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Started by Harry Schwerdtfeger
Fri, 07 May 1999 00:00
Albanien
Author: Harry Schwerdtfeger
Date: Fri, 07 May 1999 00:00
Date: Fri, 07 May 1999 00:00
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DIE ALBANISCHE KRANKHEIT
Eine neue Qualitaet im Zerfall der Gesellschaft
[ Zu den Zusammenbruchstendenzen im Balkan exemplarisch am Beispiel
des Kollapses Albaniens 1997 Anmerk. H.S.]
Selbst in Europa wissen die wenigsten, wo genau Albanien liegt.
"Irgendwo auf dem Balkan". Das kleine Land (3,2 Millionen Einwohner),
eines von vielen Zerfallsprodukten des Osmanischen Reiches, erklaerte
sich 1912 fuer unabhaengig. 1913 wurden seine Grenzen von den damaligen
Grossmaechten ziemlich willkuerlich festgelegt, sodass heute ein grosser
Teil der Albaner ausserhalb des albanischen Staatsgebiets in Mazedonien
und vor allem in der zu Restjugoslawien gehoerenden Provinz Kosovo lebt -
ein weiterer Unruheherd in dieser krisengeschuettelten Region. Aehnlich
wie in Jugoslawien kaempften waehrend des Zweiten Weltkriegs auch im
unwegsamen albanischen Bergland kommunistisch orientierte Partisanen
gegen die deutsche Besatzung und uebernahmen nach dem Krieg die Macht.
Und wie Tito in Jugoslawien, so etablierte der KP-Chef und ehemalige
Partisanenfuehrer Enver Hoxha in Albanien eine staatssozialistische
Modernisierungsdiktatur.
Gestuetzt auf einheimische Bodenschaetze wie Kohle, Eisenerz, Chrom,
Oel und Bitumen betrieb das Hoxha-Regime eine forcierte
Industrialisierung. Mit sowjetischer und spaeter mit chinesischer Hilfe
entstanden Kombinate der Schwerindustrie, des Maschinenbaus, der
Textilproduktion usw. Aber wiederum parallel zu Jugoslawien konnte
Albanien schon seit den 70er Jahren auf dem Weltmarkt nicht mehr
mithalten. Durch das Verbot jeglicher Auslandsverschuldung und durch
strikte Abschottung versuchte das Regime, eine oekonomische Krise zu
vermeiden. Albanien wurde zur letzten Bastion des Stalinismus und zum
exotischen Maerchenland Europas, wo sogar private Automobile verboten
waren. Umgekehrt erschien den Albanern Sueditalien, von dem sie nur durch
eine 60 km breite Meerenge der Adria getrennt sind, als das Maerchenland
des westlichen Konsums. Das italienische Fernsehen ist ueberall leicht zu
empfangen, und so orientierten sich die von der Parteidiktatur sozial
entmuendigten Menschen ebenso wie die Bevoelkerung der uebrigen
osteuropaeischen Laender an der glitzernden TV-Fassade des Westens.
Als Enver Hoxha 1985 starb, begann das Regime aufzuweichen.
Vorsichtige Oeffnungsversuche unter dem Druck der murrenden Bevoelkerung
und zunehmender Opposition machten die oekonomische Schwaeche manifest.
Einerseits konnten jetzt viele juengere Albaner als Arbeitsimmigranten
und Saisonarbeiter in Griechenland, Italien und anderen westlichen
Laendern Devisen verdienen, andererseits erlebte die albanische
Wirtschaft einen katastrophalen Einbruch: 1991 ging die international
nicht konkurrenzfaehige Industrieproduktion um 60 Prozent zurueck, die
Arbeitslosigkeit stieg auf 70 Prozent und das Land erlebte eine schwere
Zahlungsbilanzkrise; seitdem werden die innerhalb kurzer Zeit rapide
angewachsenen Auslandsschulden nicht mehr bedient.
Der Preis fuer die Oeffnung und fuer die Chance einer mobilen
Minderheit, "ihr Glueck" im westlichen Ausland zu suchen, war also der
Verlust jeder eigenstaendigen oekonomischen Reproduktion. Wegen der
Kleinheit des Landes und der schmalen industriellen Basis fiel der
Zusammenbruch viel drastischer aus als in den groesseren Staaten
Osteuropas. Die demoralisierte Bevoelkerung war ploetzlich groesstenteils
auf die Ueberweisungen ihrer im Ausland arbeitenden Verwandten
angewiesen. Vom September 1991 bis zum Maerz 1992 kam es zu
oppositionellen Massendemonstrationen in der Hauptstadt Tirana und zu
Hungerrevolten in verschiedenen Landesteilen; einige staatliche
Lebensmitteldepots wurden gepluendert.
Die Wellen der Proteste trugen die neu gegruendete Demokratische
Partei mit ihrem Vorsitzenden Salih Berisha nach oben, die Ende Maerz
1992 die Wahlen mit 66 Prozent der Stimmen gewann und Berisha zum neuen
Staatspraesidenten machte. Die aus der stalinistischen KP hervorgegangene
Sozialistische Partei wurde in die Opposition gedraengt. Wie in einer
Nussschale schien in Albanien derselbe Prozess wie in allen anderen
Laendern des ehemaligen Ostblocks abzulaufen: Waehrend die Wirtschaft
unter dem Druck des hereinstroemenden Weltmarkts zusammenbrach und die
Bevoelkerung sozial polarisiert wurde, spaltete sich die weiterhin
dominierende, aber ideologisch umcodierte buerokratische Elite des
Staatssozialismus in einen rechtskonservativen, radikal
marktwirtschaftlichen Fluegel einerseits und einen sich
marktwirtschaftlich moderat gebenden sozialdemokratischen Fluegel
andererseits.
Nach diesem Muster findet in ganz Osteuropa seit der grossen Wende
ein sozial tragisches und politisch komisches Schauspiel statt. Die
grosse Mehrheit sehnt sich einzig und allein nach marktwirtschaftlicher
Prosperitaet, nach westlichen Standards und nach neuen,
konkurrenzfaehigen Arbeitsplaetzen. Niemand denkt ueber soziale und
oekonomische Alternativen nach. Und niemand will wahrhaben, dass die
eigene Misere Teil einer allgemeinen Weltkrise ist, die laengst auch die
westlichen Kernlaender erfasst hat. Die irrationalen Hoffnungen auf die
Marktwirtschaft gehen an der Tatsache vorbei, dass kein einziger der
osteuropaeischen "Reformstaaten" genuegend Kapital investieren kann, um
die Mehrheit der Bevoelkerung noch einmal in ein konkurrenzfaehiges
industrielles System zu integrieren; am allerwenigsten Albanien. Jede
Regierung, egal welcher Couleur, kann nur noch das stumme Urteil des
Weltmarkts an der eigenen Bevoelkerung vollstrecken und unter der Aegide
des Internationalen Waehrungsfonds (IWF) eine gnadenlose Politik der
"Austeritaet" durchsetzen. Fuer den eklatanten Widerspruch zwischen
Hoffnung und marktwirtschaftlicher Realitaet wird dann regelmaessig die
jeweilige Regierungspartei verantwortlich gemacht und die jeweilige
Opposition durch Massenproteste nach oben gespuelt, bis sich die Fronten
wieder verkehren und dasselbe Spiel mit umgekehrtem Vorzeichen von vorne
beginnt. So erleben wir in mehreren osteuropaeischen Laendern das
groteske Schauspiel von periodischen Massenprotesten, die sich bald gegen
die ex-stalinistischen "Sozialisten", bald gegen die ebenso
ex-stalinistischen "Demokraten" und marktwirtschaftlichen
"Radikalreformer" richten.
In Albanien schienen die Dinge zunaechst anders zu verlaufen.
Praesident Berisha, ein Kardiologe, der als Leibarzt von Enver Hoxha zum
Kern der stalinistischen Nomenklatura gehoert hatte, trat ploetzlich als
"Kommunistenfresser" auf und errichtete ein autokratisches
Einparteien-Regime. Der Vorsitzende der Sozialisten, Fatos Nano, wurde
ohne rechtsstaatliches Verfahren ins Gefaengnis geworfen; auch gegen
andere prominente Mitglieder der Oppositionspartei gab es Schauprozesse
nach stalinistischem Muster, aber unter der Fahne von Marktwirtschaft und
Demokratie. Nach Aussagen unabhaengiger Beobachter wurden die Wahlen im
Mai 1996 massiv zugunsten von Berisha gefaelscht. In diesem wenig
vertrauenerweckenden Klima steuerte das Regime wirtschaftspolitisch einen
Kurs radikaler Privatisierung und Deregulierung.
Schon immer haben die fuehrenden westlichen Laender trotz ihrer
demokratischen Rhetorik in den Laendern der Peripherie auf finstere
Diktaturen gesetzt, wenn diese nur in der Politik genuegend
antikommunistisch und in der Oekonomie genuegend marktwirtschaftlich
waren. Insofern ist es wenig ueberraschend, dass der Westen im
postsozialistischen Osteuropa Figuren wie Jelzin im grossen Russland oder
Berisha im kleinen Albanien favorisiert. Trotzdem muss man sich wundern,
mit welcher ideologischen Verblendung die westlichen Eliten immer noch
daran glauben, dass diese nahezu unzurechnungsfaehigen Figuren durch eine
Kombination von "harter Hand" und marktwirtschaftlichen Radikalkuren den
Prozess des sozialen Zerfalls in der riesigen Region zwischen Mittelasien
und Suedosteuropa zur westlichen Zufriedenheit verwalten koennten.
Berisha jedenfalls wurde unter den abenteuerlichen Gestalten der
neuen kapitalistischen Nomenklatura in Osteuropa zum Lieblingsverrueckten
besonders der britischen Konservativen und der deutschen
Regierungspartei, der Christlich-Demokratischen Union (CDU). Einen nicht
unerheblichen Teil der neuen albanischen Reformgesetze schrieben deutsche
"Experten" aus den Brain-Trusts der frommen Gesellschaften fuer die
marktwirtschaftliche Orthodoxie. Anfang Maerz 1995 reiste der
konservative deutsche Bundespraesident Roman Herzog mit grossem Gefolge
nach Tirana, um "den albanischen Reformprozess zu staerken". Die passende
Begleitmusik dazu gab die "Deutsche Bank Research" mit einem Loblied auf
das "Struktur- und Stabilitaetsprogramm" von Berisha, das "zunehmend
Fruechte trage". Gefeiert wurden ein Rekord-Wachstum des
Bruttoinlandsprodukts von 8 Prozent im Jahr 1994 sowie Fortschritte bei
der Privatisierung und bei der Sanierung des Staatshaushalts. Und da IWF
und Weltbank fuer das segensreiche Berisha-Programm Kredite ueber
insgesamt 180 Millionen Dollar beizusteueren geruhten, schien dem
marktwirtschaftlichen Reformglueck nichts mehr im Wege zu stehen.
Die Berichte der Leute, die sich vor Ort in Albanien selber umgesehen
hatten, sprachen von Anfang an eine ganz andere Sprache. Da wurden Bilder
von verfallenden Industrie-Ruinen und von zerstoerten Gewaechshaeusern
gezeigt, in denen Schafe weideten. Die privatisierte Landwirtschaft, so
hiess es, sei zu primitiven Organisationsformen und zur Arbeit mit
Holzpfluegen zurueckgekehrt. Nicht nur ein grosser Teil der
verarbeitenden Industrie, sondern auch fast der gesamte Maschinenbau
wurde im Zuge der "Privatisierung" geschlossen. Der Anteil der Industrie
am Bruttoinlandsprodukt sank von 41 Prozent (1989) auf unter 12 Prozent
(1996). Trotzdem lag das offizielle Wachstum auch 1995 bei 8 Prozent und
1996 sogar bei 8,7 Prozent. Selbst wenn man das extrem niedrige
Ausgangsniveau nach dem Absturz von 1990-92 beruecksichtigte, musste das
albanische "Wirtschaftswunder aus dem Nichts" als unglaubwuerdig
erscheinen; es sei denn, man trug als Analyst der "Deutsche Bank
Research" eine dicke ideologische Brille.
Es gab tatsaechlich immer mehr Albaner, die einige Zeit ziemlich gut
lebten. Aber wovon? Von konkurrenzfaehiger Produktion jedenfalls nicht.
Des Raetsels Loesung waren die sogenannten Finanzpyramiden, in den Jahren
1992/93 gegruendete Investment-Fonds, die auch kleinen Geldanlegern
sagenhaft hohe Zinsen versprachen. Im Grunde genommen handelte es sich
dabei um betruegerische finanzielle Schneeball-Systeme, wie sie seit
Beginn des spekulativen "Kasino-Kapitalismus" in den 80er Jahren weltweit
zu beobachten sind. In Albanien wurde praktisch die gesamte
Volkswirtschaft von diesen unserioesen Finanzpyramiden erfasst.
Das war nur moeglich, weil sich nach dem Zusammenbruch der
industriellen Basis die oekonomische Taetigkeit hauptsaechlich auf zwei
Fronten des von der Mafia kontrollierten Schmuggels konzentrierte:
Einerseits wurde Suedalbanien durch einen illegalen Schnellboot-Verkehr
ueber die Adria zur Drehscheibe des kriminellen Geschaefts mit Drogen,
Waffen und Prostituierten zwischen Ost- und Westeuropa; andererseits
lebte halb Nordalbanien davon, durch Schmuggel mit Treibstoff und anderen
Guetern das UNO-Embargo gegen das benachbarte Serbien zu unterlaufen. Die
seltsamen Finanzpyramiden waren nichts als grosse Geldwaschanlagen fuer
alle diese illegalen Geschaefte. Und es gibt keinen Zweifel, dass die
Regierungspartei von Praesident Berisha mit der Mafia und den Betreibern
der Finanzpyramiden verfilzt ist.
Als das UNO-Embargo gegen Serbien aufgehoben wurde, war es Zeit fuer
die Mafia, die Pyramiden platzen zu lassen. Im Herbst 1996 wurde zu
diesem Zweck durch das Versprechen von 60 Prozent Zinsen monatlich (!)
noch einmal ein wahrer Geldrausch erzeugt. Praktisch die gesamte
Bevoelkerung lieferte innerhalb von drei Monaten ihre Ersparnisse ab,
geblendet von absurden Hoffnungen auf das "grosse Geld". Nachdem sie das
ganze Land restlos abkassiert hatten, meldeten die Finanzpyramiden
reihenweise Bankrott an. Die Mafia konnte sich ohne Verluste aus dem
finanziellen Schneeball-System zurueckziehen, waehrend die Bevoelkerung
auf einen Schlag enteignet wurde. Damit war binnen einer Woche das
finanz-kabbalistische "albanische Wirtschaftswunder" ruiniert und mit ihm
der Ruf der "Deutsche Bank Research". Dass professionelle
Finanz-Analysten auf einen derart faulen Zauber hereinfallen konnten, hat
einen einfachen Grund: Sowohl die "Coupon-Privatisierung" in ganz
Osteuropa als auch die globalisierten, von der realen Produktion laengst
entkoppelten Finanzmaerkte des Westens selber beruhen letzten Endes auf
ganz aehnlichen (wenn auch komplexeren) Strukturen wie das primitive
Schneeball-System der albanischen Finanzpyramiden. Was in Albanien im
kleinen passiert ist, kann sich jederzeit auch global im grossen
vollziehen.
Die Antwort war der Volksaufstand, der ueber die Bildschirme der Welt
flimmerte. Rathaeuser, Polizeistationen, Kasernen, Finanzaemter usw.
wurden gestuermt und angezuendet, Geschaefte und oeffentliche
Einrichtungen wahllos gepluendert. Auf gespenstische Weise loeste sich
der Staatsapparat auf: Polizisten, Soldaten und Beamte zogen sich zurueck
oder beteiligten sich an den Pluenderungen. Mitten in der Krisensituation
konnten Fernsehen und Rundfunk nur noch ein Notprogramm senden, weil ein
grosser Teil der Angestellten nicht mehr zum Dienst erschien. Den
Demonstranten und Pluenderern fielen riesige Mengen von Waffen und
Munition in die Haende. In Albanien existiert die Macht nicht mehr, ein
Alptraum aller Herrschenden seit Beginn der menschlichen Zivilisation.
Aber es gibt kein alternatives gesellschaftliches Ziel. Verzweifelt
versucht der Westen, die albanische Situation irgendwie in seine
gewohnten Kategorien einzuordnen. Die Presse munkelte, es koennte
vielleicht nach jugoslawischem Muster einen "ethnischen Buergerkrieg"
zwischen den Volksgruppen der nordalbanischen "Gegen" und der
suedalbanischen "Tosken" geben.
Aber nicht einmal diese Interpretation scheint mehr zu treffen. In
Wahrheit weiss das Volk nicht, was es mit sich anfangen soll. Die
Menschen glauben an gar nichts mehr, nicht an den Kapitalismus und nicht
an den Sozialismus, nicht an die Demokratie und nicht an die Ethnie,
nicht an den Staat und nicht an die Familie, nicht an Gott und nicht an
die Welt; nicht einmal an sich selbst. Was in Albanien herrscht, ist der
allgemeine Nihilismus. Ueberall kann man fuer zwei oder drei Dollar eine
Kalaschnikow samt Munition, fast nirgends mehr Brot kaufen. Es wird so
gut wie nichts mehr produziert und jeder einzelne Mensch vom Kind bis zur
Grossmutter ist schwer bewaffnet und schiesst gelegentlich sinnlos in die
Luft. Die Appelle der Europaeischen Union gehen ins Leere, selbst wenn
die Fassade eines "Staates" rekonstruiert werden sollte. In Albanien ist
der Schrecken Wirklichkeit geworden, den der Staatsphilosoph Thomas
Hobbes im 17. Jahrhundert fuer eine Gesellschaft der totalen Konkurrenz
prophezeit hatte. Die albanische Krankheit ist keine exotische Seuche,
sie ist das erstmals sichtbar gewordene Endstadium der kapitalistischen
Krankheit in der ganzen Welt.
erschienen in FOLHA, 1997
Autor: Robert Kurz
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