicksal glaubw�rdig darzustellen. Sie bem�ngeln auch, da� das Anh�rungsverfahren nicht auf die spezifischen Probleme von Folter�berlebenden eingeht. Was sind das f�r Probleme? Sepp Graessner: Eine ganze Reihe von Punkten kann zu Ged�chtnisst�rungen von Extrem-Traumatisierten w�hrend der Anh�rung f�hren. So k�nnen unter anderem Hunger und Mangelern�hrung bis hin zu konkreten Mi�handlungen durch Schl�ge auf Kopf und Nacken die Ausdrucksm�glichkeiten sowie die Erinnerungsf�higkeit und die Konsistenz der Darstellung erheblich einschr�nken. Werden im Asylverfahren nicht genau diese Kriterien angelegt, um die Glaubw�rdigkeit von Verfolgungsschicksalen zu pr�fen? Sepp Graessner: Ja, in einem Entscheid des Bundesverfassungsgerichts hei�t es w�rtlich, da� vom Asylbewerber "f�r diejenigen Umst�nde, die seinen eigenen Lebensbereich betreffen, ein substantiierter, im wesentlichen widerspruchsfreier und nicht wechselnder Tatsachenvortrag zu fordern ist." Das erste ist, da� Folter�berlebende gar nicht wissen, welche Punkte aus ihrer Verfolgungsbiographie asylrelevant sind. Dann sollen sie auch noch detailreich und koh�rent berichten. Und das w�hrend ihr Bericht immer wieder vom Dolmetscher und vom Befrager unterbrochen wird. Das hei�t, andere Erz�hl- und Wahrnehmungsmuster kommen hier nicht zur Geltung. Kann angesichts dieser Umst�nde noch von einem fairen Verfahren die Rede sein? Sepp Graessner: Nein, das ist ja die zentrale Aussage unserer Studie, da� die geb�hrende Sorgfalt und zu fordernde Fairne� des Verfahrens nicht gegeben sind. Welche Auswirkungen haben die Anh�rungsverfahren auf die Folter�berlebenden? Sepp Graessner: Ein wesentlicher Zugang zu Biographien von sehr traumatisierten Menschen ist erst mal die Anerkennung, das hei�t die Zeugenschaft f�r das, was der oder die Betroffene erz�hlt. Wenn der Asylsuchende nun statt des Zeugen den Zweifler findet, dann f�hrt das zu tiefer Hoffnungslosigkeit. Das wirkt retraumatisierend. Denn im allgemeinen wollen ja auch die Folterer - zumindest dort, wo systematisch gefoltert wird - da� niemand den Folter�berlebenden glaubt, wenn sie ihre Erlebnisse berichten. Psychologisch begibt man sich durch den Zweifel auf die Seite der Folterer. Wie wirkt sich das Asylverfahren auf ihre Arbeit im Behandlungszentrum f�r Folteropfer aus? Sepp Graessner: Die Pathologie des Exils, das hei�t der Wartezeit beeinflu�t unsere Behandlung sehr negativ. Als Folge der ungen�genden Pr�fung, der mangelhaften Sorgfalt und Sachaufkl�rung des Verfolgungsschicksals im Asylverfahren k�nnen wir oft nicht richtig das Trauma unserer Patienten behandeln, sondern m�ssen uns bis zu 50 Prozent mit dem pathologischen Alltag im Exil befassen. Vor allem die Familien, die Kinder der Fl�chtlinge bekommen die Folgen zu sp�ren. Die kriegen alles an Wut und Aggressionen ab, was die Eltern als Folge von Traumata w�hrend der Wartezeit im Exil ausleben. Hat das Bundesamt auf Ihre Studie reagiert? Sepp Graessner: Die Berliner Abteilung hat hier angerufen und wollte die Aktenzeichen der Protokolle von den mangelhaften Anh�rungen wissen. Dazu konnten wir uns nat�rlich nicht herbeilassen. Die werden vielleicht eine Art Gegenstudie machen. Da ist ganz sch�n Unruhe entstanden. War das der Zweck der Studie? Ich m�chte, da� diese Menschen, die so gesch�digt wurden, einen sicheren Aufenthalt haben. Da� sie endlich mal aufh�ren k�nnen, Angst haben zu m�ssen. Europ�ische Studien belegen au�erdem, da� 25 Prozent der Fl�chtlinge, die Deutschland heute noch erreichen, von Folter und anderen Menschenrechtsverletzungen traumatisiert sind. Wenn also traumatische Erfahrungen eine sinnvollere Ber�cksichtigung f�nden, m��te die augenblickliche Quote von sieben Prozent der Anerkennungen also �ber 200 Prozent erh�ht werden. Das ist unser Ziel. Interview: Jutta Bangel ------------------------------------------------------------------ Aus: ai-Journal September 1996 (c) amnesty international 1996 Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international. Redak- tion: Harald Gesterkamp (hgesterk@amnesty.cl.sub.de, Telefon 0228/ 98373-46). amnesty international, Sektion der Bundesrepublik Deutschland e.V. Nationales Sekretariat, 53108 Bonn (Heerstrasse 178, 53111 Bonn) Telefon (02 28) 9 83 73-0, Telefax (02 28) 63 00 36 - Spendenkonto 80 90 100 bei allen Banken, Sparkassen sowie dem Postgiroamt Koeln ------------------------------------------------------------------ ai-de@amnesty.cl.sub.de - 5 -
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