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1 total messages Started by Guido Gabriel Sun, 17 Dec 1995 00:00
ai/Journal: LIBERIA Krieg in Westafrika
#25
Author: Guido Gabriel
Date: Sun, 17 Dec 1995 00:00
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amnesty international                                   AI-JOURNAL
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12/95 - liberia.doc



Liberia/Sierra Leone

Krieg in Westafrika

Nahezu  unbemerkt von der Welt�ffentlichkeit wird seit Ende der achtziger  
Jahre in zwei Staaten Westafrikas Krieg gef�hrt: Seitdem Rebellen in  
Liberia und Sierra Leone versuchten, die Macht an sich zu rei�en,  
versinken beide Staaten in blutigen B�rgerkriegen. Dabei ist es schwer zu  
durchschauen, wer gegen wen k�mpft.



Das Weihnachtsfest 1989 in Liberia war wenig friedlich. Am 24. Dezember  
�berquerten Einheiten der aufst�ndischen Nationalen Patriotischen Front  
von Liberia (NPFL) die Grenze von Cote d'Ivoire (Elfenbeink�ste) nach  
Liberia. Ihr Ziel war es, die Regierung von Pr�sident Samuel Doe zu  
st�rzen.

Zu diesem Zeitpunkt regierte Doe schon seit neun Jahren. W�hrend seiner  
Herrschaft wurde jede Opposition unterdr�ckt. Doe versuchte, seine Macht  
auszubauen, indem er die Rechtsprechung und Gerichtsbarkeit des Landes  
schw�chte. Mit amerikanischer Hilfe st�rkte er das Milit�r. Angeh�rige der  
ethnischen Krahn-Minderheit - auch der Pr�sident geh�rt ihr an - wurden  
bevorzugt in die Streitkr�fte (AFL) aufgenommen. Die Streitkr�fte begingen  
zahlreiche Menschenrechtsverletzungen.

Auf den Angriff der Rebellen reagierten die Regierungstruppen schnell und  
mit �u�erster Brutalit�t. Als die NPFL in den Norden des Landes vorr�ckte,  
griff die Armee nicht nur die Aufst�ndischen an. Auch Angeh�rige der dort  
lebenden Gio- und Mano- Volksgruppen wurden Opfer der Gewalt. Innerhalb  
von zwei Monaten fl�chteten mehr als 100.000 Menschen aus den betroffenen  
Gebieten.

Im April 1990 gelang es den Rebellen, auf die Hauptstadt Monrovia  
vorzur�cken. Innerhalb k�rzester Zeit hatte die NPFL mehrere Stadtteile  
unter ihre Kontrolle gebracht. Die �bergriffe gegen Zivilisten - Folter,  
Vergewaltigung und Mord - nahmen ein solches Ausma� an, da� die  
Bev�lkerung zu Hunderttausenden in die Nachbarl�nder fl�chtete.

Schon w�hrend der ersten Phase der Auseinandersetzungen kam es zu  
Absplitterungen und Neugruppierungen unter den Regierungsgegnern. Viele  
Gruppen bekamen und bekommen Unterst�tzung von anderen afrikanischen  
Staaten. Berichten zufolge unterst�tzen Burkina Faso und Cote d'Ivoire die  
K�mpfer der NPFL. Andere Rebellengruppen erhalten Hilfe aus Nigeria. Dies  
tr�gt ma�geblich dazu bei, da� der liberianische B�rgerkrieg sich  
destabilisierend auf die gesamte Region auswirkt. Dazu kommen  
Vergeltungsschl�ge auf Verb�ndete jenseits der Grenzen und die Erschie�ung  
von wehrf�higen M�nnern in Fl�chtlingslagern in Guinea.

An den Grenzen zu den Nachbarl�ndern kommt es immer wieder zu schweren  
Menschenrechtsverst��en. So berichtet ein liberianischer Krankenpfleger,  
der vor den K�mpfen nach Guinea fliehen wollte, wie ihm ein Grenzsoldat  
erst sein gesamtes Geld abnahm, ihn wieder zur�ckschickte und dann in den  
R�cken scho�. Wie durch ein Wunder �berlebte er. Er versteckte sich eine  
Woche lang, bis es ihm schlie�lich gelang, nach Guinea zu entkommen, wo er  
medizinisch versorgt werden konnte.

An den chaotischen Verh�ltnissen in Liberia konnte auch die Friedenstruppe  
der Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten (ECOWAS) nichts  
�ndern. Die in ihr zusammengeschlossenen 16 Staaten hatten im August 1990  
Truppen in die Hauptstadt Monrovia entsandt.

Nur einen Monat nach dem ersten Einsatz der ECOWAS-Truppen spitzte sich  
die Situation in Liberia zu. Pr�sident Doe wurde zun�chst gefangengenommen  
und sp�ter hingerichtet. Der NPFL gelang es, die Kontrolle �ber das  
gesamte Land zu erlangen. Lediglich Monrovia wurde von Einheiten der  
ECOWAS-Truppen kontrolliert. Nach Verhandlungen gelang es schlie�lich im  
November 1990, eine auch von den Aufst�ndischen geduldete  
�bergangsregierung aufzustellen.

Doch auch das gab dem Land keine Ruhe. Im Gegenteil: Der Konflikt weitete  
sich �ber die Landesgrenzen aus - vor allem nach Sierra Leone. In der  
Zwischenzeit formierte sich in Liberia eine weitere Rebellengruppe, die  
Vereinigte Freiheitsbewegung f�r Demokratie in Liberia (ULIMO), die eine  
Offensive gegen die das Land weitgehend kontrollierende NPFL von Sierra  
Leone aus startete. Unterst�tzt wurde sie dabei von Streitkr�ften des  
Nachbarlandes.

Die NPFL reagierte auf die Vorst��e mit zunehmender Gewalt. Die  
Gefangennahme, Folter und Ermordung von sechs Soldaten der ECOWAS-Truppen  
f�hrte dazu, da� sich diese wieder in die Hauptstadt zur�ckzogen. Im  
Oktober 1992 wurde Monrovia abermals Schauplatz blutiger  
Auseinandersetzungen zwischen der NPFL und Einheiten der ECOWAS. Wieder  
waren die meisten Opfer Zivilisten, die zwischen die Fronten geraten  
waren. Mit Hilfe von Soldaten der nationalen Streitkr�fte, gelang es der  
ECOWAS schlie�lich, Monrovia zu halten und die �bergangsregierung wieder  
einzusetzen. Doch die Spannungen zwischen der NPFL und den ECOWAS- 
Einheiten blieben bestehen.

Nach dreieinhalb Jahren B�rgerkrieg wurde im Juni 1993 in Contonou, Benin,  
ein Friedensabkommen geschlossen. Unterzeichnet wurde es sowohl von der  
�bergangsregierung als auch von der NPFL und der ULIMO. In diesem Vertrag  
wurde ein Ende der Kampfhandlungen, die Entwaffnung aller Kriegsparteien  
sowie die Bildung einer neuen �bergangsregierung vereinbart. �berwacht  
werden sollte der Friedensproze� von der ECOWAS und von Truppen der  
Vereinten Nationen. Nicht im Abkommen enthalten waren Garantien f�r die  
Einhaltung der Menschenrechte in Liberia, was zu Kritik von amnesty  
international f�hrte. Die Menschenrechtsorganisation betonte, da� solche  
Garantien unabdingbar f�r einen dauerhaften Frieden in der Region sind.

Zwar wurden alle wichtigen Machtfaktoren Liberias in das Friedensabkommen  
einbezogen, doch steht der Wille zur Beendigung des Krieges offenbar nur  
auf dem Papier. L�ngst geht der Kampf mit unverminderter H�rte weiter. Der  
B�rgerkrieg ist mittlerweile ein Selbstl�ufer: Alle Beteiligten haben  
gro�e Probleme damit, den Gehorsam innerhalb der eigenen Reihen aufrecht  
zu erhalten. Die Soldaten, vornehmlich junge M�nner, sind ausgebildete  
K�mpfer und die meisten erhalten keinen oder nur einen minimalen Sold. Mit  
Erpressung, Raub und Pl�nderung sichern sie sich den Lebensunterhalt.

Sch�tzungen zufolge sind bei den Auseinandersetzungen seit 1989 mehr als  
150.000 Menschen ums Leben gekommen. Immer wieder gelangen Berichte �ber  
Vergewaltigungen, Folter und andere Verbrechen an die �ffentlichkeit.  
Mitarbeiter des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF)  
registrierten allein im Sommer 1995 mehr als 650 Vergewaltigungen in der  
K�stenstadt Buchanan.

Eine weitverbreitete Form der Folter wird "Tabey" genannt. Dabei werden  
den Opfern die Ellbogen hinter dem R�cken fest zusammengebunden. Die  
unnat�rliche Position verursacht extreme Schmerzen und f�hrt oft dazu, da�  
die Menschen jegliches Gef�hl in den Armen verlieren. Nicht selten leiden  
die Opfer noch lange danach unter den Folgen. Viele werden auch mit  
Schl�gen und Tritten attackiert. "Tabey" wird nicht nur in Liberia,  
sondern auch in Sierra Leone von allen beteiligten Kriegsparteien  
angewandt. Genauso verbreitet ist eine andere grausame Art der Folter: die  
Verst�mmelung. Vermeintlichen Kollaborateuren der gegnerischen Seite  
werden die Ohren oder H�nde abgeschnitten. Auch Verbrennungen mit Hilfe  
von gl�henden Macheten oder anderen Metallgegenst�nden wurden  
dokumentiert.

Z�: Verlagerung auf den Nachbarn

Der liberianische B�rgerkrieg hat sich l�ngst auf Sierra Leone  
ausgeweitet: Im M�rz 1991 drangen Truppen der liberianischen  
Rebellenbewegung NPFL in das n�rdliche Nachbarland ein und versuchten,  
zusammen mit Regimegegnern aus Sierra Leone, die Regierung von Pr�sident  
Joseph Saidu Momoh zu st�rzen. Sp�ter bildete sich aus den  
innenpolitischen Gegnern Momohs eine Gruppe heraus, die sich Vereinigte  
Revolution�re Front (RUF) nannte und als Ziel den Sturz des Pr�sidenten  
verfolgte. Auch nach der Formierung der RUF kamen Waffen und Nachschub  
meist aus Liberia.

Als Reaktion auf den Putschversuch verst�rkte die Regierung die Armee. Die  
Einheiten wurden vor allem mit Soldaten aus Guinea aufgestockt, aber auch  
Nigeria beteiligte sich an den Truppen. Dennoch wurde ein Jahr danach die  
Regierung von Pr�sident Momoh gest�rzt. Die Putschisten kamen aus den  
eigenen Reihen: Junge Offiziere von der Front, unterst�tzt von Soldaten in  
der Hauptstadt, setzten sowohl den Pr�sidenten als auch den Volkskongre�  
ab. Im Oktober 1991 rief die neue Milit�rregierung unter Hauptmann  
Valentine Strasser den Notstand aus. Die Notstandsgesetze erlauben den  
Milit�rs die Inhaftierung von Personen ohne Anklage oder  
Gerichtsverfahren.

Die Auseinandersetzungen in Sierra Leone endeten nach der Macht�bernahme  
Strassers nicht. Bis Ende 1993 gelang es dem Milit�r, die Gebiete im S�den  
und Osten des Landes wieder unter Kontrolle zu bringen. Die Regierung  
verk�ndete daraufhin eine einseitige vierw�chige Feuerpause und bot eine  
Amnestie f�r alle Rebellen an, die ihre Waffen niederlegten. Die RUF ging  
nicht darauf ein.

1994 nahmen die Angriffe der Aufst�ndischen wieder zu. Im Dezember trugen  
sie den Konflikt auch in die bis dahin ruhigen Gebiete im Norden und  
Westen des Landes. Besonders Zivilisten haben unter der Gewalt der  
Rebellen zu leiden. Junge M�nner und Frauen aus umliegenden D�rfern wurden  
von ihnen verschleppt. Augenzeugen berichten von Zwangsarbeit, Folter und  
Vergewaltigungen in Lagern der Rebellen.

Anl��lich des 34. Jahrestages der Unabh�ngigkeit Sierra Leones im April  
dieses Jahres erneuerte Strasser sein Angebot, die Waffen ruhen zu lassen.  
Wieder gingen die Rebellen nicht auf den Vorschlag ein. Ungeachtet der  
K�mpfe im Land verk�ndete Strasser, da� im November und Dezember 1995  
Wahlen abgehalten werden sollten. Zu diesem Zweck wurde eine Konferenz  
einberufen, die die R�ckkehr zu einer zivilen Regierung im Land  
vorbereiten sollte. Die RUF bem�hte sich weder f�r die Wahlen als  
kandidierende Partei eingetragen zu werden noch nahm sie die Einladung zur  
Konferenz an. Die dennoch im August abgehaltene Tagung, an der politische  
Parteien ebenso wie Frauengruppen und Gewerkschaften teilnahmen, empfahl  
angesichts der desolaten Lage, die Wahlen auf 1996 zu verschieben.

Nach offiziellen Sch�tzungen sind in Sierra Leone seit dem Ausbruch der  
K�mpfe 10.000 Menschen ums Leben gekommen. Die wirkliche Zahl d�rfte um  
einiges h�her liegen. Dabei wird es immer schwerer zu durchschauen, von  
welcher Seite die �bergriffe stammen. Regierungstruppen und Rebellen  
tragen die gleichen Milit�runiformen. Soldaten sind zu den Aufst�ndischen  
�bergelaufen oder arbeiten mit ihnen zusammen. Andere sehen den  
�bergriffen der RUF auf die Bev�lkerung tatenlos zu, auch wenn die  
Menschen sich ihrem Schutz anvertraut haben. Zivilisten berichteten, ein  
Soldat h�tte ihnen gesagt, da� er sich f�r 10.000 Leone - umgerechnet etwa  
25 Mark - und einen Sack Reis im Monat nicht "abknallen" lasse.

Angesichts der un�bersichtlichen Lage haben die Menschen in Sierra Leone  
den Begriff "sobel" f�r Soldaten-Rebell gepr�gt. Nicht ohne Grund: Im M�rz  
1994 zum Beispiel kamen etwa 80 B�rger Sierra Leones sowie ein irischer  
Priester und ein niederl�ndischer Arzt und seine Familie bei einem  
�berfall auf einen kleinen Ort im Osten des Landes ums Leben. Sie wurden  
erschossen, w�hrend sie versuchten, die Patienten eines Krankenhauses vor  
den K�mpfen in Sicherheit zu bringen. Obwohl der Anschlag von offizieller  
Seite den Rebellen angelastet wurde, behaupteten Zeugen des Vorfalls, da�  
einige der Opfer von Soldaten get�tet worden sind. Tats�chlich wurden  
einige Zeit sp�ter pers�nliche Gegenst�nde der ermordeten Ausl�nder im  
Haus eines Soldaten gefunden. Zwar wurden Ermittlungen eingeleitet, aber  
bis jetzt mu�te sich noch kein Soldat vor Gericht verantworten.

Die Regierung kommentierte �bergriffe aus den Reihen der Armee damit, da�  
sie nicht f�r jeden Soldaten b�rgen k�nne, da� aber 80 Prozent loyal  
seien. Dem Ungehorsam in der Truppe wird oftmals mit drakonischen Strafen  
- und neuen Menschenrechtsverletzungen - begegnet. Soldaten, die  
Verbrechen ver�bt haben, werden vor Gericht gestellt - oft ohne  
Verteidigung und ohne Einspruchsm�glichkeiten. Viele werden zum Tode  
verurteilt und hingerichtet.

Sehr viele Menschen sind vor dem Krieg gefl�chtet. Einer Sch�tzung der UNO  
zufolge befindet sich ein Drittel der vier Millionen Einwohner Sierra  
Leones auf der Flucht. Viele sind in die gro�en St�dte abgewandert. Andere  
haben Zuflucht in den Nachbarl�ndern gesucht. Doch nur wenn die  
Menschenrechte zumindest in ihren Grundz�gen gew�hrleistet werden, hat  
Westafrika eine Chance, die Auseinandersetzungen beizulegen. amnesty  
international hat vor einer weiteren Ausweitung der Gewalt auf andere  
Staaten gewarnt, sollte es nicht gelingen, den kriegerischen Handlungen  
und willk�rlichen �bergriffen auf die Zivilbev�lkerung schnellstens  
Einhalt zu gebieten.

Kerstin Zyber





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Aus: ai-Journal Dezember 1995
(c) amnesty international 1995

Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international.  Redak-
tion: Harald Gesterkamp (hgesterk@amnesty.cl.sub.de, Telefon 0228/
98373-46).

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