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Article #252

Re: Gericht stoppt Bundesauftrag an Microsoft

#252
From: Stefan Werner
Date: Tue, 09 Jun 2009 07:37
139 lines
8783 bytes
Theo Schmidt schrieb:
> Stefan Werner schrieb:
> ...
>> Ich finde, es ist ein gigantischer Trugschluss und führt direkt in die 
>> Sackgasse, dass FOSS nichts kosten soll. 
> 
> Es heisst nirgends, dass es nichts kosten soll, zumindest bei den 
> üblichen GPL-artigen Lizenzen. Du kannst dein Programm zu einem 
> beliebigen Preis verkaufen. Aber da die Quellen freigegeben werden 

Es "heisst" vielleicht nirgends, aber es wird kolportiert. Gerade im 
Firmenumfeld muss man das jedem (potentiellen) Kunden aufs Neue 
erklären: "Nein, OpenSource heisst nicht 'gratis', sondern 'frei'. Sie 
sparen vermutlich kein Geld, sondern Sie erwerben verringerte Abhängigkeit."

>> Die Euphorie klingt bereits ab. 
> 
> Wir scheinen tatsächlich im "Trough of Dissillusionment" zu sein, der 
> "Kater nach dem Fest", der jedem "Hype-Cycle" der übersteigerten 
> Erwartungen folgt. In der Regel folgt dann eine Erholung auf 
> realistische Werte. Dabei sind nicht alle Produkte am selben Punkt.

Das sehe ich auch so und durchaus als Chance für FOSS: Reduktion 
unerfüllbarer Erwartungen.

>> Die Vorstellung, dass die riesige Arbeit, die in einem guten 
>> Softwareprodukt steckt, einfach gratis sein soll, ist ja eigentlich 
>> von vornherein albern. 
> 
> Sie ist ja auch nicht gratis. Am Linux Kernel arbeiten Profis, die zu 
> 90% oder so dafür bezahlt werden, habe ich kürzlich gelesen. Viele 
> Projekte werden durch Amateure betreut, das sind also Leute, welche ohne 
> Bezahlung ihre Zeit dafür geben. Das ist nicht albern. Die Währung ist 
> einfach anders. Z.B. Dank und Anerkennung statt Geld. Oder sogar nur 
> eigene Genugtuung, wie das bei den meisten Wikipedia-Autoren der Fall 
> ist, ein Projekt welche vergleichbare kommerzielle längst hinter sich 
> gelassen hat.

Wikipedia ist einfacher zu maintainen, als eine komplexe Software (da 
kaum Abhängigkeiten zwischen Artikeln) und ausserdem ist sie ein 
Massenprodukt. Eine Software nicht nur zu entwickeln, sondern auch zu 
supporten ist dagegen Knochenarbeit. Dank und Anerkennung befeuern die 
Energie dazu nur eine Zeit lang. Spätestens beim 100. abendlichen 
Telefonat nimmt die Lust deutlich ab, auch wenn der Anrufer "Danke" und 
"Super Arbeit!" sagt. Daher arbeiten so viele Linux Kernel Entwickler 
eben nicht gratis. Das Geld, das sie für ihre gute Arbeit bekommen, muss 
aber irgendwo verdient werden. Daher ist es m.E. falsch, beim Kunden die 
Erwartung zu wecken und zu schüren, OpenSource sei gratis.

>> Im Prinzip schon. Andererseits: Wenn die Bundesverwaltung auf ABIWord 
>> Setzt, und AbiWord wird nächstes Jahr eingestellt, dann war's das mit 
>> der günstigen FOSS. 
> 
> Abiword kann wie viele andere Programme ODF. Deshalb spielt es keine 
> grosse Rolle. Allerdings gibt es heute noch Probleme damit, wie die 
> verschiedenen Programme ODF umsetzen, aber es wird immer besser.

Naja, dasselbe kann man auch von Microsoft Office-Formaten sagen: Auch 
für die gibt es praktisch an jeder Ecke Konvertierungsfilter mit 
schwankender Qualität...

>> Es ist noch nichtmal so leicht, jemanden zu finden, der sich 
>> verantwortlich fühlt. Offenbar hat eine Firma namens "SourceGear" 
>> damit angefangen, es dann aber "donated". Tja, wer ist jetzt 
>> zuständig? Aha: "The Community". Hm, und wenn jetzt jemand von "The 
>> Community" einen Trojaner einschmuggelt, wen kann man dann 
>> verantwortlich machen? 
> 
> Das geschieht eben nicht, da verschiedene Leute daran arbeiten und es 
> sehr unwahrscheinlich wäre, dass eine dunkle Macht gleichzeitig alle 
> korrumpiert (durchaus auch bildlich zu verstehen). Das ist ja gerade der 

HA! Danke für die Steilvorlage :-). Du unterstellst da, dass jeder den 
gesamten Code kennt und analysiert. Das mag vielleicht für 
"briefmarkensammlung-0.1.0-alpha" gelten, aber sicher nicht für 
komplexere Software. gerade die irrige Vorstellung, OpenSource-Software 
sei automatisch immer peer reviewed, bloss weil sie grundsätzlich 
reviewbar ist, hat immer wieder für Enttäuschungen gesorgt. 
Sicherheitslücken sind in Firefox nicht seltener, als im Internet 
Explorer und sie werden auch nicht schneller gefixt. Root Kits für Linux 
sind eine Realität. Der Debian-OpenSSL-Bug hat Millionen von 
Internet-Servern korrumpiert, bloss weil offenbar niemand den Code 
kritisch gelesen hat. Achtung: Das soll keine Geringschätzung der 
Entwickler sein. Es ist klar, dass Bugs vorkommen. Ich wehre mich bloss 
gegen die Behauptung, es fände ein systematisches PeerReview bei 
OpenSource statt. Das Gegenteil ist der Fall: Strukturierte 
systematische Reviews, allerdings halt intern, sind eher die Domäne der 
ClosedSource. Das ist deswegen so, weil code reviewing eine langweilige, 
schwierige und mit wenig Ruhm und Ehre behaftete Arbeit ist, die kaum 
jemand freiwillig und gratis macht.

Es müssen also keineswegs alle gleichzeitig korrumpiert werden, sondern 
nur einer oder zwei, die für eine passende Stelle im Code zuständig 
sind. Die Chancen stehen ausgezeichnet, dass dann niemand ein halbwegs 
geschickt eingebautes Backdoor entdeckt.

> Vorteil von FOSS: solche Dinge können innerhalb eines offenen Projektes 
> (fast) nicht passieren. Natürlich können Projekte sterben, wenn dem 
> Hauptentwickler zu einem ungünstigen Zeitpunkt etwas passiert. Das ist 
> wohl mit dem Dateisystem Reiser passiert, da Hans Reiser jemand 
> umbrachte und verurteilt wurde. Aber das ist wohl eher selten.

Ist es nicht eher so, dass rund 90% aller OpenSource-Projekte nach 
weniger als einem Jahr wieder eingehen bzw. nicht mehr weiterentwickelt 
werden? Schau mal auf Sourceforge die Aktivitätsstatistiken an. Die weit 
überwiegende Mehrheit der Projekte zeigt keine oder kaum Aktivität. 
Natürlich gibt es grandiose Ausnahmen, wie den Apache httpd oder den 
Linux-Kernel, aber die sind, eben, Ausnahmen.

> Der Vergleich finde ich nicht richtig. Eine 180.-/h Person braucht 
> vielleicht 30 Minuten, um ein Linux zu installieren, welche einem 

Die 30 Minuten hat er doch schon verbraten, um die 500GB-Harddisk mit 
Ext3 zu formatieren...

Ich sehe schon was Du meinst - Der IT-Verantwortliche einer Firma wird 
zur TCO auch das vorhandene Wissen der Angestellten einkalkulieren. Er 
darf davon ausgehen, dass sämtliche KV-Absolventinnen mit Microsoft Word 
und Excel umgehen können und sich auf dem Windows-Desktop einigermassen 
zurechtfinden. Wenn er AbiWord oder OpenOffice installiert, wird er 
Schulungen machen müssen. Vielleicht keine langen Schulungen, aber doch 
soviel, dass die Kosten des IT-Profis zu Buche schlagen.

Man müsste zuerst die Schulen und Lehranstalten gewinnen, FOSS zu 
verwenden. Dort wird man mit dem Henne-Ei-Problem argumentieren: "Die 
Wirtschaft will, dass die Absolventen Microsoft(tm) sprechen...". Ich 
weiss auch nicht, wie man dieses Dilemma lösen könnte.


>> Es ist nicht "zuviel Geld vorhanden" (zumindest nicht in meinem 
>> Portemonnaie), sondern qualifizierte Arbeit ist gteuer im Vergleich zu 
>> guten kommerziellen Produkten.
> 
> Ja, so meinte ich das. Bei uns ist Arbeit sehr teuer während Resourcen 
> und Energie sehr billig sind.

Stimmt.

-stef
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Subject: Re: Gericht stoppt Bundesauftrag an Microsoft
Date: Tue, 09 Jun 2009 09:37:17 +0200
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