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Started by Uwe Frevert
Sat, 01 Jun 1996 00:00
behinderte Eltern in Deutschland 1#2
Author: Uwe Frevert
Date: Sat, 01 Jun 1996 00:00
Date: Sat, 01 Jun 1996 00:00
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aus der Zeitschrift fuer Behindertenpolitik 'die randschau' Heft 1/1996 Behinderte Eltern in Deutschland organisieren sich Behinderung und Elternschaft - das war lange Zeit kein Thema fuer die Behindertenbewegung und auch nicht fuer Fachleute wie z.B. Aerzte, Hebammen etc.. Eine der wenigen schriftlichen Abhandlungen zu diesem Thema war in den letzten Jahren ein diskriminierendes Buch, geschrieben von nichtbehinderten "Experten" mit dem Titel: "Sollen, koennen, duerfen Behinderte heiraten". Tatsache ist jedoch, das es in Deutschland immer mehr behinderte Eltern gibt und das diese meistens alleine mit ihren alltaeglichen Problemen sind. Vom 1. bis 3. Dezember 1995 veranstaltete deshalb das Bildungs- und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben - bifos e.V. mit Unterstuetzung des Familienministeriums die erste bundesdeutsche Tagung behinderter Eltern. Die bifos-Tagung sollte das erste Forum sein, auf dem sich behinderte Eltern in groesserem Rahmen austauschen und Ideen zur Verbesserung Ihrer Situation entwickeln sollten. Drei Tage lang trafen sich 25 Eltern mit verschiedenen Behinderungen sowie einige nichtbehinderte Partner und 19 Kinder in einem Schloss in der Naehe von Koeln. Fuer eine gute Kinderbetreuung war gesorgt, sodass sehr intensiv gearbeitet werden konnte. Schon die unterschiedliche Zusammensetzung der TeilnehmerInnen versprach eine interessante Tagung. Es waren Menschen mit koerperlichen Behinderungen, eine blinde Frau und ein geistig behindertes Eltern- Paar gekommen. Die nichtbehinderte Mutter eines behinderten Kindes war versehentlich auf der falschen Veranstaltung gelandet. Auf dem Programm standen Referate ueber die Situation behinderter Eltern in der BRD, ueber praktische Probleme behinderter Eltern und zum Thema persoenliche Assistenz und Kinder. Ausserdem sollte in verschiedenen Arbeitsgruppen Erfahrungen ausgetauscht und Loesungsmoeglichkeiten gesucht werden. "Das Recht auf eine ungestoerte Schwangerschaft musste ich mir erstmal erkaempfen" begann Marita Boos-Waidosch eine Mutter im Rollstuhl, ihr Einfuehrungsreferat. Waehrend ihrer Schwangerschaft erging es ihr aehnlich wie vielen anderen behinderten Frauen auch. Frauenaerzte rieten ihr unbedingt zum Schwangerschaftsabbruch in Verbindung mit einer Sterilisation, damit "so etwas nicht noch einmal passiert" so Frau Boos-Waidosch. "Uns wird nicht zugetraut, dass wir die Verantwortung fuer ein Kind uebernehmen koennen. Ausserdem besteht das Vorurteil, dass behinderte Menschen immer behinderten Nachwuchs produzieren und der ist in unserer Gesellschaft nicht erwuenscht" fuhr Frau Boos-Waidosch fort. Selbst die engsten Familienmitglieder haben Probleme mit der Fortpflanzung ihrer behinderten Angehoerigen. "Als ich meinem Vater am Telefon erzaehlte, dass ich schwanger bin, legte er den Hoerer auf berichtet eine behinderte Mutter. Fuer behinderte Menschen, die keine eigenen Kinder bekommen koennen, besteht in der BRD kaum die Moeglichkeit der Adoption oder Pflegschaft eines Kindes. Es wird dabei mit dem Wohl des Kindes argumentiert, welches nicht gegeben ist, wenn das Kind, das sich durch die Freigabe zur Adoption ja schon in einer Ausnahmesituation befindet, wieder in eine "Sondersituation" hineingegeben wird. Trotz vieler Barrieren und Vorurteile haben sich in den letzten Jahren in Deutschland immer mehr behinderte Menschen dazu entschlossen, ein Kind zu bekommen. Doch weil mit einer Elternschaft bei behinderten Menschen nicht gerechnet wird, sind alle Bereiche, die mit dem Kinder gebaeren und auch der Erziehung bzw. der Freizeitgestaltung mit Kindern zu tun haben nicht auf Beduerfnisse behinderter Eltern eingerichtet. Auf der Tagung tauschten die TeilnehmerInnen aus, wo und wie sie sich durch fehlende Zugaenglichkeit, mangelnde Information und fehlende Unterstuetzung eingeschraenkt fuehlen. Das Resuemee der Erfahrungen war: Es gibt kaum FrauenaerztInnen, die fuer RollstuhlfahrerInnen zugaenglich sind, gynaekologische Abteilungen in Krankenhaeusern sind nicht auf behinderte Menschen eingestellt. Krabbelgruppen, Kindergaerten, Schulen und Traeger von Kontakt- und Freizeitangeboten sind fuer behinderte Eltern unerreichbar und somit ist eine zusaetzliche Isolation gegeben. Petra*, die einen Elektrorollstuhl benutzt und eine zweijaehrige Tochter hat stellt fest: "Alle Orte, an denen ich andere Eltern kennenlernen und Kontakte knuepfen koennte sind fuer mich unerreichbar, weil Stufen vor den Tueren sind. Dadurch werde nicht nur ich ausgegrenzt sondern auch mein Kind. Es kann viele Dinge wie z.B. Spielkreis fuer Kinder nicht mitmachen, weil ich gar nicht erst dahin kommen kann". Das bauliche Barrieren erst verschwinden, wenn oeffentliche Traeger durch Anti- Diskriminierungsgesetze dazu gezwungen werden stand fuer alle Teilnehmer fest. Ein weiterer wichtiger Aspekt, der uns behinderten Eltern das taegliche Leben erschwert, ist das voellige Fehlen von geeigneten Hilfsmitteln z.B. fuer die Versorgung und den Transport eines Saeuglings und Kleinkindes. "Als ich die ganzen Hochglanzprospekte fuer werdende Eltern gesehen habe, wuenschte ich mir so sehr einen genauso tollen Katalog mit Hilfsmitteln fuer meine Beduerfnisse. Ich wusste nicht, wie ich mit meinem Kind alleine nach draussen gehen kann - aber da gab es rein gar nichts" erinnerte sich eine Teilnehmerin. Deshalb musste sie und auch wir anderen Eltern staendig individuelle Loesungen erfinden, was uns in der konkreten Situation auch immer gelungen ist. Viel einfacher waere es jedoch fuer uns, wenn wir uns die Erfahrungen anderer behinderter Eltern zunutze machen koennten und das Rad nicht immer wieder neu erfinden muessten. Natuerlich waren wir alle furchtbar gespannt darauf zu hoeren, auf welche Art und Weise die anderen Eltern praktische Fragen geloest haben und waren erstaunt, wie phantasievoll und vielfaeltig die verschiedenen Ideen sind. Zum Transport des Kindes mit dem Rollstuhl beispielsweise reichten die Erfahrungen vom seitlich wegklappbaren Kindersitz am Rollstuhl bis zum Tuch, mit dem das Kind am Bauch festgebunden wird. Der Austausch von praktischen Tips nahm fast den groessten Raum waehrend der Tagung ein. In Kleingruppen wurden Vorschlaege dazu gesammelt, welche praktischen Loesungen bereits existieren und was darueber hinaus fuer uns verbessert werden muss: - Krankenhaeuser sollten sich auf unsere Situation einstellen; - Schwangerschaftsgymnastik und Saeuglingspflegekurse sollten fuer Behinderte ermoeglicht werden; - Gynaekologische Praxen muessen auf unsere Beduerfnisse eingerichtet sein; - Kinderbetreuungsangebote muessen zugaenglich sein ect.. Neben dem Austausch von praktischen Loesungen diskutierten wir aber auch ueber weitere fuer uns brisante Themen. Eins davon hiess: Das Kind als Helfer - die Helfer und das Kind. Vor allem fuer behinderte Menschen, die auf persoenliche Assistenz angewiesen sind stellt sich immer wieder die Frage, wie weit sie ihr Kind als Helfer einsetzen duerfen und ab wann sie ihr Kind als Assistenten missbrauchen. Gabi*, die selber blind ist erzaehlt von einem blinden Ehepaar, dass nur noch nach draussen geht, wenn ihr sehendes Kind mitgeht. Das Kind hat die Aufgabe die Kontakte mit anderen Sehenden Menschen herzustellen. Sie selbst ist der Meinung, dass es normal und fuer die Entwicklung von Verantwortungsbewusstsein fuer Kinder wichtig ist, zu Hause Aufgaben zu uebernehmen, dass sie ihre Kinder jedoch nicht als feste Hilfskraft fuer sich einsetzen darf. Die anwesenden Eltern hatten - eher im Gegenteil - die Befuerchtung ihr Kind mit Aufgaben zu belasten. Wer kennt nicht Sprueche von Nachbarn, Verkaeufern oder anderen Menschen, die zu unseren Kindern sagen "Jetzt bist Du ja schon so gross, dass du deiner Mami richtig helfen kannst". Weil die nichtbehinderte Umwelt uns unterstellt, dass wir Kinder bekommen, damit wir Hilfskraefte haben und sie von unseren Kindern erwarten, dass sie uns helfen verhalten sich viele behinderte Eltern jedoch gegenteilig. Wir geben den Kindern moeglichst wenige Aufgaben und versuchen eher, alles alleine zu schaffen. Wir waren uns alle einig, wenn wir ein Kind regelmaessig Dinge fuer uns erledigen lassen, bei denen wir Assistenz brauchen (z.B. der Intimpflege), dann ist das nicht in Ordnung und es ist Missbrauch. Ist andererseits staendig ein persoenlicher Assistent im Haushalt, der sich sich teilweise auch um die Versorgung des Kindes kuemmert, wirft das ganz andere Probleme auf. Mehrere behinderte Eltern berichteten, dass sie oefters in Konkurrenzsituationen mit der pesoenlichen AssistentenIn um das Kind geraten. Viola* bringt die Sache kurz auf den Punkt: "Die Assistenten Krallen sich mein Kind". In diesem Zusammenhang tauchte auch die Frage auf, welches Rollenbild von Vater und Mutter wir unseren Kindern aufgrund unserer Behinderung vermitteln. Vor allem die behinderten Vaeter mit Soehnen beschaeftigten sich mit der Frage, welches Maennerbild sie ihrem Kind mitgeben. Frank*, der eine Querschnittlaehmung hat, ist Vater von einer Tochter und zwei Soehnen. Er erinnert sich an folgende Geschichte: Als seine Soehne in das Alter kamen, in dem sie selbst zur Toilette gehen wollten, setzten sie sich auf die Toilette und klopften ihre Blase aus, weil sie das so bei ihrem Vater gesehen hatten. Als Frank* dies bemerkte, klaerte er die beiden ueber "normales Verhalten" von Jungen auf der Toilette auf. Seine Tochter dagegen kam gar nicht auf die Idee, ihre Blase auszuklopfen. Er ueberlegt seitdem, was fuer Auswirkungen auf das spaetere "Mann-Sein" seine Behinderung fuer die beiden Soehne haben wird. Nach drei Tagen voll mit Gespraechen, Diskussionen stellten alle fest, dass der Austausch in sehr offener Atmosphaere sehr gut getan und die TeilnehmerInnen fuer den Alltag gestaerkt hat. "Wir hatten viele konkrete Vorschlaege gesammelt, um unsere Situation zu verbessern. Zum einen wollen wir weitere Austauschmoeglichkeiten auf regionaler und auf bundesweiter Ebene fuer behinderte Eltern schaffen", so Gisel Hermes. Spontan bildeten sich vier regionale Gruppen behinderter Eltern. Ausserdem ist eine weitere bundesweite Tagung in 1996 geplant. Parallel dazu wird bifos e.V. eine Kinder-Tagung durchfuehren, auf der sich Kinder behinderter Eltern spielerisch mit dem Thema "Meine Eltern sind behindert" beschaeftigen koennen. "Da wir gesehen haben, wie gut es unseren Kindern getan hat, drei Tage lang andere behinderte Eltern zu erleben, wird bifos e.V. voraussichtlich im Jahr 1996 eine Eltern- Kind-Freizeit fuer behinderte Eltern anbieten", so Gisel Hermes weiter. Petra* und Karl*, beide geistig behinderte Eltern regten an, zur naechsten Tagung mehr geistig behindeite Eltern einzuladen, denn fuer sie war es "manchmal ganz schoen langweilig, weil bei mir alles anders ist" stellte Petra* fest. Martin Behrendt, ein behinderter Vater, der sich intensiv in seiner Dissertation mit der Situation behinderter Eltern beschaeftigt, erklaerte sich bereit, einen Ratgeber fuer behinderte Eltern zu erstellen. Daneben sollen unsere Beduerfnisse staerker in die Oeffentlichkeit gebracht werden: Informationen fuer Fachpersonal (Aerzten, Krankenschwestern, Hebammen) und behinderten Eltern sollen in einer regelmaessigen erscheinenden Zeitungsbeilage veroeffentlicht werden, wozu sich zwei behinderte Frauen bereit erklaerten. von Gisel Hermes, bifos e.V. * Die Namen der TeilnehmerInnen wurden von der Autorin geaendert.
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