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1 total messages Started by Guido Gabriel Sun, 17 Dec 1995 00:00
ai/Journal: BRASILIEN Zeuge in Not
#28
Author: Guido Gabriel
Date: Sun, 17 Dec 1995 00:00
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amnesty international                                   AI-JOURNAL
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12/95 - Brasil.doc



BRASILIEN

Zeuge in Not

Wagner dos Santos war Zeuge des Candelaria-Massakers in Rio de Janeiro,  
bei dem im Juli 1993 acht Jugendliche erschossen wurden. Der Tag war der  
Beginn eines Lebens in Angst und Schrecken. Der Zeuge wurde bedroht,  
sp�ter sogar angeschossen, denn seine Aussage k�nnte die T�ter ins  
Gef�ngnis bringen.



Fast k�nnte man glauben, die Geschichte von Wagner dos Santos stamme aus  
einem zweitklassigen Kriminalroman. Doch in Wahrheit ist sein Leben seit  
dem Massaker lediglich ein Beispiel daf�r, wie Zeugen von  
Menschenrechtsverletzungen unter Druck gesetzt und Schritt f�r Schritt  
zerm�rbt werden.

23. Juli 1993: In der Morgend�mmerung er�ffnen bewaffnete M�nner das Feuer  
auf eine Gruppe von etwa 50 Stra�enkindern, die im Freien vor der  
Candel�ria-Kathedrale im Zentrum Rio de Janeiros �bernachtet haben. Acht  
Kinder und Jugendliche zwischen elf und 22 Jahren kommen bei dem Anschlag  
ums Leben. Selbst in Brasilien, wo jedes Jahr mehr als hundert  
Stra�enkinder ermordet werden, kein allt�gliches Ereignis.

Dank amnesty international und einer sofort gestarteten Eilaktion - Urgent  
Action - wird die Welt�ffentlichkeit aufmerksam. Doch f�r Wagner dos  
Santos, als Zeuge des Anschlags angeschossen und mit Schl�gen traktiert,  
beginnt ein Leidensweg, der zwar dokumentiert, aber nicht verhindert  
werden kann. Mit seiner Hilfe k�nnen vier mutma�liche T�ter identifiziert  
werden - drei von ihnen sind Polizeibeamte. Weil der 23j�hrige der einzige  
erwachsene Augenzeuge ist, soll sich die Anklage �berwiegend auf seine  
Aussage st�tzen. Doch die Ermittlungen ziehen sich hin; der Proze� wird  
erst im Sommer 1995 er�ffnet. Die vier Verd�chtigen befinden sich in  
Untersuchungshaft. Und Wagner dos Santos sieht sich in den Monaten  
zwischen der Tat und der Anklage st�ndiger Verfolgung ausgesetzt - aller  
Wahrscheinlichkeit durch Kollegen der inhaftierten Milit�rpolizisten.

9. Dezember 1994: Der nach den ersten Drohungen unter Polizeischutz  
stehende junge Zeuge lebt in einer "Casa de Testemunha", einem eigens dem  
Schutz von Zeugen dienenden Haus. Als er unbewacht in Rio de Janeiro  
unterwegs ist, wird er verschleppt. Noch in der selben Nacht findet man  
dos Santos bewu�tlos in der N�he des Hauptbahnhofs "Centro do Brasil". Er  
hat mehrere Schu�verletzungen und mu� im Krankenhaus auf der  
Intensivstation behandelt werden.

Wagner dos Santos �berlebt, beh�lt aber eine halbseitige L�hmung im  
Gesicht. Als er wieder zu Bewu�tsein gelangt, sagt er aus, mehrere  
Polizisten in Zivil h�tten ihm Handschellen angelegt und in die N�he des  
Bahnhofs gezerrt, wo sie auf ihn einschlugen und schossen. Dabei h�tten  
sie ihm deutlich gemacht, so Wagner dos Santos, da� dies ein Racheakt sei  
- daf�r, da� er Kollegen als T�ter des Massakers von 1993 identifiziert  
habe. Als sie von ihm ablie�en, nahmen sie vermutlich an, er sei tot.

Obwohl die brasilianischen Beh�rden zu diesem Zeitpunkt von ai-Mitgliedern  
aus aller Welt bereits nachdr�cklich aufgefordert waren, Zeugen des  
Massakers den erforderlichen Schutz zu gew�hren, zeigt der zweite  
Mordanschlag auf Wagner dos Santos, da� die ergriffenen Ma�nahmen nicht  
ausreichen. Sogar im Krankenhaus gehen die Einsch�chterungen weiter:  
Anonyme Anrufer drohen nach Angaben der Leitung des "Hospitals de  
Bombeiros", den Zeugen erneut zu entf�hren. Wagner dos Santos verbringt  
die folgenden Wochen deshalb in mehreren Krankenh�usern. Er wird von der  
�ffentlichkeit abgeschottet; das Leben kommt ihm vor "wie Einzelhaft",  
berichtet er seiner Rechtsanw�ltin. Auch in der "Casa de Testemunha" f�hlt  
er sich nicht mehr sicher.

Parallel dazu setzen die Verteidiger der Angeklagten den Hauptzeugen im  
Laufe des Sommers immer mehr unter Druck. Sie verlangen noch einmal die  
genaue Identifizierung ihrer Mandanten. Anonyme Anrufer drohen ihm immer  
wieder, da� seine Zeugenaussage schlimme Folgen f�r ihn haben werde und  
fordern ihn auf, die Aussage zur�ckzuziehen. Am 15. September h�lt er dem  
psychischen Druck nicht mehr statt: Er versucht, sich die Pulsadern  
aufzuschneiden, tr�gt aber nur leichte Verletzungen davon.

Vier Tage sp�ter teilt die Staatsanwaltschaft Wagner dos Santos mit, da�  
seine Verlegung in die Kommandozentrale der Milit�rpolizei von Rio de  
Janeiro unmittelbar bevorstehe. Dort sind unter anderem 14  
Milit�rpolizisten inhaftiert, die allesamt der ber�chtigten Todesschwadron  
"Cavalos Corredores" (Rennpferde) angeh�ren.

Die Nachricht versetzt Wagner dos Santos derma�en in Panik, da� er keinen  
anderen Ausweg mehr sieht als unterzutauchen. Aus Sicherheitsgr�nden und  
mit Unterst�tzung nichtstaatlicher Organisationen wechselt er mehrfach  
seinen Wohnsitz. Ende Oktober gehen bei amnesty international  
Informationen der brasilianischen Regierung ein, die best�tigen, da�  
Wagner dos Santos auf Anweisung des Pr�sidenten - dieser hatte sich in  
einer Fernsehansprache am 7. September f�r die Menschenrechte eingesetzt  
und Unterst�tzung f�r ein Programm zum Schutz von Zeuegen angek�ndigt -  
unter dem Schutz der Bundespolizei an einen geheimgehaltenen Ort gebracht  
wurde. Am 26. Oktober sagt dos Santos �berraschend vor Gericht aus: Anhand  
von Fotos identifiziert er weitere vier Milit�rpolizisten. Diese wurden  
bisher gar nicht mit dem Candel�ria-Massaker in Zusammenhang gebracht. Das  
Gericht erw�gt, Haftbefehle auch gegen sie zu erlassen.

Bei Redaktionsschlu� waren noch keine neuen Haftbefehle erlassen. Auch der  
Urteilsspruch gegen die vier Angeklagten des Candel�ria-Massakers ist noch  
nicht gef�llt worden.

Britta K�ufer





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Aus: ai-Journal Dezember 1995
(c) amnesty international 1995

Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international.  Redak-
tion: Harald Gesterkamp (hgesterk@amnesty.cl.sub.de, Telefon 0228/
98373-46).

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