🚀 go-pugleaf

RetroBBS NetNews Server

Inspired by RockSolid Light RIP Retro Guy

1 total messages Started by Guido Gabriel Fri, 01 Dec 1995 00:00
ai/Journal: BOSNIEN-HERZEGOWINA Die Vermissten von Srebrenica
#9
Author: Guido Gabriel
Date: Fri, 01 Dec 1995 00:00
90 lines
5838 bytes
------------------------------------------------------------------
amnesty international                                   AI-JOURNAL
------------------------------------------------------------------


11/95 - jugo3.doc



Die Vermi�ten von Srebrenica

Das Wort "Schutzzone" t�uschte eine Sicherheit vor, die es nicht gab. Im  
Juli dieses Jahres griff die bosnisch-serbische Armee die im Osten Bosnien- 
Herzegowinas gelegenen muslimischen Enklaven Srebrenica und Zepa an. Nach  
wenigen Tagen war die Schlacht entschieden: etwa 40.000 Menschen allein in  
Srebrenica waren heimatlos geworden und begaben sich auf die Flucht,  
wurden evakuiert oder festgenommen - letzteres vor allem die M�nner im  
"wehrf�higen Alter". Bis heute ist der Verbleib von circa 4000 M�nnern  
zwischen 13 und 77 Jahren ungekl�rt. Es gibt deutliche Hinweise darauf,  
da� es zu Entf�hrungen und Ermordungen gekommen ist.

Rund 15.000 Bewohner der Enklave versuchten, durch die W�lder in bosnisch  
kontrolliertes Gebiet bei Tuzla zu fl�chten. Auf ihrem Weg dorthin wurden  
sie von serbischen Truppen attackiert. Zeugen, mit denen Mitarbeiter von  
amnesty international wenige Tage nach dem Fall Srebrenicas sprechen  
konnten, berichteten, da� M�nner, die sich den serbischen Truppen ergaben,  
weggebracht oder erschossen wurden. Es gibt auch Hinweise darauf, da�  
Massenhinrichtungen stattgefunden haben. Ein Augenzeuge sch�tzt, da� rund  
3000 M�nner auf der Flucht von serbischen Truppen aufgegriffen worden  
sind. Sie sind bis heute nicht wieder aufgetaucht.

Die im Ort verbliebenen Menschen zogen sich mit den Soldaten der UNPROFOR  
in eine stillgelegte Batteriefabrik nach Potoaari, f�nf Kilometer n�rdlich  
von Srebrenica, zur�ck. Die Interviews, die ai-Mitarbeiter mit fr�heren  
Bewohnern Srebrenicas f�hrten, lassen kaum Zweifel zu, da� es zu  
Mi�handlungen, Ermordungen und Vergewaltigungen durch die serbischen  
Eroberer gekommen ist. Die meisten der Fl�chtlinge von Potoaari wurden  
sp�ter unter der Kontrolle des Roten Kreuzes nach Tuzla evakuiert. In  
Tuzla soll es zu Racheaktionen gegen in der Region verbliebene Serben  
gekommen sein.

Beim Fall der kleineren "Schutzzone" Zepa sind ebenfalls M�nner aus Bussen  
geholt und festgehalten worden. ai liegen aber deutlich weniger Berichte  
�ber �bergriffe und Pl�nderungen aus Zepa als aus Srebrenica vor.

Srebrenica war seit 1992 von Truppen der bosnischen Serben belagert  
worden. Im April 1993 hatte der UNO-Sicherheitsrat die Enklave zur UNO- 
Schutzzone erkl�rt und einige Einheiten der Schutztruppe UNPROFOR  
stationiert, die die Sicherheit der Bewohner gew�hrleisten und den  
Waffenstillstand �berwachen sollten. Zwei Jahre lang blieb es bei  
kleineren milit�rischen Auseinandersetzung, bis serbische Befehlshaber am  
8. Juli die Offensive anordneten. Drei Tage sp�ter fiel die Enklave in die  
H�nde der Angreifer.

Recherchen der Berliner "tageszeitung" zufolge haben Milit�r und  
Geheimdienst der USA schon vor den Angriffen auf Srebrenica von der  
bevorstehenden Offensive gewu�t. Das Blatt zitiert Abh�rprotokolle von  
Gespr�chen zwischen dem serbischen Oberbefehlshaber Pericic aus Belgrad  
und dem milit�rischen Chef der bosnischen Serben, Mladic, in denen der  
Angriff auf die UNO-Schutzzone geplant worden sei. Auch h�tten US- 
Aufkl�rungsflugzeuge schon Wochen vor dem Angriff mit Luftausnahmen  
dokumentiert, da� die Serben ihre Truppen um Srebrenica zusammenzogen.  
Sp�tere Aufnahmen, die ebenfalls zur�ckgehalten w�rden, sollen  
Erschie�ungen zeigen. Washington habe weder die UNO noch die NATO- 
Verb�ndeten �ber ihre Erkenntnisse informiert - nach Einsch�tzung der  
"taz" habe man den Fall Srebrenicas genauso wie die Vertreibung der Serben  
aus der Krajina in Kauf genommen, um die eigene Friedensinitiative f�r  
Bosnien-Herzegowina nicht zu gef�hrden.

hg



------------------------------------------------------------------
Aus: ai-Journal November 1995
(c) amnesty international 1995

Verbreitung nur mit Genehmigung von amnesty international.  Redak-
tion: Harald Gesterkamp (hgesterk@amnesty.cl.sub.de, Telefon 0228/
98373-46).

amnesty international, Sektion der Bundesrepublik Deutschland e.V.
Nationales Sekretariat, 53108 Bonn  (Heerstrasse 178,  53111 Bonn)
Telefon (02 28) 9 83 73-0, Telefax (02 28) 63 00 36 - Spendenkonto
80 90 100 bei allen Banken, Sparkassen sowie dem Postgiroamt Koeln
------------------------------------------------------------------

ai-de@amnesty.cl.sub.de

- 1 -
Thread Navigation

This is a paginated view of messages in the thread with full content displayed inline.

Messages are displayed in chronological order, with the original post highlighted in green.

Use pagination controls to navigate through all messages in large threads.

Back to All Threads