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1 total messages Started by Markus Kolbeck Wed, 07 Feb 1996 00:00
compuserve und zensur
#24
Author: Markus Kolbeck
Date: Wed, 07 Feb 1996 00:00
49 lines
3863 bytes
Ein Artikel aus der CHIP 2/96, Seite 50
Autor: Uwe Kauss

*Nicht nur sauber, sondern rein*

Da steht eines Morgens der Staatsanwalt samt Fahndern und  
Durchsuchungsbefehl vor der Tuer von Compuserve und begehrt Einlass. Der  
Grund: Verdacht auf Verbreitung von Kinderpornographie.  
Selbstverstaendlich zeigt sich Compuserve schadensbegrenzend kooperativ  
und laesst von der Zentrale in Ohio aus etwa 200 Internet-Newsgroups  
sperren, die sich im weitesten Sinne mit Sex beschaeftigen. Laut einer  
Mitteilung des Online-Dienstes hat die Muenchener Staatsanwaltschaft die  
Gruppen hoechstselbst ausgesucht. Unter den gesperrten Foren sind viele  
Newsgruppen von Schwulen und Lesben; andere haben Sex und Politik oder  
Behinderte zum Thema - ganz nach dem Metzger-Motto: Darf's ein bisschen  
mehr sein? Denn unter den rund 200 gesperrten Newsgroups findet sich  
gerade ein knappes Dutzend, in denen sich Kinderpornographie vermuten  
laesst.
Ein Sieg im Kampf gegen das Verbechen ist die Aktion nicht, aber die  
Nebenwirkungen sind fatal. Die unselige Kombination - deutscher  
Amtstraeger mahnt, amerikanische Businessmen folgen - bricht jeder Form  
der Zensur die Bahn. Ein schwedischer Staatsanwalt koennte Diskussionen  
sperren lassen, in denen der dort festgeschriebene Minderheitenschutz in  
irgeneiner Weise verletzt wird. Ein islamisch-fundamentalistischer  
Amtstraeger koennte behaupten, Bilder von angezogenen Damen mit nackten  
Armen und Beinen seien in seinem Land strafbar und duerften den Glaeubigen  
nicht zugaenglich sein. Doch nicht einmal vorbeugend hat die Aktion einen  
Sinn. Wer sich ueber denselben Compuserve-Zugang ins World-Wide Web  
einwaehlt, muss man sich nur mit etwas Muehe einen neuen News-Server  
suchen- schon jetzt ist die Sperre umgangen.
Zudem haben die Ermittler selbst jetzt ein Problem: Bislang lediglich mit  
T-Online- und Compuserve-Zugaengen ausgestattet, koennen sie kuenftig kaum  
noch ihrem Auftrag nachkommen und Kinderporno-Geschaeftemachern im Netz  
auf die Spur kommen. T-Online hat den Schweinekram ebenfalls nicht im  
Angebot, und Compuserve selbst ist ja jetzt nicht nur sauber, sondern  
rein. Absurde Alternative fuer die Fahnder: ein Zugang zu Amerika Online  
in Hamburg - mit Kindersicherung und Newsgroup-Zugang, aber ohne  
Hausdurchsuchung, weil nicht im Zugriff der Muenchner Ermittler. So saegt  
man am eigenen Ast.
Ein Staatsanwalt wird fuers Ermitteln bezahlt, nicht fuers Zensieren. Ob  
Pornos im Netz moralisch richtig oder falsch sind, hat er nicht zu  
entscheiden. Schliesslich geht es nicht um Moral, sondern darum, endlich  
das dreckige Geschaeft mit Kindern zu unterbinden. Und da macht es  
ebensowenig Sinn, eine Strassenbahnlinie abzuschaffen, nur weil sie durchs  
Rotlichviertel faehrt. Dann kommen sie Bordellkunden halt zu Fuss. Dem  
Zuhaelter kann's egal sein.

so long, markus
[* 0341/4802521 * markus@le-line.east.de *]
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