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1 total messages Started by Guido Gabriel Wed, 10 Jan 1996 00:00
ai/Journal: MYKONOS-Prozess
#38
Author: Guido Gabriel
Date: Wed, 10 Jan 1996 00:00
164 lines
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amnesty international                                   AI-JOURNAL
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01/96 - mykonos.doc



IRAN / DEUTSCHLAND

"Sie haben am Telefon gelacht"

In Berlin geht der "Mykonos"-Proze� seinem Ende zu. Im September 1992  
wurden vier iranischen Oppositionelle in einem Restaurant ermordet -  
wahrscheinlich im Auftrag des iranischen Geheimdienstes. In einem Gespr�ch  
zieht Schohreh Baddii, Witwe des erschossenen Nurullah Mohamadpor- 
Dehkorde, eine vorl�ufige Bilanz des Prozesses.



ai-Journal: Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich auf diesen Proze�  
einlassen konnten?

Schohreh Baddii: Die ersten acht, neun Monate war ich nicht ansprechbar.  
Aber eine Freundin hat schon einen Tag nach dem Mord an meinem Mann den  
Anwalt Wolfgang Wieland f�r mich eingeschaltet. Es hat mehr als ein Jahr  
gedauert, bis der Proze� dann am 28. Oktober 1993 er�ffnet wurde. Das tat  
mir seelisch gut, ich habe ein wenig Kraft gesch�pft. Ich habe gemerkt,  
da� es mir immer besser ging, je n�her der Gerichtstermin r�ckte. Ich habe  
intensiv an den Verhandlungen teilgenommen, jeden Donnerstag und Freitag  
war ich im Gerichtssaal, an manchen Verhandlungstagen von morgens bis  
abends.

Gab es Drohungen gegen Ihren Mann vor dem Attentat?

Schohreh Baddii: Die waren klug genug, nie direkte Drohungen  
auszusprechen. Aber aufgrund der zahlreichen Anschl�ge gegen iranische  
Oppositionelle im Ausland waren wir nat�rlich sehr vorsichtig. Wir haben  
uns die Post immer sehr genau angesehen und haben unserer Tochter  
verboten, alleine an den Briefkasten zu gehen. Wir haben mit der Gefahr  
gelebt, aber Nuri hat nicht damit gerechnet, �ffentlich und auf so brutale  
Weise mitten in Deutschland umgebracht zu werden. Ich wurde in den Monaten  
zuvor von Angstgef�hlen immer wieder �berfallen, als h�tte ich es geahnt.  
In dem Fl�chtlingsheim, in dem er arbeitete, konnte jeder ein und aus  
gehen. Ich konnte ihn nicht �berreden, da� die Besucher an der Pforte  
kontrolliert wurden. Als Sozialarbeiter wollte er sich von den  
Fl�chtlingen nicht abgrenzen. Ich kann mich verstecken, sagte er immer,  
aber der iranische Geheimdienst wird mich sowieso finden, wenn er will.

Gingen die Drohungen gegen Sie als Nebenkl�gerin w�hrend der Verhandlungen  
weiter?

Schohreh Baddii: Nach dem Attentat waren die Herrschaften aus dem Iran so  
schamlos, monatelang bei mir anzurufen und mich zu bel�stigen, um zu  
zeigen, da� sie wu�ten, wo ich wohne. Auch andere Zeugen haben sie  
schikaniert. Zwei Tage nach dem Mord gaben sie sich am Telefon als  
Bekannte aus und fragten, ob Nuri wirklich tot ist. Ein anderes Mal  
klingelte mitten in der Nacht das Telefon und am anderen Ende war nur  
Gel�chter zu h�ren. Ich war gezwungen, eine Geheimnummer zu beantragen.

Ich wu�te, da� es f�r mich auch nicht ganz ungef�hrlich ist, aber ich  
wollte, da� es zu einer Verurteilung kommt - nicht nur der Angeklagten,  
sondern auch des iranischen Regimes. Die Entscheidung f�r diesen Weg fiel  
mir besonders f�r meine junge Tochter nicht  leicht. Ich brauchte dann  
auch einige Monate, neben dem Schmerz auch mit dem Gef�hl der hautnahen  
Bedrohung zu leben. Einerseits st�ndig der Gedanke, da� der Gerichtssaal  
in die Luft fliegen k�nnte. Andererseits will ich mit meiner Tochter  
weiter ein normales Leben f�hren und gesellschaftlich aktiv bleiben.

Wie beurteilen Sie den bisherigen Proze�verlauf?

Schohreh Baddii: Er hat mich viel Zeit und Kraft gekostet. Dennoch habe  
ich das Gef�hl gehabt, da� sowohl der Vorsitzende Richter als auch der  
Staatsanwalt ihr Bestes tun, um den Ablauf des Mordes und die Hinterm�nner  
ans Licht der �ffentlichkeit zu holen - ohne R�cksichten zu nehmen. In der  
Anklageschrift ist der Iran klar als verantwortlich benannt. Ich hatte das  
Gef�hl, da� die Richter auch menschlich davon betroffen waren, da� mitten  
in Deutschland so ein politisches Verbrechen m�glich ist. Man konnte ihnen  
die Emp�rung oft ansehen.

Aber es gab auch das skandal�se Treffen zwischen dem iranischen  
Geheimdienstchef Fallahian und dem Geheimdienstkoordinator der  
Bundesregierung Schmidbauer vor zwei Jahren. Und es gab die unzureichenden  
Sicherheitsma�nahmen f�r die iranischen Oppositionellen beim Treffen der  
Sozialistischen Internationalen, obwohl es genug Warnungen gab. Ich bin  
der festen �berzeugung, da� es auf seiten der Berliner Beh�rden  
Vers�umnisse gab. Da gebe ich mich mit den bisherigen Erkl�rungen des  
Innensenators nicht zufrieden.

Es verbittert mich auch, da� die tats�chliche Beteiligung des iranischen  
Regimes, des Angeklagten Darabi und der anderen nur scheibchenweise  
herauskommt. Der Verfassungsschutz sagt nicht alles, was er �ber die  
Verstrickung der iranischen Regierung wei�. Ich berate mich oft mit meinen  
Anw�lten, was wir machen k�nnen, damit die endlich auspacken. Das w�rde  
zwar wahrscheinlich zum Abbruch der Beziehungen zwischen Iran und  
Deutschland f�hren. Aber wir Angeh�rige erwarten, da� die Informationen,  
die die Bundesregierung �ber die Beteiligung des Iran an dem Anschlag  
besitzt, ohne solche R�cksichtnahmen bekanntgegeben werden.  Immerhin ist  
dieser Proze� der erste nach einem Mordanschlag auf iranische  
Oppositionelle im Ausland. Und die iranischen Beh�rden haben verstanden:  
Diesmal ist es wirklich ernst, jetzt kommen sie nicht so billig davon.

Welchen Proze�ausgang erwarten Sie?

Schohreh Baddii: Ich habe das Gef�hl, da� auch dem Gericht nach  
zweieinhalb Jahren und 174 Sitzungen und der langen Beweisaufnahme klar  
ist, da� das iranische Regime hinter dem Anschlag steckt. Zumal die  
Angeklagten kaum etwas zu ihrer Entlastung vorbringen konnten. Hier steht  
schlie�lich auch die Glaubw�rdigkeit der deutschen Justiz auf dem Spiel.  
Und ich vermute nicht, da� das Gericht bereit ist, diplomatische  
R�cksichten zu nehmen. Nur: Der Bundesregierung steht es nat�rlich frei,  
auch nach einer Verurteilung der T�ter und der iranischen Regierung weiter  
seine Beziehungen zu Teheran zu pflegen. Ich f�rchte, da� der dann  
bewiesene Mord an vier Menschen in Berlin an diesem ganz guten Verh�ltnis  
nichts �ndern wird.

Welche Auswirkungen hat dieser Mordanschlag auf die hier lebenden Iraner  
gehabt?

Schohreh Baddii: Die Auswirkungen waren gro�. Viele haben sich aus Angst  
zur�ckgezogen, haben politische Aktivit�ten eingestellt, einige politische  
Pers�nlichkeiten und Parteien appellieren gar daf�r, in den Iran  
zur�ckzugehen. Das ist sehr traurig. Aber f�r einen Teil der Opposition  
war dieses Attentat das Ende aller Illusionen: Mit diesem Regime darf es  
keinen Dialog geben, auch keinen "kritischen", es mu� weltweit isoliert  
werden. Ich w�nsche mir, da� die Bundesregierung alle wirtschaftlichen und  
politischen Kontakte mit dem Iran abbricht.

Sehen Sie und Ihre Freunde dennoch Anzeichen f�r einen politischen Wandel  
im Iran?

Schohreh Baddii: Die Hoffnung bleibt bestehen. Die Demonstrationen der  
vergangenen Zeit gegen die wirtschaftlichen Bedingungen haben gezeigt, da�  
die Iraner an einem Punkt angekommen sind, an dem sie eine Ver�nderung der  
Verh�ltnissen ohne Furcht fordern. Die Menschen ertragen dieses Regime  
politisch, wirtschaftlich und kulturell nicht mehr. Die Opposition ist  
immer noch gespalten, aber es w�chst die Einsicht, da� man nur gemeinsam  
gegen das Regime vorgehen kann, etwa im Nationalen Widerstandsrat, auch  
wenn man in vielen Dingen unterschiedlicher Meinung ist.

Interview: Gunnar K�hne





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Aus: ai-Journal Januar 1996
(c) amnesty international 1995

Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international.  Redak-
tion: Harald Gesterkamp (hgesterk@amnesty.cl.sub.de, Telefon 0228/
98373-46).

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