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Started by Antirassistisches Telefon
Thu, 18 Dec 1997 00:00
Eine klare Forderung stellen!
Author: Antirassistisches Telefon
Date: Thu, 18 Dec 1997 00:00
Date: Thu, 18 Dec 1997 00:00
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Weitergeleitet aus der ZAG25:
Eine klare Forderung stellen!
Ein Beitrag zur Diskussion �ber die Kampagne "Kein Mensch ist illegal"
Auch in Berlin haben sich mehrfach VertreterInnen unterschiedlicher Gruppen
getroffen, um �ber M�glichkeiten der Mitarbeit an der Kampagne "Kein Mensch
ist illegal" zu diskutieren. Dabei gab es bisher keine konkreten Ergebnisse.
Im Plenum der Antirassistischen Initiative wurde daraufhin diskutiert, worauf
die Schwierigkeiten im Umgang mit der Kampagne zur�ckzuf�hren sind und was
sich �ndern m��te, um eine konkrete Zusammenarbeit zu erm�glichen. Der
folgende Beitrag fa�t diese Diskussion zusammen.
Im Rahmen der diesj�hrigen Dokumenta in Kassel wurde die Kampagne "Kein
Mensch ist illegal" ins Leben gerufen. Wir finden es gut, da� versucht wird,
der Verfolgung und Illegalisierung von MigrantInnen entgegenzutreten und auf
ihre Situation hinzuweisen. Wir wollen die Kampagne konstruktiv unterst�tzen.
Aber immer, wenn wir dar�ber diskutierten, wie dies praktisch aussehen soll,
wurden wir fr�her oder sp�ter ziemlich ratlos. Deshalb ist unser erster
Beitrag eine grunds�tzliche Kritik, mit der wir zugleich die Forderung nach
weiterf�hrenden Diskussionen aufgreifen.
Was wir in der Kampagne sehen ...
1. Ans�tze zur Vernetzung und Zusammenarbeit
Im Rahmen der Kampagne soll es gemeinsame Veranstaltungen geben,
Publikationen gemeinsam herausgegeben werden. Eine Zusammenarbeit mit
halblegalen Unterst�tzungsgruppen und mit MigrantInnenprojekten wird
angestrebt.
Hinter der Idee, Ans�tze f�r die Vernetzung und Zusammenarbeit
unterschiedlicher Zusammenh�nge zu schaffen, verbergen sich Widerspr�che.
Denn einerseits gibt es schon eine Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen
Gruppen - sonst w�re auch die Kampagne wohl kaum zustande gekommen. Es wird
au�erdem ausdr�cklich gesagt, da� sich die Kampagne an dem orientiert, was
schon l�uft. Andererseits gelingt eine Zusammenarbeit oft nicht oder Gruppen
entscheiden sich bewu�t dagegen, wof�r es dann gew�hnlich auch Gr�nde gibt.
Die Kampagne bringt keine konkreten Vorschl�ge, wie die vorhandenen
Hindernisse �berwunden werden k�nnen. Offen bleibt auch die Frage, ob eine
Kampagne das geeignete Instrument daf�r ist, langfristig eine bessere
Vernetzung zu schaffen.
2. Medienkampagne und �ffentlichkeitsarbeit
a) Die �ffentlichkeitsarbeit soll die politische Praxis sein, mithilfe derer
die politische B�ndelung verwirklicht wird. Unserer Meinung nach reicht das
als gemeinsame Grundlage nicht aus.
b) Angedacht wird �ffentlichkeitsarbeit f�r Unterst�tzungsgruppen. Hier fehlt
ein Vorschlag, wie mit dem Problem umgegangen werden soll, da� �ffentlichkeit
die halblegalen Projekte und Illegalisierten auch gef�hrden kann. Schon
deshalb kann dies nicht der Schwerpunkt einer Medienkampagne sein.
c) Ziel kann deswegen nur das Schaffen einer Gegen�ffentlichkeit sein, die
auf das Problem der Illegalisierten aufmerksam machen will. Zwar ist es auf
jeden Fall n�tig, die Dinge anders zu thematisieren, als dies die Gegenseite
tut. Eine Beschr�nkung darauf allein ist aber zu wenig.
d) Eine explizite Forderung bleibt der Aufruf an alle Menschen, Illegale zu
unterst�tzen. Diese Forderung richtet sich an die Zivilgesellschaft. Eine
Zivilgesellschaft l��t sich aber nicht einfordern. Wo diese Zivilgesellschaft
stark genug ist, kann mensch versuchen, ihr Ausdruck zu verleihen und so
Druck auf den Staat auszu�ben. Die deutsche Gesellschaft zeichnet sich aber
dadurch aus, da� sie mit dem Staat an vielerlei Punkten verwoben ist - auch
im antirassistischen Bereich. (Was damit gemeint ist, finde ich nicht
besonders klar. Ev. k�nnte man ein konkretes Beispiel einf�gen oder das
anders formulieren.)
Konkrete Unterst�tzung ist notwendig, aber sie reicht nicht aus. Sie hilft
den MigrantInnen zwar, ver�ndert aber ihre rechtliche Lage nicht. Es bleibt
eine L�cke zu der Idee, die Illegalisierung aufzuheben. Es kann nicht unser
Anspruch sein, da� Illegalisierte auf die Gutherzigkeit von Deutschen
angewiesen bleiben.
Forderungen an den Staat stellen?
Daher mu� unserer Meinung nach �ber politische Forderungen an den Staat im
Rahmen dieser Kampagne diskutiert werden.
Die Texte der Kampagne gehen mit diesem Problem unklar und vage um. Sie
erw�hnen die Hamburger Legalisierungsdebatte zwar, in der heftig dar�ber
gestritten wurde, ob es sinnvoll ist, vom Staat die Legalisierung aller
Illegalisierten zu fordern. Sie bleiben allerdings dabei stehen, diese
"kontroversen und letztlich unfruchtbaren Diskussionen" nicht wiederholen zu
wollen. Statt dessen soll "diese Koordination auch eine Debatte �ber m�gliche
politische Forderungen aufgreifen". So l��t sich das Problem, da� es schon
damals gab, nicht aus der Welt schaffen. Die Kampagne versucht, sich nicht
festzulegen - weder f�r noch gegen Forderungen an den Staat . Das Problem
wird einfach ausgeklammert. Wir halten diese Debatte jedoch sehr wohl f�r
notwendig. Die Frage von Legalit�t und Illegalit�t ist immer an den Staat
gebunden, weil der Staat sie entscheidet. Schon deshalb ist es nach unserem
Ermessen notwendig, die Hamburger Debatte im Rahmen dieser Kampagne wieder
aufzugreifen.
Forderung nach Legalisierung aller hier lebender MigrantInnen
Unser Standpunkt in dieser Debatte ist, da� die Forderung nach Legalisierung
aller hier (d.h. in Deutschland) lebenden MigrantInnen im Rahmen der Kampagne
sinnvoll und notwendig ist.
Wir brauchen einen politischen Vorschlag, der...
1. ... die reale Situation der MigrantInnen im Blick beh�lt, ihre Forderungen
nach gleichen Rechten anerkennt und mehr anbietet, als nur humanit�re Hilfe.
Gleiche Rechte hei�t hier ausdr�cklich ein gleiches Aufenthaltsrecht wie alle
Deutschen auch und dazu die gleichen sozialen Rechte. Um es klar zu machen:
Ob dieser Vorschlag richtig ist, h�ngt von der Stellungnahme der
MigrantInnengruppen ab, genauso wie wohl erst der Kampf der MigrantInnen die
rassistische Situation ver�ndern kann. Aber wenn wir die Zusammenarbeit
wollen, m�ssen wir doch mehr anbieten als "Wir helfen Euch" und "Der Staat
ist schuld." Dies w�rde ein technisches wie paternalistisches
Sozialarbeiterverh�ltnis festschreiben.
2. ... andere gesellschaftliche Gruppen erreichen kann, also auch Gruppen,
die ein anderes Verh�ltnis zum Staat haben als wir. Wenn wir ein solches
B�ndnis wollen (und die Kampgnentexte lassen das vermuten), ist es wichtig,
da� wir in diesem B�ndnis nicht versuchen, uns gegenseitig unser Verh�ltnis
zum Staat aufzuzwingen. Trotzdem w�nschen wir uns, da� sich �ber einen
kleinen gemeinsamen Nenner hinaus eine praktische Unterst�tzungsarbeit
entwickelt. Daf�r gibt es keine Garantie, aber wenigstens m�ssen wir die
politischen Gruppen zu einer Stellungnahme zwingen.
3. ... unsere Vorstellungen und Ziele aufnimmt ("Kein Mensch ist illegal")
und versucht, sie zu konkretisieren, d.h. �ber das Verbreiten einer
gemeinsamen Parole hinauszutreiben. Von daher ist das Stellen von Forderungen
ganz sicher Realpolitik. Aber wir stellen ohnehin best�ndig konkrete
Forderungen, wie z.B. "Keine Abschiebungen nach Ex-Jugoslawien!!!". Dies
m�ssen wir auch. Wir m�ssen eine Br�cke schlagen zwischen unseren konkreten
Forderungen und unseren Zielen und deutlich machen, da� wir unsere Ziele
konkret verwirklichen wollen. Das beinhaltet, von diesem Staat zumindest das
zu fordern, was er sofort verwirklichen k�nnte. Eine solche Forderung darf
nicht beliebig sein: Vorschl�ge wie ein Einwanderungsgesetz scheiden schon
deshalb aus, weil sie MigrantInnen nach den N�tzlichkeitskriterien dieser
Gesellschaft ausdifferenzieren. Auch gibt es sicher andere M�glichkeiten, die
Sache anzugehen, z.B. internationale L�sungen. Sie sind aber nur dann eine
denkbare Perspektive, wenn sie genauso realpolitisch verstanden werden wie
dieser Vorschlag. (Und sie befreien uns nicht aus dem nationalen Rahmen.
N�hme man diesen Vorschlag ernst, so m��te man auf die Bundesrepublik
Deutschland einwirken, an entsprechenden Konferenzen teilzunehmen oder sie
sogar zu initiieren.)
4. ... im staatlichen Rahmen zu verwirklichen ist. ImmigrantInnen m�ssen
staatlich legalisiert werden. Nat�rlich sollte auch eine Revolution das
Problem l�sen. Aber zum einen k�nnen die Illegalisierten nicht so lange
warten, zum anderen k�nnen wir eine Revolution nur durchf�hren, aber nicht
fordern. Und die Probleme der Vorbereitung ihrer Durchf�hrung f�hren uns
wieder in die Realpolitik zur�ck. (Den kursiv gedruckten Teil w�rde ich
lieber streichen, weil er nicht unbedingt zu dieser Diskussion geh�rt)
Probleme der Legalisierungsforderung
Das Einfordern einer Legalisierung und deren Umsetzung wird nicht alle
Probleme l�sen - weder die der hiesigen Unterst�tzerInnen noch die der
MigrantInnen. Ein Zugest�ndnis besteht in der Unterscheidung zwischen denen,
die jetzt (oder zum Zeitpunkt der Legalisierung) hier sind, und denen, die
vielleicht noch kommen. Schon aus diesem Grunde ist die Verkn�pfung mit
konkreter Hilfe f�r Illegalisierte notwendig, um immer klar zu machen, da�
wir mehr wollen und das auch ernst meinen. Genauso notwendig ist es auch,
Forderungen wie die nach gleichen Rechten f�r alle im Blick zu behalten. Aber
konkrete Forderungen hindern uns niemals daran, viel weitergehende Ziele zu
formulieren und auch zu verfolgen.
Weiter ist klar, da� diese Forderung (anders als z.B. die nach offenen
Grenzen) nicht zeitlos sinnvoll ist (weder in einer revolution�ren Situation
noch nach dem f�nften Legalisierungsgesetz; den kursiv gesetzen Teil finde
ich erkl�rungsbed�rftig oder w�rde ihn eher streichen) Sie ist und soll jetzt
sinnvoll sein.
Die Forderung nach Legalisierung braucht und sollte nicht so weit ins Detail
ausgef�hrt werden, da� ein kompletter Gesetzesvorschlag dabei herauskommt.
Was aber passieren mu�, ist eine Konkretisierung, die ausdr�ckt, da� wir die
Legalisierung aller Fl�chtlinge meinen. Eine Legalisierung k�nnte demanch so
aussehen, da� alle Menschen, die sich in einem bestimmten Zeitraum melden
k�nnen, eine Aufenthaltsberechtigung bekommen. Hingegen k�nnen
Stichtagsregelungen, die voraussetzen, da� Illegale zu einem bestimmten Tag
bereits im Land gelebt haben, nicht unsere Forderung sein. Dies w�rde
Illegale zwingen, ihre Existenz im Land f�r einen Zeitpunkt zu beweisen, an
dem ihnen alles daran gelegen sein mu�te, keine Spuren zu hinterlassen.
Zu unserem weiteren Vorgehen mit diesem Vorschlag: Zwar haben wir uns noch
keine Gedanken dar�ber gemacht, wie ein Kampf um diese Forderung konkreter
werden kann. Die Forderung soll zun�chst zur Diskussion gestellt und damit
die versackte Hamburger Debatte wieder aufgenommen werden. Als ersten Beitrag
plant die ARI eine Diskussionsveranstaltung, auf der diese Fragen diskutiert
werden k�nnen.
Antirassistische Initiative Berlin (ARI)
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