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Started by Christoph Erdmenger
Thu, 15 Aug 1996 00:00
Disk.papier Aussenwirtschaft GRUENE BAGen
Author: Christoph Erdmenger
Date: Thu, 15 Aug 1996 00:00
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Christoph Erdmenger / Krozinger Str. 52/6 / 79114 Freiburg Fon 0761/ 471204 (p), 0761/368920 (d), Fax 0761/36260 (d) Entwurf: Au#enwirtschaftspolitik, Thomas Fues, Christoph Erdmenger, 16.08.1996 In Absprache mit den SprecherInnen der BAG fuer Friedens- und Internationale Politik hat die BAG Wirtschaft und Finanzen auf ihrer Sitzung im Juni 1996 eine kleine Redaktionsgruppe damit betraut, eine Diskussionsvorlage fuer die gemeinsame Sitzung der BAGen zur Aussenwirtschaftspolitik zu schreiben. Das vorliegende Papier ist Ergebnis dieser Arbeit. Aufgrund von Urlaubsueberschneidungen ist es in dieser Fassung zunaechst von Christoph Erdmenger zu verantworten. Grosse Teile hat Thomas Fues beigetragen. Wertvolle Anregungen gaben Thomas Sauer, Frithjof Schmidt und Eduardo Vior. Darueber hinaus hat Eduardo an zwei Punkten weiterfuehrende Anmerkungen beigesteuert, die zunaechst als Entscheidungsalternative in das Papier aufgenommen wurden. Das Papier versteht sich nicht als abschliessende Positionsbestimmung. Vielmehr soll es Etappe in einem Produktionsprozess sein, zu dem beizutragen alle Mitglieder der BAGen herzlich eingeladen sind. Bei der EU- Aussenwirtschaftspolitik wurde bewusst zunaechst eine Luecke gelassen, um diese in sorgfaeltger Abstimmung mit den BAG- Mitgliedern aus der EP-Fraktion zu schliessen. Aussenwirtschaft - vom Standortkleingeist zu zukunftsfaehiger Entwicklung Ein Anstoss aus den Bundesarbeitsgemeinschaften Die Wirtschafts- und Sozialpolitik von Buendnis 90/DIE GRUeNEN trifft in den letzten Monaten immer wieder unheimliche Unbekannte: die internationalen Wirtschaftverflechtungen der Bundesrepublik Deutschland. Fuer manche zerbersten vor diesem Hintergrund alle Wuensche an eine oekologische und soziale Gesellschaft, fuer andere ist Aussenwirtschaft unter dem Stichwort �Standortdebatte� nicht mehr als ein Kampfbegriff der Reichen und Privilegierten. Mit diesem Papier wollen die Bundesarbeitsgemeinschaften Wirtschaft und Finanzen sowie Friedens- und Internationale Politik daran erinnern, dass so manche Unbekannte ganz gut vertraut sind. Wir behaupten, dass es die Muehe lohnt, Fremde kennenzulernen. 1 Bestandsaufnahme Die Dynamik der Weltwirtschaft war in den letzten Jahren die zweitwichtigste globale Entwicklung - direkt nach dem Mauerfall und der Aufloesung des Ostblocks. Massgebend war der Ausbau der Verkehrs- und Telekommunikationsinfrastruktur auf der einen Seite und der ideologische Deregulierungsglaube der Industrielaender auf der anderen Seite. Die Finanzmaerkte boomen. Das Volumen des Welthandel hat seit 1986 um 100% zugenommen - doppelt so schnell wie die weltweite Produktion von Guetern und Dienstleistungen. Hinter dieser Entwicklung verbirgt sich, dass immer mehr Laender und immer groessere Bereiche innerhalb der Laender in die internationale Arbeitsteilung integriert werden. Dies birgt grosse Chancen und hat an vielen Stellen erheblichen Wohlstand geschaffen. 1.1 Gewinner und Verliererinnen Gleichzeitig werden aber auch Menschen (und in Afrika ganze Laender) an den Rand gedrueckt. Es sind diejenigen, die mit den von der Weltmarktkonkurrenz vorgegebenen Bedingungen nicht mithalten koennen: die Arbeitslosen im Norden und im Sueden, die schlecht Ausgebildeten, die wegen ihrer Rasse oder ihrer Religion Diskriminierten. Nach Angaben der UNDP geht es etwa 1,6 Mrd. Menschen schlechter als noch vor 10 Jahren. Und oft sind es Frauen. Wer Feminismus (oder Geschlechterdemokratie) ernst meint, kann den �allmaechtigen Freihandel� nicht hinnehmen. Nicht nur die sozialen, sondern auch die oekologischen Rahmenbedingungen der menschlichen Entwicklung verschlechtern sich dramatisch. Neben dem Treibhauseffekt ist dafuer die Zerstoerung der Boeden ein gutes Beispiel. Intensiv- und Bewaesserungslandwirtschaft fuehrt vielerorts zu gewaltigen Verlusten nutzbarer Flaechen durch Erosion und Versalzung. Der laufende Eintrag toxischer Substanzen macht Flaechen unbrauchbar. Die fortschreitende Versauerung der Boeden gefaehrdet inzwischen nicht nur die Waelder, sondern auch die Grundwasservorkommen vieler Laender. Die Entwicklung der Weltwirtschaft war in verschiedenen Regionen der Welt sehr unterschiedlich. Eine differenzierte Betrachtung ist fuer gruene Aussenwirtschaftpolitik notwendig. 1.2 Least Developed Countries Eine grosse Zahl von armen Staaten mit haeufig niedriger Bevoelkerungszahl wird vom immer schneller fahrenden Zug der Weltwirtschaft zwangsabgekoppelt, obwohl bzw. gerade weil die Strukturanpassungsprogramme von Weltbank und Internationalem Waehrungsfonds ihre Oeffnung gegenueber dem Weltmarkt forciert haben. Die Rolle der aermsten Laender im Welthandel ist deutlich zurueckgegangen. Zum Beispiel sank der Anteil ganz Afrikas an den weltweiten Ausfuhren von 4,1 % in 1970 auf 1,6 % in 1994. 1992 setzte sich der Gesamtexport Afrikas zu 80 % aus Rohstoffen zusammen (einschliesslich Brennstoffe). Das hat negative Folgen, weil sich die Austauschverhaeltnisse fuer diese Produktgruppe verschlechtert haben (fallende Terms of Trade). Der Terms of Trade-Index der UNCTAD fuer die afrikanischen Laender sank 1992 auf einen Wert von 64 gegenueber dem Ausgangswert von 100 im Jahr 1980. Das bedeutet: Es mussten real um die Haelfte mehr Gueter exportiert werden, um die gleiche Menge an Importen zu finanzieren. In Wirklichkeit aber fuehrten die afrikanischen Laender 1992 mengenmaessig drei Prozent weniger Waren als 1980 aus. Im Gesamtergebnis also sind ihre Einnahmen aus dem Welthandel - im Gegensatz zu Lateinamerika und Asien - drastisch geschrumpft. 1.3 Asiatische Tiger Die ASEAN-Staaten Suedostasiens und einige ostasiatische Laender haben sich in den letzten Jahren von einer Armutsregion in einen prosperierenden Wirtschaftsraum verwandelt. Hier wuchs nicht nur das Bruttoinlandsprodukt und die Pro-Kopf-Einkommen staerker als in jeder anderen Region der Welt, sondern es gab auch einen Rueckgang der Zahl der absolut Armen. Diese Entwicklung beruht im Falle der Stadtstaaten wie Singapur auf einer unbegrenzten Oeffnung gegenueber dem Weltmarkt. Dies hat dazu gefuehrt, dass sie Zentrumsfunktionen fuer die gesamte Region wahrnehmen konnten und sich vor allem Handels- und Dienstleistungsunternehmen niedergelassen haben. Demgegenueber beruht die Entwicklung in den Flaechenstaaten (vereinfacht dargestellt) auf einer sehr selektiven Industriepolitik gegenueber dem Weltmarkt. Suedkorea beispielsweise hat gegen den Willen der Weltbank eine eigene Stahlindustrie aufgebaut. Dies war moeglich durch die Kapitalzufluesse aus den westlichen Industrielaendern fuer den ehemaligen Frontstaat an der Grenze zum Kommunismus. Wenn die �asiatischen Tiger� damit auch ein Beispiel dafuer sind, dass nachholende Entwicklung moeglich ist, sind sie zugleich auch ein Beispiel fuer eine krasse Fehlentwicklung. Bangkok ist inzwischen die Stadt mit der schlechtesten Luft der Erde. Viele Fluesse der Region sind �gruendlich� mit Schwermetallen und organischen Giftstoffen verunreinigt. Die autoritaere Politik der Regierungen mit Umsiedlungen, Vertreibungen und Besetzungen verstoesst eklatant gegen die elementaren Menschrechte. Im Suedchinesischen Meer erlebt die Welt das groesste Wettruesten der heutigen Zeit. Suedostasien muss heute oft als Standortschreck fuer die deutsche Wirtschaft aufgefuehrt. Tatsaechlich stehen deutsche Anbieter auf dem Weltmarkt mit suedostasiatischen kaum in Konkurrenz. Vielmehr sind die Wirtschaftsbeziehungen ein Beispiel fuer die internationale Arbeitsteilung: Waehrend asiatische Laender arbeitsintensive Produkte anbieten, bietet Deutschland sog. skalenintensive Produkte an, also solche die durch hohe Produktivitaet bei grossen Stueckzahlen preisguenstig werden. 1.4 Lateinamerika Nach der Schuldenkrise gelingt es seit 1989 vielen Laendern Lateinamerikas, die Inflation abzubauen und Kapitalzufluesse zu verzeichnen. Gewaltige Investitionen in die Verkehrswege machen die Nutzung riesiger Flaechen fuer die industrielle Landwirtschaft kurzfristig rentabel. Langfristig werden hier allerdings nicht nur weltweit bedeutende Oekosysteme zerstoert, sondern mit ihnen die Lebens- und Wirtschaftsgrundlagen der jeweiligen Laender. Doch die Entwicklung hat nicht nur eine oekologische, sondern auch eine soziale Wirkung: Vormals �besitzerfreies� Bodenkapital wird in die Haende von Grossgrundbesitzern gespielt. Das Rahmenabkommen zwischen der EU und den MERCOSUR-Laendern soll, so die offizielle Erklaerung, einen Vorbildcharakter fuer die Beziehungen der EU zu den Laendern des Suedens haben. Ergaenzungsvorschlag Eduardo Vior: Alle drei Wirtschaftsbloecke des Nordens beteiligen sich zur Zeit an einem chaotischen Wettbewerb, um diesen Laendern gleichzeitig transkontinentale Wasser-, Landstrassen und Eisenbahnlinien mit den entsprechenden begruendenden und begleitenden Massnahmen anzudrehen. Aus der Tatsache, dass an der Anhaeufung sich widersprechender und ueberlappender Massnahmen keine wirtschaftliche Rationaliaet erkennbar ist, folgt zwingend die Ueberlegung, dabei handele es sich um die kuenstliche Schafftung von Anlagemoeglichkeiten fuer das um die Welt rotierende spekulative Kapital. 1.5 Mittel- und Osteuropa Den groessten wirtschaftlichen Umbruch erleben zur Zeit die Staaten Mittels- und Osteuropas. Dabei ist aussenwirtschaftlich vor allem die Aufloesung des Rats fuer gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) und die Integration in den Weltmarkt bedeutsam. Dadurch verschiebt sich das Preisgefuege und die Struktur des Aussenhandels enorm. An Bedeutung im Aussenhandel gewonnen haben landwirtschaftliche Produkte und Grundgueter, deren Preise innerhalb des RGW kuenstlich niedrig gehalten waren. Demgegenueber haben Produkte des verarbeitenden Gewerbes zunaechst an Bedeutung verloren. Im Zuge der Modernisierung der Produktionsstaetten durch auslaendische Direktinvestitionen gewinnen arbeitsintensive Produktionsverfahren wieder an Bedeutung. Die aussenwirtschaftliche Situation der Staaten steht und faellt mit der Politik der Europaeischen Union als wichtigstem Handelspartner. Durch die selektiven Zoelle und Importbeschraenkungen ist die Zahl der EU-Importe geringer als die Exporte von Investitionsguetern und �westlichen Qualtaetserzeugnissen�. 1.6 Industriestaaten Der groesste Teil des wirtschaftlichen Austauschs spielt sich nachwievor zwischen den Industriestaaten ab. Die Bundesrepublik wickelte 1994 etwa 75 % ihres Aussenhandels mit anderen Industriestaaten ab. Die drei wichtigsten Laender waren Frankreich, Italien und die Niederlande. Japan in den 90er Jahren Anteile am Welthandel verloren. Zwischen den Industrielaendern fallen auch die wichtigsten Standortentscheidungen von Unternehmen. Hier besteht eine direkte Konkurrenz bezueglich Produktivitaet, Lohnniveau, Sozial- und Umweltstandards, Ausbildungsstand, Verlaesslichkeit, Naehe zum Absatzmarkt, Subventionen und Besteuerung. Diese Faktoren sind fuer unterschiedliche Unternehmen und unterschiedliche Produktionsverfahren nicht immer gleich wichtig. Daher laesst sich der Status eines Wirtschaftsraums gegenueber anderen Raeumen nicht an den Wertungen einzelner Unternehmen oder an einzelnen Standortentscheidungen ablesen (betriebswirtschaftliche Sichtweise). Vielmehr sind Indikatoren zugrunde zu legen, die eine volkswirtschaftliche Betrachtung ermoeglichen. Ein solcher Indikator ist der Saldo der Leistungsbilanz, also grob gesprochen die Differenz aus Importen und Exporten von Guetern und Dienstleistungen. Ist dieser Saldo positiv, deutet das auf die Staerke des Wirtschaftsraumes hin. Ab Mitte der 80er Jahre hat die Bundesrepublik ernorme Leistungsbilanzueberschuesse erziehlt - und damit enorme Vermoegenspositionen gegenueber dem Ausland angesammelt. Es waere nun zu erwarten, dass sich die Ueberschuesse in Zeiten der wirtschaftlichen Rezession der 90er Jahre in entsprechende Defizite umwandeln wuerden - und so die Verschuldungsposition des Auslandes wieder abgebaut werden koennen. Tatsaechlich ist die Leistungsbilanz jedoch auch in den 90er Jahren nur leicht im Minus. Sie waere sogar positiv, wenn sich die Summe der Zahlungen an internationale Organisationen auf dem gleichen Stand geblieben waere, wie in den 80er Jahren. In die gleiche Richtung zeigt ein anderer Indikator, der Wechselkurs der DM gegenueber den Waehrungen anderer Industrienationen. Er ist seit Bestehen der Bundesrepublik fast durchweg gestiegen, davon allein seit 1991 um 9 %. Davon, dass die Bundesrepublik gegenueber anderen Industrielaendern nicht wettbewerbsfaehig sei, kann folglich keine Rede sein. 1.7 Boom der Finanzmaerkte Waehrend die Produktion von Waren und Dienstleistungen zwischen 1986 und 1993 weltweit jedes Jahr durchschnittlich um 2,5% und der Welthandel jedes Jahr um knapp 6% gewachsen ist, waren es beim Umsatz auf den Devisenmaerkten etwa 15%. Die Finanzmaerkte gewinnen also fortlaufend an Bedeutung - mit welcher Konsequenz fuer GRUENE Wirtschaftspolitik? Die Ausweitung und Beschleunigung internationaler Geldgeschaefte birgt grosse Risiken fuer das Finanzsystem, weil sich Zahlungsprobleme einzelner Akteure innerhalb kuerzester Zeit auf das gesamte Finanzsystem uebertragen koennen. Per Dominoeffekt kann so aus einer Bankenpleite eine internationale Krise werden. Dies kann Volkswirtschaften urploetzlich unter Druck setzen und zu gewaltigen realwirtschaftlichen Verlusten fuehren. Ein Beispiel dafuer ist die Mexikokrise. Diese hatte zwar mehrere Ursachen, aber die hohe Geschwindigkeit der Kapitaltransaktionen hat massgeblich dazu beigetragen, dass die mexikanische Bevoelkerung mit voller Haerte getroffen wurde (Realeinkommensverlusten von 20% und Wegfall von 750.000 Arbeitsplaetzen). Neben das Risiko kurzfristiger Zusammenbrueche tritt eine weitere Tendenz: Staaten, die versuchen, Vermoegen und Vermoegenseinkommen staerker an der Finanzierung des Sozialstaats zu beteiligen, geraten in die Gefahr, dass auf ihren nationalen Finanzmaerkten hoehere Zinsen bezahlt werden muessen. Das ist zwar etwas deutlich anderes als die �totale Investitionsverweigerung� durch �das Kapital�, mit der bisweilen vor radikalen Reformen gewarnt wird. Dennoch kann schon heute beobachtet werden, dass sich die Regierungen der OECD-Staaten in einem Wettlauf der Verminderung von Kapitalertrags- und Kapitalsteuern befinden. 2 Ziele gruener Aussenwirtschaftspolitik Gruene Aussenwirtschaftspolitik muss in ein umfassendes Konzept fuer eine oekologisch-solidarische Weltwirtschaftsordnung eingebettet werden. Schritte auf dem Weg zu oekologisch- solidarische Weltwirtschaftsordnung haben DIE GRUeNEN im Bundestag schon 1990 formuliert. Viele sind aktueller denn je und es gilt an diese Vorarbeit anzuknuepfen (s. Kasten). Alle Teilbereiche der nationalen Politik im internationalen System sollen sich am Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung ausrichten. Dies gilt fuer die Aussenwirtschaftspolitik ebenso wie fuer die Friedenspolitik, die Entwicklungspolitik oder die klassische Aussenpolitik. ---------Kasten-------------------------------------------------------- Der gruene Politikentwurf fuer die Gestaltung der internationalen Beziehungen baut auf folgenden Grundwerten auf. Diese bedingen und verstaerken einander. Sie duerfen nicht voneinander getrennt oder gegeneinander ausgespielt werden. Die Grundwerte bilden das unaufgebbare Fundament einer gruenen Politik nach innen und aussen (kursiv, Ergaenzungsvorschlaege von Eduardo Vior): a) Bewahrung der Natur: Die menschlichen Taetigkeiten sollen so begrenzt werden, dass die Funktionsfaehigkeit des globalen Oekosystems nicht dauerhaft beeintraechtigt wird. Da der Mensch selbst Teil der natur ist, verstoesst jede Umweltzerstoerung gegen die Menschheit. Ziel jeder menschlichen Taetigkeit soll also das Wohlbefinden des Menschen in Einklang mit der Natur sein. b) Gerechtigkeit: Allen Menschen - jetzigen und kuenftigen Generationen - sollen gleiche Lebenschancen unter Wahrung ihrer kulturellen Eigenstaendigkeit eingeraeumt werden. Hierfuer sollen materiell und geistig Privilegierte in ausgleichendem Sinn beitragen. Ziel jeder politischen Taetigkeit soll die allgemeine Geltung der Gerechtigkeit sein. c) Frieden: Innergesellschaftliche und zwischenstaatliche Konflikte sollen vorbeugend bearbeitet und gewaltfrei geloest werden. d) Demokratie: Alle Laender, alle gesellschaftlichen Gruppen und alle Menschen ungeachtet ihres Geschlechts sollen gleichberechtigte Mitwirkungsmoeglichkeiten an Entscheidungen haben, die sie betreffen. Neben der politischen Partizipation streben wir umfassende Mitwirkungsmoeglichkeiten fuer Produzenten und Konsumenten an. Durch Foederalismus und Dezentralisierung soll ein Gleichgewicht zwischen Machtzentren und ein Abbau von Herrschaft erreicht werden e) Freiheit: Jeder Mensch soll selbstbestimmt ueber den eigenen Koerper und Geist verfuegen koennen. Die Freit des Einzelnen setzt die Freiheit des Anderen voraus. --------------Kastenende------------------------------------------------ Das gruene Konzept steht im krassen Gegensatz zum derzeit dominierenden Leitbild von Liberalisierung und Deregulierung. Fuer die nationale Aussenwirtschaftspolitik ergibt sich aus der gruenen Werteorientierung folgendes Leitbild: Bestimmend ist das langfristige Eigeninteresse an einer oekologisch-solidarischen Weltwirtschaftsordnung. Kurzfristige wirtschaftliche Eigeninteressen, die dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung widersprechen, duerfen nicht zur Geltung kommen. Aussenwirtschaftsbeziehungen sollen die Bedingungen zur weltweiten Durchsetzung der Menschenrechte, vor allem der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte, verbessern. Nicht Standortkonkurrenz, sondern Solidaritaet und Kooperation sollen die Weltwirtschaftsbeziehungen praegen. 3 Globale Umwelt- und Sozialpolitik Die globale Umweltkrise und die Verarmung immer weiterer Bevoelkerungsschichten weltweit machen es notwendig, den Ordnungsrahmen fuer die Weltwirtschaft zu veraendern, bzw ihn erst zu schaffen. Eine solche globale Umwelt- und Sozialpolitik kann nicht einer weltweit vereinheitlichten nationalen Gesetzgebung bestehen. Denn dies wuerde faktisch heissen, das westliche Entwicklungsmodell weltweit fortzuschreiben. Den negativen Erfahrungen mit der Deregulierung muss eine Reregulierung folgen. Dazu kann nicht einfach die Zeitschraube um 30 Jahre zurueck gedreht werden, sondern es muss ein wohlkomponiertes Konzert internationaler Reformen angestimmt werden. 3.1 Oekologische und soziale Mindeststandards - fuer Welthandel und Transnationale Konzerne Oekologischen und soziale Mindeststandards koennen helfen, Oeko- und Sozialdumping zu verhindern. Kinderarbeit und Giftmuellexporte sind dafuer ein bekanntes Beispiel. Aber eine globale Umwelt- und Sozialpolitik findet ihre Begruendung nicht so sehr in der Angst vor den Kostenvorteilen von Weltmarktkonkurrenten, die niedrigeren Umwelt- und Sozialstandards unterliegen. Denn Volkswirtschaften, die es zulassen, dass Einzelne das regionale Oekosystem und das Sozialgefuege auf Kosten der Allgemeinheit schaedigen, werden daraus mittelfristig mehr Nachteile als Vorteile haben. Die Begruendung liegt vielmehr in dem sozialen und oekologischen Zielen selbst. Es wurde auch auf mittlere Sicht nichts gewonnen, als die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der deutschen Textilindustrie zur Verlagerung in ausbeuterischere Produktionsformen in Laendern des Suedens fuehrte. Und auch die (viel zu geringe) Steigerung der Energieeffizienz der deutschen Industrie bekommt Schattenseiten bei der Erkenntnis, dass sie zum Teil auf der Auslagerung energieintensiver Branchen wie Aluminiumerzeugung und Mineralduengerproduktion basiert. Globale Umwelt- und Sozialpolitik sollte an zwei Punkten ansetzen: die Durchsetzung der buergerlichen und sozialen Menschenrechte und die Verhinderung der Uebernutzung globaler Umweltgueter. Sie sollen nicht nur fuer den Handel mit Guetern und Dienstleistungen gelten, sondern auch fuer die Taetigkeit transnationaler Unternehmen (TNU). Gerade wenn die Standards fuer (kapitalstarke) Konzerne hoeher liegen als fuer die nationale Konkurrenz, ergibt sich fuer die TNU ein Anreiz ihrer Lobbypolitik auf die Anhebung der nationalen Standards zu richten - und nicht wie bisher ihrer Absenkung. 3.2 Zukunft braucht Investitionen Wer zukunftsfaehige Entwicklung und soziale Gerechtigkeit moechte, muss in sie investieren. Der Preis ist nicht gering, aber der Nutzen dafuer unermesslich: faire Lebenschancen fuer die naechste Generation. Die derzeit verfuegbaren Finanzmittel fuer die Bearbeitung globaler Probleme sind voellig unzureichend.. Auch global muss zukunftsfaehige Wirtschaftspolitik vor allem Anreize fuer private Investitionen setzen.. Wichtig ist die politische Lenkung einzelwirtschaftlicher Interessen, z.B. durch internationaler Abgaben. Eine Devisenumsatzsteuer (Tobin-Steuer) kann das wilde Hin und Her der globalen Finanzmaerkte verringern. Von der Beruhigung koennen langfristige Investionen dann profitieren Private Investitionen machen die Finanzierung suprastaatlicher Programme nicht ueberfluessig, sondern sind in vielen Faellen (zunaechst) auf sie angewiesen. Zusaetzliche Gelder muessen zum einen durch die Staatshaushalte aufgebracht werden - abhaengig von der Leistungsfaehigkeit eines Landes. Bisher gilt ein Richtwert von 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts fuer die Entwicklungshilfe. Dieses Ziel rueckt allerdings in immer weitere Ferne. Die BAGen halten als Beitrag, den die reichen Staaten langfristig leisten muessen, einen Wert von ueber 1% fuer politisch notwendig und wirtschaftlich erreichbar - jeweils zur Haelfte fuer Umwelt- und Entwicklungsfinanzierung. Zum anderen werden neue Finanzierungsinstrumente im internationalen System gebraucht. Zum Beispiel koennte ein Teil der Einnahmen aus der Tobin-Steuer zur Linderung der Folgen von kurz- oder langfristigen Kapitalbewegungen genutzt werden. Auch koennte der Ausstoss von Schadstoffen oder der Energieverbrauch mit einer globalen Abgabe belegt werden. Mit dem Aufkommen waeren internationale Investitionen in das Naturkapital (z.B. den Erhalt von Primaerwaldflaeche) finanzieren. 3.3 Verwaltungsreform fuers Globalmanagement Die Institutionen und Instrumente fuer eine gesellschaftliche Steuerung der Weltwirtschaft muessen auf demokratische Weise ausgebaut und gestaerkt werden. Dies setzt voraus, dass die Nationalstaaten Abstriche an ihren Handlungsfreiheiten hinnehmen und sich verbindlichen internationalen Regelwerken unterwerfen. Die Vereinten Nationen sollen einen Weltwirtschaftsrat ins Leben rufen, der fuer die Einhaltung der globalen Rahmenbedingungen sorgt und auf kurzfristige Krisen reagiert. In ihm muessen die Weltregionen gleichberechtigt vertreten sein. Fuer zivilgesellschaftliche Kraefte muessen neue Formen repraesentativer Mitwirkung gefunden werden. Die Welthandelsorganisation (WTO) muss in die Vereinten Nationen integriert werden. Auch die UN-Sonderorganisationen Weltbank und Internationaler Waehrungsfonds muessen umstrukturiert werden, damit sie sich an den Vorgaben des Weltwirtschaftsrats ausrichten. 4 Nationaler Vorleistungsbedarf Die Bundesrepublik hat grossen Einfluss auf die internationale Wirtschaftspolitik. Ihre Regierung ist zur Zeit allerdings schon rein organisatorisch nicht fuer die Herausforderung gewappnet: Bei den vier grossen UN-Konferenzen der letzten Jahre wurde sie von vier verschiedenen Ministerien vertreten. Doch vor dem internationalen Kraeftespiel ist fuer den Michel erst einmal Kehrwoche angesagt. Denn schon die nationale Politik (oder die der EU) steht oftmals in krassem Widerspruch zu wohlfeilen Forderungen in Konferenzsaelen. 4.1 Exportfoerderung kennt keine Parteien, sondern ... Buendnis 90/Die Gruenen sprechen sich im Grundsatz dagegen aus, dass Steuergelder zur Aussenwirtschaftsfoerderung eingesetzt werden. Derartige Leistungen beschleunigen nur den Subventionswettlauf und verschwenden Finanzmittel, die fuer die Bearbeitung globaler Probleme dringlicher gebraucht werden. Die entsprechenden Positionen in den Haushalten von Bund und Laendern sollten Schritt fuer Schritt auf Null reduziert werden (z.B. finanzielle Unterstuetzung der Aussenhandelskammern, Bundesstelle fuer Aussenhandelsinformationen, Auslandsmessefoerderung). Bei den Hermes-Buergschaften handelt es sich um versteckte Exportsubventionen wie sie in allen Industriestaaten und auch zunehmend in Laendern des Suedens anzutreffen sind. Solange diese Systeme noch existieren, soll die Bundesregierung verbindliche Standards fuer die Umwelt- und Entwicklungsvertraeglichkeit einfuehren und die derzeitigen Diskussionen in der OECD zu diesem Thema positiv beeinflussen. Die zweiseitigen Kapitalschutzabkommen der Bundesregierung sind ersatzlos zugunsten multilateraler Systeme zu streichen, die einen fairen Interessenausgleich zwischen Entsende- und Aufnahmelaendern von auslaendischen Direktinvestitionen gewaehrleisten. Die �Entwicklungshilfe� wird heute oft als Exportfoerderung missbraucht. Statt Prestigeprojekte deutscher Firmen wie die U- Bahn in Schanghai zu finanzieren, sollte sie auf die Probleme der Nehmerlaender ausgerichtet werden. Buendnis 90/DIE GRUeNEN haben dazu umfangreiche Vorschlaege gemacht. 4.2 KMU-Foerderung mit Umwelt und Menschenrechten verbinden Kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) engagieren sich mehr und mehr ueber nationale Grenzen hinweg. Oft werden sie dazu gezwungen, weil sie Zulieferer eines verlagerten Grossbetriebs sind. Oder sie versuchen durch �global sourcing� ihre Konkurrenzfaehigkeit zu verbessern. Oft sind die so aufgebauten Wirtschaftsbeziehungen zum auslaendischen Standort aber wenig dauerhaft - mit negativen Folgen fuer den Investitionsstandort wie fuer das Unternehmen. Um dauerhafte Wirtschaftsbeziehungen zwischen Regionen und KMUs aufzubauen, ist staatliche Unterstuetzung notwendig. Die staatliche Foerderung kleiner und mittlerer Unternehmen bietet eine strategische Chance Umweltqualitaet und Menschenrechte an den Produktionsorten zu foerdern. Dies waere eine Umsetzung des Nachhaltigkeitspostulats im besten Sinne des Wortes. Eine Alternative zum Abbau der Foerdergelder fuer die Auslandsvertretungen der deutschen Wirtschaft kann es daher sein, die Vertretungen zu Zentren fuer Mittelstand, Umwelt und Menschenrechte auszubauen. 4.3 Europaeische Union - Wohltaten haben ihre Grenzen Die Aussenwirtschaftspolitik der Europaeischen Union ist durch vielfaeltige protektionistische und destruktive Mechanismen gepraegt. (Absatz wird in Abstimmung mit der EP-Fraktion noch gruendlich formuliert). 5 Nationale Strategie zu internationalen Reformen Schritte auf dem Weg zu einer oekologisch-solidarischen Weltwirtschaftsordnung lassen sich zwar von einer nationalen Partei formulieren - aber nicht durchsetzen. Vielmehr ist eine nationale Strategie im internationalen Interesse gefragt. Diese ist in der Aussenpolitik von Buendnis 90/DIE GRUeNEN mit der Strategie der Selbstbeschraenkung und -einbindung bereits formuliert. Die starke Position der Bundesrepublik, bzw. EU ermoeglicht es, zur Not einseitig mit wenigen Partnern international in Vorleistung zu treten. Gleichzeitig werden zivilgesellschaftliche Kraefte wie Demokratie-, Oekologie, Gewerkschafts-, Friedens-, Frauen- und Minderheitenbewegungen in anderen Staaten gestaerkt. So soll innerhalb der dritten Staaten eine Dynamik ausgeloest werden, die den notwendigen Druck fuer die politische Veraenderung schafft. Ein wesentlicher Baustein zu dieser Strategie ist die Staerkung der Solidaritaet der heutigen und zukuenftigen VerliererInnen des derzeitigen Entwicklungsmodells. Auf dem Weg dazu sind die sozialen Bewegungen schon ein gutes Stueck weitergekommen. Die Standortdebatte, die weiszumachen versucht, die Menschen in den anderen Staaten seien nichts als hinterhaeltige Konkurrenten, die mit allen Mitteln zu bekaempfen seien, weist da genau in die entgegengesetzte Richtung. Doch politische Vorgaben werden in der Bundesrepublik nicht nur durch die Regierung gemacht. Wichtige Vorgaben machen die Maerkte - und damit die VerbraucherInnen. Das gilt auch fuer das Beschaffungswesen von Laendern und Gemeinden. Ihnen und den privaten EndverbraucherInnen kommt deshalb eine grosse Chance und eine grosse Verantwortung zu, Schritte auf dem Weg zu einer oekologisch-solidarischen Weltwirtschaft zu gehen. ------------------------------------------ Christoph Erdmenger C.Erdmenger@3landbox.comlink.apc.org ## CrossPoint v3.11 R ##
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