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Started by WRI AG Foed Gewaltfreier AGs
Wed, 28 Oct 1998 00:00
GWR 233: GenetiX Snowball in Grossbritannien
Author: WRI AG Foed Gewaltfreier AGs
Date: Wed, 28 Oct 1998 00:00
Date: Wed, 28 Oct 1998 00:00
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graswurzel
revolution
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monatszeitung fuer eine gewaltfreie, herrschaftslose gesellschaft
Kaiserstr. 24, 26122 Oldenburg, Tel.: 0441/2489663, Fax: 2489661
email: GWR-Redaktion@OLN.comlink.apc.org
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Liebe Leute,
der Nachdruck dieses Artikels ist bei Quellenangabe
ausdruecklich erwuenscht.
Gruss
Andreas Speck
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_genetiX snowball_
_Eine "Kampagne gewaltfreier ziviler Verantwortlichkeit"_
_in Grossbritannien_
Der Gentechnik-Widerstand braucht neue Aktionsideen. Im Anschluss
an einen Kampagnenvorschlag in GWR 231 stellen wir eine neue
Kampagne aus Grossbritannien vor, die einen aehnlichen Weg
beschreiten will: genetiX snowball. Am 4. Juli fand die erste
genetiX snowball-Aktion in England statt, mittlerweile folgten
zwei weitere. Eine Idee auch fuer die hie-sige Bewegung? (Red.)
"genetiX snowball ist eine Kampagne gewaltfreier ziviler
Verantwortlichkeit, die darauf abzielt, aktiven Widerstand gegen
diese neue Gentechnologie, die unerwuenscht, unnoetig, unsicher und
irreversibel ist, aufzubauen", so heisst es im Aktionshandbuch der
Kampagne. Zur Legitimation der Kampagne heisst es: ,Wenn
Biotechnologiefirmen sich weigern, ihre Verantwortung fuer die
Risiken genetischer Modifikationen zu akzeptieren; wenn unser
Rechtssystem frei wird von Moral und Ethik - dann muessen wir
Verantwortung uebernehmen. Wir sind ueberzeugt, dass ein Weg,
Verantwortung zu uebernehmen, darin besteht, sicher eine
symbolische Anzahl von genetisch manipulierten Pflanzen zu
entfernen und dann andere ermutigen, aehnliche Aktionen
auszufuehren." (1)
Damit ist der Kern der Aktionsidee umschrieben: kleine Gruppen -
organisiert als Bezugsgruppen - entfernen in einer oeffentlich
angekuendigten Aktion eine symbolische Anzahl gentechnisch
manipulierter Pflanzen von Versuchsfeldern. Diese Aktionen werden
gegenueber den betroffenen Bauern/Baeuerinnen, Gentechnik-Firmen,
der Presse und der Polizei vorher oeffentlich angekuendigt und
begruendet. ,Offenheit und Verantwortlichkeit sind Grundsteine
einer echten Demokratie. Multinationale Firmen und die Mehrheit
derjenigen, die an der Biotechnologie-Industrie beteiligt sind,
sind ueberwiegend nicht rechenschaftspflichtig gegenueber dem Rest
der Gesellschaft. ... Wir zeigen unsere Offenheit, indem wir an
den/die Bauern/Baeuerin vor unserer Aktion schreiben - entweder
den/die spezielle/n Bauern/Baeuerin, oder an alle Bau-
ern/Baeuerinnen, die in dem Kreis, in dem wir unsere Aktion
durchfuehren wollen, gentechnisch veraenderte Pflanzen anbauen. Wir
zeigen unsere Verantwortlichkeit, indem wir persoenliche
Erklaerungen hinterlassen, die erlaeutern, warum wir zur
gewaltfreien Aktion gegriffen haben." (2)
Teil der Aktion ist die Bereitschaft, die Konsequenzen als Teil
des eigenen Widerstandes zu akzeptieren. Dabei wird gesehen, dass
es als Folge der Aktionen zu Verhaftungen und Verfahren kommen
kann. Diese Prozesse zu fuehren wird als eine Moeglichkeit
angesehen, die notwendige gesellschaftliche Diskussion ueber die
Verantwortbarkeit von Gentechnik (wieder) in Gang zu bringen.
Auch wenn sich regional oder lokal neue, unabhaengige Gruppen im
Rahmen von genetiX snowball gruenden sollen, so gibt es doch eine
gemeinsame Basis, genannt ,Verpflichtung", die den gewaltfreien
Rahmen der Kampagne umreisst, sowie eine Koordinationsgruppe,
organisiert nach dem SprecherInnenratsmodell, die sich fuer die
gesamte Kampagne verantwortlich fuehlt (allerdings nicht fuer
Aktionen einzelner Gruppen) und bestehende Gruppen koordinieren
soll.
_Inspirationen_
Die genetiX snowball-Kampagne beruht auf den Erfahrungen dreier
verschiedener Traditionen: der gewaltfreien Snowball-Kampagne
gegen militaerische nukleare Einrichtungen der USA in
Grossbritannien in den 80er Jahren, der ,Schwerter zu
Pflugscharen"-Tradition, in deren Rahmen einfache Handwerkszeuge
genutzt werden, um Waffen abzuruesten, und den vielen gewaltfreien
Aktionen im Rahmen der Umweltbewegung in Grossbritannien und
weltweit.
Der Name verweist auf die Tradition der Snowball-Kampagne in den
80er Jahren. An dieser Kampagne beteiligten sich nahezu 3 000
Menschen an 42 verschiedenen Orten in Grossbritannien. Die erste
Aktion dieser Art fand am 1. Oktober 1984 an der US-Air Force-
Basis in Sculthorpe statt.
Alle Beteiligten an der Kampagne stimmten der Gewaltfreiheit zu,
schrieben eine persoenliche Erklaerung und kontaktierten die
relevanten Behoerden, bevor sie - bei Anwesenheit der Polizei -
ein einzelnes Stueck aus einem Maschendrahtzaun um eine US-
Militaerbasis herausschnitten.
Diese symbolischen Aktionen fuehrten zu mehr als 2 000
Verhaftungen und Gerichtsverfahren, in denen die AktivistInnen
ihre Beweggruende gegenueber dem Gericht, der Presse und der
Oeffentlichkeit erlaeuterten. Etwa 1 000 TeilnehmerInnen an der
Kampagne weigerten sich, die geringfuegigen Geldstrafen zu zahlen
und sassen als Teil ihrer Aktion kurze Gefaengnisstrafen ab. Nach
der Aktion versuchte jede beteiligte Person, zwei oder drei
weitere Menschen zu finden, die sich beteiligen koennten, und so
wuchs der Schneeball zu einer Groesse an, die ausreichte, das Ziel
zu erreichen. (3)
Die Tradition der Pflugschar-Bewegung begann in den USA in den
80er Jahren mit einer Aktion, bei der acht AktivistInnen mit
einfachen Haemmern Nuklearsprengkoepfe abzuruesten versuchten.
Seitdem hat es mehr als 60 Pflugscharaktionen gegeben. (4)
Vergleichbar scheint mir der Ansatz von genetiX snowball in
Deutschland vor allem mit den Aktionen der EUCOMmunity, da auch
hier Traditionen aus der Pflugscharbewegung aufgegriffen werden,
der materielle Schaden aber in den Hintergrund rueckt gegenueber
der moeglichen Beteiligung von moeglichst vielen Menschen (5).
Doch entstanden ist genetiX snowball zu einem grossen Teil aus der
britischen ,direct action"-Umweltbewegung, die auch hierzulande
durch spektakulaere Aktionen von sich reden macht(e), so z.B. den
Tunneln und Walkways gegen eine Umgehungsstrasse bei Newbury (vgl.
GWR 206) oder gegen die Erweiterung des Flughafens von
Manchester. Die Bewegung hat mittlerweile erreicht, dass das Stra-
ssenbauprogramm in England massiv zusammengestrichen wurde, und
ist derzeit auf der Suche nach neuen Aktionsfeldern und -formen.
Gentechnik ist dabei derzeit in der Diskussion ein Thema, dass
sich fuer Aktionen anbietet.
Gleichzeitig gibt es jedoch in Ansaetzen eine kritische Diskussion
zu Aktionsformen, und ein Ergebnis dieser kritischen Reflexion
ist die genetiX snowball-Kampagne.
_Kampagnenziele_
Die formulierten Ziele der genetiX snowball-Kampagne sind eher
moderat, was Anlass fuer Diskussionen innerhalb der Kampagne, aber
auch fuer heftige Kritik von ausserhalb ist. Die Forderungen der
Kampagne sind:
1) Ein fuenfjaehriges Moratorium fuer Freisetzungen von gentechnisch
veraenderten Pflanzen in Grossbritannien, mit Ausnahme von staat-
lich unterstuetzten umweltvertraeglichkeits- und
-sicherheitsversuchen (in geschlossenen Systemen) und;
2) die Entfernung aller bisher existierenden genetisch mani-
pulierten Pflanzen durch Regierungsstellen, Bauern/Baeuerinnen
oder Biotechnologiefirmen. (6)
Sollten diese Forderungen erfuellt werden, so wird die Kampagne
beendet - so zumindest der derzeitige Diskussionsstand.
Die Vorteile dieses moderat formulierten Zieles liegen sicherlich
darin, dass es in einem ueberschaubaren Zeitraum erreicht werden
kann und somit als realistisch erscheint. Und bei der derzeitigen
Zunahme von Freilandversuchen waere mit Sicherheit ein
fuenfjaehriges Moratorium zunaechst ein wichtiger Zwischenschritt,
um ein absolutes Verbot von Freilandsversuchen zu erreichen.
Kritisiert wird jedoch, dass diese Forderungen nicht weitgehend
genug sind, dass sie keine grundsaetzliche Ablehnung von Gentechnik
beinhalten.
Ich bin mir nicht sicher, welche Position hier taktisch
sinnvoller ist. Angesichts des fast voelligen Fehlens einer
gesellschaftlichen Diskussion kann die Forderung nach einem
Moratorium vielleicht einiges in Bewegung bringen, gerade wenn
sie durch eine breite Kampagne zivilen Ungehorsams erreicht wird.
Und dieser Zusammenhang darf bei der Diskussion nicht vergessen
werden, denn ein Moratorium waere nur ein erster Schritt, und zwar
wuerde die jetzige genetiX snowball-Kampagne dann beendet, aber
die aufgebauten Strukturen wuerden mit Sicherheit eine neue,
weitergehende Kampagne vorbereiten, um einen endgueltigen Stopp
von Freilandversuchen und auch von ,Novel Food" zu erreichen.
Die Staerke der Kampagnenidee liegt ja gerade in ihrem potentiell
aktivierenden Charakter. Es geht ihr darum, schrittweise eine
grosse Anzahl von Menschen zu aktivieren, gegen gentechnisch
modifizierte Pflanzen aktiv zu werden und ,sicher
Freisetzungstandorte mit gentechnisch veraenderten Pflanzen zu
dekontaminieren, bis ein Moratorium gewaehrleistet ist." Gerade in
dieser Einladung zur ,Teilnahme an gewaltfreien Aktionen, die die
Gesellschaft naeher an Demokratie, soziale Gerechtigkeit und
Frieden untereinander und mit der Erde heranfuehren werden" liegt
der Kern der Kampagnenidee. Die ,Infragestellung gedankenlosen
Gehorsams" und die Ueberwindung der Aengste hin zu einer ,Position
geteilter Macht im Gleichgewicht mit einem starken Gefuehl der
Verantwortlichkeit" (7) sollen die gesellschaftlichen
Verhaeltnisse veraendern, so dass auch nach dem Ablauf eines
Moratoriums eine Rueckkehr zu Freisetzungen nicht mehr moeglich
ist.
Trotzdem bleibt fuer mich eine offene Frage, ob eine radikalere
Formulierung der Kampagnenziele mit eindeutiger Absage an
Gentechnik nicht auch politisch sinnvoller waere.
_Was heisst das fuer Deutschland?_
In vielem scheint die Situation in Grossbritannien mit der
hiesigen vergleichbar zu sein. Auch in Grossbritannien sprechen
sich ca. 77 0er Bevoelkerung gegen gentechnisch veraenderte Le-
bensmittel aus (8), aehnlich duerften Meinungsumfragen hier
aussehen. Diese gesellschaftliche Mehrheit gegen Gentechnik setzt
sich aber nicht in eine entsprechende Politik um - auch das gilt
fuer Grossbritannien und Deutschland.
Waehrend aber in Grossbritannien sich genetiX snowball auf eine
gewaltfreie Aktionstradition stuetzen kann - u.a. die snowball-
Kampagne der 80er Jahre und die juengste direct action-Umwelt-
bewegung - so scheint mir das in Deutschland gerade fuer eine
potentielle Anti-Gentechnik-Bewegung schlechter auszusehen. Die
Oekologiebewegung hat sich vielfach von Aktionen Zivilen
Ungehorsams entfernt und uebt den Schulterschluss mit Staat und Ka-
pital - von oekologischer Steuerreform bis Agenda 21. Doch waehrend
als Folge der Anti-Castor-Bewegung von der rot-gruenen Koalition
ein butterweicher Atomausstieg (immerhin!) beschlossen wurde,
kann als Folge des Fehlens einer radikalen Bewegung gegen
Gentechnik aus diesem Bereich nichts vergleichbares berichtet
werden.
Eine Kampagne aehnlich der genetiX snowball-Kampagne koennte dies
aendern und gerade aufgrund ihrer Offenheit und eindeutigen
Gewaltfreiheit hier Beruehrungsaengste bei oertlichen Gentechnik-
Initiativen und Umweltgruppen abbauen helfen, laesst sie sich doch
nicht so einfach der ,Unverantwortlichkeit" ihrer Aktionen
bezichtigen. Gerade in ihrer Offenheit zum Dialog mit den
betroffenen Bauern/Baeuerinnen und der Oeffentlichkeit, mit ihrer
Bereitschaft, fuer die gewaltfreien Aktionen zivilen Ungehorsams
mit der ganzen Person einzustehen, kann sie auf viele Menschen
zugehen und sie vielleicht sogar zum Mitmachen bewegen. Bringen
wir auch hier den Schneeball ins Rollen!
Andreas Speck
Anmerkungen
(1) genetiX snowball: Handbook for Action: A guide to safely
removing genetically modified plants from release sites in
Britain. Version 1.0, September 1998
(2) ebenda
(3) ebenda, Anhang A 1.2
(4) ebenda, Anhang A 1.2
(5) zu EUCOMmunity vgl. ausfuehrlich: Die EUCOMmunity. Eine
Dokumentation. Stuttgart 97
(6) genetiX snowball Faltblatt
(7) genetiX snowball Handbook, 2.1 Aims & Objectives
(8) Personal statement by Rowan Tilly, zitiert nach Handbook for
Action, Anhang A 4.1.2
Ein Video der ersten genetiX snowball-Aktion kann angefordert
werden bei:
genetiX snowball, c/o One World Centre, 6 Mount Street,
Manchester M2 5NS, Grossbritannien, Tel.: +44 161/8340295, Fax:
834 8187, email: genetixsnowball@orangenet.co.uk
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aus: Graswurzelrevolution Nr. 233, November 1998
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