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1 total messages Started by Joerg Tretow Mon, 20 Oct 1997 00:00
Behindertenfeindlichkeit an der TU Dresden
#5
Author: Joerg Tretow
Date: Mon, 20 Oct 1997 00:00
216 lines
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Sehr geehrte Leser, sehr geehrte Leserinen,

Dieses Schreiben ist ein Hilferuf an die Oeffentlichkeit.
Es geht dabei um juengste Vorkommnisse an der technischen
Universitaet in Dresden.

Kurz gesagt: es liegt offenbar im Interesse der Fakultaetsleitung, einen
blinden
Studenten der Wirtschaftsinformatik abzuschieben bzw. das Studium nicht
ausreichend zu unter-
stuetzen. Dabei eilt grade der TU in Dresden der ruf voraus, da� sie sehr
behinderten und
insbesondere blindenfreundlich ist! Sieht man jedoch die neueste
Entwicklung an der
groe�ten Fakultaet (Wirtschaftswissenschaften), dann kann man
sogar ohne in irgend einer Form zu uebertreiben von
Behindertenfeindlichkeiit sprechen.

Ich habe im Juni an der Blindenschule Koenigs Wusterhausen mein
Abitur abgeschlossen. Schon frueh war fuer mich klar, da� ich
Wirtschaftsinformatik studieren werde. Wie fuer jeden Behinderten stellte
sich natuerlich
auch fuer mich die Frage, welche Uni meinen Beduerfnissen moeglichst
Rechnung tragen koennte. Immer wieder wurde die TU in Dresden ins
Gespraech gebracht. Insbesondere weil es dort eine Arbeitsgruppe
(Blinde und Sehgeschaedigte studieren) am Lehrstul (Mensch-Maschine-
kommunikation) an der Fakultaet Informatik gibt. so fanden an unserer
Schule recht regelmae�ig Informationstage statt. Es
berichteten Studenten, die ehemals in Koenigs Wusterhasen das Abitur
abgelegt
haben und anschlie�end an die TU gegangen sind. Diese
Erfahrungen waren immer sehr positiv. Dabei ist allerdings zu sagen,
da� kein Studi an der Fakultaet Wirtschaftswissenschaften
darunter war. die Erfahrungsberichte beschraenkten sich ausschlie�lich
auf Informatik und Psychologie. ich bin der erste blinde Student
an der Fakultaet Wirtschaftswisssenschaften, welche den Studiengang der
Wirtschaftsinformatik anbietet. Ausdruecklich wurde auf meine Nachfragen
erklaert, da�
jeder Sehgeschaedigte Student in Dresden bei jeder Fakultaet willkommen
sei.
Offenbar ein gro�er Irrtum, welcher mir nun zum Verhaengniss zu
werden droht. Im Mai fand dann ein Informationstag in Dresden statt. Dort
war auch ich zugegen.
Natuerlich mein Interesse auf die Wirtschafts-
informatik gerichtet. Zwar stand die Informatik im Vordergrund, doch fand
ein
Vertreter der Fakultaet Wirtschaftswissenschaften Zeit um mir sogar
persoenlich ans Herz zu legen, da� es nur von Vorteil sein koennte
an der TU in Dresden Wirtschaftsinformatik zu studieren.
Als ich mir im Informatikzentrum die Arbeitsplaetze anschaute,
welche auch fuer Blinde benutzbar sind, war ich hell auf begeistert.

Fuer mich war nun entguelltig klar, da� ich Wirtschaftsinformatik in
Dresden studieren wuerde.

Die Bewerbung verlief problemlos, und ich bin nun hier Student.






Leider mu�te ich jedoch schon frueh merken, da� die einstellung zu
Behinderten von Fakultaet zu Fakultaet sehr unterschiedlich ist.
so nahm ich zu der Arbeitsgruppe (Blinde studieren) Kontakt auf. ich mu�
sagen, da� ich hier
wirklich glueck hatte. Man war bereit mich in allen wichtigen Punkten zu
unterstuetzen, und man ist dies auch immer noch. Leider gibt es aber ein
erstes
Grundproblem: der Studiengang Wirtschaftsinformatik wird von der
Fakultaet Wirtschaftswissenschaften angeboten. Zwar koenne, so sagte man
mir bei den
Informatikern, die Arbeitsgruppe einiges Aufarbeiten aber nur
unter der Ma�gabe, da� die Fakultaet Wirtschaftswissenschaften dies
bezahle.
au�erdem fehlen Hilfskraefte, welche Arbeiten wie Scanen usw. uebernehmen.
Leider ist die Fakultaet dazu nicht bereit!
Da das Studium der Wirtschaftswissenschaften
stark auf grafischer Darstellung beruht (insbesondere VWL und Mathe)

bin ich auf das  Erstellen von Folien (taktil) angewiesen.
Auch hier ist die Loesung naheliegend. Das Problem lie�e sich durch die
oben erwaehnte arbeitsgruppe loesen. doch dreht die Fakultaet auch hier den
hahn zu!

ein weiteres Problem kommt hinzu. es hat sich als sehr gut erwiesen,
wenn ein Blinder einen Tutor, das ist eine studentische Hilfskrat, an
die Seite bekommt. Dieser Student sollte moeglichst aus dem gleichen
Semester und
dem gleichen Studiengang sein. Aber er mu� natuerlich finanziert werden.
Bei der
Iformatikabteilung, welche ebenfalls blinde Studenten betreut, ist
das kein Problem. die Wirtschaftswissenschaftler denken darueber anders.
bis
Ende des Kalenderjahres 1997 wurden mir 5 Wochenstunden finanziert.
In der Informatikfakultaet sagte man nur, da� das viel zu wenig sei. Dort
sprach man von 40 Stunden im Monat!

er Stura, ein Organ der Studenten an der TU, finanzierte man mir weitere 5
Wochenstunden unter
vorbehalt. Man will sich an die Unileitung wenden.
Die studentische Hilfskraft ist eine Mindestvoraussetzung
um ein erfolgreiches Studium zu absolvieren.

Zu diesem ganzen Thema fand nun am 15.10.1997 neine Fakultaetsratssitzung
statt. diese verlief sehr
entt�uschend. Mir wurde mitgeteilt, da� ich von der fakultaet in keinster
Weise mehr
Unterstuetzung zu erwarten habe. Zudem, so bestehtigte mir ein
Fachschaftsratsmitglied, seien auf der Sitzung von leitenden Professoren
sehr behindertenfeindliche (mehr oder weniger) �u�erungen gefallen. Man
einigte sich auf folgendes:
ich solle moeglichst schnell die TU verlassen und mir eine "Blindenuni"
suchen.
Das wurde mir vom Dekan direkt so gesagt. Man sei nicht in der

Lage blinde Studenten zu unterrichten.

An dieser Stelle moechte ich auf die Person kommen, welche im Mai mir






gegenueber deutlich machte, da� jeder Blinde Wirtschaftswissenschaften
studieren koenne. diese Person
soll sich, wie ich allerdings ueber Umwege hoerte auf einmal dafuer stark
machen, da� Behinderte
moeglichst nicht mehr studieren sollten an der fakultaet in Dresden.
als ich kurz mit dem Dekan sprach, am Rande einer Vorlesung, stand dieser
Herr auuch
auf Seiten des Dekans. Er ist wie ich erfuhr auch am Lehrstul
(Wirtschaftsinformatik) des Dekans angestellt.

Ein vorschlag eines Professors, die Moeglichkeiten eines Studiums eines
blinden durch einen Sachverstaendigen
darlegen zu lassen, wurde direkt abgelehnt. Dabei haette man nur den
leitenden Professor des
Lehrstuls (Mensch-Maschinekommunikation)aus der fakultaet Informatik
hinzuziehen brauchen.

Kurz kann man sagen: nach Willen der fakultaet insbesondere unseres
Herrn "Dekans" soll ich weg und zwar so schnell als moeglich.

Ich sage hier in aller Deutlichkeit, da� ich mich nicht Abschieben lasse
und um mein
Recht mit allen Mitteln kaempfen werde und zwar bis zum Letzten. Notfalls
werde ichauch groe�ere Medien einschalten.
Ich fordere das im Grundgesetz verbriefte recht auf Gleichberechtigung.
Unterstuetzung ist mir von Seiten des fachschaftsrates und anderer
studentischer Organisationen sicher.

So will vor allem der Stura mich unterstuetzen. Jedenfalls wird dieses
Thema auch die
Leitung der technischen Universitaet beschaeftigen.
Innerhalb der Fakultaet stehen auch einige, aber wohl wenige auf meiner
Seite.
Aber ich wei�, da� ich das Recht auf meiner Seite habe!

Ich habe mich an die Oeffentlichkeit gewandt, weil ich Euch alle um Hilfe
bitte!
Leider wei� ich selbst noch nicht, wie diese richtig aussehen koennte.
Vielleicht koennen sich andere Studentenoorganisationen mit der Uni hier in
Verbindung setzen.
Studium nicht erfolgreich absolvieren kann. Doch ich moechte es in Drsden
absolvieren.
Mit Nachdruck mu� ich aber sagen, da� wnn sich an meiner jetzigen Situation
nichts aendert ich das


Klingeln wir gemeinsam die Leute wach! Ich zaehle auf jeden von Euch! Fuer
mich
haengt einiges davon ab!


Schlie�lich reduziert sich die ganze Angelegenheit auf die Frage:
wenn man blinde oder ueberhaupt behinderte Studenten annimmt, dann mu�
man sie auch unterstuetzen. Sonst mu� die TU und insbesondere
die FakultAET OFFEN BEKENNEN; DA� SIE BEHINDERTE
NICHT GEBRAUCHEN KANN! Dazu wird sie, wenn es so weitergeht, schon
bald in der Oeffentlichkeit Gelegenheit haben.







Jedenfalls darf es nicht so sein, da� sich die TU mit etwas schmueckt,
was letztlich nur ein Schein ist, oder

zumindest nicht auf alle Fakultaeten uebertragbar ist.

Ich bitte dringend um Hilfe jeder Art!!

mit freundlichen Grue�en verbleibt bis bald
Joerg Tretow

Joerg Tretow
Hochschulstr. 50 Zimmer 0205
01069 Dresden
Telefon: 0351 47 62 95 9





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