🚀 go-pugleaf

RetroBBS NetNews Server

Inspired by RockSolid Light RIP Retro Guy

1 total messages Started by Guido Gabriel Wed, 10 Jan 1996 00:00
ai/Journal: MYKONOS-Prozess (Hintergrund)
#39
Author: Guido Gabriel
Date: Wed, 10 Jan 1996 00:00
101 lines
6477 bytes
------------------------------------------------------------------
amnesty international                                   AI-JOURNAL
------------------------------------------------------------------


mykonos2.doc



KASTENTEXT

"Dahinter steht ein souver�ner Staat"

Berlin, 17. September 1992. Im Restaurant "Mykonos" in Berlin werden vier  
Oppositionspolitiker aus dem Iran am Rande der Tagung der Sozialistischen  
Internationalen (SI) von einem Killerkommando erschossen. Drei der Opfer  
waren Mitglieder der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK-I) im Iran,  
darunter der Generalsekret�r Sadegh Sharafkandi, die sich zur Tagung der  
"Sozialistischen Internationale" in der Stadt aufhielten.

Das vierte Opfer war der - mit dreij�hriger Unterbrechung - seit 1968 in  
Berlin lebende Exiliraner Nurullah (Nuri) Dehkorde (46). Selbst  
politischer Fl�chtling, war Dehkorde seit langem als Sozialarbeiter in der  
Fl�chtlingsarbeit aktiv. Nicht nur dort, auch in iranischen Exilkreisen  
war Nuri sehr beliebt. Er geno� das Vertrauen vieler Menschen und strahlte  
Fr�hlichkeit und Zuversicht aus. Seit seinem sechzehnten Lebensjahr war  
Dehkorde politisch aktiv. Auf seiner Flucht vor der Khomeini-Regierung  
verbrachte Nuri zwei Jahre in den kurdischen Gebieten. Dort lernte er die  
sp�ter mit ihm get�teten Politiker der DPK-I kennen. Fortan war er f�r die  
iranischen Kurden ein Freund und Mitstreiter f�r die kurdische Sache. Die  
M�rder nahmen Schohreh Baddii den Mann und der zw�lfj�hrigen Sara ihren  
Vater.

Als mutma�licher Auftraggeber steht der iranische Geheimagent Kazem Darabi  
gemeinsam mit vier Libanesen vor dem Berliner Kammergericht. Wer jedoch  
behaupte, die Teheraner Regierung habe etwas mit dem Mord an vier  
iranischen Oppositionellen in Berlin im September 1992 zu tun, sollte  
"sich sch�men", ereiferte sich der iranische Staatspr�sident Rafsanjani in  
einem Zeitungsinterview. Eine "gro�e L�ge" und Ergebnis "negativer  
westlicher Propaganda" sei es auch zu behaupten, der Iran habe versucht,  
auf die Bundesregierung Druck auszu�ben, um eine Einstellung des  
Gerichtsverfahrens zu erreichen.

Die Bundesanwaltschaft sieht das anders. Sie ermittelt gegen den  
iranischen Sicherheitsminister Ali Fallahian, Leiter des iranischen  
Geheimdienstes "VEVAK", wegen Mordes. Die Beweisaufnahme im "Mykonos"- 
Proze� habe "die Vermutung erh�rtet, da� der Anschlag  
nachrichtendienstlich gesteuert war", sagte ein Sprecher der Karlsruher  
Beh�rde. Als Schaltzentralen f�r diese �bergriffe werden in einem internen  
Papier des Bundeskriminalamtes (BKA) die diplomatischen Vertretungen des  
Landes genannt: "Hinter ... diesen Straftaten steht ein souver�ner Staat  
mit der Gesamtheit seiner logistischen M�glichkeiten. So machen z.B. die  
Nutzung von Auslandsvertretungen und die M�glichkeit des Mi�brauchs  
diplomatischer Immunit�t die Ergreifung der T�ter nahezu unm�glich."  Auch  
in einem Vermerk des Verfassungsschutzes, der im Berliner Kammergericht  
verlesen worden war, hei�t es zu den Aktivit�ten der iranischen Botschaft  
in Bonn: "Beobachtung und Aufkl�rung von Versammlungen und  
Veranstaltungen,... Demonstrationen..., Lebensumst�nden einzelner  
Oppositioneller."

Die Morde in Berlin stehen nicht allein da: Seit 1992 wurden auch in der  
T�rkei eine Reihe von iranischen Dissidenten get�tet; sie alle geh�rten  
der Kurdischen Demokratischen Partei Irans an: Taha Kermanj, Mohammed  
Ghaderi und Bahram Azadifar. Auch die kurdischen Exilpolitiker Ghafour  
Hamzei und Abu-Bakir (Kamran) Hedayati kamen ums Leben, der erstere in  
Bagdad, der letztere im schwedischen Exil. Ein namentlich nicht genannter  
Anh�nger von Ali Shariati, Fl�chtling in Schweden, wurde 1994 entf�hrt,  
konnte aber fliehen. Nach wie vor bedroht sind auch der Schriftsteller  
Salman Rushdie sowie diejenigen Personen, die mit der �bersetzung und  
Verlegung seines Buches "Die Satanischen Verse" befa�t sind.

In Berlin hat sich ein Untersuchungsausschu� des Abgeordnetenhauses mit  
den Sicherheitsma�nahmen w�hrend der Konferenz der Sozialistischen  
Internationalen befa�t. In seinem Abschlu�bericht kommt der Ausschu� zu  
dem Ergebnis, da� konkreten Hinweisen f�r einen Anschlag nicht  
nachgegangen worden ist. So sei der sp�tere Attent�ter Kazem Darabi,  
dessen Verbindungen zum iranischen Geheimdienst und zur militanten Gruppe  
Hisballah bekannt waren, w�hrend der SI-Tagung v�llig unbeobachtet  
geblieben.

guk



------------------------------------------------------------------
Aus: ai-Journal Januar 1996
(c) amnesty international 1995

Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international.  Redak-
tion: Harald Gesterkamp (hgesterk@amnesty.cl.sub.de, Telefon 0228/
98373-46).

amnesty international, Sektion der Bundesrepublik Deutschland e.V.
Nationales Sekretariat, 53108 Bonn  (Heerstrasse 178,  53111 Bonn)
Telefon (02 28) 9 83 73-0, Telefax (02 28) 63 00 36 - Spendenkonto
80 90 100 bei allen Banken, Sparkassen sowie dem Postgiroamt Koeln
------------------------------------------------------------------

ai-de@amnesty.cl.sub.de

- 2 -
Thread Navigation

This is a paginated view of messages in the thread with full content displayed inline.

Messages are displayed in chronological order, with the original post highlighted in green.

Use pagination controls to navigate through all messages in large threads.

Back to All Threads