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1 total messages Started by Guido Gabriel Wed, 10 Jan 1996 00:00
ai/Journal: MENSCHENRECHTLER Interview mit Fernando Gomes
#36
Author: Guido Gabriel
Date: Wed, 10 Jan 1996 00:00
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amnesty international                                   AI-JOURNAL
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01/95 - mensch2.doc



"In jedes Dorf, in jede H�tte"

Die Menschenrechtsliga von Guinea-Bissau hat 4000 Mitglieder. Fernando  
Gomes, der Vorsitzende der Gruppe, klagt aber �ber offene und verdeckte  
Repressionen.



Menschenrechtsarbeit in Guinea-Bissau ist kein Zuckerschlecken. Die  
fr�here portugiesische Kolonie in Westafrika ist ein kleines Land, die  
Demokratie ist noch jung, fast alle Institutionen werden von der Regierung  
kontrolliert. Fernando Gomes und seine Mitstreiter aus der  
Menschenrechtsliga von Guinea-Bissau arbeiten unter widrigen Umst�nden,  
aber mit viel Engagement und gro�em Erfolg.

"Der Wille und der Mut sind da", erkl�rt Gomes, der seit dem Gr�ndungsjahr  
der Liga 1991 auch ihr Vorsitzender ist. �ber 4000 Mitglieder hat die  
Vereinigung mittlerweile und ist damit die gr��te  
Nichtregierungsorganisation des Landes. F�r viele Guineer hat die Liga  
sich zur ersten Anlaufstelle f�r alle m�glichen Fragen entwickelt - vor  
allem, weil staatliche Stellen sich in der Menschenrechtspolitik vor allem  
durch Schweigen hervortun.

In den knapp f�nf Jahren seit ihrer Gr�ndung hat die Menschenrechtsliga  
viel erreicht. Schon fr�h hatten sich die Mitglieder auf den Einsatz gegen  
die Todesstrafe konzentriert. Mit Erfolg: Ein ausf�hrliches Memorandum zur  
Abschaffung der Todesstrafe und 18 Monate intensiver Aufkl�rungsarbeit der  
Menschenrechtler f�hrten dazu, da� das Parlament als eines der ersten in  
Afrika im Jahre 1993 die Todesstrafe abschaffte. Dieser Erfolg spornte an,  
und die Arbeitsfelder der Organisation nahmen st�ndig zu. Mittlerweile hat  
die Menschenrechtsliga von Guinea-Bissau alle zw�lf Gef�ngnisse des Landes  
besucht und mit Gefangenen �ber ihre Haftbedingungen gesprochen. Neben den  
Recherchen und Publikationen �ber Menschenrechtsverletzungen stehen die  
�ffentliche Kritik an einzelnen �bergriffen, Beratungst�tigkeiten und  
juristische Unterst�tzung sowie Projekte zur Menschenrechtserziehung im  
Mittelpunkt der Arbeit. Die Liga verlegt eine Menschenrechtszeitung und  
produziert zweimal pro Woche eine Radiosendung zur  
Menschenrechtserziehung. "Jeder Guineer soll seine seine Rechte kennen,",  
fa�t Gomes die Anliegen seiner Organisation zusammen.

Die Voraussetzungen daf�r sind allerdings nur auf den ersten Blick gut.  
4000 Mitglieder bei etwa einer Million Einwohner sind zwar eine  
hervorragende Voraussetzung f�r eine fl�chendeckende und erfolgreiche  
Menschenrechtsarbeit, doch mit zunehmender Bedeutung der Gruppe nehmen  
auch die Repressionen gegen die Liga zu. Weniger Verbote oder offene  
Behinderungen als Einsch�chterungen und vor allem b�rokratische  
Hindernisse stehen einer effizienteren Arbeit entgegen. Die Radiobeitr�ge  
im staatlichen Rundfunk etwa k�nnen nicht kostenlos ausgestrahlt werden,  
sondern m�ssen wie Anzeigen teuer bezahlt werden. Allein im vergangenen  
Jahr stiegen die Kosten auf das Dreifache. Auch vermeintlich einfache  
Dinge, wie der Druck der Vereinszeitung ist kompliziert: In Guinea-Bissau  
gibt es nur eine Druckerei - und die geh�rt dem Staat. So m�ssen sich die  
Menschenrechtler gewissen Zensurw�nschen beugen, wenn sie ihre Zeitung  
�berhaupt gedruckt sehen wollen. Zu regierungskritisch d�rfen die Artikel  
nicht sein. Wenn sie gar den Pr�sidenten namentlich angreifen, m�ssen sie  
schon einmal aus dem Blatt genommen werden. Um diesen Zustand zu beenden,  
erw�gt man auf fr�here Produktionsbedingungen zur�ckzugreifen: Statt  
ordentlich gedruckter Zeitungen, w�rden dann wieder fotokopierte  
Flugschriften verbreitet - in schlechterer Qualit�t, aber unzensiert. Doch  
die Anschaffung eines guten Kopierers ist in einem armen Land wie Guinea- 
Bissau nicht einfach.

"Die jetzige Regierung ist von allen bisherigen vielleicht die  
Schlechteste bisher," klagt Fernando Gomes. Zwar h�tten die �berf�lle und  
Mordanschl�ge weitgehend aufgeh�rt, doch die b�rokratischen Hindernisse  
n�hmen st�ndig zu. Auf Gomes ist vor etwa einem Jahr auch ein Anschlag  
ver�bt worden. Die T�ter sind bis heute nicht ermittelt. Doch solche  
Vorf�lle k�nnen die Menschenrechtler in ihrem Engagement nicht mehr  
bremsen: Mit dem Entwurf f�r ein Jugendschutzgesetz haben sie das  
Parlament aufgefordert, ein juristisches Defizit in Guinea-Bissau zu  
beheben. Ein Forschungsprojekt zur Klitorisbeschneidung soll die Regierung  
unter Druck setzen, diese vor allem an jungen M�dchen vollzogene und  
�beraus schmerzhafte Praxis zu verbieten. Geplant ist au�erdem eine  
Konferenz zu Frauenrechten. Ebenso wird eine breit angelegte Kampagne zur  
Menschenrechtserziehung vorbereitet. "Mit ihr wollen wir jede Region,  
jedes Dorf, jede H�tte unseres Landes erreichen", hat Gomes gro�e Ziele.

"Weniger Behinderungen und mehr finanzielle M�glichkeiten", lauten seine  
beiden W�nsche. In der Tat sind die Finanzen ein gro�es Problem.  
Angesichts steigender Kosten steht die Liga schon bald vor dem Problem,  
da� sie ihre Radiobeitr�ge wird einstellen m�ssen. Zwar erhebt die  
Organisation von ihren Mitgliedern einen - eher symbolischen -Beitrag,  
doch das meiste Geld kommt aus Schweden und den Niederlanden. Und das  
reicht bei st�ndig steigenden Kosten bald nur noch f�r das N�tigste.

Harald Gesterkamp





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Aus: ai-Journal Januar 1996
(c) amnesty international 1995

Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international.  Redak-
tion: Harald Gesterkamp (hgesterk@amnesty.cl.sub.de, Telefon 0228/
98373-46).

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