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Started by Meno Sellschopp
Tue, 21 Oct 1997 00:00
Re: Frage an Christen.
Author: Meno Sellschopp
Date: Tue, 21 Oct 1997 00:00
Date: Tue, 21 Oct 1997 00:00
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## Nachricht vom 21.10.97 weitergeleitet
## Ursprung : /CL/GLAUBEN/CHRISTEN
## Ersteller: M.Sellschopp@LINK-R.de
Erwiderung auf : Ekkard Brewig
vom : 13.10.97
zum Thema : "Re: Frage an Christen.":
Hallo Ekkard,
die Diskussion droht immer seitlich wegzurutschen. Ich will deshalb
den Faden nicht nur bei Deiner letzten Nachricht, sondern auch etwas
weiter zur�ckliegend ankn�pfen.
>> 1. Das Lesen von Zitaten ..
> Wollen wir jetzt ueber Sprache und Verstehen labern, uns gegenseitig
> herabwuerdigen oder zur Sache schreiben?
Zur Sache nat�rlich.
Es ging um den von Dir eingef�hrten Gegensatz des D�monischen zum
Humanen:
:>>> M.E. laeuft dies auf eine Aequvalenz der Aussagen zumindest auf
:>>> eine Aequivalenz der Konsequenzen hinaus, da ja letztlich eine
:>>> "humane" Welt im Gegensatz zu einer "daemonischen" postuliert wird.
Darauf hatte ich geantwortet:
:>> Eine Welt, in der die Menschen ihre h�chsten Gesetze und Gebote
:>> nicht aus der eigenen *Menschen* -W�rde ableiten, sondern sich von
:>> einem au�erirdischen Geistwesen offenbaren lassen, gerade eine
:>> solche Welt ist eben nicht "human", sondern, im eigentlichen
:>> Wortsinne, "d�monisch"!
Schischkoff habe ich nur zum Beleg daf�r zitiert, da� der Begriff des
D�monischen erst im Christentum vom Namen des G�ttlichen zum Namen des
B�sen herabgew�rdigt worden ist.
Ich erg�nze dazu: Das mosaische Gebot (2.Mos.20,3) "Du sollst keine
anderen G�tter neben mir haben!" zeigt den Gott Israels noch nicht als
den einzigen, sondern als einen Stammesgott, einen (im griechischen
Vokabular) "Daimon", der mit den Daimonen anderer St�mme und V�lker
konkurriert. Eine vergleichende Untersuchung (dergleichen gibt es
nat�rlich l�ngst) kann zeigen, da� der israelitische Gott mindestens
so weit vom sp�teren Begriff des Humanen entfernt ist wie die gleich-
zeitigen G�tter der �gypter, Perser, Griechen, R�mer, Germanen und
anderer.
Unsere Kultur fu�t im Wesentlichen auf dem Christentum und der
griechisch-r�mischen Antike, also verk�rze ich beim folgenden auf
diese beiden:
* Die Fortentwicklung des Alten Bundes zum Neuen Bund ist einerseits
eine Sublimierung, Reinigung, Veredlung, Erh�hung des Gottesbegriffs
(Das Wort "Gottesbild" meide ich bewu�t aus Gr�nden, die bekannt
sein sollten); andererseits bleibt als h�chstes Gebot, dem sich die
Anh�nger des j�disch-christlichen Kultus zu f�gen haben, die Orien-
tierung auf den einen, jetzt einzigen Gott, von dem alle Macht und
alle Gesetze ausgehen. Die Bibel ist voll von Geschichten, die
zeigen, da� der Mensch gegen diesen Gott nichts vermag.
* Das Grund-Thema der klassischen griechischen Mythologie und Dich-
tung ist dagegen gerade die Emanzipation des Menschen im Streit mit
seinen G�ttern. Selbst wo die Menschen an der gr��eren physischen
Gewalt der G�tter scheitern, triumphiert eine Sittlichkeit, die die
Menschen aus ihrer eigenen personalen W�rde ableiten. Das Prinzip
der Tragik ist so definiert.
Im Christentum gibt es keine Tragik und keine tragischen Helden! Wer
dem Christengott unterliegt, wird "gedem�tigt" im Wortsinn: Demut wird
zur christlichen Tugend. Kein menschlich-sittliches Prinzip, sondern
der g�ttliche Geist aus dem Jenseits setzt das Ma� f�r das gegen-
w�rtige und k�nftige Handeln der Menschen. Ich wiederhole also,
nachdem ich hoffentlich klar genug erkl�rt habe, wie ich dazu komme:
:>> Eine Welt, in der die Menschen ihre h�chsten Gesetze und Gebote
:>> nicht aus der eigenen *Menschen* -W�rde ableiten, sondern sich von
:>> einem au�erirdischen Geistwesen offenbaren lassen, gerade eine
:>> solche Welt ist eben nicht "human", sondern, im eigentlichen
:>> Wortsinne, "d�monisch"!
Ich greife vor, weil das folgende gedanklich hierhin pa�t:
>> 3. "Trauma der Gotteskindschaft" [..]
> Du baust Dir einen Popanz auf, der leider so in vielen christlichen
> Familien gepflegt ward.
Du hast noch immer nicht verstanden. Also bitte zur�ck vom erl�utern-
den Beispiel zu meiner urspr�nglichen Aussage:
:>> [die Christen] k�nnen sich ja nicht davon bedroht f�hlen, da� die
:>> Atheisten etwas h�tten, was Christen von sich abwehren m��ten,
:>> sondern nur davon, da� Atheisten das Trauma der Gotteskindschaft
:>> *nicht* haben und da� ihnen deshalb auch die Gottesfurcht abgeht [..]
Dies h�ngt mit dem vorigen (Tragik versus Demut) eng zusammen:
Anders als im griechischen Mythos wird im gesamten biblischen Mythos
den Christen erkl�rt, da� sie weder Gegenspieler noch Konkurrenten
ihres Gottes sind, sondern dessen Gesch�pfe, und da� diese Gesch�pfe
"auf Gedeih und Verderb" vom Willen des allm�chtigen Vaters abh�ngen.
"Welchen der Herr liebhat, den z�chtigt er", sagt der theologische
Traktat des Hebr�er-Briefes, welcher zum Kanon geh�rt und neben etli-
chen �hnlichen Parallelstellen als Rechtfertigung f�r jede g�ttliche
Ohrfeige zitiert wird. Das Trauma, die seelische Verletzung, besteht
darin, da� der Christenmensch, das Kind Gottes, erst durch solche
Dem�tigung zu "Gottes geliebtem Kind" werden kann.
Ich will dem Einwand, der jetzt kommen mu�, das Zugest�ndnis (und die
Erwiderung darauf) gleich vorwegnehmen: Heb.12.6 und �hnliche k�nnen
auch als Trost gelesen werden. Richtig! Aber das ist wie der Streit,
ob die Henne oder das Ei zuerst ist, und zeigt nur auf etwas andere
Weise, da� als christliche Grundtugend gl�ubige Demut, dem�tiger
Glaube gefordert ist, ohne den solcher Trost nicht verf�ngt.
Zur�ck also zu
>> 2. "Kanzel-Etymologie" und 4. [teilweise]
> Man braucht irgendwelche Grundaussagen, zu denen man Vertrauen hat,
> die sich positiv auswirken, sich bewaehren, aber unbeweisbar sind.
In dem Satz stecken mir zuviele ungepr�fte Pr�missen! Aber weiter:
> [..] geht es ja, wie erinnerlich, darum, dass in den Schriften der
> Bibel eine Reihe solcher "Grundgedanken" enthalten sind.
Meinst Du jetzt die Bibel insgesamt oder doch nur das Neue Testament?
Und bist Du bereit zuzugestehen, da� solche Grundgedanken in *allen*
Mythen und bedeutenden Literaturen enthalten sind?
> Gleichwohl hat es historische Entwicklungen gegeben, die offensicht-
> lich gegen diese Grundgedanken verstossen, obschon die Menschen, die
> Protagonisten dieser Entwicklungen waren, sich "Christen" nannten.
Was w�rdest Du denn wohl dem Inquisitor antworten, der Dir, weil Du
Feuer und Schwert ablehnst, aus Deiner eigenen Bibel und mit Jesu
geoffenbarten Worten nachweist, da� gerade Du kein wahrer, sondern nur
ein Namens-Christ bist, einer von den Lauen, die Gott ausspeien wird?
Ich sehe die Szene vor mir, wie Ihr Euch immer wechselseitig die
Sentenzen aus ein und derselben Bibel vorhaltet - und eben damit den
Beweis f�hrt, da� "Gottes Wort" und Christi Lehren f�r alles und jedes
zu gebrauchen sind: Gnade *und* Verdammnis, Vergebung *und* Strafe,
Gutes *und* Schlimmes.
Wenn es also heute en vogue ist, Liebe, Sanftmut, Toleranz aus der
Bibel zu lesen, dann ist das nicht der Bibel geschuldet; denn dieselbe
Bibel hat zu anderen Zeiten auch die Glaubens-Strenge, den "heroischen
Gehorsam" und die Verfolgung Un- und Andersgl�ubiger geboten. Sondern
es ist geradezu die Umkehrung dessen erlaubt, was uns die heutigen
Human-Christen weismachen m�chten: Das Christentum ist immer gerade so
menschlich oder unmenschlich, tolerant oder intolerant, verinnerlicht
oder ver�u�erlicht wie die zu den jeweiligen Zeiten prot-agierenden
politischen Ideologien, philosophischen Schulen, gesellschaftlichen
Verh�ltnisse. Nicht das Christentum pr�gt den Geist der Zeiten,
sondern der Geist der Zeiten pr�gt den Geist des Christentums.
Den Geist! Denn das �u�ere Gesicht der Zeiten wie des Christentums
wird wieder von den M�chtigen gepr�gt, die sich zur Rechtfertigung
ihrer Macht der jeweils g�ltigen Version des Christentums bedienen -
und deshalb geneigt sind, die gerade g�ltige Version gegen
Ver�nderungen jeder Art zu sch�tzen.
Damit sind wir wieder am Anfang. Die Abschweifung zum sogenannten
T�tungsverbot und zur Abtreibung k�nnen wir fallenlassen oder einer
anderen Diskussion (zu der ich bereit bin) �berlassen. Hier wollte ich
zeigen, da� ich meine Entgegnug auf eine Konstante des Christentums
gr�nde, der Du nicht widersprochen hast. Du hattest geschrieben:
:>>> Menschenrechte sind weitgehend christliche Tradition oder
:>>> entsprechen dem christlichen Menschenbild.
Ich halte nach wie vor die christliche Konstante dagegen:
:>> Nach christlicher Lehre sind Menschen Gottesgesch�pfe und leben
:>> nicht aus eigenem Recht, sondern entweder nach g�ttlichem Gebot
:>> unter g�ttlicher Gnade oder gegen g�ttliches Gebot zu ewiger
:>> Verdammnis.
Daraus folgte mit christlicher Notwendigkeit:
:>> "Menschenrechte", das lehrt die Geschichte sp�testens seit der
:>> Renaissance, haben in jahrhundertelanger Auseinandersetzung *gegen*
:>> christliche Lehre und christliche Kirchen durchgesetzt werden
:>> m�ssen. F�r das Christentum spricht dabei allenfalls, da� es sich
:>> am Ende als lern- und interpretationsf�hig erwiesen hat und [..]
:>> dem niederen Klerus erlaubt, das "Wort Gottes" auch als ein
:>> Humanum zu interpretieren.
Meno
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