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Started by Rudolf Ladwig
Fri, 03 Oct 1997 00:00
Leben ohne Gott - ein Vortrag
Author: Rudolf Ladwig
Date: Fri, 03 Oct 1997 00:00
Date: Fri, 03 Oct 1997 00:00
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## Nachricht vom 03.10.97 weitergeleitet
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## Ersteller: R.LADWIG@NADESHDA.gun.de
>>> _Leben ohne Gott: eine Entscheidung fuer den Menschen._
>> _Vortrag_, gehalten auf der Veranstaltung "Atheismus und Christentum" im
>> Rahmen der oekumenischen Veranstaltungsreihe "Leben mit und ohne Gott"
>> Esslingen, 19.November 1996)
> [_Redner: Michael Schmidt-Salomon_]
_Meine sehr verehrten Damen und Herren!_
In der Esslinger Zeitung vom 4.11. stand in grossen Lettern: "Atheist
kommt ins kirchliche Haus" und darunter fand man den Kommentar:
"Beruehrungsaengste duerften sie nicht haben, die Frauen und Maenner des
Oekumenischen Arbeitskreises (...). Wie sonst haetten sie einen
ausgewiesenen Atheisten (...) in ein kirchliches Haus einladen koennen?"
Nun, ich freue mich, dass Sie den Mut hatten, mich hierhin einzuladen.
Es kommt - wie Sie wissen - sehr selten vor, dass Glaeubige und
Nichtglaeubige in einen kritischen Dialog miteinander treten. Deshalb
moechte ich mich bei den Veranstaltern ganz besonders herzlich bedanken,
insbesondere bei Herrn GELTZ, der mich bisher sehr freundlich betreut hat
- und ich hoffe, dass er dies _nach_ meinem Vortrag nicht bitter
bereuen wird.
Bevor ich nun beginne, Ihnen darzulegen, warum ich das "Leben ohne Gott"
fuer einen "humanistischen Imperativ" halte, erlauben Sie mir bitte,
zwei Vorbemerkungen:
1. Wie viele andere sog. "AtheistInnen" bin auch ich kein _reiner_
Atheist, sondern eigentlich ein _Agnostiker_, der nur in seiner Lebens_praxis_
atheistische Standpunkte vertritt. Das heisst: Ich masse mir
kein Urteil darueber an, ob Gott wirklich existiert oder nicht, ja,
ich halte diese Frage fuer _prinzipiell nicht entscheidbar_. Aus
lebens_praktischen_ Gruenden gehe ich aber davon aus, dass
wir auf die _Rede von Gott_ verzichten sollten, weil die _Rede von_
_Gott_ mehr Unheil als Heil unter die Menschen gebracht hat. In diesem
praktischen Sinne bin ich also ein _klarer Vertreter des Atheismus_.
_Ich plaediere ganz entschieden fuer ein Leben ohne Gott_,
und ich werde versuchen, die Gruende hierfuer in meinem Beitrag
darzulegen
2. Ich bin nicht als atheistischer oder agnostischer Missionar hierhin
gekommen, also als einer, der nur bekehren und belehren will, aber nichts
lernen. Im Gegenteil. Als "leidenschaftlicher Wissenschaftler" erhoffe
ich mir von dieser Diskussion auch, dass Ihre Kritik mir hilft, dass
ich mich von meinen eigenen Fehlannahmen befreien kann.
Mit anderen Worten: Fuer mich geht es in dieser Diskussion - wie in
jeder Diskussion - nicht um Sieg und Niederlage, sondern um das Erringen
eines groesstmoeglichen Erkenntnisfortschritts, der allen
Seiten von Nutzen ist. Vor Kritik sollte sich also keiner von uns scheuen.
Wir haben ja - ausser unseren falschen Argumenten - nichts Wesentliches
zu verlieren und ich - fuer meinen Teil - wuerde mich lieber heute
als morgen von dem gigantischen Arsenal meiner Irrtuemer verabschieden.
Also: Falls meine Argumente Sie in irgendeiner Weise verletzen sollten,
legen Sie dies bitte nicht als boese Absicht aus, ich versuche nur
meinen Standpunkt moeglichst klar und deutlich zu formulieren. Das
heisst: Ich werde - obwohl ich mich hier gewissermassen in der
Hoehle des Loewen bewege - nicht um den heissen Brei herum
reden.
Das wiederum hat zwei Vorteile: _Erstens_ duerfte der Abend dadurch
ein wenig spannender werden. _Zweitens_ erhoeht sich dadurch auch
die Chance, dass Sie mich widerlegen koennen, falls ich tatsaechlich
irgendwo einen Fehler begehen sollte.
Nach dieser allgemeinen Vorbemerkung nun in medias res. Ich werde meinen
Vortrag in drei Teile untergliedern:
Der _ 1. Teil_ ist ueberschrieben mit: "Warum es - aus humanistischer
Perspektive - _prinzipiell_ problematisch ist, mit Gott zu leben und
zu argumentieren". Es geht hier um eine Darlegung der Gruende, die
prinzipiell gegen jegliche Form von Gottesglauben sprechen.
Nach diesen allgemein-religionskritischen Ueberlegungen werde ich mich
dann im _2. Teil_ speziell mit dem christlichen Gottesglauben beschaeftigen.
Dabei konzentriere ich mich auf die _Probleme_, die meiner Meinung
nach mit diesem spezifischen Glauben verbunden sind, das heisst: ich
vernachlaessige die positiven Aspekte, die selbstverstaendlich
auch im Christentum zu finden sind.
Im abschließenden _3. Teil_ werde ich versuchen, ein knappes
Resuemee zu ziehen. Dabei werde ich Ueberlegungen darueber
anstellen, welche Bedeutung die traditionellen Religionen fuer den
Aufbau einer freieren, gerechteren, kurz: humaneren Kultur haben koennten.
> _1. Teil: : Warum es - aus humanistischer Perspektive_ -
> _prinzipiell problematisch ist, mit Gott zu leben und zu argumentieren_
Ich sehe insgesamt drei gravierende Probleme, die prinzipiell aus jedem
intakten religioesen Glauben an Gott, Goetter oder Goettinnen
erwachsen.
1. Das Grundproblem des religioesen - auf Gott ausgerichteten - Denkens
besteht meines Erachtens darin, dass jede religioese Argumentation
notwendigerweise auf _Etikettenschwindel_ beruht, da hier _menschliche_
_Wirklichkeitskonstruktionen mit anderen als menschlichen Guetekriterien_
_(z.B. "goettlicher Wille") versehen werden_, was zu einem _unlauteren_
_Wettbewerb der Gedanken_ und damit zu einem Verstoss gegen das
Prinzip der Gleichberechtigung fuehrt.
Was ist damit gemeint? Nun, der religioese Mensch benutzt im Gegensatz
zum Nichtreligioesen nicht nur Argumente, die in der "Welt des Menschen"
beheimatet sind (die gegeneinander abgewogen und modifiziert werden koennen),
er benutzt zudem noch Argumente, die ihrem Anspruch nach einer hoeheren
Ebene angehoeren (die durch menschliche Argumente nicht aufgehoben
werden koennen). Durch diese pseudotranszendentale, letztlich erschummelte
Verstaerkung seiner Argumente wird der religioese Mensch - wenn
er religioes argumentiert - unangreifbar. Er steht ueber den Dingen,
berichtet ueber hoehere Einsichten. Konsequenz: Er ueberhoeht
sich selbst, uebervorteilt und erniedrigt seine nichtreligioesen
KommunikationspartnerInnen, die in der Kommunikation nicht mit gezinkten
Karten spielen. Dieses prinzipielle Ungleichgewicht in der Argumentation
ist der Grund dafuer, dass es in der Regel nicht zu einem wirklichen
und ehrlichen Dialog von Glaeubigen und Nichtglaeubigen kommen
kann.
2. Religioeses Denken ist auch deshalb problematisch, weil es (durch
seine jenseitige und nicht diesseitige Begruendungsform) jede rationale,
menschliche Argumentation ausser Kraft setzt und damit eine nicht
mehr hinterfragbare _Beliebigkeit der Argumentation_ nach sich ziehen
kann. Anders ausgedrueckt: Mit dem _Jenseits_ laesst
sich - wie bereits NIETZSCHE wusste - jede _beliebige Luege_
_im Diesseits begruenden_.
3. Das groesste Problem des religioesen - auf Gott ausgerichteten
- Denkens besteht meines Erachtens darin, dass dieses Denken stets
mit einem ungeheuren _Restrisiko_ verbunden ist, naemlich mit
_der_ Gefahr des _religioesen Supergaus, der einen menschenfresserischen_,
_aggressiven Fundamentalismus/Fanatismus freisetzt_.
Die Argumentation gegen die Religion gleicht in vielerlei Hinsicht der
Argumentation gegen die Nutzung der Atomkraft: Auf der einen Seite haben
Religion und Atomkraft unbestreitbare Vorteile. Sorgt die Atomkraft fuer
billigen Strom und damit fuer viele Vorzuege des modernen Lebens,
so verschafft Religion existentielle Geborgenheit, indem sie - sofern sie
intakt ist - wie ein Fels in der Brandung den Sinnkrisen und allgemeinen
Verunsicherungen unserer Zeit widersteht. Auf der anderen Seite aber sind
Religion und Atomkraft mit ungeheuren Sicherheitsrisiken verbunden, die
schwerlich vertretbar sind. Verlieren wir naemlich die Kontrolle ueber
Religion und Atom, sind die Folgen in der Regel toedlich, die Zahl
der Opfer gewaltig. (Zugegeben: Der hier bemuehte Vergleich hinkt ein
wenig - und zwar zugunsten der Religion: Angesichts der Anhaeufung
katastrophaler, religioeser Supergaus in Geschichte und Gegenwart,
muss naemlich das Restrisiko von Atomunfaellen - ohne seine
schrecklichen Folgen verharmlosen zu wollen (Tschernobyl!!) - im Vergleich
zu den leider in keiner offiziellen Statistik erfassten "Religionsunfaellen"
als weitaus geringer angesehen werden.) Nicht umsonst zieht sich die Blutspur
der Religionen wie ein roter Faden durch die Geschichte der Menschheit.
Und ein Ende des religioes motivierten Schreckens ist nicht in Sicht.
Eher das Gegenteil. Kaum ein Tag, an dem die Nachrichtenagenturen nicht
von eskalierenden Konflikten zwischen AnhaengerInnen verschiedener
Glaubenssysteme berichten muessen. Aufmerksame BeobachterInnen konnten
bereits vor einigen Jahren feststellen, dass sich das Schreckgespenst
des religioesen Fundamentalismus allmaehlich und todbringend wie
ein Krebsgeschwuer ueber den gesamten Erdball ausbreitet. Auch
innerhalb des Christentums hat sich - allen Kirchenvolksbegehren zum Trotz
- ein starker Trend hin zum Fundamentalismus entwickelt. Fundamentalistische
Organisationen wie Opus Dei besetzen zunehmend Machtpositionen und lassen
keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie zur Rettung ihrer Ideologie
im Notfall auch "heiligen Zwang" anwenden werden.
Und das besonders Alarmierende daran: Man kann diesen christlichen
FundamentalistInnen nicht einmal mit dem Argument entgegentreten, dass ihr
Denken und Handeln gegen den authentischen Geist des Christentums
verstoesst, denn die Inhumanitaet der christlich-fundamentalistischen
Organisationen ist ein adaequater Ausdruck jener Inhumanitaet, die wir
bereits in der unantastbaren, heiligen Schrift des Christentums, der
Bibel, finden.
Damit sind wir auch schon beim zweiten Teil angelangt, der die Frage
beantworten soll, warum speziell der christliche Gottesglaube
problematisch ist.
> _2.Teil: Warum speziell der christliche Gottesglaube problematisch ist_
Der Freiburger Entwicklungspsychologe Franz BUGGLE, der in einer
bewundernswert klaren und detailreichen Studie die Kernteile der
christlichen Bibel (also die fuenf Buecher Mose, die Psalmen, das Buch
Jesaia sowie _insbesondere das gesamte Neue Testament_) auf ihren
ethischen Wert hin untersucht hat, kam zu dem Ergebnis, dass die Bibel und
damit die basale, ethisch/religioese Quelle des Christentums, "zutiefst
inhuman" sei, weil sie einen Gott als Vorbild propagiert,
"der Eroberungskriege inklusive der ausdruecklichen Hinschlachtung
von Kindern, Frauen und Greisen befiehlt, der eine inhuman grausame Blutjustiz
immer wieder eindringlich fordert und die extrem grausame Hinrichtung seines
eigenen Sohnes als Suehneopfer ausdruecklich wuenscht, der
Minderheiten wie etwa Frauen und Sklaven extrem diskriminiert, der die
Ausrottung Andersglaeubiger befiehlt, Geisteskrankheit auf Besessenheit
zurueckfuehrt oder ewige (!) Hoellenqualen androht..." (1)
Wie gesagt, BUGGLE bezieht sich in seiner Analyse nicht nur auf das Alte
Testament, dessen autoritaer- gewaltverherrlichende Grundtendenz mittlerweile
bekannt sein duerfte. Nein, BUGGLE bezieht sich in seinem Urteil ueber
die Grundlagen des Christentums ausdruecklich auch auf das Neue Testament,
das - einem hartnaeckigen Vorurteil zum Trotz - keineswegs nur ein
Aufruf zu Friedfertigkeit und Feindesliebe ist.
So verkuendet der wiederauferstandene Christus in der Offenbarung des
Johannes:
"Wer siegt und bis zum Ende an den Werken festhaelt, die ich gebiete,
dem werde ich Macht _ueber die Voelker geben. Er wird ueber sie herrschen_
_mit eisernem Zepter und sie zerschlagen wie Tongeschirr_;
(und ich werde ihm diese Macht geben,) wie auch ich sie von meinem Vater
empfangen habe [...]" [kursiv im Original] (2)
Auch in den Evangelien zeigt der mythische Jesus als Erfuellungsgehilfe
seines traditionell rachsuechtigen Vaters wenig Erbarmen mit Andersdenkenden,
Andersglaeubigen. So heisst es unmissverstaendlich im
Markusevangelium:
"Wer glaubt und sich taufen laesst, wird gerettet; wer aber nicht
glaubt, wird verdammt werden" (3)
Die Brutalitaet dieser Drohung den Anders- oder Nichtglaeubigen
gegenueber ist erst dann zu ermessen, wenn man weiss, was es bedeutet,
vom Menschensohn verdammt werden! Verzeihen Sie mir die Formulierung, aber
ich finde keinen besseren Vergleich: Auf die Verdammten wartet naemlich
eine Art _himmlisches Auschwitz_:
"Der Menschensohn wird seine Engel aussenden, und sie werden aus seinem
Reich alle zusammenholen, die andere verfuehrt und Gottes Gesetz uebertreten
haben, und werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort
werden sie heulen und mit den Zaehnen knirschen." (4)
Nur ein Ausrutscher, eine singulaere, unglueckliche Metapher? Nein:
Nicht einmal zehn Verse spaeter findet sich noch einmal die gleiche,
pyromanische Vorstellung von einer sauberen Endloesung der Unglaeubigenfrage.
In Mt 13,49-50 werden die Engel abermals mit der Selektion an der himmlischen
Rampe beauftragt, wo sie "die Boesen von den Gerechten trennen und
in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt", so dass sie "heulen
und mit den Zaehnen knirschen."
Selbst in der Bergpredigt, der viel geruehmten, viel zitierten, aus
der die humanistischen TheologInnen ihre wichtigsten Argumente beziehen,
finden sich solche - auf infantiler Gewalt- und Machtphantasie beruhenden
- radikal inhumanen Strafandrohungen, "deren unheilvolle, psychisch verheerende
Wirkung in der Geschichte des Christentums auf unzaehlige Menschen
gar nicht uebertrieben werden kann." (5) So wird im Rahmen der ansonsten
recht humanen, progressiven Bergpredigt, das eigentlich harmlose, versteckte,
luesterne Betrachten einer verheirateten Frau, auf eine Weise interpretiert,
die jedes FundamentalistInnen-Herz vor Entzueckung hoeher schlagen
laesst:
"Wenn dich dein rechtes Auge zum Boesen verfuehrt, dann reiss
es aus und wirf es weg! Denn es ist besser fuer dich, dass eines
deiner Glieder verlorengeht, als dass dein ganzer Leib in die Hoelle
geworfen wird" (6)
In der Parallelstelle im Markusevangelium werden die Rachegelueste
des Gottessohnes noch deutlicher:
"Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Boesen verfuehrt,
fuer den waere es besser, wenn er mit einem Muehlstein um den
Hals ins Meer geworfen wuerde. Wenn dich deine Hand zum Boesen
verfuehrt, dann hau sie ab; es ist besser fuer dich, verstuemmelt
in das Leben zu gelangen, als mit zwei Haenden in die Hoelle zu
kommen, in das nie erloeschende Feuer. Und wenn dich dein Fuss
zum Boesen verfuehrt, dann hau ihn ab; es ist besser fuer dich,
verstuemmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Fuessen
in die Hoelle geworfen zu werden. Und wenn dich dein Auge zum Boesen
verfuehrt, dann reiss es aus; es ist besser fuer dich, einaeugig
in das reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hoelle geworfen
zu werden, _wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt_."
[kursiv im Original] (7)
BUGGLE kommentiert sehr richtig:
"Man versuche, sich von aller Gewoehnung durch religioese
Erziehung einmal frei und sich hier klar zu machen, was eine Drohung mit
_ewig dauernden extremen Qualen_ psychologisch bedeuten muss; dagegen
verblassen alle sonst bekannten Folterungen und Strafen, weil diese immerhin
zeitlich endlich sind. Bei aller Anerkennung der positiven Zuege Jesu
(und bei aller Schonung der Gefuehle von Glaeubigen): Kann ein
ethischer und religioeser Lehrer, der solche Strafandrohungen wie
selbstverstaendlich heranzieht und mit ihnen umgeht, der solche
Strafphantasien offenbar unproblematisch akzeptiert oder entwickelt, kann
ein solcher Mann heute noch als Verkoerperung des absolut Guten, der
absoluten Liebe, als Gott verkuendet werden?"
(8)
Diese Frage ist eine rein rhetorische. In Anbetracht der zitierten Belege,
die muehelos erweitert werden koennten, ist evident: Der biblische
Jesus, der in groessenwahnsinniger, narzizisstisch-totalitaerer
Manier seine Lehre gegen jegliche Kritik immunisierte und all jenen, die
nicht seiner Meinung waren, ewige Hoellenqualen androhte, kann _in_
_seiner Ganzheit_ kein Vorbild fuer heute sein. Ja, wir muessen
feststellen, dass der vielbeschworene "Geist Jesu Christi" in vielen
Punkten keineswegs kompatibel ist mit der Idee des Humanen, womit sich
die prinzipielle Frage stellt, was denn im Streitfalle der zentrale Bezugspunkt
der Christen ist: die Idee des Humanen _oder_ der Geist Jesu Christi.
Vor dieses Grundproblem, das sich in der Frage fassen laesst:
Wie kann ich Humanist sein und gleichzeitig dem Vorbild Jesu folgen?, sehen
sich - auch wenn die meisten es selbstverstaendlich nicht wahrhaben
wollen - saemtliche human denkende ChristInnen gestellt. Fuer sie
gibt es - sofern sie HumanistInnen _und_ ChristInnen bleiben wollen
- idealtypisch nur einen einzigen Ausweg aus dem hier dargestellten Dilemma,
naemlich den Weg der intellektuellen Unredlichkeit.
Intellektuell unredlich ist dieser Weg, weil hier nicht mehr kritisch den
Urspruengen, Wegen und Irrwegen, Staerken und Schwaechen des
Christentums nachgeforscht wird, sondern diese Urspruenge schoengeredet,
die Irrwege und Schwaechen kaschiert und selbst das offensichtlich
Inhumane auf eine Art und Weise umwolkt wird, dass es kaum noch in
seiner eigentlichen, menschenfresserischen Substanz zu erkennen ist. Dank
eines ungeheuren, rational nicht nachvollziehbaren, exegetischen Salto
mortale gelingt es theologischen HumanismusakrobatInnen, christliche Humanitaet
selbst da noch zu erkennen, wo gegen jegliches Mindestmass von Humanitaet
aufs scheusslichste verstossen wird. Hierfuer muss die Bibel selbstverstaendlich
- auf Teufel komm raus (im wahrsten Sinne des Wortes!) - so sehr gegen den
Strich gebuerstet werden, dass jedem unbefangenen Beobachter die Haare zu
Berge stehen. Da wird aus Unsinn ploetzlich Sinn und aus Leid ploetzlich
Freude, da verklaert sich das Verbrechen zur Heldentat und das Joch zum
Siegessymbol. Kurzum:
_Da versetzt Glaube nicht nur Berge, sondern auch unbefangene Beobachter_
_in fassungsloses Erstaunen angesichts einer solch virtuosen Unredlichkeit_
_der Deutung, hinter der wohl eine nicht eingestandene Selbstsaekularisierung_
_des Christentums zu vermuten ist_.
Aus Zeitgruenden breche ich an dieser Stelle meine Auseinandersetzung
mit dem christlichen Gottesglauben ab und komme zum 3. Teil meines Vortrags,
zu meinem Resuemee.
> _3. Resuemee_
Fuer viele konsequente Humanisten und Humanistinnen steht fest, dass es in
Anbetracht des fortschreitenden Fundamentalismus von absoluter
Dringlichkeit ist, auf einen Prozess _weltweiter, religioeser Abruestung_
hinzuwirken, ohne die ein friedliches Zusammenleben der Menschen kaum moeglich
sein wird.
Bei der anstehenden, wichtigen Aufgabe der Dekonstruktion der Religionen
ist aber dringend darauf zu achten, dass die wertvollen, nichtreligioesen
Bestandteile der Religionen nicht verloren gehen. Es geht hier also um
eine wahrhaft _dialektische Aufhebung_, nicht um eine plumpe Zerstoerung
von Religion, d.h. es geht wesentlich auch um eine _Weiterfuehrung_
_ihrer humanen Aspekte_, die bei der notwendigen _Negation ihrer inhumanen_
_Nebenwirkungen_ nicht uebersehen werden darf. In der Sprache des
obigen Bildes ausgedrueckt : _Wir brauchen nicht nur eine weltweite_
_religioese Abruestung, sondern auch eine weltweite religioese_
_Umruestung, eine weltweite religioese Konversionpolitik, die darauf_
_abzielt, das potentiell Lebensdienliche, das in jeder religioesen Tradition_
_zu finden ist, vom Lebensfeindlichen zu trennen und in die nichtreligioese_,
_agnostische, auf das Menschliche beschraenkte und daher weitgehend_
_restrisikofreie Umgebung zu verpflanzen._
Ein besonders wichtiger, aber auch besonders schwieriger Bereich ist
hierbei der Bereich der Mystik. Erinnern wir uns: Die agnostische
Position, die ich hier darstelle, schliesst nicht prinzipiell die
Moeglichkeit
der Existenz eines Gottes / einer Goettin oder mehrerer GoettInnen
aus. Sie sagt lediglich, dass wir, wenn wir von Gott sprechen, nur
von unserer Konstruktion eines Gottes sprechen koennen (nicht von dem
Gott, wie er (oder sie?) moeglicherweise "an sich" - also losgeloest
von unserer Wahrnehmung - existieren mag). Eben darum stellt es ja einen
nicht hinzunehmenden Verstoss gegen die Gleichberechtigung dar, wenn
ein Mensch behauptet, dass seine Argumentation durch eine durch Offenbarung
erfahrene hoehere Instanz (Gott) legitimiert ist.
Das aus dieser Erkenntnis resultierende Verbannen Gottes aus dem Bereich
der oeffentlichen, politischen Diskussion (eine verschaerfte Form
des juedischen Bilderverbots) bedeutet jedoch nicht, dass es nicht
wuenschenswert waere, dass das Individuum sich den zentralen
Fragen der Mystik stellt und ueber ein Leben nach dem Tod, die Existenz
eines metaphysischen Weltensinns, die Existenz von GoettInnen etc.
spekuliert. Wenn es dem Individuum gut tut, dies zu tun, und zudem keine
Abnahme der Bereitschaft zum Kampf fuer humanere Verhaeltnisse
erfolgt, so ist metaphysisches Spekulieren und Traeumen - egal ob es
allein oder in einer Gruppe erfolgt - legitimiert. Angesichts der
unbestreitbaren Staerke des Beduerfnisses des Menschen, seinen Alltag durch
"Flowerlebnisse" zu ueberschreiten, waere von einer freien und humanen
Kultur sogar zu fordern, dass sie "mystische Nischen" errichtet, in denen
sich die Menschen ohne Gefahr zeitweise von der limitierenden,
reglementierenden Vernunft befreien koennen.
Aber: Aus der Mystik, dem System von Fragen, darf keine Religion, kein
gesellschaftlich relevantes oder gar bestimmendes System von Antworten
werden. Ausserhalb der mystischen Nischen ist _transzendentale Enthaltsamkeit_
angesagt, oder - wie es Adorno formulierte: "aeusserste Askese
jeglichem Offenbarungsglauben gegenueber, aeusserste Treue
zum Bilderverbot, weit ueber das hinaus, was es einmal an Ort und Stelle
meinte." (9)
Mit anderen Worten: Wir sollten zwar mit aller Kraft darauf hinwirken,
dass das bei DemagogInnen zur Bekraeftigung der eigenen Position
beliebte Herbeizitieren eines vermeintlich goettlichen Willens bei
den Zuhoerenden kein ehrfuerchtiges Erzittern, sondern heftigste
Lachsalven ausloest. Wir sollten aber auch zu verhindern versuchen,
dass ein plumper Materialismus an die Stelle der traditionellen Religion
tritt. Dieser wuerde naemlich wichtige menschliche Beduerfnisse
negieren und dadurch den FundamentalistInnen Truempfe an die Hand geben,
die sie zu gegebener Zeit hemmungslos nutzen wuerden, um verlorengegangenes
Terrain zurueckzuerobern.
Ich komme zum Schluss Ich glaube dass es unumgaenglich ist,
die Religionen heute konsequent auf den Pruefstand zu stellen. Welche
Elemente der Religionen koennen wir weiter verwerten? Was muessen
wir im Sinne einer humaneren Kultur fallen lassen?
Ich bin der Meinung, dass wir die reichen, kulturellen Schatzkammern
der Religionen (ich erinnere hier nur an die wunderbare Tradition christlicher
Musik, die von der Musik des Mittelalters, ueber Palestrina, Bach,
und Bruckner bis zu Arvo Paert heute reicht) nutzen sollten, _aber_
_wir sollten endlich lernen, bei all dem Gott aus dem Spiel zu lassen!_
In einer Zeit naemlich, in der tagtaeglich Zehntausende verhungern,
in der die Zerstoerung der Natur zunehmend katastrophale Dimensionen
annimmt, brauchen wir - dringend wie nie zuvor - , eine _einheitliche_
_und solidarische Weltkultur_, die von _Offenheit gepraegt ist_
- und nicht von _Offenbarung_, eine Kultur, die _den Menschen dient_
- und nicht zweifelhaften, von Menschen geschaffenen _Goettern_.
Die Geschichte lehrt uns, dass diejenigen, die besonders stark bekundeten,
daß Gott auf ihrer Seite steht, stets auch diejenigen waren, die
besonders fern den Menschen waren.
Ich denke, _wir sollten uns im Namen der Menschlichkeit endgueltig_
_von der immer wieder missbrauchten Vokabel "Gott" verabschieden_.
Das aber verlangt, dass wir lernen, die existentielle Verunsicherung
zu ertragen, die mit einem Leben ohne Gott unbestreitbar verbunden ist.
Wir muessen z.B. lernen, die Moeglichkeit zu ertragen, dass
der Tod vielleicht wirklich das _definitive_ Ende ist. Mit anderen
Worten: Es muss uns gelingen, den Gedanken an unsere eigene Endlichkeit
auch ohne verbindliche religioese Rueckversicherungen zu ertragen.
Der religioese Schrecken wird naemlich erst dann ein Ende haben,
wenn das Ende fuer uns ohne Schrecken ist._
_Ich danke Ihnen fuer Ihre Aufmerksamkeit._
> _Anmerkungen_
(1) BUGGLE, Franz: Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man
redlicherweise nicht mehr Christ sein kann.
Reinbek b. Hamburg 1992, S. 33
(2) Offb,2,26-28 (Alle Bibelzitate folgen dem Text der sog. Einheitsuebersetzung)
(3) Mk 16,16
(4) Mt 13,41-43
(5) BUGGLE 1992, S.98
(6) Mt 5, 29
(7) Mk 9, 42-48
(8) BUGGLE 1992, S. 98
(9) ADORNO, Theodor W.: Stichworte. Frankfurt/M. 1969, S.29
-------------------------------------------------------------------
>>> _Verfasser: Michael Schmidt-Salomon_
>>> _http://home.t-online.de/M.S.Salomon_
>> Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.)
>> _Chausseestrasse 8_
>> _10115 Berlin_
>> _Tel. und Fax: 030 - 2829245_
>> http://www.mazeway.de/~ibka/index.html
---------------------------------------------------------------------
> _http://home.t-online.de/home/atheismus_
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