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Started by Uwe Frevert
Sun, 23 Jun 1996 00:00
jeder 2. Mediziner war Mitglied in der NSDAP
Author: Uwe Frevert
Date: Sun, 23 Jun 1996 00:00
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Sueddeutsche Zeitung vom 13.06.96 von Klaus Koch Medizinerbeklagen verfuehrbarkeit des Standes Aerztetag in Koeln diskutiert Konsequenzen aus den NS-Erfahrungen Der aeussere Rahmen erweckte den Anschein blosser Pflichterfuellung. Nach drei Vortraegen, einem knappen Dutzend Wortmeldungen und vier Abstimmungen hatten die 250 Delegierten des 99. Aerztetages letzte Woche in Koeln den Tagesordnungspunkt 11 abgehakt: Ein Gedenken an Leiden und Tod, die Menschen (waehrend des Nationalsozialismus) auch aus der Hand von Aerzten erfahren haben. Der Anlass, daran mehr als ein halbes Jahrhundert nach Ende des Zweiten Weltkriegs zum dritten Mal (nach 1948 und 1989) auf dem jaehrlichen Treffen des Aerzteparlaments zu erinnern, war der im Dezember bevorstehende 50. Jahrestag des Beginns der "Nuernberger Aerzteprozesse". In diesen hatte ein amerikanisches Gericht von 23 angeklagten deutschen Aerzten und Gesundheitsbeamten sieben freigesprochen, weitere sieben zum Tod und neun zu langjaehrigen Haftstrafen verurteilt. Doch der Nachmittag, den das Aerzteparlament in Koeln in Erinnerung an die Urteile dem heutigen "Wertebild" der Mediziner widmete, war mehr als ein formelhaftes Eingestaendnis der Schuld. Das lag daran, dass einige Delegierte auch aktuelle Ereignisse ansprachen, die zeigen, dass jene Verlockung, die den Doktor zum Verbrecher machte, heute noch existiert. Der Nuernberger Prozess hatte der Oeffentlichkeit gezeigt, wozu ausgerechnet Aerzte faehig sind, obwohl er sich nur auf einen kleinen Teil ihrer Untaten konzentrierte. Im Mittelpunkt stand nicht, dass Mediziner aktiv oder duldend an Organisation und Durchfuehrung des Voelkermords an fuenf Millionen Menschen beteiligt waren; auch nicht, dass Aerzte 360000 Menschen zwangsweise sterilisiert und 75000 in der Naziterminologie "Lebensunwerte" - also geistig und koerperlich Behinderte, Altersschwache, Kriegsinvalide - im offiziellen "Euthanasie"-Programm erfasst und ermordet hatten. Insgesamt wurde 350 der bei Kriegsende 90000 deutschen Aerzte eine aktive Beteiligung an den Verbrechen nachgewiesen. Doch die kleine Zahl taeuscht darueber hinweg, wie weit sich das NS-Gedankengut tatsaechlich unter Medizinern verbreitet hatte: Fast jeder zweite - also doppelt so viele wie bei den Lehrern - war Mitglied in der NSDAP. Ein Viertel aller Aerzte war in der SA und im Vergleich zur maennlichen Erwerbsbevoelkerung waren Aerzte siebenmal haeufiger in der SS. Ein Grund, warum ausgerechnet Aerzte leichte Beute der Naziideologie wurden, liegt in den eugenischen und volks- beziehungsweise rassehygienischen Vorstellungen, die damals nicht nur in Deutschland viele Fuersprecher sogar aus Wissenschaftskreisen hatten. Wo es um Behinderung, Erbkrankheit und Volksgesundheit ging, fuehlten sich die Aerzte als erste angesprochen. Zumal da die NSDAP den Medizinern - deren Praxen in den 30er Jahren oft kaum die laufenden Kosten hereinbrachten - versprach, ihre Aufgaben auszuweiten und ihren Beruf im Rahmen einer neuen Gesundheitspolitik aufzuwerten. Im Namen der Forschung Schwerpunkt des Nuernberger Prozesses waren jedoch die Menschenversuche vor allem in den Konzentrationslagern. Die Verurteilten hatten Hunderte im Namen der "der medizinischen Forschung" Unterdruck- und Unterkuehlungsexperimenten ausgesetzt, oder sie absichtlich mit toedlichen Erregern infiziert, um die damals gerade entdeckten Antibiotika zu erproben. Dennoch waren sie, wie Alfred Moehrle, Praesident der Landesaerztekammer Hessen, in Koeln schilderte, "keineswegs alle Sadisten oder skrupellose Karrieristen, sondern durchaus namhafte Wissenschaftler". Gerade diese hatten sich mit dem Argument zu rechtfertigen versucht, dass ihre Experimente letztlich sogar der Erhaltung von Leben und der Heilung von Krankheiten gedient, sie also "hoehere Interessen" verfolgt haetten. Diese Argumentation, dass das Leid der Einzelnen zum Wohl der Mehrheit unverzichtbar gewesen sei, hatte die Richter dazu gezwungen, in ihrem Urteil zehn Bedingungen zu definieren, unter denen ein Arzt ein Experiment an seinem Patienten vornehmen darf. Das fuehrte dazu, wie der Historiker Eberhard Jaeckel von der Universitaet Stuttgart in Koeln schilderte, dass mit dem Prozess erstmals oeffentlich ueber wesentliche Prinzipien der aerztlichen Ethik diskutiert wurde. Beispielsweise, dass ein Proband vor einer Behandlung ausfuehrlich und verstaendlich ueber deren Risiken aufgeklaert sein und das Einverstaendnis gegeben haben muss. Diese heute selbstverstaendliche Bedingung wurde erst durch den Nuernberger Kodex verbindlich. Der bis in unsere Zeit immer wieder auftretende Konflikt zwischen der Pflicht zur Sorge um den Einzelnen und den staendigen Einflussversuchen von Gesellschaft, Politik und Industrie, veranlasste das Aerzteparlament sich zu verpflichten, die Interessen der Patienten und die "ethischen Grundnormen ... gegen Zeitgeist und staatliche Eingriffe zu bewahren". Denn von der Abtreibung bis zur Organtransplantation werden die Mediziner heute mit solchen Fragen konfrontiert: Duerfen, wie unter anderem in Bremen geschehen, Aerzte auf Verlangen staatlicher Stellen Asylbewerber zu Roentgenuntersuchungen zwingen, um deren Altersangaben zu ueberpruefen? Oder sind - wie in den bisherigen Entwuerfen der europaeischen Bioethik-Konvention gefordert - Experimente an nicht-einwilligungsfaehigen Personen und geistig Behinderten erlaubt? Existiert eine Rechtfertigung, behinderte Kinder auch nach der Geburt zu toeten, wie sie der australische Bioethiker Peter Singer ableitet? - Einem Arzt, der die Interessen einer Gruppe ueber die seines Patienten stellt, ist fast alles erlaubt. Allerdings zeigte die Tagung auch, dass die groesste Bedrohung fuer die aerztliche Ethik derzeit nicht aus der Spannung zwischen Patienten und Gesellschaft erwaechst, sondern eher aus der handfesten Sorge um das eigene Portemonnaie. �
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