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1 total messages Started by Harry Schwerdtfeger Sun, 09 May 1999 00:00
Das Ende der neuen Weltordnung 1
#74
Author: Harry Schwerdtfeger
Date: Sun, 09 May 1999 00:00
341 lines
24954 bytes
Das Ende der Neuen Weltordnung

Ein Essay zur globalen �konomie und Politik nach dem Epochenbruch

[Teil 1 von 2]



*Weltordnung und Weltchaos*

Die historische Z�sur von 1989 schien ihre eigene Bedeutung unmittelbar und 
�u#erlich darzustellen. Auch ein halbes Jahrzehnt und einige unerwartete 
Negativerscheinungen sp�ter wird der Untergang des Staatssozialismus noch in 
subjekttheoretischen Terms begriffen. Zweihundert Jahre nach der Franz�sischen 
Revolution ist das b�rgerliche Aufkl�rungsdenken mit seinem Subjektbegriff trotz 
aller theoretischen Einspr�che in der �ffentlichen Diskussion augenscheinlich nicht 
nur ungebrochen, sondern so sehr zur axiomatischen Selbstverst�ndlichkeit 
geworden, da# die dramatische politisch-�konomische Entwicklung der Welt am 
Ende des 20. Jahrhunderts nicht anders als in subjektiven Kategorien von Irrtum 
und Wahrheit, von Sieg und Niederlage beschrieben werden kann. So war es nur 
folgerichtig, da# die westlichen Staaten und vornehmlich die F�hrungsmacht USA 
das Ende der bipolaren Nachkriegskonstellation im Sinne ihrer eigenen 
Machtsubjektivit�t verstanden; und damit als Anspruch, eine Neue Weltordnung 
aufzurichten. Der pure missionarische Eifer des Westens, die kapitalistische Hybris 
der totalen Machbarkeit und die Arroganz der konkurrenzlos gewordenen Macht 
feierten einen oberfl�chlichen und verd�chtig d�nnstimmigen Triumph. 
�konomisch, politisch und ideologisch sollte die Welt endg�ltig zur 
eindimensionalen nach dem Bilde des Westens gemacht werden.

Das pl�tzliche Aufleben des alten Anspruchs nicht positiv aus eigener Substanz, 
sondern lediglich durch das sang- und klanglose Ableben des als Gegensystem 
definierten Ostblocks konnte aber nur m�hsam �berdecken, da# dieser Anspruch 
selber l�ngst schon kr�nklich und hinf�llig geworden war. Es geh�rt zu den 
unfreiwilligen Highlights der an objektiven Ironien reichen Auslaufgeschichte der 
Moderne, da# zugleich mit der politischen Feier einer nunmehr einzurichtende 
neuen Ordnung der theoretischen Feier des Chaos zur diskursiven Mode wurde. 
Das Prinzip der Selbst�hnlichkeit und die Theorie der Fraktale, Grundelemente der 
Chaostheorie,(1) wie sie auch philosophisch und sozial- bzw. 
gesellschaftstheoretisch inzwischen eifrig herangezogen werden, verweisen in 
ihrem mathematischen und naturwissenschaftlichen Zuschnitt auf den Zustand 
einer Gesellschaft, die sich gerade in Gestalt der Weltgesellschaft, die sie jetzt 
unwiderruflich geworden ist, als steuerlose Naturw�chsigkeit (Chaos) nicht nur 
begreift, sondern dies auch wirklich ist.

Die westliche Ordnung ist das Chaos, und das Chaos wird als Ordnung erkannt; 
was dies aber im Unterschied zur physikalischen und biologischen Natur f�r die 
menschliche Gesellschaft bedeutet, das kann auch die Struktur des Zerfalls in die 
Barbarei sein. Denn hier taucht ein theoretischer Ordnungsbegriff auf, der mit dem 
subjektiven (aufkl�rerischen) nichts mehr zu tun hat. Hatten Strukturalismus und 
Systemtheorie seit den 60er Jahren die Subjektlosigkeit als Meta-Problem der 
Moderne noch im Sinne der systemischen Selbstregulation positiv und quasi 
mechanisch bestimmt, so bringt die gesellschaftswissenschaftlich reformulierte 
Chaostheorie als affirmative (marktwirtschaftliche) ein negatives und gef�hrliches 
Moment hinzu. M�glicherweise kann die Chaostheorie auch anders und kritisch 
reformuliert werden; davon ist bis jetzt aber kaum etwas zu sehen. In einem 
affirmativen Bezug zum globalen Marktsystem wird sie jedenfalls Teil des 
theoretischen und sozialen Zynismus.

Dabei enth�llt sich ein grunds�tzliches Problem, das den vom Westen 
ausgehenden Modemisierungsproze# schon immer begleitet hat, heute aber 
erstmals eine absolute Grenze zu markieren scheint; gerade weil die Logik des 
Westens den nicht mehr �berschreitbaren globalen Raum nunmehr als ganzen 
durchdringt und eindimensional ausrichtet. Dieses Problem ist das Verh�ltnis von 
b�rgerlichem Subjekt der Moderne einerseits und blinder Fetisch-Objektivit�t der 
kapitalistischen Produktionsweise andererseits. Im Marxschen Begriff der Fetisch-
Konstitution liegt die Erkenntnis, da# das b�rgerliche Subjekt seiner eigenen Form 
nach (als Ware-Geld-Subjekt) gar nicht zu jener selbstbewu#ten M�ndigkeit 
gelangen kann, die von den Aufkl�rungsideologen beschworen worden ist. Der in 
die warenf�rmige Vergesellschaftung eingeschlossene und sich stufenweise bis 
zum Rechts- und Staatsfetisch entfaltende Fetischismus konstituiert, obwohl durch 
menschliche Handlungen in die Welt gebracht und von menschlichen Subjekten 
getragen, eine blinde Systemgesetzlichkeit jenseits der subjektiven Willens aller 
Beteiligten. Exekutiert wird diese sich herausbildende subjektlose Chaos-Struktur 
durch das "Zwangsgesetz der Konkurrenz", von dem alle Willens�u#erungen und 
Handlungen immer schon pr�formiert sind, solange die Warenf�rmigkeit von 
Bewu#tsein und Aktion nicht durchbrochen und aufgehoben wird. Das Subjekt, 
gleichg�ltig in welcher individuellen oder institutionellen Erscheinung, ist von Anfang 
an blamiert durch seine eigene gesellschaftliche Form.

Ordnungspolitisch wird also von den alten institutionellen Tr�gem der Macht noch 
einmal der alte Subjektanspruch erhoben, w�hrend gleichzeitig die 
Subjektlosigkeitstheorien bereits das affirmative Frustbes�ufnis hinter sich haben 
und sozusagen gr�lend vom Zustand des Chaos k�nden. Dementsprechend sehen 
die realen Ereignisse auch aus. Der Golfkrieg war ebenso eine Blamage wie die 
Intervention in Somalia und die Haltung zum jugoslawischen B�rgerkrieg oder die 
Beeinflussung der marktwirtschaftlichen Reformen in Osteuropa. Trotz riesigen 
finanziellen und logistischen Aufwands der G-7-Staaten schreitet die globale 
Destabilisierung fort. Die zwanghafte �ffnung aller Staaten f�r den totalen 
Weltmarkt f�hrt offenbar nur zu einer Verwilderung der ehemaligen 
Entwicklungsdiktaturen. Von den monstr�sen politischen Gesch�pfen, die der 
Westen im fr�heren Systemkonflikt mit dem staatssozialistischen "Reich des 
B�sen" installiert und funktionalisiert hatte, macht sich eines nach dem andern 
selbst�ndig wie ein gest�rter Kampfroboter. Auch die ehemaligen 
Befreiungsnationalismen der Dritten Welt gehen in Bandenkriege �ber. Und vor 
allem die Nachfolgestaaten der zerbrochenen Sowjetunion versinken im 
�konomischen Chaos und in B�rgerkriegen, sogar auf besonders gef�hrliche 
Weise durch ein unberechenbar gewordenes Atomwaffenarsenal. Statt mit 
demokratischen Politikern und marktwirtschaftlichen Managern bev�lkert sich die 
ge�ffnete Welt des Ostens und S�dens mit Warlords und Mafiah�uptlingen. 
Schillernde Figuren vorn Schlage eines Saddam Hussein, eines Mohammed Aidid 
oder eines Wladimir Schirinowski betreten die B�hne, ohne entscheidend gestoppt 
werden zu k�nnen. "Au#er Kontrolle" drohe die Welt zu geraten, wie ein 
ehemaliger US-Sicherheitschef feststellen mu#te.(2)

Zu viel Chaos, zu viel Unberechenbarkeit, zu viele B�rgerkriege, zu viel endemische 
Gewalt und Verzweiflung, zu viel absurde und kriminelle Personage �berfordern 
s�mtliche US-Flotten, UNO-Eins�tze und G-7-Beschl�sse. Hier ist nichts mehr 
"funktional", auch mein im Sinne irgendeiner Kapitalverwertung. Die 
funktionalistische Struktur selber verwildert. Die fl�chendeckende Durchsetzung der 
westlichen Verkehrsformen ist nicht identisch mit einem Sieg der westlichen 
Machtsubjekte. Der subjektlose Sieg der kapitalistischen Systemkriterien ist 
vielmehr identisch mit dem Verfall aller kapitalistischen Ordnungspolitik. Der Anfang 
der Neuen Weltordnung als globale Systemstruktur des Chaos bedeutet also 
gleichzeitig das Ende der Neuen Weltordnung als Programmkonstrukt in den 
K�pfen der Pr�sidenten, Konzernvorst�nde, Finanzstrategen, Planungsst�be und 
wissenschaftlichen Wassertr�ger. Sie werden vom Chaos der Neuen Weltordnung 
�berrollt, bevor sie diese selber ordnungspolitisch erfinden k�nnen. So kommt es, 
da# die mit unheimlicher Selbst�ndigkeit sich vollziehende 
"Ordnungsver�nderung" von den kapitalistischen Machern selber zunehmend als 
Verh�ngnis empfunden wird.

Aber wie ist diese negative Gesamtentwicklung zu interpretieren? Die Reste der 
geschlagenen sozialistischen Linken ziehen es meistens vor, die neue Situation in 
den alten Begriffen zu beschreiben. Danach sei es die pure Existenz der (wie 
immer zu kritisierenden, von Unterdr�ckung, B�rokratie usw. deformierten) 
�stlichen Gegenmacht gewesen, die "den Kapitalismus" dazu veranla#t habe, aus 
strategischen Gr�nden "soziale Kompromisse" einzugehen und sich selber 
rechtsstaatlich zu domestizieren. Mit dem Wegfallen dieser Macht kehre "das 
Kapital" jetzt zur hemmungslosen Ausbeutung und offenen Repression zur�ck. 
Nun stimmt es zwar, da# das "Gleichgewicht des Schreckens" in der bipolaren 
Nachkriegskonstellation tats�chlich bei inneren Konflikten die Machttr�ger in beiden 
Lagern zu einer gewissen Zur�ckhaltung gezwungen hat. Aber dennoch wird hier 
das Problem noch in altaufkl�rerischen subjekttheoretischen Terms definiert 
(private Verf�gungsgewalt, Vorherrschaft, monopolistische Macht etc.), die den 
gesellschaftlichen Proze# weitgehend in einem Subjekt dieses Prozesses (in 
dessen Willens�u#erungen und Handlungen) aufgehen lassen. Eine solche 
Denkweise f�llt immer schon hinter die Marxsche Theorie zur�ck; jedenfalls hinter 
jene Argumentationsebene dieser Theorie, die das Kapital als blinden, fetisch-
konstituierten Systemproze# bestimmt hat. Jetzt r�cht es sich auch, da# die linke 
Kapitalismuskritik auf die postmodernen Theorien, in denen dem Subjekt 
konstruktivistisch/dekonstruktivistisch und affirmativ "der Proze# gemacht" wurde, 
nicht kritisch und aufhebend, sondern blo# defensiv (und teilweise selber affirmativ) 
reagiert hatte. Schon die �u#ersten Spitzen der Kritischen Theorie in Gestalt der 
"Negativen Dialektik"(3) hatten sich dem Aufhebungsproblem von Subjektform und 
Warenform gen�hert, es jedoch nicht gel�st; und auch die sp�teren Ans�tze etwa 
feministischer Provenienz hatten die Subjektkritik nicht von der 
marktwirtschaftlichen Affirmation trennen k�nnen und verdammten sich selbst 
dazu, auf irgendeine Variante des scheinhaften (warenf�rmigen) 
Aufkl�rungssubjekts zur�ckzufallen.(4) Der hilflose Antikapitalismus kann,
ebenso wie die hilflose kapitalistische Ordnungspolitik, die Neue Weltordnung
wieder nur subjekt- und machttheoretisch bestimmen, die in solchen Kategorien
aber nicht einmal dem Augenschein nach mehr aufgeht. Die bisherige Kapitalis=
muskritik erweist sich so als Bestandteil der vergangenen Epoche und als selber
noch der b�rgerlichen, warenf�rmigen Gesellschaft mit Haut und Haar zugeh�rig.


*Das Ende der nachholenden Modernisierung*

Entscheidend f�r eine weitergehende Bewertung der neuen Weltsituation ist 
nat�rlich auch, in welchem Kontext der Zusammenbruch des Staatssozialismus 
angesiedelt wird. Vom Standpunkt ihrer ideologischen Selbstlegitimation aus war 
die sowjetische Staatsplangesellschaft die einzige "reale" Alternative zum 
westlichen Kapitalismus; und auch von einem Gro#teil der westlichen linken 
Kapitalismuskritiker wurde ihr. trotz vieler b�rgerlich-demokratischer Vorbehalte im 
Sinne der westlichen Aufkl�rungstradition, zumindest �konomisch dieser Status 
zuerkannt. Offenbar konnten sich auch die westlichen Kapitalismuskritiker trotz des 
fortgeschrittenen Entwicklungsstandes ihrer Gesellschaften eine Aufhebung des 
Kapitalverh�ltnisses nicht anders als in Kategorien einer staats�konomischen 
Planung allgemeiner Warenproduktion vorstellen. Im Rahmen der Kritischen 
Theorie hat Friedrich Pollock, der gelegentlich als der "Polit�konom" der 
Frankfurter Schule bezeichnet worden ist, genau diese Auffassung dargestellt,(5) 
�ber die auch seine sp�teren Analysen nie hinausgekommen sind.

Nicht der historische Entwicklungsstand und nicht der innere krisenhafte Reifegrad 
der Gesellschaft wurde so zum entscheidenden Kriterium, sondern haupts�chlich 
der "politischen Wille" (Primat der Politik) gegen�ber den vermeintlich 
verwaltungstechnisch reduzierten, aber unaufgehobenen Warenkategorien, und 
sp�ter die abgrenzende politische Selbstbehauptung des "sozialistischen Lagers" 
gegen�ber den westlichen Anspr�chen (Eiserner Vorhang). Damit wurde der 
historische Charakter dieses Sozialismus verkannt: n�mlich sein Wesen als ein 
System nachholender Modernisierung, das gerade durch eine (nachholende) 
Implementierung warenf�rmiger Gesellschaftlichkeit statt durch deren Aufhebung 
gekennzeichnet war. Das ist auch nur logisch: was noch gar nicht entwickelt ist, 
kann auch nicht aufgehoben werden. Es geht dabei keineswegs um eine absolute, 
pr�destinierte Zwangsl�ufigkeit von Entwicklung Oberhaupt. Aber man mu# schon 
sehr weit zur�ckgehen (etwa ins Zeitalter der Pest, als die alte feudale Ordnung 
ersch�ttert wurde aber die Weichen f�r die weitere Entwicklung noch nicht 
eindeutig gestellt waren), um die l�ngst vergangene M�glichkeit eines grunds�tzlich 
anderen und wahrscheinlich sehr viel langsameren Entwicklungsprozesses 
ausmachen zu k�nnen. Unter der Bedingung eines schon fortgeschrittenen 
kapitalistischen Weges im Westen aber war (nicht nur in Ru#land) f�r die 
historischen Nachz�gler zun�chst gar nichts anderes m�glich als "nachholende 
Modernisierung".

Diese Kennzeichnung als "objektivistisch" zu denunzieren, enth�llt unfreiwillig 
s�mtliche Defizite des linken Aufkl�rungsdenkens. Dabei kann sogar Adornos 
Begriffskritik in einer Art Double-bind Struktur instrumentalisiert werden: wird ein 
Begriff mit Bestimmtheit behauptet, z. B. eben die Wesensbestimmung des 
Sozialismus als nachholende Modernisierung, dann mokiert sich dieses Denken, 
da# eine Wirklichkeit mit allen ihren M�glichkeiten, Hoffnungen und Subjektivit�ten 
unter eine objektive Bestimmung subsumiert werde;(6) wird aber die Begriffskritik 
ihrerseits ernst genommen und mit ihrer Weiterentwicklung das 
Aufkl�rungsdenken und sein Subjektbegriff selber attackiert, dann schreien die 
Enkel der Kritischen Theorie erst recht auf. Das grundlegende Problem, in dem 
Adornos (bis heute un�bertroffenes) Denken sich zuletzt bewegte, wird so affirmativ 
eingesargt statt kritisch weitergedacht.

Das aufkl�rerische Subjektdenken in seiner linken Sp�tvariante ignoriert also 
weitgehend die immanente Entwicklungsproblematik und damit die 
Binnengeschichte der Moderne; die Aufhebung des Kapitalismus wird praktisch 
jederzeit f�r m�glich (oder unm�glich) gehalten; der kapitalistischen Modernisierung 
wird eigentlich kein eigener historischer Gehalt zuerkannt. Einziger 
Bedingungsgrund ist dann das von der Geschichte abgel�ste subjektive 
Bewu#tsein (was die Tendenz zur Publikumsbeschimpfung einschlie#t, weil das 
"richtige" Bewu#tsein sich vermeintlich nie einstellt). Die Ambivalenz des 
Kapitalismus als gleichzeitige Destruktion und Emanzipation verschwindet, und der 
ambivalente Proze# erscheint dann im Westen als eine einzige Kette von 
"Niederlagen", w�hrend der nachholenden Variante desselben Prozesses im 
Osten ein falsches Moment der Transzendenz angedichtet werden mu#. Die 
politizistische Apotheose dieses Denkens, die eine starke Affinit�t zur 
Selbstlegitimation des Staatssozialismus aufweist, kann freilich nicht dar�ber 
hinwegt�uschen, da# die logische Kehrseite des Aufkl�rungssubjekts immer schon 
der totale Objektivismus der Warenform ist. Statt die Aufkl�rung vollst�ndig 
historisch zu dechiffrieren, wird ihr abstrakter Anspruch blo# ewig als uneingel�ster 
eingeklagt. Der Objektivismus, dem man sich fern glaubt, lauert in der nicht 
ernsthaft angetasteten Warenform selber, deren politische Regulierbarkeit f�r 
m�glich gehalten wird; der Streit geht dann nur �ber die Art und Weise der 
Moderation - ob diktatorisch oder demokratisch; ohne zu realisieren, da# die 
Demokratie selbst einen subjektlosen diktatorischen Kern besitzt, der gerade in 
ihrer Warenf�rmigkeit besteht.

Der Zusammenbruch des Staatssozialismus hat diesem Konstrukt einer unbewu#t 
immanenten Kritik vollst�ndig den Boden unter den F�#en weggezogen und alle 
einschl�gigen Kriterien blamiert-, auch dann, wenn die Tr�ger dieses linken 
Denkens dem Staatssozialismus vordergr�ndig kritisch und ablehnend 
gegen�berstanden. In der Eindimensionalit�t der Neuen Weltordnung wird nur 
ratifiziert, was der nachholenden Modernisierung (sowohl im Staatssozialismus seit 
1917 als auch in der Dritten Welt seit dem 2. Weltkrieg) von vornherein zugrunde 
gelegen hatte: die objektivierte Eindimensionalit�t der gesellschaftlichen 
Warenform entledigt sich jetzt nur ihrer ungleichzeitigen historischen Gew�nder und 
stellt eine negative Gleichzeitigkeit im Weltma#stab gewaltsam her. Der Begriff 
dieser neuen strukturellen Gleichzeitigkeit des globalen warenproduzierenden 
Systems kann nur aus einer Kritik der bisherigen Kritik entwickelt werden. Immerhin 
hatten die fortgeschrittensten Varianten der linken Entwicklungs- und 
Imperialismustheorie mehr von den Problemen der ehemaligen Dritten Welt als von 
denen des Staatssozialismus der "Zweiten Welt" ausgingen, bereits den Begriff 
des Weltsystems hervorgebracht.(7)

Dieser Begriff des Weltsystems blieb freilich, dem tats�chlichen Entwicklungsstand 
bis zum Beginn der 80er Jahre entsprechend, selber noch den Problemstellungen 
der nachholenden Modernisierung verhaftet. Ausgehend von den Varianten der 
Dependenztheorie(8) und den Theoremen des "ungleichen Tauschs"(9) bezog sich die 
Weltsystem-Theorie immer noch auf die Problemebene der "Unterentwicklung", 
wobei als impliziter Ma#stab wie bei allen Entwicklungstheorien) die westlichen 
Kriterien einer koh�renten national�konomischen Warenproduktion auf hohem 
Konsumniveau dienten. Es ging also vor allem um das Entwicklungsgef�lle und um 
die "Ungleichheit" innerhalb des warenproduzierenden Systems; und diese 
strukturelle Schranke f�r die historischen Nachz�gler wurde im wesentlichen auf 
der Ebene der Zirkulation zwischen alten und neuen National�konomien 
abgebildet, wobei der Begriff der "internationalen Arbeitsteilung" einen eher 
deskriptiven Stellenwert hatte.

Die Weltsystem-Theorie stellt so einen #bergang dar, der erst Ende der 80er Jahre 
mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus abgeschlossen wurde. In dieser 
vergangenen Epoche waren die Entwicklungsstrategien und kritischen 
Interventionen, egal ob mehr an einer neuen "gerechteren") 
Weltwirtschaftsordnung orientiert oder mehr an einer (emanzipatorischen) 
Abkoppelung vom Weltmarkt,(10) allesamt auf die Frage gerichtet, wie eine 
emanzipatorische Eigenst�ndigkeit und ein menschenw�rdiges Leben auf dem 
Boden des blind vorausgesetzten warenproduzierenden Systems in einer 
weitergehenden Entwicklungsperspektive erreichbar sein k�nnten. Die Tatsache, 
da# jede "Entwicklung" in diesem Sinne seit dem 17. Jahrhundert ihre Ambivalenz 
dadurch bewiesen hatte, da# immer die Massen mehr oder weniger diktatorisch 
den Systemkriterien der totalen Warenform und damit den Zumutungen der 
abstrakten Arbeit unterworfen wurden, und da# sich dies nicht nur in der 
nachholenden Modernisierung der Sowjetunion wiederholte, sondern auch in 
s�mtlichen Varianten "nationaler Befreiung" der Dritten Welt, blieb weitgehend 
ausgeblendet. Auch die Weltsystem-Theorie verl�#t das implizite warenf�rmige 
Paradigma nicht, aber ihr strukturalistischer Ansatz verweist bereits auf das 
Problem der subjektlosen Form, die zur Welt-Form wird, und da# diesem Ansatz 
gelegentlich "entwicklungspolitischer Pessimismus" (oder gar Nihilismus) 
vorgeworfen wurde, zeigt nur, da# die Grenze warenf�rmiger Entwicklung 
�berhaupt in Sichtweite r�ckte.

Tats�chlich mu# seit Ende der 80er Jahre von einer qualitativen Ver�nderung des 
Weltsystems gesprochen werden. Hatte es sich bis dahin um ein 
national�konomisch vermitteltes Weltsystem gehandelt, in dem sich der zugrunde 
liegende Systemproze# abstrakter Arbeit auf der Ebene des Weltmarkts wirklich in 
der Hauptsache zirkulativ darstellte (als Waren- und Kapitalexport bzw. -import 
zwischen den National�konomien), so haben wir es nun mit einem schubweise 
sich durchsetzenden unmittelbaren Weltsystem zu tun, in dem sich die abstrakte 
Arbeit direkt im Weltma#stab reproduziert und die bisherigen National�konomien 
zerlegt. Zun�chst erscheint dies als Zusammenbruch der meisten historischen 
Nachz�gler, weil deren Industrien die neuen (durch die mikroelektronische 
Revolution vermittelten) Produktivit�ts- und Rentabilit�tsstandards mit ihrer 
gesteigerten Kapitalintensit�t nicht mehr durchhalten k�nnen. Damit verf�llt die 
innere Reproduktion dieser Gesellschaften; die staatliche Umverteilungsf�higkeit 
erlischt, die terti�ren Sektoren im modernen, zivilisatorischen Sinne 
(Gesundheitswesen, Bildung etc.) werden stillgelegt und durch eine negative 
Tertiarisierung (Dienstboten, Schuhputzer, Prostitution etc.) ersetzt. Auf der 
monet�ren Ebene erscheint dieser Zusammenbruch als Entwertung des eigenen 
Geldes, das zur "W�hrung der Armen" wird, w�hrend die Reste der offiziellen 
Reproduktion nur noch �ber Devisen (DM, Dollars) laufen.

Die Entwicklung seit 1989 hat bereits praktisch bewiesen, da# dieser 
national�konomische Zerfall keineswegs an die Reproduktionsformen des 
Staatssozialismus gebunden ist, sondern nach dessen Untergang erst richtig 
beginnt. Wir haben es mit dem Ende und Zusammenbruch der nachholenden 
Modernisierung Oberhaupt zu tun. Der gr�#ere Teil der Menschheit ist bereits jetzt 
warenf�rmig nicht mehr menschlich reproduzierbar. Aber der f�llige 
Paradigmenwechsel wird nicht vollzogen, weil er �ber die Schmerzgrenze des 
warenf�rmigen Bewu#tseins hinausfahren m�#te. Die westliche Kapitalismuskritik, 
die sich an der �u#erlichen jakobinischen Militanz der Bewegungen und Regimes 
nachholender Modernisierung eine Zeit lang berauscht und die fortgeschrittene 
eigene Gesellschaft in deren Begriffen verk�rzt und daher folgenlos attackiert hatte, 
verstummt zusammen mit dem b�rgerlichen Revolutionsethos des 
Staatssozialismus und der ehemaligen Dritten Welt.

In der nunmehr hervortretenden negativen Gleichzeitigkeit des eindimensionalen 
Weltsystems klammern sich die meisten ehemaligen Kritiker geradezu krampfartig 
an die Fetisch-Konstitution der Warenform und beleuchten damit noch einmal 
unfreiwillig ihre fr�here Kritik. Ein Teil der Entwicklungstheoretiker verf�llt unter 
Ignoranz aller heutigen weltsystemischen Zusammenh�nge der regressiven und 
haltlosen Parole "Von Europa lernen",(11) der zufolge die ehemalige Dritte Welt 
ebenso wie der zusammengebrochene Ostblock noch einmal einem Paradigma 
weltmarktvermittelter Exportorientierung folgen und die kapitalistische Entwicklung 
Europas im 19. Jahrhundert wiederholen sollen. Die Frage eines 
"menschenw�rdigen Lebens" f�r die Menschen, die den abstrakten Kriterien 
dieser Perspektive zu unterwerfen w�ren, spielt nur noch eine Nebenrolle als 
schw�chliches Versprechen irgendeiner kapitalistischen Zukunft; in Wahrheit 
handelt es sich bereits um eine zynische globale Minderheits-Option. Kaum besser 
ist die Wiederbelebung der sogenannten Regulationstheorie,(12) mit der das Ende 
der nachholenden Modernisierung in einem letzten Aufgu# politizistischer 
Regulationsanspr�che auf Basis der ideologisch verewigten Waren- und 
Marktformen aufgehalten oder irgendwie gemildert werden soll.(13) Die b�rgerliche
Subjektform, der auch die bisherige Linke zugeh�rt, kann den Gedem�tigten und 
Beleidigten keine Hoffnung und keine andere Perspektive mehr bieten als das 
endlose Scheitern und Zugrundegehen an den Kriterien der "alternativlosen" Welt-
Marktwirtschaft.

[Ende Teil 1 von 2]
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