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Started by Guido Gabriel
Sun, 17 Dec 1995 00:00
ai/Journal: BANGLADESCH Nur heisse Luft?
Author: Guido Gabriel
Date: Sun, 17 Dec 1995 00:00
Date: Sun, 17 Dec 1995 00:00
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------------------------------------------------------------------ amnesty international AI-JOURNAL ------------------------------------------------------------------ 12/95 - bangla.doc Bangladesch Nur hei�e Luft? Taslima Nasrin sei nie wirklich verfolgt gewesen und die Morddrohungen seien von einer unbekannten Schriftstellerin nur genutzt worden, um ber�hmt zu werden. Das behauptet seit einigen Monaten ein deutscher Journalist. Doch da� die Bedrohung besteht, ist unumstritten. So werden Schlagzeilen gemacht: Man nehme irgendeine Person, hebe sie auf Wolke Sieben, lasse einige Zeit verstreichen und rei�e dann das Podest unter lautem Krachen ein. Bricht der Autor zugleich ein Tabu - um so besser f�r die Auflage. Als "Tabu" galten in Deutschland lange Zeit Angriffe auf die von unterschiedlichen muslimischen Fatwas bedrohten Schriftsteller Salman Rushdie und Taslima Nasrin. In diesem Sommer tr�bten zun�chst die Tr�nen der Teheraner Demonstranten, die Rushdies "Satanische Verse" gelesen hatten, den Blick auf den eigentlichen Skandal. Danach war Taslima Nasrin an der Reihe: Verfolgung, Mordaufruf und schlie�lich die Flucht aus ihrem Heimatland seien ein "grandioser Schwindel" - g�nstige "Startbedingungen" f�r eine "M�rtyrerkarriere". Der Journalist Burkard M�ller-Ullrich sorgte mit solchen Bewertungen zun�chst in der Badischen Zeitung (24. August) und sp�ter in der S�ddeutschen Zeitung (23. September) f�r Schlagzeilen, die auch in anderen Medien Wellen schlugen. Auch amnesty international erw�hnt er an mehreren Stellen. War der Einsatz der Menschenrechtsorganisation im Fr�hjahr 1994 f�r Taslima Nasrin eine, wie M�ller-Ullrich unterstellt, "�bung am falschen Objekt"? So kann nur ein Autor fragen, der von einem sehr kurzen Ged�chtnis seiner Leserinnen und Leser �berzeugt ist. Im Sommer 1994, als Taslima Nasrin untergetaucht war - oder, wie M�ller-Ullrich es nennt, "das Appartement gewechselt hatte" - zogen beinahe t�glich Zehntausende durch Dhaka und forderten ihre Hinrichtung. Schon vorher hatte ein radikaler muslimischer Geistlicher eine Pr�mie auf den Kopf von Taslima Nasrin ausgesetzt. Statt den Mordaufruf zu verfolgen, wie es auch in Bangladesch das Gesetz vorschreibt, klagten die Beh�rden die Schriftstellerin an - wegen Blasphemie. Zuvor hatte sich die Regierung erst auf Druck von amnesty international und nach anderen Protesten bereiterkl�rt, zumindest zwei Polizisten zum Schutz von Taslima Nasrin abzustellen. Nach Ansicht M�ller-Ullrichs h�tte es die Schriftstellerin wohl "darauf ankommen" lassen sollen, ob die aufgehetzten Fanatiker ihre Drohung ernst meinen. Diese Art von Zynismus ist vorsorglicher und verantwortlicher Menschenrechtsarbeit ganz und gar fremd. Seine Artikel verschweigen im �brigen wichtige Informationen (etwa zur Lage der Frauen und zu �bergriffen auf Entwicklungshilfeeinrichtungen in Bangladesch) und enthalten sachliche Fehler (beispielsweise die Demokratien in S�dasien betreffend). Auch amnesty international ger�t in ein schiefes Licht. So nimmt der Autor die Tatsache, da� ai den von Taslima Nasrin in ihrem Buch "Lajja" aufgef�hrten "Untatenkatalog" �ber muslimische �bergriffe auf Hindus in Bangladesch nicht "beglaubigt" hat, schon als Beweis, da� die �bergriffe �berhaupt nicht stattgefunden haben. Dabei ist es nicht die Aufgabe von amnesty international, die Zerst�rung jeder einzelnen G�tterstatue durch aufgebrachte Muslime zu dokumentieren. M�ller-Ullrich unterstellt den Verteidigern der Schriftstellerin zudem, sie zeichneten von Bangladesch das Bild eines "Terrorstaates". Diese Vorw�rfe treffen auf ai sicherlich nicht zu; zudem lenken vom eigentlichen Problem ab. Taslima Nasrin war bedroht. Dies festzustellen und sich f�r ihren Schutz einzusetzen ist etwas anderes als zu behaupten, da� Bangladesch "nur von Finsterm�nnern" regiert w�rde. Offenbar geht M�ller- Ullrich davon aus, da� der Einsatz f�r Menschenrechte nur in Diktaturen legitim sei. Doch soll amnesty international die Verfolgten in den Staaten, die in der - nicht existierenden, weil sinnlosen - "Menschenrechts-Hitparade" nicht ganz oben stehen, vergessen? amnesty international setzt sich f�r jeden Verfolgten ein, unabh�ngig davon, wo er lebt und wer dort regiert. F�r das einzelne Opfer ist es unwesentlich, ob er oder sie allein von Menschenrechtsverletzungen betroffen ist oder ob es Tausende im Land gibt, die sich in �hnlichen Situationen befinden. Bernhard Hertlein Der Autor ist Sprecher der Bangladesch-Kogruppe von amnesty international. ------------------------------------------------------------------ Aus: ai-Journal Dezember 1995 (c) amnesty international 1995 Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international. Redak- tion: Harald Gesterkamp (hgesterk@amnesty.cl.sub.de, Telefon 0228/ 98373-46). amnesty international, Sektion der Bundesrepublik Deutschland e.V. Nationales Sekretariat, 53108 Bonn (Heerstrasse 178, 53111 Bonn) Telefon (02 28) 9 83 73-0, Telefax (02 28) 63 00 36 - Spendenkonto 80 90 100 bei allen Banken, Sparkassen sowie dem Postgiroamt Koeln ------------------------------------------------------------------ ai-de@amnesty.cl.sub.de
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