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1 total messages Started by Harry Schwerdtfeger Sun, 09 May 1999 00:00
Das Ende der neuen Weltordnung 2
#75
Author: Harry Schwerdtfeger
Date: Sun, 09 May 1999 00:00
382 lines
25745 bytes
[Das Ende der Neuen Weltordnung]
[Ein Essay zur globalen �konomie und Politik nach dem Epochenbruch]


[Teil 2 von 2]

*Das neue Gesicht des Weltsystems*

Die Neue Weltordnung als Entfaltung eines negativ gleichzeitig gewordenen 
subjektlosen Welt-Chaos folgt aber nicht mehr den bisherigen kapitalistischen 
Systemgesetzlichkeiten, die national�konomisch begrenzt waren und ihre 
Erg�nzung durch die Sekund�rebene des Weltmarkts erfuhren; z. B. als Problem- 
und Krisenexport durch "Externalisierung", was Marx zum Teil (im Vorgriff auf sein 
nie geschriebenes Buch �ber die Weltmarktvermittlung) unter die dem 
national�konomischen "tendenziellen Fall" der Profitrate "entgegenwirkenden 
Ursachen" rechnete.(14) Unter der neuen Bedingung eines direkten Weltsystems 
oder unmittelbaren Weltkapitals, das als totale Reproduktionsform die bisherigen 
nationalen Schranken durchbricht, ver�ndert sich auch die "Gesetzm�#igkeit". Es 
stellt sich keine globale "Durchschnittsprofitrate" her, in der die zur�ckgebliebenen 
Produktivit�tsniveaus der historischen Nachz�gler als positive Gr�#en erscheinen 
w�rden. Der Begriff der Durchschnittsprofitrate macht nur Sinn auf einem historisch 
gleichzeitigen national�konomischen Level.

Dieses Problem war schon in der bisherigen Weltmarktvermittlung implizit und 
vermittelt wirksam gewesen; die warenfetischistische Illusion vom "gerechten 
Tausch" hatte dabei die Ebene der historischen Ungleichzeitigkeit von nationalen 
Produktivit�tsniveaus verfehlt. Jetzt aber wird dasselbe Problem explizit und direkt 
wirksam. In der gewaltsamen Herstellung einer globalen negativen Gleichzeitigkeit, 
vermittelt durch die neuen mikroelektronischen Produktivkr�fte, setzt sich das 
h�here Produktivit�tsniveau ungefiltert durch; d. h. die national�konomische 
Reproduktion der produktivit�tsschw�cheren Nachholgesellschaften tr�gt nicht zu 
einem neuen "Durchschnitt" bei, sondern wird als solche "entwertet". Die 
Herausbildung des unmittelbaren Weltsystems ist also nicht identisch mit einer 
globalen Erweiterung der bisherigen national�konomischen Kriterien, sondern mit 
deren Aufhebung, in der die Kategorie des �konomischen "Werts" Oberhaupt und 
als solche ad absurdum gef�hrt wird.

Auf der ("unsichtbaren", nur durch theoretische Abstraktion zu erfassenden) Ebene 
der �konomischen Wertverh�ltnisse als solcher kann derselbe Proze# als 
"Entwertung des Werts" in dem Sinne beschrieben werden, da# die Warenform 
sukzessive ihre "Substanz" (abstrakte Arbeit) quantitativ absolut vermindert. Die 
Produktivit�t geht von der "Arbeit" auf die technologisch angewendete 
Naturwissenschaft �ber, was Marx vorausgesehen hatte.(15) Das Verh�ltnis verkehrt 
sich qualitativ; nicht mehr die Wissenschaft erh�ht die Produktivkraft der Arbeit, 
sondern die Arbeit wird zum untergeordneten Bestandteil der "Produktivkraft 
Wissenschaft". Dadurch verlagert sich nicht die "Wertsch�pfung" von der Arbeit 
auf die Wissenschaft,(16) sondern der Verwertungsproze# als solcher beginnt zu 
erl�schen. Denn "Wert" ist als stetig sich verwertende Masse abstrakter 
Arbeitsquanta nur durch repetitive Massenarbeit auf der H�he der 
Produktivit�tsstandards reproduzierbar, w�hrend die Arbeitsquanta der 
Wissenschaft selbst in keinem Verh�ltnis mehr zur Masse der prim�r 
technologisch erzeugten Produkte stehen. Vollends gehen Roboter, vernetzte 
Strukturen und elektronische Steuerungsimpulse kein gesellschaftliches Verh�ltnis 
ein (ein solches Verh�ltnis, also ein menschliches, stellt der "Wert" aber in seiner 
dinglichen Vermittlung dar); und selbst der theoretisch d�mmste Manager erf�hrt 
dies daran, da# sie auch nichts kaufen.

Die Herausbildung des unmittelbaren Weltsystems ist also identisch mit der 
absoluten Schranke der "Wertvergesellschaftung", die sich zuerst in der 
"Entwertung" der national�konomischen Reproduktion bei den meisten 
historischen Nachz�glern zeigt. Weder quantitativ noch qualitativ wird dieser 
Tatbestand durch die wenigen Schwellenl�nder (haupts�chlich S�dostasiens) 
konterkariert. Es handelt sich dabei keineswegs um die reine Option des 
Billiglohns, die eine neue "�ra der Ausbeutung" im alten Sinne und damit einen 
neuen Akkumulationsschub abstrakter Arbeit im Weltsystem bewirken k�nnte. 
Vielmehr mu# der asiatische Hungerlohn auch in den Schwellenl�ndern bereits mit 
High-tech, Automatisierung und Lean Production kombiniert werden. Sowenig die 
Chinesen ihre Weltraumraketen durch mechanische Wippen mit massenhafter 
menschlicher Sprungkraft in die Erdumlaufbahn katapultieren konnten, 
ebensowenig kann der blo#e Billiglohn als Massenph�nomen die 
mikroelektronische Revolution im Produktionsproze# ausgleichen und das 
Verh�ltnis von "Arbeit" und "Produktivkraft Wissenschaft" wieder umkehren.

Tats�chlich haben wir es mit einem kurzlebigen #bergangsmodell zu tun, was sich 
an zwei Ph�nomenen deutlich ablesen l�#t. Erstens verschlingt die 
unausweichliche kapitalintensive Hochr�stung der Produktion auf jeder neuen Stufe 
in den Schwellenl�ndern den gesamten Weltmarktgewinn wieder; so sind heute 
praktisch alle asiatischen Schwellenl�nder bei Japan (wo sie ihre Investitions- und 
Rationalisierungsg�ter haupts�chlich einkaufen) hochverschuldet. Zweitens findet 
mit jedem Schub kapitalintensiver Rationalisierung eine Freisetzung von 
Arbeitskraft und eine Auslagerung der billigen Lohnfertigung in die "noch billigeren" 
Nachbarl�nder (Vietnam, VR China etc.) statt. Die Gespenster der krisenhaften 
Au#enverschuldung und der strukturellen Massenarbeitslosigkeit werden daher 
schon mittelfristig in den Schwellenl�ndern wieder auftauchen.

Vor allem aber kann der Billiglohn kein neues Niveau der Produktivit�ts- und 
Rentabilit�tsstandards konstituieren.

Die negative Gleichzeitigkeit des unmittelbaren Weltsystems der Warenproduktion 
ist nicht mehr r�ckg�ngig zu machen. Die massenhafte Anwendung von 
zus�tzlicher billiger Arbeitskraft produziert kein Grau "Wert" mehr, als wenn der 
westliche Rationalisierungsstandard voll durchgezogen w�re. Der massenhafte 
Hungerlohn ver�ndert also nicht die Wertverh�ltnisse, sondern er stellt nur einen 
prek�ren Konkurrenzvorteil an der Weltmarktoberfl�che dar: durch sozialen und 
�kologischen Raubbau versuchen die Schwellenl�nder, ihre immer noch 
vorhandene relative Kapitalschw�che in der Herausbildung des unmittelbaren 
Weltsystems und damit auf dem unbegriffenen) Boden der Krise des "Werts" 
auszugleichen. Soweit dies gelingt und Exporterfolge Kapitalzuflu# bewirken, kann 
die Kombination von High-tech und Billiglohn sogar vor�bergehend eine 
#berkompensation des Nachteils (relative Kapitalschw�che) hervorrufen und ganze 
Industriesektoren im Westen niederkonkurrieren.

Der tempor�re Charakter dieser Erfolge ergibt sich jedoch nicht allein daraus,
da# der Billiglohn durch Zwang zur Rationalisierung und Auslagerung �berall
rasch zum Auslaufmodell wird und die Auslagerungsprozesse nicht beliebig 
erl�ngerbar sind. Da# durch massenhaften Billiglohn kein zus�tzlicher globaler
"Wert" erzeugt wird, zeigt sich an der Oberfl�che auch daran, da# diese Option
nur f�r eine v�llig einseitige Exportorientierung taugt. Ebensowenig wie
Massenarbeitslosigkeit und Verslumung k�nnen Billiglohnstrukturen ausreichende
Importstr�me f�r ein langfristig ausgeglichenes globales Wachstum bewirken.
Das mu#te auch der deutsche Bundeskanzler Kohl bei seinen Besuchen z. B. in
Indien und in der VR China erfahren; das Geld f�r (vergleichsweise k�mmerliche)
Exportauftr�ge der deutschen Industrie durfte er in Form von Krediten und
B�rgschaften gleich mitbringen. Da die inneren M�rkte der Schwellenl�nder sich
notwendigerweise viel langsamer entwickeln als die weltmarktf�higen Produktions=
kapazit�ten, geht die zwischen innerem Konsum sowie Importen einerseits und dem
Export andererseits immer weiter auseinander. Die Exportindustrialisierung der
Schwellenl�nder ist somit Teil eines globalen Verdr�ngungswettbewerbs und
insofern der Krise des warenf�rmigen Weltsystems; die einseitige Abh�ngigkeit
von den Exportstrukturen und damit von globalen Defizitkreisl�ufen kann nur im
Zusammenbruch enden. Weit davon entfernt, die europ�ische Industrialisierung
des 19. Jahrhunderts zu wiederholen, ist die kleine Gruppe der Schwellenl�nder
viel eher ein zeitweiliges paradoxes Krisenprodukt im #bergang zum unmittelbaren
Weltsystem, das innerhalb der Warenform nur ein Zusammenbruchssystem sein kann.
Um der Erscheinung nach Vergleichbares zu finden, mu# man schon viel weiter 
zur�ckgehen; n�mlich zum Merkantilismus des 17. und 18. Jahrhunderts. In der 
Fr�hphase und in der Endphase des warenproduzierenden Systems zeigen sich 
�hnliche Strukturen, freilich auf jeweils ganz anderem Entwicklungsniveau. Obwohl 
in hochrationalisierten Produktionsstrukturen der Lohnkostenanteil best�ndig sinkt, 
hat als Reaktion auf die asiatische Offensive weltweit eine allgemeine 
Billiglohnkampagne und "Entsozialisierung" eingesetzt: in einem ungeheuren 
Verarmungsschub scheint sozial der Fr�hkapitalismus zur�ckzukehren. Die 
Nationalstaaten tendieren dazu, einen wachsenden Teil der eigenen Bev�lkerung 
auf Hungerrationen zu setzen, den eigenen Markt teilweise aufzugeben und das 
Heil in Exportoffensiven zu suchen. Aber wenn das alle machen, dann kommt es 
auf der Ebene des Weltsystems um so schneller zum Crash. Die 
Auseinandersetzungen um das GATT und die zunehmenden Handelskriege waren 
dabei nur das Vorspiel.

Im Unterschied zum historischen Merkantilismus hat der Neomerkantilismus in der 
globalen Krise der Wertvergesellschaftung jedoch keinen historischen Spielraum 
mehr. Es ist nur der Schein des Fr�hkapitalismus, der gespenstisch sich 
wiederholt. Denn die Massenverarmung findet nicht mehr im Zuge einer 
urspr�nglichen Akkumulation statt, in der die kapitalproduktive Vernutzung 
menschlicher Arbeitskraft im gro#en Ma#stab beginnt, sondern im Gegenteil vor 
dem Hintergrund eines Zusammenbruchs der "Arbeit", die von der "Produktivkraft 
Wissenschaft" �berholt wird. Der fundamentale Trend ist die Rationalisierung, nicht 
der Billiglohn. Und die neue Qualit�t der Rationalisierung, die auf Basis der 
mikroelektronischen Revolution mehr Arbeit eliminiert als durch Markterweiterung 
reabsorbiert werden kann, ist durch den neomerkantilistischen Crash-Kurs nicht zu 
�berspielen.

Deshalb ist das neue Gesicht des Weltsystems zu Beginn der 90er Jahre auch nur 
eine Momentaufnahme. Die neomerkantilistische Orientierung der Nationalstaaten 
ist ja nur deren Krisenreaktion auf einen Proze#, in dem sich die 
National�konomien als solche in das unmittelbare Weltsystem aufl�sen. Damit 
wird letztlich der bisherigen warenproduzierenden Staatenwelt und ihrer Zivilisation 
die Grundlage und die Legitimation entzogen. Einerseits sind die zunehmenden 
B�rgerkriege, Sezessionismen und Verzweiflungsaktionen als Reaktion auf diesen 
weitergehenden national�konomischen Zusammenbruch manifest geworden. 
Andererseits wird durch den Neomerkantilismus hindurch, der ja selber noch 
national�konomisch bestimmt ist, bereits eine neue postnationale Struktur sichtbar, 
in der sich die kapitalistischen Unternehmen ungefiltert und jenseits der 
zerbrechenden national�konomischen Koh�renz auf das unmittelbare Weltsystem 
beziehen.

Im Unterschied zu den gro#enteils national�konomisch und verteilungspolitisch 
beschr�nkten Restdiskursen der Linken wird �ber diese "neue Logik der 
Weltwirtschaft" vor allem im angels�chsischen Raum eine breite akademische 
Debatte gef�hrt,(17) die erst allm�hlich in das vereinigungsbesoffene und absurde 
Nationaldebatten f�hrende Deutschland �berschwappt. Nat�rlich denken diese 
b�rgerlichen Publizisten das Neue auch noch in den alten Kategorien und sie 
versuchen z. B. die mutma#liche Zukunft einer globalisierten �konomie immer 
noch nach "Gewinnern" und "Verlierern" zu sortieren, "Chancen" und "Risiken" 
gegeneinander abzuw�gen etc. Explizit oder implizit wird dabei ein 
betriebswirtschaftlicher Standpunkt eingenommen, der sich auf ver�nderte 
Rahmenbedingungen ausrichten mu#, w�hrend die sozialen und �kologischen 
Folgen teils ausgeblendet bleiben, teils verharmlost werden oder jedenfalls nur als 
quasi "naturgesetzliche" Nebenwirkungen vorkommen.

Ein Kennzeichen dieser neuen Struktur ist es, da# die noch von der bisherigen 
Weltsystem-Theorie analysierte ungleichzeitige "internationale Arbeitsteilung" sich 
zumindest teilweise aufl�st. Nicht mehr industrielle Monopolisten und abh�ngige 
Rohstofflieferanten stehen sich in einer festgeschriebenen Bipolarit�t gegen�ber, 
sondern die Krisenstruktur des Weltsystems diversifiziert sich quer durch die 
bisherigen National�konomien und Bl�cke. Die #bergangserscheinung der 
Schwellenl�nder konstituiert keine "Semiperipherie", wie etwa Wallerstein 
annimmt, sondern sie ist der Vorschein einer neuen durchgehenden Globalstruktur 
der negativen Gleichzeitigkeit. Der Proze# der Globalisierung egalisiert die 
Weltregionen des warenproduzierenden Systems allm�hlich negativ. #berall gibt 
es Produktivit�tsinseln, und �berall gibt es Slums. Indien wie Bulgarien besitzen 
konkurrenzf�hige Softwareproduzenten, die hundertmal billiger sind als die 
westlichen und diese niederkonkurrieren; aber dies �ndert nichts an der 
Verelendung indischen und bulgarischen Massen. Brasilien ist kein blo#er 
Rohstofflieferant alten Stils, sondern exportiert erfolgreich Industrieg�ter bis hin zu 
D�senj�gern; aber zwischen 60 und 70 Prozent der brasilianischen Bev�lkerung 
erscheinen nicht einmal mehr in die Armutsstatistik und fallen aus der 
warenf�rmigen Definition des Menschseins lautlos heraus.

Analog dazu verfallen umgekehrt in der bisherigen Ersten Welt ganze Industrien 
und ganze Regionen. Nicht mehr "reiche L�nder" und "arme L�nder" stehen sich 
gegen�ber wie in der vergangenen Epoche, sondern Schritt f�r Schritt breiten sich 
Armut, Verelendung und Verwahrlosung gleichm�#ig �ber den gesamten negativ 
gleichzeitig gemachten Erdball aus. Nachdem der blinde Systemproze# der 
Warenproduktion die Grenzen zwischen den "drei Welten" niedergerissen hat, 
haben wir es vorl�ufig mit einer Inkubationszeit zu tun, die den rapiden Abstieg des 
ehemaligen Ostblocks und den zeitweiligen Aufstieg der Schwellenl�nder auf 
Kosten der westlichen Industrien und der lohnabh�ngigen Massen des Westens 
erlebt. Die ideologische und rassistische, bis tief in den demokratischen Diskurs 
hineinreichende Option, eine Art neuen Limes gegen die "Barbaren" zu ziehen,17 
wird erfolglos sein, weil es nicht allein um die Armutswanderung geht, sondern um 
die objektivierte Verallgemeinerung der warenf�rmigen Krisenstruktur. Am Ende 
wird es in allen L�ndern gleichzeitig Erste Welt (Produktivit�ts- und 
Besch�ftigungsinseln), Zweite Welt (staatsterroristische Notstandsverwaltung) und 
Dritte Welt (Verslumung der Mehrheit) geben.

Obsz�ner Reichtum und obsz�ne Armut stehen sich dann in einer global 
vereinheitlichten zivilisatorischen Verfallsstruktur unmittelbar gegen�ber. Die 
Chaostheorie erlebt hier in einer b�sen Ironie ihre negative Best�tigung; nicht als 
positive Resultate der Prosperit�t aus den fraktalen Strukturen des Marktchaos, 
sondern als totale Entmenschung der Markt�konomie. Nach dem chaostheoretischen
Prinzip der Selbst�hnlichkeit ist es n�mlich "gesetzm�#ig", da# eine
Systemstruktur sich in allen Gr�#enordnungen dieser Struktur form�hnlich 
reproduziert; die bisher im national�konomisch vermittelten Weltsystem 
"un�hnlich" verteilten Elemente m�ssen daher bei einer Globalisierung der 
�konomie zum unmittelbaren Weltsystem "selbst�hnlich" auf allen 
Gr�#enordnungsstufen wiedererscheinen: vom einzelnen Dorf oder Stadtteil bis 
zum globalen Gesamtsystem. Dieses Ende kann freilich seinerseits keinen negativ 
stabilen Zustand generieren, in dem ein globaler Minderheitskapitalismus munter 
weiterakkumuliert. Abgesehen von den gewaltsamen Reaktionen der 
Verlierermehrheit setzt sich die Selbst�hnlichkeit der Systemstruktur auch in
dem Sinne fort, da# Konkurrenz und Rationalisierung, Entwertung und Krise sich
auf jedem neuen Minderheitsniveau abermals reproduzieren. In einer sich
verengenden Spirale r�ckt in der neuen Struktur des Weltsystems die absolute
Schranke jeglicher Kapitalverwertung n�her, und zwar in demselben Ma#e, wie das
Kapital seine eigene Substanz, abstrakte Arbeit, schubweise wegrationalisiert.
Das System, das auf der Kapitalisierung von Arbeitsquanta unter dem Zwangsgesetz 
der Konkurrenz fu#t, ist als solches am Ende.

*Der kurze Sommer der Simulation*

Das Gerede von der Neuen Weltordnung, das vorl�ufige Weitergehen 
warenf�rmiger Reproduktion f�r die offizielle globale Minderheitsgesellschaft,
die Hoffnungen auf den "Aufschwung", das (linke) R�sonnement �ber 
phantasmatische "neue Akkumulationsmodelle" und die kulturellen 
Ausdrucksformen der #bergangszeit seit Mitte der 80er Jahre haben einen 
gemeinsamen Nenner, die Simulation. Die �konomische Grundform des 
allgemeinen simulativen Gestus ist die scheinhafte Entkopplung des Geldes von 
der Realakkumulation, d. h. von der betriebswirtschaftlichen Vernutzung 
menschlicher Arbeitskraft auf der H�he des globalen Produktivit�tsstandards. 
Scheinhaft deshalb, weil dieses Geld substanzlos ist und damit nach einer 
gewissen Inkubationszeit entwertet werden mu#. Das substanzlose Geld, dessen 
Kapitalisierung nur noch "fiktiv" ist, kann vielerlei Erscheinungsformen
annehmen. Aus den monet�ren #berh�ngen der fordistischen Prosperit�tsepoche 
(Sparguthaben, Lebensversicherungen usw.) speist es sich ebenso wie aus der 
kommerziellen Spekulation (Immobilien, Aktien, Devisen) und aus dem 
Staatskredit.

Dieser Verschuldungs- und Derivat-Kapitalismus ist zwar ein Kartenhaus, aber es 
lebt sich darin leicht, solange der Entwertungsschock das eigene Geld noch nicht 
erreicht hat. Die monet�ren Zusammenbr�che haben die zentralen W�hrungen 
noch nicht erfa#t; und so werden sie von den Menschen im Westen (und teilweise 
in den Schwellenl�ndern) vorl�ufig noch aus der Zuschauerloge betrachtet. Gerade 
weil kapitalproduktive Arbeitsplatz-Investitionen immer unrentabler werden, schwillt 
die scheinbar verf�gbare Geldmasse an, so da# sich direkt neben der "neuen 
Armut" die "neuen Erben" tummeln, die Noch-Besch�ftigten ihre 
#berziehungskredite hochfahren und der unsinnige Luxuskonsum bis vor kurzem 
noch florierte (inzwischen wird die "neue Bescheidenheit" simuliert). Auch der 
Dienstleistungsboom bis hin zum Ferntourismus sch�pft wesentlich aus dieser 
Quelle der Simulations�konomie. Da# diese unhaltbar ist, mag geahnt werden, 
spielt aber im Verhalten wie in der �ffentlichen Debatte h�chstens eine Nebenrolle. 
Diese �konomische Reproduktion aus zweiter Hand wird f�r die meisten kein 
Leben lang reichen, aber das "So tun als ob" ist zum heimlichen gesellschaftlichen 
Grundkonsensus geworden.

Die Simulation hat sich folgerichtig zur allgemeinen Ausdrucksform und auch zum 
theoretischen Muster entwickelt. Die Leichtigkeit des Scheins durchdringt alles und 
jedes, je mehr sich die Katastrophenmeldungen h�ufen. Wie sich das 
Selbstbewu#tsein der "Simulationsjugendlichen" ins Outfit verlagert hat, so bauen 
Oberhaupt alle Subjekte in allen gesellschaftlichen Sph�ren an ihrem jeweiligen 
Potemkinschen Dorf. Der Potemkinsche Kanzler Kohl entspricht einer Gesellschaft, 
die "Professionalit�t" ebenso simuliert wie den Tausch der Geschlechtsidentit�ten. 
Auch "Zivilit�t" und kulturelle Solvenz werden zu blo#en Simulationsprodukten. So 
pa#t es ins Bild, da# die Kapitalismuskritiker die Kapitalismuskritik ebenfalls nur 
noch simulieren, indem sie einem schwachen, nicht nur durch und durch
warenfetischistischen, sondern mittlerweile v�llig marktwirtschaftskonformen 
R�sonnement weiterhin diesen Namen geben, statt den radikalen 
Paradigmenwechsel der Kritik selber zu vollziehen.

Im Zuge der allgemeinen Theoriesimulation hat Ulrich Beck mit seinem Begriff der
"reflexiven Modernisierung" den zentralen politischen und theoretischen Terminus 
des simulativen Bewu#tseins hervorgebracht,(18) der auch von der Restlinken 
zunehmend aufgegriffen wird. Dieser Begriff simuliert Erkenntnis ebenso wie 
Bew�ltigungsm�glichkeiten. "Modernisierung" ist aber nichts anderes als 
Entfesselung des warenproduzierenden Systems, was Reflexivit�t "�ber" die 
Fetischform selber gerade ausschlie#t. Die Becksche Formel wiederholt nur die 
Aufkl�rungsillusion, w�hrend sie gleichzeitig das ewige Weiterlaufen des fetisch-
konstituierten Systemprozesses suggeriert. Genau das wollen die Damen und 
Herren Theorie- und Konzeptproduzenten h�ren: die "Risiken" sind gestiegen, 
gewi#, aber grunds�tzliche Entwarnung ist angesagt; es geht weiter so, nur ein 
bi#chen anders vielleicht.

Die v�llig nichtssagende Becksche Leerformel ist zum Allerwelts- und Modebegriff 
geworden, weil die zentrale Frage nach einer Entkopplung der Ressourcen von der 
fetischistischen und rein destruktiv gewordenen Warenform nicht einmal gestellt 
werden soll. Das w�re n�mlich das Ende der ihrem Wesen nach nicht 
selbstreflexiven, sondern blind selbstaffinnativen Modernisierungsbewegung. Die 
marktwirtschaftsfromme demokratische Simulation des ideellen 
Gesamtfetischismus erf�hrt so die praktische Widerlegung, die sie verdient: durch 
die Unmittelbarkeit der endemischen Gewalt, die mitten ins Gesicht der 
Simulationsepoche explodiert. Wenn die radikale Kritik verweigert wird, ist diese 
blinde Gewalt die einzige Form, in der sich die wirkliche Wirklichkeit gegen die 
"Simulation der Wirklichkeit" oder die "Wirklichkeit der Simulation"(19) noch
auf f�rchterliche Weise geltend macht. *Das Ende der demokratischen Simulation*
*ist dann freilich nichts anderes mehr als der Anfang der rassistischen,*
*antisemitischen und ethnonationalistischen Barbarei.*

*Anmerkungen*

(1) Vgl. Benoit B. Mandelbrot, Die fraktale Geometrie der Natur, Basel 1991.

(2) Zbigniew Brzezinski, Out of Control, New York 1993.

(3) Theodor W. Adomo, Negative Dialektik, Frankfurt/M. 1966.

(4) Vgl. Barbara Holland-Cunz, Soziales Subjekt Natur, Frankfurt/M. 1994, S.203.

(5) Vgl. Helmut Dubiel, Einleitung, in: Friedrich Pollock, Stadien des 
Kapitalismus, Frankfurt/M. 1975, sowie Friedrich Pollock, Die planwirtschaftlichen
Versuche in der Sowjetunion 1917-1927, Leipzig 1929.

(6) So etwa Ilse Bindseil, (Rezension ohne Titel), in: Archiv Nr. 12, Bochum 1992.
Immanuel Wallerstein, Aufstieg und k�nftiger Niedergang des kapitalistischen 
Weltsystems, in: Dieter Senghaas (Hrsg.), Kapitalistische Welt�konomie,
Frankfurt/M. 1979, sowie ders., Das moderne Weitsystem, Bd. 1, Frankfurt/M. 
1986

(7) Andr� Gunder Frank, Kapitalismus und Unterentwicklung in Lateinamerika,
Frankfurt/M. 1969.

(8) U. a. Emest Mandel, Der Sp�tkapitalismus, Frankfurt/M. 1972.

(9) Dieter Senghaas, Peripherer Kapitalismus (Hrsg.), Frankfurt/M. 1974,
und ders., Weltwirtschaftsordnung und Entwicklungspolitik, Frankfurt/M. 1977

(10) Dieter Senghaas, Von Europa lernen. Entwicklungsgeschichtliche Betrachtungen,
Frankfurt/M. 1982; Ulrich Menzel, Auswege aus der Abh�ngigkeit, Frankfurt/M.
1988 und ders., Das Ende der Dritten Welt und das Scheitern der gro#en Theorie,
Frankfurt/M. 1992.

(11) Michel Aglietta, A Theory of Capitalist Regulation, London 1978.

(12) Joachim Hirsch, Kapitalismus ohne Alternative?, Hamburg 1990;
Elmar Altvater, Die Zukunft des Marktes, M�nster 1992

(13) Karl Marx, Das Kapital, 3. Bd., Berlin 1965 (zuerst 1894), S. 247 ff.

(14) Karl Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen �konomie, Berlin 1974
(geschrieben 1858).

(15) Typisch diese fetischistische Illusion z. B. bei J�rgen Habermas,
Technik und Wissenschaft als Ideologie, Frankfurt/M. 1968, S. 79 f.

(16) Richard Rosecrance, Der neue Handelsstaat, Frankfurt/M. 1987;
Kenichi Ohmae, Die neue Logik der Weltwirtschaft, Hamburg 1992;
Robert B. Reich, Die neue Weltwirtschaft, Frankfurt/M.-Berlin 1993; Paul 
Kennedy, In Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1993; 
Edward N. Luttwak, Weltwirtschaftskrieg, Reinbek 1994 u.a.

(17) Vgl. Jean-Christophe Rufin, Das Reich und die neuen Barbaren, Berlin 1991.

(18) Vgl. Ulrich Beck, Die Erfindung des Politischen, Frankfurt/M. 1993.

(19) G�rard Raulet, Leben wir im Jahrzehnt der Simulation?, 
in: Peter Kemper (Hrsg.), >Postmoderne< oder Der Kampf um die Zukunft,
Frankfurt/M. 1988.


[Ende Teil 2 von 2]

Autor:
Robert Kurz
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