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2 total messages Started by Horst Leps Thu, 13 May 1999 00:00
Ein Versuch, den Krieg zu verstehen.
#2
Author: Horst Leps
Date: Thu, 13 May 1999 00:00
522 lines
36970 bytes
Anbei, vermutlich etwas zu gegr�belt, und zu schnell gewischt, ein Versuch,
mir einen Reim zu machen. Ob es stimmt, ich wei� es nicht. Aber wer wei� es
schon genau.

Horst Leps (mailto:horst@leps.de)
Elersweg 17; 22395 Hamburg ; Tel: 040/60450776
http://www.leps.de
ListOwner:  Frieden und Friedensbewegung


Der neue deutsche Krieg,
ein Versuch, ihn zu verstehen
Horst Leps
1  Man versteht es nicht
Eine merw�rdige Athmosph�re liegt �ber dem Land. Auf dem Balkan ist Krieg,
Deutschland ist dabei, und es scheint mir, als ob dies nur wenige besonders
k�mmert. Zwar sind die Medien voll mit tats�chlichen oder blo�
vermeintlichen Nachrichten, mit Meldungen von Mord und Totschlag, von
Pr�zisionswaffen und Kollateralsch�den, aber das Leben geht weiter, als w�re
nichts geschehen. Es wird kaum noch diskutiert, jedenfalls nicht mehr nach
den ersten Tagen.
Die politische Klasse redet nicht �ber den Krieg, sie treibt etwas Rhetorik
f�rs Fernsehen, Bundeskanzler Schr�der hat sich aus der Debatte abgemeldet
und trifft sich mit DAG-Chef Issen und anderen Lobbyisten zum L�cheln vor
den Fernsehkameras, business as usual, Joseph Fischer lernt weiter intensiv
Au�enminister, nur Rudolf Scharping f�llt immer wieder damit auf, da� er
zwischen dem Chef eines Ministeriums und einem scheinselbst�ndigen
Pressefuzzi von der groben Marke nicht zu unterscheiden wei�1. Und
Finanzminister Eichel setzt in Zeiten massivster Geldverschleuderung den
Null-Neuschulden-Haushalt unter dem Beifall der Medien als Ziel auf die
Tagesordnung; der Betrachter fragt sich verwirrt nach dem geistigen Zustand
der Republik.
Der Alltag l�uft weiter, es ist nichts geschehen, es wird kaum dr�ber
geredet. Jeder wei�, was immer er sagt, er k�nnte sich im prognostischen
Element seiner S�tze irren; es k�nnte ihm passieren, was einer ganzen
Generation passierte, die den Sozialismus auf die deutsche Tagesordnung
setzte und stattdessen in den Krieg f�hrte.) Um sich sp�ter nicht sch�men zu
m�ssen, schweigen viele vorsorglich. Man wei� zu wenig, man f�hlt sich
bedroht, man dr�ngt es weg.
Es sind wohl diese Komplexe, die nicht durchschaut werden, in denen
Vermutung und Ger�tsel und die Angst bestimmen:
Was passiert da auf dem Balkan eigentlich? Wie kann man diese unbekannte
Welt verstehen?
Was macht die NATO dort �berhaupt? Was geht das die Amerikaner an? Was will
das B�ndnis aus den gro�en europ�ischen Staaten auf dem Balkan? Wie h�ngt
das mit dem doch noch l�ngst nicht ausger�umten Gegensatz zu Ru�land
zusammen?
Wie sind hier die regionalen Konflikte und die Konflikte der gro�en M�chte
untereinander verbunden?
Und: Was macht Deutschland da unten?
Weit entfernt, dieses alles wirklich zu verstehen, m�chte ich doch
skizzieren, wo ich die Antwort auf diese Fragen suche, um dann Folgerungen
f�r die deutsche Politik zu ziehen.
2  Der Balkan, die unbekannte Welt
Es ist uns nicht unbekannt, da� Menschen, ja ganze Menschengruppen sich bis
zur Vernichtung hassen. Die Geschichte der Deutschen gegen�ber den Juden und
den Russen zeigt das. Aber es scheint unserem Kurzzeitged�chtnis
entsprungen. Der Deutsche des gesellschaftlichen und politischen Pluralismus
h�lt alle Menschen f�r letztlich vern�nftig.
Mir scheint, auf dem Balkan ist das anders. Wer verstehen will, der mu�
versuchen, die Geschichte der Feindschaften auf dem Balkan zu verstehe, der
mu� weit in die Geschichte zur�ck. Denn die Feindschaften dort sind nicht
Gegnerschaften innerhalb derselben Art zu leben, sondern sind Feindschaften,
die in uralten kulturellen Gegens�tzen gr�nden.
Man mu� bis in die Zeit der Teilung des r�mischen Reiches, in das Jahr 395
n.Chr, denn von dieser Zeit ist der Balkan immer wieder Kampfplatz der
Interessen des (christlichen) Westens und des (christlichen) Ostens. Das ist
der erste Gegensatz, der bis heute wirkt. Wer hatte das Recht, dort die
Slawen zu missionieren und sie damit dem eigenen Kulturkreis und der eigenen
Politik zu unterstellen, Byzanz oder Rom? Der Kampf des Westens und des
Ostens um die Hegemonie auf dem Balkan durchlief mehrere Epochen.
Zun�chst hatten die Byzantiner die Nase vorn, weil Westrom von den
barbarischen Germanen zerst�rt worden war, Byzanz dagegen hatte den St�rmen
der V�lkerwanderung getrotzt. Das Aufkommen des Islams �nderte dann das
Bild, Byzanz wurde schw�cher, verlor sehr schnell �gypten, Pal�stina und
Syrien und war in Kleinasien st�ndig den Angriffen persischer und t�rkischer
Armeen ausgesetzt. In dieser Zeit wuchs im Westen die Macht der Franken,
Karl der Gro�e wurde Kaiser - ein Titel, den es nur einmal geben konnte, und
den der Herrscher von Byzanz trug. Die theologischen Differenzen wuchsen,
politisch bewu�t gesch�rt. Kaiser Heinrich der II. veranla�te 1024 den
Papst, das bisher gemeinsame nicaeno-konstantinopolitanische
Glaubensbekenntnis einseitig zu �ndern, und 1055 trennte sich Rom von
Byzanz, verdammte es als h�retisch, damit als frei f�r jeden Angriff aus dem
Westen.
Die folgenden vierhundert Jahre waren durch den st�ndigen Versuch Roms
bestimmt, die Bedrohung des ostr�mischen Reiches durch die T�rken zum
eigenen Vorteil zu nutzen. Hilfe gegen Unterwerfung, das war die Richtlinie.
Und wenn keine Hilfe, dann trotzdem Unterwerfung. 1204 eroberten
Kreuzfahrer, denen es bis Jerusalem viel zu weit und Pal�stina viel zu arm
war, Byzanz und pl�nderten alles, was sie bekommen konnten. Von diesem
Schlag hat sich Byzanz nie wieder erholt, geschw�cht durch die Kreuzfahrer
und in ihrem Gefolge durch die italienischen Handelsstaaten Venedig und
Genua erlag Byzanz 1453 den osmanischen Angriffen.
Lange her? Vielleicht, w�re die Zeit der osmanischen Herrschaft eine
gewesen, die in anderer Weise den Balkan voran gebracht h�tte. Davon kann
aber nicht die Rede sein. Massive �konomische und politische Unterdr�ckung,
das war das Kennzeichen der Osmanen-Herrschaft aus der Sicht der dort
lebenden V�lker, eine jahrhunderte w�hrende einzige Leidenszeit.
Und diese Zeit brachte zum Gegensatz der verschiedenen Gruppen von Christen
noch den Gegensatz dieser Christengruppen, vor allem der orthodoxen
Christen, zum Islam. Ketzerische Gruppen, die sogenannten Bogomilen,
schlossen sich unter der Herrschaft der T�rken dem Islam an, gr��ere Gruppen
von Christen traten zum Islam �ber, weil sie sich davon Privilegien im
irdischen Leben versprechen konnten. Es entstand, vor allem im heutigen
Jugoslawien, eine Bev�lkerungsgruppe muslimischer Slawen, die Parteig�nger
und Helfer der T�rken waren.
Man kann sich vorstellen, mit welchen Augen ein orthodoxer Serbe der
damaligen Zeit einen muslimisch gewordenen Serben ansah. Das Blatt wendete
sich im 19. Jahrhundert, als Serbien selbst�ndig wurde; die Moslems wurden
an den Rand der Gesellschaft gedr�ckt.
Die Kosovo-Albaner, damals Arnauten genannt, besiedelten im 17. Jahrhundert
das Kosovo, nachdem die T�rken gr��ere Teile der serbischen Bev�lkerung nach
einem Aufstand, damals noch im B�ndnis mit den Habsburgern, vertrieben
hatten.
Danach belebte sich im 19. Jahrhundert der lateinisch-orthodoxe Gegensatz
neu. Serbien war f�r Habsburg ein st�render Faktor auf dem Balkan. Zum einen
hinderte es an der weiteren Expansion in den S�den, zum anderen erschien es
als Zentrum der gegen �sterreich-Ungarn gerichteten slawischen
Befreiungsbewegungen auf dem Balkan. Gleichzeitig suchte das wilhelminische
Deutschland das B�ndnis mit den osmanischen T�rken, um im kolonialen
Wettbewerb mit England in Afrika, in Arabien, in Persien und im S�den
Ru�lands Einflu� zu gewinnen. Aus dieser Zeit stammt die sonst nicht so
recht verst�ndliche Sympathie Deutschlands mit den Moslems des Balkans.
So �berlagern sich dort mehrere Konflikte: Der Gegensatz des christlichen
Ostens zum christlichen Westen und der Gegensatz des christlichen Ostens mit
dem Islam. Jeder dieser Konflikte ist hunderte Jahre alt, sogar �lter. Jeder
dieser Konflikte brachte den zur Zeit der V�lkerwanderung eingewanderten
Slawen jedes denkbare Leid, jede Katastrophe und jedes Elend. Dies macht die
H�rte der Auseinandersetzung verst�ndlicher. Es ist so, als ob dort der
Drei�igj�hrige Krieg immer schon stattgefunden hat, nie zu Ende gegangen ist
und immer noch tobt.
3  Der Balkan und die Interessen der gro�en M�chte
Die B�ndnisse, die vor dem ersten Weltkrieg entstanden, kreuzten sich auf
dem Balkan. Deutschland suchte �ber �sterreich-Ungarn und das osmanische
Reich die Verbindung in die moslemische Welt, um dort in Konkurrenz zur
englischen Kolonialmacht zu treten; Frankreich hatte ein B�ndnis mit dem
zaristischen Ru�land, an das sich Serbien, bedroht vom deutschen
Expansionstreben anschlo�. Serbien war der Schnittpunkt, Serbien war die
Br�cke zwischen Ru�land und Frankreich, s�dlich um die Mittelm�chte herum,
und es war das gro�e Hindernis auf dem Weg Deutschlands nach S�den. Wie in
einer erdbebengef�hrdeten Zone lagen hier die Schichten auf- und
gegeneinander, die geringste Verschiebung der Tektonik konnte dort das gro�e
Erdbeben, den ganz gro�en Krieg, ausl�sen und l�ste es dann auch aus.
Die Gegenwart zeigt zu der Zeit des ersten Weltkrieges Gemeinsamkeiten und
Unterschiede. Zu den Gemeinsamkeiten z�hlen
der deutsche Drang in den S�den, deutlich sichtbar in den besonderen
Beziehungen zur T�rkei, einem unter dem Gesichtspunkt von Frieden und
Menschenrechten �u�erst absto�enden Staat, zum Irak und zum Iran,
die politische N�he von Ru�land und Serbien, beides Staaten, die in den
letzten 10 Jahren auf der Verlierer-Seite der Weltgeschichte standen.
Aber es gibt auch beachtliche Unterschiede:
Da ist vor allem der Unterschied, da� die Konkurrenz zwischen Deutschland
und den westliche M�chten jetzt innerhalb eines Milit�rb�ndnisses, der NATO,
und innerhalb einer �konomischen Integration, der EU, ausgetragen wird.
Das macht die politischen Kr�fte Osteuropas schwach, denn sie haben nicht
mehr die M�glichkeit,sich wie in den letzten Hundert Jahren dem deutschen
Zugriff durch ein B�ndnis mit den westeurop�ischen M�chten zu entziehen.
Der Zerfall der Sowjetunion lie� den Einflu� Moskaus auf dem Balkan sinken.
Zur Zeit des Systemgegensatzes waren sowohl der Osten als auch der Westen an
stabilen Verh�ltnissen auf dem Balkan interessiert, an einem stabilen
Jugoslawien. Jede �nderung h�tte zu einer Verschiebung des
Kr�fteverh�ltnisses gef�hrt, die die Gefahr eines gro�en Krieges
beinhaltete. Da� Jugoslawien unter Tito kein Musterland der
parlamentarischen Demokratie war, st�rte auch im Westen nicht. Das schien
sogar die notwendige Voraussetzung der regionalen Stabilit�t zu sein. Als
aus der Sowjetunion dagegen Ru�land wurde, fiel diese Voraussetzung weg,
unter der allein Jugoslawien sein Existenzrecht zu haben schien. Und damit
kehrten alle inneren und �u�eren Konflikte zur�ck, wenn auch damals wohl
kaum jemand daran dachte, mit welcher Heftigkeit sie ausgefochten werden
w�rden.
Ru�land befindet sich seit 10 Jahren �konomisch im freien Fall. Die
Integration in die Weltwirtschaft ist nur noch �ber Kredite m�glich. Der
Finanzbedarf Ru�lands ist enorm und wird von den westlichen L�ndern
bilateral und �ber die Weltbank kontrolliert. Die Abh�ngigkeit Ru�lands vom
Westen schr�nkt seine Handlungsm�glichkeiten ein. Zwar m�chte es, schon
traditionell, Serbien gegen den Westen unterst�tzen, kann es aber nicht.
Ru�land steht in Gefahr, als Partner Serbiens vom Westen schlicht weggekauft
zu werden.
Dies alles verst�rkt zugleich die Kraft Deutschlands im Kampf um den Einflu�
auf dem Balkan in zweierlei Weise:
Jetzt kann dieser Einflu� mit Hilfe der traditionellen Verb�ndeten
westeurop�ischen Verb�ndeten Ru�lands und Serbiens geltend gemacht werden.
Eine Traumkonstellation! Es schien deshalb zeitweilig so, als g�be es freie
Hand f�r Deutschland.
Und Deutschland kann sich dabei heute westlicher politischer Ideen bedienen.
Es ist nicht unbedingt n�tig, auf den Befreiungs-Nationalismus2 zu setzen,
wenn man ihn auch nicht vernachl�ssigt3, es ist nun m�glich, die Expansion
auf die Ideologie der Menschenrechte4 st�tzen5. Dieser vorgebliche
Antifaschismus erleichtert die M�glichkeiten, andere westliche Staaten und
M�chte und breite Teile gerade der bundeswehrkritischen �ffentlichkeit in
aggressive Politik einzubinden, ungemein.
Aber diese B�ndniskonstellation engt die deutschen M�glichkeiten auch ein.
Es mu� nicht nur R�cksicht genommen werden, es kann auch passieren, da� sich
andere westliche M�chte des Themas annehmen, und die deutsche Politik zu
Ergebnissen f�hrt, die so gar nicht intendiert waren6.
Auf diese Weise ist der Balkan nicht nur ein Gebiet, auf dem um den Einflu�
zwischen Ru�land und der NATO gerungen wird, es wird dort auch um den
Einflu� in der NATO selbst gek�mpft.
Welcher westliche Staat hat die st�rkste und einflu�reichste Initiative?
Wessen Kr�fte bewirken mehr in der Umgestaltung des Balkan?
Setzen die USA ihren milit�rischen und politischen Stil durch oder die
deutschen? Das macht es schwer, den �berblick zu behalten. Ist der jetzige
Bombenkrieg gegen Jugoslawien eine Wiederholung der Luftangriffe der
Nazi-Wehrmacht? Oder sind die alliierten Bombardements gegen
Nazi-Deutschland die Vorbilder?
Oder ist es gar beides gleichzeitig? Es wird doch so sein, da� die Anteile
der westlichen Staaten am Krieg und gew�nschtem Sieg die Gr��e des
jeweiligen sp�teren Einflusses im Kreise der Sieger bestimmen? Dann h�tte,
ganz paradox, jede amerikanische Bombe auf Jugoslawien nicht nur den
russischen, sondern auch den deutschen Einflu� zu begrenzen, nicht nur der
Feind, auch der Freund w�re getroffen7.
Diese Konfliktlinien sind �berw�lbt durch ein politisches System, das alle
Staaten einbindet. Die UNO ist der Ort, an dem sich die gro�en M�chte der
Welt treffen, insbesondere die st�ndigen Mitglieder des Sicherheitsrates; in
der OSZE sind alle europ�ischen Staaten vertreten. Alle Welt wei� irgendwie,
da� ohne Ru�land keine Entscheidungen gefunden werden k�nnen, die einen
neuen Zustand der Stabilit�t einleiten. Da Deutschland sich im Bosnien-Krieg
als unf�hig erwiesen hat - oder es auch gar nicht wollte? -, mit Ru�land zu
Gemeinsamkeiten zu kommen, ist hier noch ein Ort, an dem die die USA ihren
Einflu� aus�ben k�nnen, um die europ�ischen Akteure, allen voran
Deutschland, in eigene Ziele einzubinden.
4  Was will Deutschland in Serbien?
Man wird sicher dar�ber streiten k�nnen, was eher da war, die lokalen
Konflikte oder die Interventionen der �u�eren M�chte; wir werden zur Kl�rung
dieser Frage auf die Geschichtsschreibung nach �ffnung der Regierungsarchive
in einigen Jahrzehnt warten m�ssen. Aber auf jeden Fall wird man sagen
k�nnen, da� unilaterales Eingreifen der �u�eren M�chte den Konflikt bislang
in keinem Fall entsch�rft, ihn vielmehr in jedem einzelnen Fall versch�rft
hat. Dieses Eingreifen f�hrte immer zu dem Ergebnis, da� die Kr�fte, die den
jugoslawischen Staat notfalls mit Gewalt aufl�sen wollten, gest�rkt wurden.
Das waren zuerst die im Verh�ltnis reichen Republiken des Nordens, Slowenien
und Kroatien, deren Anerkennung Deutschland in der EU durchdr�ckte. Ein
glatter Bruch des V�lkerrechts, damals schon. Separatisten kann man nicht
mit Hilfe eines angeblichen Selbstbestimmungsrechtes der V�lker, das es gar
nicht gibt8, zur staatlichen Selbstbestimmung f�hren, ohne selbst
V�lkerrecht zu brechen.
Die Katastrophe kam, als der damalige deutsche Au�enminister die Anerkennung
der Separation Bosniens, also der bosnischen Muslime und Kroaten,
durchsetzte, und er im offenen Widerspruch dazu das Recht der Separation der
bosnischen Serben aus dem ungeliebten bosnischen Staat nicht akzeptierte,
nicht akzeptieren konnte, ging es doch gar nicht um das
Selbstbestimmungsrecht der V�lker, sondern um die Schw�chung Serbiens.
Sp�testens an dieser Stelle wurde das alte serbische Syndrom wieder wach:
Wir werden wie schon immer von den fr�nkisch-lateinisch-westlichen Staaten
an die Moslems verraten, wir, die wir mit unserem Jahrhunderte langen
Widerstand Europas vor der osmanischen Eroberung gesch�tzt haben. Wir, von
allen verlassen und verraten, k�nnen uns nur allein helfen. Es ist
hierzulande kaum bekannt, da� sich im serbischen Nationalbewu�tsein der
religi�se Mythos des f�r andere leidenden, von ihnen aber verkannten Messias
abbildet. Es blieb den Serben aus der Art, wie sie ihre Erfahrungen
verarbeitet hatten - und der Westen hatte ihnen keine andere Perspektive
geboten -, in der Situation der weiteren Aufteilung serbischer Bev�lkerung
unter die Herrschaft von Moslems, also traditionellen Verr�tern an der
serbischen Sache, und Kroaten nichts anderes als der Weg der g�nzlich
unmessianischen Gewalt9.
Folgt man einem Text Wolfgang Michals10 aus dem Jahre 1995, dann haben wir
es mit einer bestimmten, neu belebten Tradition deutscher Politik zu tun:
Vor hundert Jahren, zu Beginn der Wilhelminischen Weltpolitik, war es so: Im
Osten war ein riesiges Machtvakuum durch den Zusammenbruch des Osmanischen
und des Chinesischen Reichs entstanden; innenpolitisch sorgten ein rapides
Bev�lkerungswachstum, eine schnelle Industrialisierung, eine aufgebl�hte
Geldmenge und ein in die Enge getriebenes B�rgertum f�r die rasche
Verbreitung grenz�berschreitender Gedanken. Die in Ost und West aufkommenden
Wirtschaftsm�chte Japan und Amerika sowie ein forcierter Imperialismus
Frankreichs, Ru�lands und Englands steigerten Deutschlands Hysterie, vom
gro�en Weltkuchen nichts mehr abzubekommen; und die gelbe Gefahr, der
Panslawismus, die Revanchelust Frankreichs und der englische Handelsneid
n�hrten die deutsche Versuchung, pr�ventiv gegen all dies etwas zu
unternehmen. So entstand, was man sp�ter die v�llig �berdrehte, halbstarke
deutsche Weltpolitik nannte, deren Symbol und F�hrungsfigur der nicht ganz
dichte Kaiser Wilhelm war.
Heute existiert dieses Bedingungsgef�ge erst in Ans�tzen. Denn wir sind noch
im europ�ischen Vorstadium des deutschen Griffs zur Weltmacht. ...
Die Voraussetzungen f�r eine Weltpolitik nach wilhelminischem Muster sind
also teilweise vorhanden, sie m�ssen sich lediglich weiter zuspitzen: Zum
einen ist da jenes riesige Machtvakuum durch den Zusammenbruch des
kommunistischen Imperiums; im S�den lauert der islamische Krisenbogen, im
Osten die postkommunistische Instabilit�t. Innenpolitisch w�chst die Zahl
der Dauerarbeitslosen und der sozial Ausgegrenztcn. Wohin mit ihnen? Die
b�rgerliche Mitte wehrt sich verzweifelt gegen ihren Zerfall durch
nationalliberale Radikalisierung. Die Industrie hat riesige Kapitalmengen
f�r globale Weltwirtschaftsschlachten gebunkert und steht vor einer dritten
industriellen Revolution. Die Triade USA - Europa - Japan, in erbitterter
Konkurrenz um die Vormacht auf dem Weltmarkt, blickt schon gierig auf den
pazifischen Kuchen, sitzt wie eine Schar hei�hungriger Geier am Sterbebett
der postkommunistischen Welt, w�hrend England, Frankreich und Ru�land
angesichts des in Europa auftrumpfenden Deutschland nach �bersee verwiesen
werden, wo sie eine neue koloniale Politik beginnen.
Was bleibt f�r Deutschland? Welche Einflu�sph�ren wird es reklamieren?
Es wird genau jenen Traditionslinien folgen, die schon im Kaiserreich die
machtpolitischen Interessen Deutschlands bestimmten: Es wird die Gro�r�ume
Ru�land, Orient, Schwarzafrika und China ins Visier nehmen. Denn an diesen
vier Brennpunkten geht es damals wie heute um den Nachla� kranker Imperien.
Nur die Erben stehen nicht fest.
Wozu also noch warten?
Den Deutschen sind dabei die Nahziele Osteuropa und Orient aus Tradition von
wesentlich vitalerem Interesse als die �berseeischen afrikanischen und
asiatischen Erg�nzungsr�ume. Denn erstere sind auch ein milit�risches
Problem, letztere brauchen nur wirtschaftlich erschlossen zu werden. Auf der
Wunschliste Deutschlands stehen und standen die Nahziele ganz oben.
Bereits Preu�en und �sterreich, die Gro�m�chte des Deutschen Bundes, gaben
diese Richtung vor. �sterreich expandierte auf den Balkan, Preu�en in
Richtung Polen und Baltikum. Ja, im Grunde galten diese Richtungen seit der
Entstehung Deutschlands im 10. Jahrhundert, denn sie formten die deutsche
Machtstaatsidee von Anfang an: W�hrend die Ostkolonisation des Mittelalters
das staatlich-christliche Selbstverst�ndnis nach Osten auspr�gte, festigten
die Kreuzz�ge ins Heilige Land den imperialen Machtanspruch im Orient.
Den jeweils damit einhergehenden Handel trieben Hanse und Deutscher Orden
�ber die Ostsee, die Kreuzfahrerorden �bers Mittelmeer.
Beide Sto�richtungen sind untrennbar mit der Entstehung und Ausformung der
deutschen Reichsidee verbunden. Beide Richtungen konkurrieren in erster
Linie mit dem Expansionsstreben Ru�lands nach Westen.
Die �berseeziele Afrika und Asien spielten dagegen erst im Zeitalter des
klassischen Imperialismus eine tragende Rolle. Obwohl sie, anders als Orient
und Osteuropa, nie von existentieller Bedeutung waren, galt es doch, in
diesen Gebieten Flagge zu zeigen. Es ging um Ebenb�rtigkeit, ums Prestige
vor allem gegen�ber den Westm�chten. Und, dar�ber hinaus, um ein
vielsagendes, anderen imponierendes Offenhalten k�nftiger Optionen. Denn in
ferner Zukunft, wenn Deutschlands Macht in Europa erst einmal gefestigt war,
sollten die �berseeischen Provinzen die Aufmarschbasis bilden, von der aus
der Endkampf mit Amerika gewagt werden konnte.
Wenn wir die deutsche Au�enpolitik des Kaiserreichs mit derjenigen
vergleichen, die seit dem Fall der Mauer in diesen Regionen entwickelt wird,
dann zeigt sich, da� Deutschland erneut wenn auch erst in Ans�tzen auf dem
Weg zu einer wilhelminischen Weltpolitikist. ...
1992 beginnt eine andere Zeit.
Sie beginnt mit der Wiederaufnahme der jahrhundertealten Rivalit�t zwischen
Ru�land und Deutschland, den beiden st�rksten und bev�lkerungsreichsten
Staaten Europas. Deutschland, nach 47 Jahren der Abh�ngigkeit endlich wieder
im Vorteil, erkennt die Chance, dem taumelnden russischen Riesen alles
wieder abzujagen, was der sich im Laufe der Ausdehnung der Sowjetmacht seit
1917 geholt hat. Das aufsteigende Deutschland will Ru�land aus Europa
hinausdr�ngen und die Hegemonie von Tallinn bis Baku erringen. Der kranke
Mann in Moskau kann sich dagegen nicht wehren. Er ist mit inneren Problemen
so �berlastet, da� Deutschland im Osten freie Hand zu haben scheint. ...
Bosnien z�hlt zu jenen vitalen Interessen, die ein deutsches Eingreifen
unabdingbar und gleichzeitig unabsehbar machen. CDU/CSU-Fraktionschef
Wolfgang Sch�uble im April 1994: F�r uns ist Bosnien wichtiger als Eins�tze
in anderen Kontinenten. Warum ist Bosnien so wichtig? Um das zu begreifen,
darf man die Landkarte nicht zu nah vors Gesicht halten, sonst kann man vor
lauter s�dslawischen B�umen den Wald nicht mehr sehen. ...
Als ob's um den Balkan ginge!
Es geht ums ganze Osmanische Reich.
Bosnien ist nur die Schnittstelle, an der die eine Weltmacht der �ndern den
Weg abschneiden will. Die eine will zum Mittelmeer, die andere zum
Persischen Golf. Die eine hei�t Ru�land, die andere Deutschland. Hier auf
dem Balkan lebt jene Rivalit�t wieder auf, die von Kaiser Wilhelms
Weltpolitik auf die Spitze getrieben wurde. Denn Deutschland will die
gleiche Einflu�zone von Borkum bis Basra wie damals. Es will den alten
imperialen Kaisertraum vom mitteleurop�ischen Staatenbund doch noch
verwirklichen. Mit �sterreich-Ungarn, Bulgarien und dem t�rkisch-osmanischen
Gro�reich, das auch Syrien, Pal�stina und den Irak mit einschlo�, hatten die
Mittelm�chte ihr Ziel im Ersten Weltkrieg fast erreicht. Milit�risch und
�konomisch absichern sollte das gewaltige Unternehmen die Bagdadbahn, eine
Eisenbahnlinie von Berlin bis zum Persischen Golf, finanziert und
organisiert von der Deutschen Bank. Die Bagdadbahn sollte aller Welt zeigen:
Was links und rechts des Schienenstrangs liegt, geh�rt uns! Doch der
deutsche Anspruch hatte eine geographische Schwachstelle: Serbien. Wie eine
Zeitbombe lag dieses kleine Land auf den Schienen und gef�hrdete das ganze
Projekt.
Auch Ru�land erstrebt eine Einflu�zone eine von Moskau bis zu den Ufern des
Mittelmeers. Denn es will den alten Zarentraum von der Befreiung
Konstantinopels doch noch verwirklichen. 1878 hatte es sein Ziel fast
erreicht, wurde aber mit Bismarcks Hilfe zur�ckgedr�ngt. Wenn es je wieder
in die N�he des alten Ziels gelangen wollte, mu�te es Deutschland vom Orient
abschneiden. Das geeignete Mittel hierzu war Serbien.
Und so liegt das kleine Balkanland im Schnittpunkt der Interessen zweier
imperialer Landm�chte. Sowohl die deutschen als auch die russischen Tr�ume
werden hier durchkreuzt. Serbien ist im wahrsten Sinn des Wortes das Kreuz
des Balkans Seine Lage, nicht sein �bersteigerter Nationalismus, ist der Gru
nd, warum in Bosnien so verbissen gek�mpft wird, warum unter Aufbietung
internationaler B�ndnisse verhindert wird, da� einer der Kontrahenten sein
Ziel erreicht. Serbien darf keinen Adriahafen erhalten, sonst w�re Ru�land
am Ziel. Albanien verdankt diesem Umstand seine Unabh�ngigkeit, es wurde von
den europ�ischen Gro�m�chten als Sperriegel gegen Ru�land geschaffen.
Ist diese Sicht der Dinge nicht zu weit her geholt? Ja, wenn es im
gegenw�rtigen Krieg um Menschenrechte ginge, dann w�re das wohl eine
�bertriebene Sicht. Aber geht es denn in diesem Krieg um Menschenrechte?
Hier soll nicht schon wieder daran erinnert werden, da� Deutschland viele
andere Gelegenheit hatte und immer noch hat, weltweit f�r die Menschenrechte
einzutreten. Hier soll jetzt ein anderer Sachverhalt in den Blick genommen
werden: Die Kriegsf�hrung der NATO selbst.
Bekanntlich gibt es eine L�cke zwischen dem Kriegsziel ( Den Menschen im
Kosovo helfen) und der Kriegsf�hrung der NATO. Die Luftbombardements in
Jugoslawien haben noch nicht einem einzigen Kosovo-Albaner geholfen, im
Gegenteil, unter dem Eindruck des Bombardements versch�rfte Jugoslawien
seinen Krieg gegen die Separatisten der UCK in einer Weise, da� von der
Vertreibung eines ganzen Volkes gesprochen wird. Dieser Krieg im Kosovo wird
mit dem Lufkrieg gegen Belgrad und die anderen politischen, �konomischen und
technischen Zentren Jugoslawiens bestenfalls langfristig bek�mpft. Nimmt man
nicht an, da� NATO-Milit�rs zu schlicht gestrickt seien, um die
Untauglichkeit ihrer Strategie, gemessen am vorgeblichen Ziel zu erkennen,
dann bleibt nur, da� das Ergebnis der Luftbombardements das gewollte Ziel
selbst ist11. Die Zerst�rung der �konomie, der Technik und der Politik
Jugoslawiens selbst scheint beabsichtigt, denn nur diese Zerst�rung
Jugoslawiens, verbunden mit einem gest�rkten Albanien, sichert die westliche
Dominanz auf dem Balkan definitiv. Deshalb ist auch kein Zufall, da�
Jugoslawien im Anhang B des Vertragsentwurfes von Rambouillet der
vollst�ndigen milit�rischen Besetzung des ganzen Landes zustimmen sollte,
und da� die Zusammensetzung einer internationalen Truppe, die die
Kapitulation Jugoslawiens kontrollieren soll, der zentrale Streitpunkt jetzt
zur Zeit der Bombardierungen ist. Es geht wohl tats�chlich um die Schaffung
eines NATO-kontrollierten Protektorats Serbien/Jugoslawien.
Diese Perspektive widerstreitet weder den Zielen der USA noch denen
Deutschlands auf dem Balkan. Ru�land an einem Zugang zum Mittelmeer zu
hindern, liegt im Interesse beider M�chte. Die Deutschen wollen wieder die
Linie Berlin - Ankara frei haben, die USA stehen seit der
NATO-Osterweiterung im Kampf um eine Erweiterung ihres Einflusses in
Osteuropa, sowohl gegen�ber Deutschland als auch gegen�ber Ru�land.
Osteuropa wird als amerikanische Klammer gegen Deutschland und die EU
gebraucht.
Die Zerst�rung Serbiens/Jugoslawiens bedeutet f�r beide M�chte, Ru�land bis
weit nach hinten in den Osten zur�ck zu werfen. Ru�land beginnt dann in der
Tat erst kurz vor Moskau, Ru�land h�rt nicht nur als europ�ische Macht,
sondern auch als osteurop�ische Macht auf zu existieren. Der Weg von Europa
in den S�den Ru�lands wird frei, dort k�mpfen die USA im Augenblick mit
gro�em Erfolg um das Erd�l des Kaukasus und des Kaspischen Meeres,
Deutschland bekommt seinen immer ersehnten v�llig freien Durchgang in die
Gebiete des osmanischen Reiches, und das auch noch mit Unterst�tzung der
M�chte, die es zweimal in diesem Jahrhundert daran gehindert hatten, diese
Ziele zu erreichen. Mehr kann man nicht wollen, einen Krieg ist das schon
wert.
5  Und was sagen wir?
F�r die deutsche Friedensbewegung mu� es nat�rlich in erster Linie um die
Politik der deutschen Regierung gehen. Diese Regierung ist unmittelbarer
Adressat, ihre Politik kann beeinflu�t werden12, ihre Politik hat die
jetzige Situation aktiv mit herbeigef�hrt.
Es ist v�llig klar, da� unsere Reaktion nicht darin bestehen kann, eine
Bombenpause zu fordern. Unsere Forderung kann nur die definitive und
bedingungslose Einstellung aller Angriffe auf Jugoslawien sein. Diesem Krieg
darf kein Erfolg beschieden sein; das w�re eine Ermutigung zu Kriegen in
anderen Gebieten rund um Ru�land, �berall dort, wo es die Sowjetunion zu
beerben und Ru�land zu enterben gilt.
Und da nicht sicher sein kann, da� Deutschland weiterhin auf viele Jahre im
B�ndnis gez�hmt bleibt, k�nnte ein Erfolg der NATO in diesem Krieg ein
Schritt in Richtung auf eine europ�isch-amerikanische Konfrontation sein.
Und wenn man sich auf dem Weg dorthin erst einmal an den Gebrauch
milit�rischer Mittel gew�hnt hat, kann das der erste Schritt in den dritten
gro�en Krieg sein.



Footnotes:
1 Selbst der gewi� nicht regierungsfeindliche ARD-Journalist Ulrich
Dependorf hat ihm im Bericht aus Berlin am 30. April 99 in einem Interview
manipulativen Umgang mit Bildmaterial vorgeworfen.
2 Eine Erfindung des Prinzen Max von Baden, um das Wilsonssche
Selbstbestimmungsrecht der Nationen auf dem Balkan und in Osteuropa gegen
Ru�land zu wenden, General Hoffmann argumentierte auf diese Weise in den
Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk gegen Trotzki, um damit die im
Vertrag dann gegen Sowjetru�land durchgesetzten gewaltigen
Gebietsabtrennungen zu rechtfertigen; nachzulesen in Europastrategien des
deutschen Kapitals, herausgegeben von Reinhard Opitz, K�ln 1994, S. 419 ff,
insbesondere seine Ausf�hrungen �ber den ethischen Imperialismus.
3 Das Selbstbestimmungrecht der V�lker ist als Argument nicht �berall flott
zu handhaben; mancher scheint zu wissen, da� man damit die Welt f�r den Rest
aller ihrer Tage in ein Schlachthaus verwandeln w�rde.
4 Man mu� es ja immer wieder sagen: Ginge es um Menschenrechte, dann g�be es
in der Welt Dutzende von Kriegen und anderen Konflikten, an denen die
deutsche Regierung sich beteiligen k�nnte, insbesondere solche Kriege und
Konflikte, an denen B�ndnispartner beteiligt sind. Die T�rkei ist da nur das
heftigste Beispiel, aber keineswegs das einzige. Das eigentliche Problem
liegt aber nicht in diesem gern zitierten Widerspruch, es liegt vielmehr in
der Einheit der Vorg�nge: Gerade weil die deutschen Regierungen das
besondere B�ndnis mit der T�rkei wollen, m�ssen sie die Unterdr�ckung der
aufst�ndischen Kurden mit Waffenlieferungen unterst�tzen und die Serben der
Unterdr�ckung anderer V�lker anklagen. Was auf der Ebene politischer
Ideologie ein Gegensatz zu sein scheint, zeigt sich auf der Ebene der
Machtpolitik als Einheit.
5 Das erinnert an die deutsche Ideologie des Ersten Weltkrieges: Angeblich
ging es damals darum, die mitteleurop�ische Zivilisation vor der
zaristischen Barbarei und ihren Kosaken zu sch�tzen; auf diesem Ticket fuhr
damals die deutsche Sozialdemokratie in den Krieg, die Namen haben sich
ge�ndert, aus den Kosaken sind die Tschetniks geworden, das
Argumentationsmuster ist dasselbe, und zur SPD haben sich die Gr�nen
hinzugesellt. Daran zu erinnern ist deshalb wichtig, weil die Argumentation
deutscher Bellizisten, es ginge jetzt darum, den wiederkehrenden Hitler noch
einmal in Bagdad oder Belgrad zu besiegen, nicht etwa ein
menschenrechtlicher Umschwung deutscher Gutmenschen mit leichter Neigung zur
Gewaltt�tigkeit ist, sondern ein R�ckgriff auf �ltere, imperialistischen
Intentionen verfolgende deutsche Argumentationsmuster.
6 Die NATO-Osterweiterung ist daf�r ein Beispiel: Ging die deutsche Politik
das Thema zun�chst unter starker Zur�ckhaltung der Amerikaner an, vermutlich
in der stillen Hoffnung, den deutschen Einflu� in Osteuropa auf diese Weise
erweitern zu k�nnen, verlor sie in der Phase der Entscheidungen die
Initiative an die Amerikaner, die eine L�sung durchsetzten, der Ru�land,
wenn auch z�hneknirschend, zustimmen konnte. Die USA befestigten damit ihren
F�hrungsanspruch in der NATO.
7 So seltsam w�re das nat�rlich nicht; Valentin Falin hat ein dickes Buch
dar�ber geschrieben, da� die amerikanische Politik und die amerikanische
Kriegsf�hrung im Zweiten Weltkrieg sowohl gegen den deutschen Feind als auch
gegen den sowjetischen B�ndnispartner gerichtet war. Valentin Falin: Die
Zweite Front, M�nchen 1995
8 Hier wird gerne argumentativ getrickst: Das V�lkerrecht kennt in
friedenssichernder Absicht das Selbstbestimmungsrecht der Staaten, ein
Selbstbestimmungsrecht von V�lkern jedoch nicht. Ein derartiges Recht h�tte
auch katastrophale Folgen: Es w�re das Recht auf beliebige Sezession, damit
das Recht auf Krieg, das Recht auf die Internationalisierung von internen
Konflikten, damit das Recht auf fast beliebige Intervention. Sch�rfer: Es
w�re das Recht der gro�en M�chte, jeden Staat, der sich das gefallen lassen
mu�, in beliebig gro�e Teile zu zerlegen. In Deutschland scheint man diesen
Trick besonders hereinzufallen, glaubt man hier doch in v�lkischer Tradition
auch an ein angebliches V�lkerrecht auf Heimat.
9 Es ist einigerma�en unverst�ndlich, warum eine Propaganda, die ihre
Politik auf der Trias von nationaler Selbstbestimmung, Menschenrechten und
Demokratie abbildet, nicht den Gedanken nahelegt, da� ein Volk, dem
nationale Einheit und Selbstbestimmung gerade verweigert werden soll, zu
Menschenrechten und Demokratie auch nur ein schlechtes Verh�ltnis haben
kann.
10 Deutschland und der n�chst Krieg, Rowohlt Berlin 1995, das lange Zitat
findet sich dort ab S. 67.
11 Zugegeben, das ist eine recht einfache Schlu�weise, aber da die NATO zu
den Zeiten des Systemgegensatzes immer von den milit�rischen M�glichkeiten
der Sowjetunion und des Warschauer Paktes auf ihre politischen Ziele schlo�,
kann dieses Verfahren nicht von jeder Seite kritisiert werden.
12 Das sei denen gesagt, die sich nicht so ganz ehrlich dar�ber beklagen,
da� die Friedensbewegung nicht zu Demonstrationen gegen einen der
Wiederg�nger Hitlers aufrief und es wohl auch nie tun wird.


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On 12 May 1999, 22:03. --
Ein Versuch, den Krieg zu verstehen -technischer Nachtrag
#1
Author: Horst Leps
Date: Thu, 13 May 1999 00:00
7 lines
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Nachtrag:

unter http://members.aol.com/horstleps/frieden/kosovo.html

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Horst Leps
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