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3 total messages Started by Jens-Torsten Bohlke Tue, 29 Jul 1997 00:00
Der Schroeder-Effekt
#72
Author: Jens-Torsten Bohlke
Date: Tue, 29 Jul 1997 00:00
77 lines
4630 bytes
## Nachricht <6aneeFbhf7B@p-jbohlk.pdsll.zerberus.de> vom 29.07.97 01:35 weitergeleitet
## Ursprung : /CL/GRUPPEN/SPD
## Ersteller: j.bohlke@PDSLL.zerberus.de (Jens-Torsten Bohlke)

Ob Gerhard Schroeder ein Auslaenderfreund oder ein Auslaenderfeind ist -  
diese Frage koennen wir getrost unbeantwortet lassen. Es sei aber gefragt,  
welchen Effekt es haette, wenn wir mit kriminellen Auslaendern nach dem  
Schroeder-Vorschlag verfahren wuerden, naemlich "raus, und zwar schnell".

Herr Schroeder nennt als Beispiele den organisierten Autodiebstahl, da  
seien besonders die Polen aktiv; bei der Prostitution herrsche die  
Russenmafia, und Drogenkriminelle kaemen vor allem aus Afrika.

Nun ist das alles ein bissschen richtig und insgesamt doch ziemlich  
falsch. Wenn man sich mit Polizisten in den Abteilungen "Organisierte  
Kriminalitaet", "Sitte" und "Wirtschaftskriminalitaet" unterhaelt,  
entsteht naemlich ein anderes Bild.

Zum Beispiel beim organisierten Autodiebstahl: Zum Klauen von Autos in  
Deutschland werden heute mit Vorliebe Polen und andere Auslaender  
eingesetzt - richtig. Doch eingesetzt von wem? Entgegen der herrschenden  
Meinung wird die Mehrzahl der gestohlenen Autos nicht im Ausland verkauft,  
sondern in Deutschland. Und zwar nicht von Polen, sondern von  
gewoehnlichen, also groesstenteils deutschen Gebrauchtwagenhaendlern. Die  
auch geben den Diebstahl in Auftrag. Ein deutscher Unternehmer braucht  
nicht selbst zu klauen.

Unfallautos, die von den Gutachtern als Totalschaeden eingestuft werden,  
werden heute meistens zu einem hoeheren Preis als dem Restwert verkauft.  
Das Wertvollste an den Schrottkarossen sind der Kfz-Brief und die Fahrzeug- 
Identifizierungsnummer. Dafuer zahlt der Gebrauchtwagenhaendler schon mal  
5000 Mark ueber dem Restwert.

Dann gibt er - bei dem von Herrn Schroeder genannten Polen - den Diebstahl  
eines nach Baujahr und Typ aehnlichen Autos in Auftrag. Mit Hilfe des Kfz- 
Briefs und der Identifizierungsnummer erhaelt das geklaute Auto in einer  
befreundeten Kfz-Werkstatt eine neue Identitaet. 20000 Mark Gewinn fuer  
den Gebrauchtwagenhaendler sind beim Verkauf des "neuen" Autos leicht  
drin. Nur 1000 Mark erhalten der polnische Dieb und seine Gang.

Um das zu verhindern, koennten die Versicherungen die Kfz-Briefe und  
Identifizierungsnummern der Autos mit Totalschaden auch einziehen. Das tun  
sie aber nicht, da sie ebenfalls vom organisierten Autoklau profitieren.  
Fuer sie verringert sich aufgrund des hoeheren Kaufpreises die  
Erstattungssumme.

Die schnelle Abschiebung illegal in Deutschland lebender Auslaender  
erfolgt uebrigens jetzt schon regelmaessig. Bauunternehmer verpfeifen  
schon mal ihre illegalen auslaendischen Arbeiter bei den Behoerden: Dann  
kommt die Polizei und weist die armen Schweine aus. Der Unternehmer aber  
behaelt den Lohn ein. Er ruft beim hollaendischen Subunternehmer an und  
bestellt sich ein paar neue Illegale. Wenn schnell ausgewiesen wird, gibt  
es keine Gerichtsverhandlung. Dann bleiben Auftraggeber und Profiteuere  
ungenannt. Sie koennen ihre Geschaefte ausweiten.

Es werden heute schon staendig auslaendische Bauarbeiter, Prostituierte,  
Autodiebe und Drogendealer wegen Gesetzesverstoessen ausgewiesen.  
Komischerweise aber kommen immer genau soviele nach, wie ausgewiesen  
werden. Dieses Phaenomen koennte man, in der beschleunigten Form, nun den  
Schroeder-Effekt nennen.

Uebrigens sind zahlreiche Polizisten mit ihrer Aufgabenzuschreibung a la  
Kanther oder Schroeder nicht mehr einverstanden. Sie haben es satt, die  
siebte Razzia im Grossbordell durchzufuehren, die illegal in Deutschland  
lebenden Frauen auszuweisen und bei der achten Razzia auf dieselbe Zahl  
anderer illegaler Frauen zu treffen. Sie wollen an die legale Logistik des  
organisierten Verbrechens heran.

                                    Werner Ruegemer

Quelle: junge Welt, 26./27.7.97

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J.Bohlke, der sich immer ueber Reaktionen freut. ++
Re: Der Schroeder-Effekt
#74
Author: Mark Herzog
Date: Thu, 31 Jul 1997 00:00
56 lines
3333 bytes
J.BOHLKE@PDSLL.zerberus.de schrieb am 31.07.97:

JB>Um das zu verhindern, koennten die Versicherungen die Kfz-Briefe und
JB>Identifizierungsnummern der Autos mit Totalschaden auch einziehen. Das tun
JB>sie aber nicht, da sie ebenfalls vom organisierten Autoklau profitieren.
JB>Fuer sie verringert sich aufgrund des hoeheren Kaufpreises die
JB>Erstattungssumme.

Ich kann mir vorstellen, dass das Einziehen der Papiere auch nicht weiter  
fuehrt: Man wird angeschrieben, den Brief doch bitte abzugeben und  
antwortet mit Achselzucken "hab'ich leider verluemmelt!"

Koennte man sagen: gut, denn nach der "Ich geh Dir ans Portemonai-"  
Methode und berechnet eine "Bearbeitungsgebuehr" fuer jeden "verlohrenen"  
Brief. Diese Gebuehr haette wahrscheinlich vor deutschen Gerichten keinen  
Bestand und muesste dann auch so VERHAeLTNISMAeSSIG sein, dass sie von  
diesen Gangstern aus der Portokasse bezahlt werden wuerde.

JB>Uebrigens sind zahlreiche Polizisten mit ihrer Aufgabenzuschreibung a la
JB>Kanther oder Schroeder nicht mehr einverstanden. Sie haben es satt, die
JB>siebte Razzia im Grossbordell durchzufuehren, die illegal in Deutschland
JB>lebenden Frauen auszuweisen und bei der achten Razzia auf dieselbe Zahl
JB>anderer illegaler Frauen zu treffen. Sie wollen an die legale Logistik des
JB>organisierten Verbrechens heran.

Das ist ueberhaupt die groesste Sauerei: Weit ueber 50 % der armen Maedels  
werden hier naemlich mit brutaler Folter dazu gezwungen, auf jede Art von  
echter koerperlicher Liebe zu verzichten. WENN Sie dann schon bei einer  
Razia befreit werden und die waage Hoffnung haben koennen, Ihre Peiniger  
vor Gericht zu bringen, wird dies noch dadurch verhindert, dass man sie  
abschiebt, bevor sie ihre wichtigen Aussagen machen koennen.

Und wehe sie sind zu Hause angekommen: Da setzt es erst einmal ein paar  
Tage Quaelereien, weil sie sich haben erwischen lassen, weil sie  
"abgehauen" sind oder weil sie vielleicht sogar bei der Polizei Namen  
genannt haben. Wenn diese Folter ueberlebt wird, ist das oft ein Wunder.

Ich persoenlich moechte mich zu gerne an einer Kampagne beteiligen, die  
z.B. ueber gekaufte Werbeplaetze im Russischen Fernsehen oder auch bei  
Sendern wie MTV, die dort viel empfangen werden, darueber aufklaert, was  
die Frauen, denen von Schleppern Jobs in Deutschland bei der Erntehilfe  
oder als Kindermaedchen angeboten werden tatsaechlich erwartet. So ein  
Spot muesste aehnlich gestaltet sein, wie diejenigen gegen AIDS oder  
Drogen. Das wuerde auch Herrn Schoeder gefallen, weil es immerhin ca  
500000 auslaendische Frauen sind, die im Jahr auf diese Weise nach  
Deutschland kommen.


Mark Herzog


E-Mail: Mark.Herzog@p14.f29.n2437.z2.fidonet.org
        ROTKREUZ@NADESHDA.gun.de
        Mark.Herzog@t-online.de
## CrossPoint v3.1 R ##
Re: Der Schroeder-Effekt
#77
Author: Jens-Torsten Bohlke
Date: Sun, 03 Aug 1997 00:00
8 lines
772 bytes
Hallo Mark,

vielen Dank fuer Deine Mail zu diesem Thema; Deinen Bemerkungen kann ich  
nur beipflichten.


J.Bohlke, der sich immer ueber Reaktionen freut. ++
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