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Started by Rudolf Ladwig
Wed, 03 Feb 1999 00:00
Humanistisches Selbstverstaendnis
Author: Rudolf Ladwig
Date: Wed, 03 Feb 1999 00:00
Date: Wed, 03 Feb 1999 00:00
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http://www.humanismus.de/
Im folgenden wird ein Diskussionspapier veroeffentlicht, das der
Ueberarbeitung des Selbstverstaendnisses des Humanistischen Verbandes
Deutschlands zur Grundlage dienen soll. Damit wird eine Diskussion, die
bereits seit langem in humanismus aktuell und in diesseits stattfindet,
konkretisiert und zugleich eine interessierte +ffentlichkeit zur Teilnahme
am Diskurs eingeladen.
Wie die einzelnen Landesverbaende, andere Gremien, etwa die Humanistische
Akademie, und die Mitglieder des HVD diesen Entwurf diskutieren, wird deren
Sache sein. Ergebnisse in Form von Stellungnahmen,
Formulierungsvorschlaegen, Statements usw. koennen dem Bundesvorstand und der
von ihm eingesetzten Redaktion bis 12. Juni 1999 mitgeteilt werden. Bis
17./18. September 1999 (BV- und Redaktionstagung) soll ein ueberarbeiteter
Entwurf vorliegen. Dieser wird nach dem jetzigen Stand der Planung der
Bundesdelegiertenversammlung des HVD am 22.-24. Oktober 1999 unterbreitet,
dort beraten und beschlossen. Was Antraege betrifft, so gelten hier
selbstverstaendlich die Satzung des Bundesverbandes und die Geschaeftsordnung
des hoechsten Gremiums des HVD.
humanismus aktuell Nr. 4 druckt den Text ebenfalls sowie einige der
Redaktion der Zeitschrift zugesandte Stimmen.
Humanistischer Verband Deutschlands
Bundesverband
Redaktion
----------------------------------------------------------
Humanistisches Selbstverstaendnis
Erster Entwurf Neufassung
Gliederung:
Seite
I. Praeambel
II. Humanistischer Verband Deutschlands (HVD)
III. Humanismus und HVD
IV. Humanistische Lebensauffassung
1.
Individualitaet
und
Menschenrechte
2. Dem Leben
selbst Wert
geben
3. Friedens-
und
Toleranzgebot
4.
Humanistische
Bildung und
Wissenschaftsfreiheit
5. Geschlecht
und sexuelle
Orientierung
6. Gemeinsinn
und Solidaritaet
V. Humanistische Lebenshilfe
VI. Politik des HVD
VII. Mitgliedschaft im HVD (fehlt noch)
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I. Praeambel
Nach dem in unserer Gegenwart ueblichen Weltkalender geht die Menschheit
derzeit ihren Weg in dritte Jahrtausend. An dieser Schwelle denken nahezu
alle organisierten Weltanschauungen oeffentlich ueber ihre Perspektiven nach.
Sie stellen Fragen: Was ist den Menschen angemessen? Was wissen wir ueber
ihn? Wie sollen wir leben? Woher nehmen wir unsere Gewiszheiten in einer
Zeit permanenten Wandels? Die Antworten sind vielfaeltig und enthalten
Vorschlaege fuer die Zukunft. Sie begruenden diese mit ihren jeweiligen
Menschenbildern und liefern dabei neue Sichten oder Variationen der
aelteren.
In dieser Situation meldet sich auch der Humanistische Verband Deutschlands
(HVD) zu Wort, weil er seine Fragen und Antworten fuer zeitgemaesz und
mehrheitsfaehig haelt. Er wendet sich zu allererst an alle Konfessionsfreien,
egal ob sie fuer sich weltanschauliche Zuordnungen ablehnen oder sich bewuszt
als Agnostiker, Skeptiker, Freidenker, Humanisten bzw. Atheisten
bezeichnen. Sie bilden heute in der Bundesrepublik eine staendig groeszer
werdende Bevoelkerungsgruppe. Saekularisierung und Kirchenaustritte werden
die konfessionelle Zusammensetzung der Bevoelkerung zugunsten der
nichtreligioesen Menschen weiterhin veraendern. Zugleich nimmt der Ruf nach
Sinnangeboten zu, prosperiert der Markt der Religionen und
Weltanschauungen. Angesichts dieser Entwicklung kann von Volkskirchen, die
die grosze Mehrheit aller Buerger repraesentieren, nicht mehr gesprochen
werden.
Der Humanistische Verband Deutschlands respektiert, dasz Menschen fuer ihre
persoenliche Lebensgestaltung die Religion in Anspruch nehmen und dasz die
Kirchen ihre weltanschauliche Funktion ausueben. Er meldet sich wie diese zu
Wort, erhebt aber Bedenken, wenn der Staat seine Verpflichtung zur Wahrung
der Religions- und Weltanschauungsfreiheit miszachtet. Seine Anhaengerschaft
lehnt jede Religionsfeindschaft ab, besteht aber auf dem Recht, von
humanistischen Positionen aus Lebensfragen zu diskutieren sowie Religions-
und Kirchenkritik zu ueben.
Heute ist der Zeitpunkt gekommen, die Trennung von Staat und Kirche zu
vollenden und die gleichberechtigte Behandlung aller Religions- und
Weltanschauungsgemeinschaften endlich herzustellen. Daran will der HVD
mitwirken und ist zu Buendnissen und Kompromissen auch mit seinen
weltanschaulichen Kontrahenten und jetzigen politischen Gegnern bereit.
II. Humanistischer Verband Deutschlands (HVD)
Der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) ist eine
Weltanschauungsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes der Bundesrepublik
und eine Kultur- und Interessenorganisation der Humanistinnen und
Humanisten in Deutschland. In diesem demokratischen, parteipolitisch
neutralen und foederalistischen Verbund haben sich Menschen
zusammengeschlossen, die einen modernen Humanismus vertreten und leben.
Ihre Weltsicht ist diesseitig, rational und allein an der Wuerde jedes
einzelnen Menschen orientiert. Sie verbindet eine ethische
Lebensauffassung. Das Denken und Tun der Mitglieder ist von der Ansicht
geleitet, dasz die Menschen das Recht und die Verantwortung haben, ueber ihre
Lebensmaximen und Gefuehle selbst zu bestimmen und mit sozialem Ethos zu
handeln.
Der Humanistische Verband und die ihm angeschlossenen Organisationen haben
eine lange Geschichte. Seine Vorlaeufer wurden wiederholt unterdrueckt und in
der Zeit des Nationalsozialismus sogar in die Illegalitaet gezwungen. Im
heutigen Bundesverband haben sich seit dem 14. Januar 1993 traditionsreiche
Verbaende, neue Vereine und Initiativen und Einzelpersonen
zusammengeschlossen, die sich keiner religioesen Weltanschauung zugehoerig
fuehlen. Der HVD versteht sich als Teil der weltweiten humanistischen
Bewegung und ist Mitglied in der Internationalen Humanistischen und
Ethischen Union (IHEU), die mehr als vier Millionen Humanistinnen und
Humanisten repraesentiert.
III. Humanismus und HVD
Humanismus ist so alt wie das Nachdenken der Menschen ueber Sein und Sinn
und damit aaelter als das Christentum und der Islam, den heute in Europa
vorherrschenden Religionen. Doch ist der Begriff selbst juengeren Datums und
abendlaendischen Ursprungs. Humanismus kommt von "umanista" (ital.) und
bedeutete in der Renaissance "edle Menschlichkeit". Seit dieser Zeit wurde
der individuelle Mensch zur anerkannten Tatsache und mit bestimmten
unveraeuszerlichen Rechten ausgestattet, mit "Wesen", Wuerde, Freiheit,
Autonomie, Vernunft und Einmaligkeit.
Mit der Rueckbesinnung auf Wissenschaft und Kunst auszerhalb von Religion
wurden diese zu unabhaengigen Bereichen des kreativen Intellekts. An diesem
Wandel waren Reformchristen wesentlich beteiligt, aber auch Juden und
Andersglaeubige. Sie setzten gemeinsam mit denen, die am Christentum oder
aller Religion zu zweifeln begannen, einen epochalen geistigen Neubeginn.
Heute gibt es in allen Religionen, die mit der Moderne umgehen muessen,
humanistische Ideen.
An den urspruenglichen Sinngehalt anknuepfend, sehen Humanistinnen und
Humanisten heute in der Wuerde des Menschen den hoechsten Wert. In Theorien
ueber Natur, Gesellschaft und Mensch sowie als persoenliche
Lebensorientierung buendelt der Humanismus auf undogmatische Weise
weltanschauliche Richtungen mit rationalistischem Schwerpunkt und saekularem
Herangehen.
Der moderne Humanismus steht in den freigeistigen Traditionen der
Aufklaerung sowie der atheistischen, freireligioesen, freidenkerischen und
humanistischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Auf vernunft- und
naturorientierte Ausgangspunkte folgten agnostische, existentialistische,
marxistische, liberale, pragmatische, psychoanalytische und skeptische.
Humanismus lebt heute davon, dasz er auf verschiedene Zugaaenge und Quellen
baut und Verbindung zu den Wissenschaften haelt. Er wuenscht den Dialog mit
allen, die Humanitaet anders herleiten moechten, sei es juedisch, christlich,
islamisch, buddhistisch oder konfuzianistisch.
Der HVD moechte die Debatte darueber, was heute humanistisch ist, von seinen
Positionen her mitbestimmen, Menschen dafuer gewinnen und organisieren. Fuer
ihn ist der Humanismus keine fertige Lehre, sondern ein Diskursprojekt. In
diesem Prozesz des Nachdenkens und Handelns versteht der HVD seine
Vorstellungen als offenes Angebot.
IV. Humanistische Lebensauffassung
Alle Menschen haben ihre je eigenen natuerlichen Besonderheiten. Sie setzen
sich mit ihren Lebensbedingungen auseinander, bilden historische und
soziale Gemeinschaften. Sie gestalten ihre eigenen Biographien, in dem sie
bestimmten Maximen folgen und mit Verstand und Gefuehl ihr Dasein
einrichten. Die Humanisten moechten, dasz die Menschen darin groesztmoegliche
persoenliche Freiheit besitzen und in sozialer Verantwortung handeln.
Humanistisch leben heiszt, die Faehigkeit zu selbstbestimmter Entscheidung
auszubilden und anzuwenden. Dabei sind die Wissenschaften ein
unverzichtbares Hilfsmittel. Sie beruhen auf menschlichen Erfahrungen, auf
der Ueberpruefbarkeit von Aussagen und auf der kritischen Beurteilung der
praktischen Konsequenzen.
Menschen sind Teil der Natur und der oekologischen Entwicklung. Sie leben in
einer Welt gesellschaftlicher Vielfalt und sozialer Gegensaetze. Menschen
machen Fehler. Meist sind ihre alltaeglichen Entscheidungen nur sehr bedingt
von den Wissenschaften abhaengig. Um so wichtiger sind ethische Maszstaebe,
an denen sich Maenner und Frauen, Kinder und Senioren orientieren koennen.
Humanistinnen und Humanisten wollen niemand vorschreiben, wie sie ihr Leben
einzurichten haben, aber sie halten ihre Ansichten fuer plausibel. Sie
lehnen hoehere Offenbarungen, absolute Wahrheiten, letzte Gewiszheiten und
doktrinaere Katechismen ab, sehen jedoch sechs wesentliche Felder, zu denen
sie grundsaetzlich Position beziehen:
1. Individualitaet und Menschenrechte
Der moderne Humanismus anerkennt die Unwiederholbarkeit der individuellen
Existenz. Gerade deshalb betrachtet er das Menschliche vom Menschen aus,
beachtet die Pluralitaet und Kulturabhaengigkeit des Humanen und achtet die
Selbstbestimmung der Nationen, Ethnien, Gruppen und Generationen. Diese
stoeszt da auf Grenzen, wo die Menschenrechtserklaerung der Vereinten Nationen
und die darauf gegruendeten internationalen Vereinbarungen verletzt oder
Positionen der Intoleranz vertreten werden. In der Bewaeltigung daraus
resultierender Widersprueche im alltaeglichen Verhalten wie in den
internationalen Beziehungen setzt Humanismus auf Diskurs, Aufklaerung,
Ueberzeugung, Beispiel und Lernen.
Humanistinnen und Humanisten halten die Verwirklichung der Menschenrechte
fuer den Schwerpunkt humanistischer Praxis. Deshalb wenden sie sich gegen
jede Diskriminierung aufgrund der ethnischen Abstammung, des Geschlechts,
des Alters, der Gesundheit, der nationalen und sozialen Zugehoerigkeit, der
Familienform, der religioesen Bindungen oder der sexuellen Orientierung.
Frieden, Gleichheit und Gerechtigkeit sind dagegen die zentralen Ziele des
Humanismus.
2. Dem Leben selbst Wert geben
Humanistinnen und Humanisten lehnen einen allgemeinen Sinn des Lebens ab,
sind aber der Auffassung, dasz Menschen ihrem Leben einen Sinn geben koennen
und wollen. Dabei ist ihnen nichts Menschliches fremd. Freud und Leid,
Abhaengigkeit und Sucht, Askese und Genusz, Abschied und Trennung,
Sexualitaet, Geburt, Altern, Sterben und Tod sind normale Bestandteile des
Lebens, die weder verdraengt noch idealisiert werden. Der Angst vor
Sinnleere und Perspektivlosigkeit wird ein bewusztes humanistisches Leben
entgegengestellt.
Eine Verklaerung von menschlichem Leid als sinnstiftend lehnen Humanistinnen
und Humanisten ab. Statt dessen wird fuer jeden Menschen das Recht
eingefordert, sein Leiden zu mindern, ueber den Wert des eigenen Lebens und
den Zeitpunkt seines Endes selbst entscheiden zu duerfen. Jedem Menschen
sollte entsprechend seiner ethischen Rueckbindung Beistand zuteil werden
koennen, wenn er oder sie das wuenscht.
3. Friedens- und Toleranzgebot
Humanismus hat den Anspruch, Menschen zum toleranten, solidarischen und
verantwortlichen Verhalten zu befaehigen. Unser Verstaendnis davon erfordert
sowohl das kaempferische Eintreten fuer das eigene weltanschauliche Profil
als auch die staendige Suche nach gesellschaftlichem Ausgleich im Alltag wie
in den Staatsangelegenheiten. Demokratie und Voelkerverstaendigung sind dabei
die Grundprinzipien, den Ausgleich zu suchen und zu erreichen. Sie setzen
voraus, dasz Menschen ihre Interessen anmelden unter Berufung auf ihre
Beduerfnisse, die ebenso irdisch sind wie die Loesung gesellschaftlicher und
individueller Konflikte.
In ihren Antworten auf Fragen nach Krieg und Frieden, Abgrenzung und
Toleranz, Konkurrenz und Einigung berufen sich Humanistinnen und Humanisten
nicht auf heilige Buecher, Ereignisse, Staetten, Personen oder Symbole. Sie
lernen allein aus den in Geschichte, Kuensten, Medien und Wissenschaften vor
ihnen ausgebreiteten Erfahrungen und den Erlebnissen der eigenen
Biographie.
Humanistinnen und Humanisten wissen, zu welchen Heldentaten und Verbrechen
Menschen in der Lage sind und wie oft unklar bleibt, was das eine und was
das andere ist. Deshalb eint sie das Bewusztsein, dasz die Gefahr, selbst
oder andere ins Elend zu stuerzen, nie gebannt ist, und dasz Krieg,
Naturzerstoerung und materielle Not Geiszeln der Menschheit sind. Jeder
Dogmatismus und Fundamentalismus sowie jeder paedagogische, religioese,
rassistische, kapitalistische, militaristische und nationalistische Wahn
wird von ihnen abgelehnt.
Die Verwirklichung einer menschlichen Gesellschaft setzt eine Politik
voraus, die den Frieden sichert. Der Humanistische Verband Deutschlands
unterstuetzt daher aktiv eine Politik, die jede Kriegswaffenproduktion
ueberfluessig macht und ein Zusammenleben aller Voelker ohne Gewalt und
Ausbeutung zum Ziel hat. Er setzt sich fuer die friedliche Konfliktloesung
auf allen internationalen Ebenen ein, unterstuetzt das Recht auf
Kriegsdienstverweigerung und fordert das Recht aller Soldaten auf
weltanschauliche Beratung ihrer Wahl.
4. Humanistische Bildung und Wissenschaftsfreiheit
Solidarisch miteinander leben und voneinander lernen ist ein Ziel
humanistischer Bildung. Fuer Humanistinnen und Humanisten hat
emanzipatorische Bildung einen hohen Wert fuer die Entfaltung der
Persoenlichkeit. Bildung soll aber nicht nur der Qualifizierung fuer die
Arbeitswelt dienen, sondern den Menschen befaehigen, selbstbestimmt und
kritisch an allen kulturellen, sozialen und politischen Aktivitaeten
teilzunehmen. Gefuehl und Vernunft, intellektuelle und praktische
Faehigkeiten beduerfen insbesondere bei jungen Menschen einer humanistischen
Bildung. Nur wenn Bildung allen Menschen offensteht, entspricht sie den
Erfordernissen einer demokratischen Gesellschaft.
Eine humanistische Kultur kann sich nur dann entwickeln, wenn die
Gesellschaft auch die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Technologien
gewaehrleistet. Allerdings bedingen Selbstbestimmung und Verantwortung
einander. Wo Wissenschaft und Forschung Interessengruppen untergeordnet
werden oder humanistische Prinzipien verletzen, tritt der Humanistische
Verband Deutschlands fuer eine gesellschaftliche Kontrolle ein. Auch Kunst
und Medien sollen die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln
und nicht einseitigen Interessen dienen.
5. Geschlecht und sexuelle Orientierung
Geschlecht ist nicht nur biologisch, sondern auch sozial determiniert.
Sexuelle Orientierungen haben gesellschaftliche Bezuege und Wirkungen. Die
Beziehungen zwischen den Geschlechtern und der Umgang mit sexuellen
Vorlieben gehoeren in der Kulturgeschichte der Menschheit zu den
schwierigsten, konfliktreichsten und am meisten moralisch belasteten.
Humanistinnen und Humanisten wollen zuallererst mehr Wissen ueber solche
Zusammenhaenge erlangen und verbreiten.
Sexualitaet ist nicht staatstragend, sondern Privatsache. Doch wo Menschen
deswegen diskriminiert oder gar verfolgt werden, finden sie beim HVD
Unterstuetzung.
Vor allem jedoch sind Humanistinnen und Humanisten der Auffassung, dasz die
lange Herrschaft der Maenner ueber die Frauen in unserer Kultur
gesellschaftliche und psychische Verhaltensweisen gepraegt hat, die noch
heute Ungerechtigkeit und Unterdrueckung stabilisieren. Die humanistische
Lebensauffassung zielt auf die Gleichstellung der Geschlechter, unterstuetzt
die Emanzipation der Frauen und Maedchen in allen Lebensbereichen und sieht
darin vor allem ein sozial zu loesendes Problem.
6. Gemeinsinn und Solidaritaet
Individualisierung und Risikogesellschaft stellen neue Anforderungen an die
Erledigung der gemeinschaftlichen Anliegen in der Gesellschaft. Solidaritaet
ist kein folgenloser Appell an den Altruismus der Gutwilligen, sondern die
bewuszte Organisation sozialer Verantwortung und der Hilfe der Reichen fuer
die Armen, der Gesunden fuer die Kranken und der sozial Bevorteilten mit den
Benachteiligten.
Markt und Privatbesitz an Produktionsmitteln haben sich als starke
Triebkraefte fuer wirtschaftlichen Fortschritt und Demokratie erwiesen. Ohne
oekonomische Grundlagen sind die Lebens- und Entwicklungsprobleme der
Menschheit nicht zu loesen, ist das Recht auf Zivilisation und Befriedigung
der Beduerfnisse nicht zu erreichen. Doch die Monopolisierung
wirtschaftlicher und politischer Macht und die ungenuegende
Sozialpflichtigkeit des Eigentums gefaehrden das freie und gerechte
Zusammenleben der Menschen. Deren Wuerde verlangt die Humanisierung der
Arbeitswelt und die Demokratisierung der Wirtschaft. Humanistinnen und
Humanisten halten eine neue Weltwirtschaftsordnung fuer notwendig, die
insbesondere die Lebensgrundlagen der Menschen in den armen Laendern
verbessert.
Ein Bewusztsein der oekologischen Entwicklung ist angesichts fortschreitender
Zerstoerung der Welt eine notwendige Dimension unseres Humanismus.
Humanistinnen und Humanisten fordern oekologische Verantwortung. Das
oekonomische Handeln musz an oekologische Kriterien gebunden werden.
V. Humanistische Lebenshilfe
Der selbstaendig handelnde Mensch kann in der Gesellschaft fuer sich und fuer
andere Verantwortung uebernehmen. Deshalb bietet der Humanistische Verband
Deutschlands Hilfe an, um die Wechselfaelle des Lebens aus eigener Kraft
oder gemeinsam mit anderen zu meistern. Er unterhaelt eigene soziale
Einrichtungen. Wo Menschen Lebensrisiken nicht durch Selbsthilfe bewaeltigen
koennen, haelt der HVD professionelle Dienste als Ergaenzung fuer
unentbehrlich. Soziale Sicherung ist nur dann human, wenn sie allen
Menschen gleichermaszen zuteil werden kann. Wir treten daher fuer den Erhalt
und sinnvollen Ausbau des Sozialstaats ein.
Humanistinnen und Humanisten haben vielseitige, zum Teil selbst
organisierte Hilfsangebote entwickelt:
Lebenskundeunterricht in der Schule
Kinder- und Jugendgruppen
Fest- und Feierkultur, besonders JugendFEIER
Kultur- und Bildungsangebote
Humanistische Sozialarbeit
Jugend- und Seniorenarbeit
Selbsthilfe und Heilfe zur Selbsthilfe
Schwangerschaftsberatung
Beratung und Hilfe in kritischen Lebenssituationen
Humanistische Soldatenberatung
Unterstuetzung aelterer und behinderter Menschen
Patientenbetreuung, Patientenverfuegung
Sterbebeistand und Sterbehilfe
Beratung im Todesfall
Hilfen bei der Verarbeitung von Trauer und Verlust.
Der HVD bietet ehrenamtliche und professionelle Arbeitsfelder, Gemeinschaft
und gegenseitige Hilfe, Beistand in Konfliktsituationen sowie Unterstuetzung
im Alltag. In allen Bereichen des gesellschaftlichen und politischen
Lebens, in denen weltanschauliche Fragen beruehrt sind - von der
Schwangerschaft, ueber die Kindererziehung, Jugend- und Bildungsarbeit, bis
hin zur Sozialarbeit und Altenpflege - ist der HVD engagiert und mischt
sich vernehmbar in die politische Diskussion ein. Dabei wollen die
Mitglieder des Verbandes - verbunden mit Gleichgesinnten - fuer ihre
humanistischen Ziele eintreten, sie in praktischen Projekten umsetzen und
auf diese Weise neue Ideen des solidarischen Zusammenlebens erproben.
Der Humanistische Verband Deutschlands benoetigt fuer diese Arbeit aktive
Unterstuetzung. Er laedt alle Menschen zur Mitarbeit ein, die bereit sind,
gesellschaftliche Verantwortung zu uebernehmen, die sich mit den Zielen der
Organisation solidarisieren, die die Praxis verbessern wollen und die alle
Taetigkeiten des Verbandes kritisch begleiten moechten.
VI. Politik des HVD
Demokratie gruendet auf der freien Selbstbestimmung der Menschen und der
notwendigen Wahrung ihrer Grundrechte zum Wohle aller. Humanistinnen und
Humanisten beziehen daher Stellung gegen alle Versuche, die Menschenrechte
einzuschraenken. Sie interessieren sich fuer alle Politikbereiche, weil sie
stets den ganzheitlichen Menschen im Blick haben. Davon ausgehend legen sie
ein besonderes Augenmerk sowohl auf die Kulturpolitik in einem umfassenden,
auf den ganzen Menschen gerichteten Sinne als auch im traditionellen
Verstaendnis als Bildungs-, Wissenschafts-, Kunst- und Kultuspolitik. Vor
allem moechte der Humanistische Verband Deutschlands dazu beitragen, die
verfassungsmaeszig garantierte Weltanschauungsfreiheit durchzusetzen.
Die gesellschaftliche Wirklichkeit sieht anders aus: Religionsunterricht
als ordentliches Lehrfach, dazu Schulgebete und Schulgottesdienste,
beamtete Pfarrer in Bundeswehr und Strafvollzug, Einzug der Kirchensteuern
durch den Staat. Seine Pflicht zur Gleichbehandlung aller Menschen verletzt
der Staat auch, wenn er soziale und karitative Aufgaben ueberwiegend an die
beiden christlichen Kirchen uebertraegt. Die Machtfuelle der Kirchen bewirkt,
dasz ueberwiegend religioese Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft
propagiert werden und sogar in der Verfassung ein Gottesbezug verankert
ist.
Bezogen auf das Verhaeltnis des Staates zu den Religions- und
Weltanschauungsgemeinschaften vertreten die Mitglieder des HVD die Ansicht,
dasz die unzureichende Trennung von Staat und Kirchen durch Anwendung
Artikel 140 GG in Verbindung mit Artikel 138, Abs. 1 WRV zu vollenden ist
auf dem Wege geistiger und sozialer Toleranz gegenueber Andersdenkenden und
Andersglaubenden, auf der juristischen Basis der Menschenrechtsartikel der
Vereinten Nationen sowie der politischen Gleichbehandlung aller betroffenen
Gruppen.
In diese Regelungen einzubeziehen sind
- die Konkordate und Staatskirchenvertraege
diese sind nach Ansicht des HVD kuendbar, auch wenn sie
keine entsprechende Klausel enthalten; der HVD fordert
die verfassungsmaeszige Ueberpruefungen der darin
enthaltenen Festlegungen und deren Einbezug in die
normalen oeffentlichen Haushalte und die ueblichen
Verfahren parlamentarischer Kontrolle
- die Kirchensteuern
alle Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften
sollten ihre Mitgliedsbeitraege ohne Hilfe der
staatlichen Finanzaemter regeln
- die Abschaffung der Theologische Fakultaeten
diese sollten in religionswissenschaftliche Institute
umgewandelt und dem Kircheneinflusz entzogen werden;
doch sollte allen demokratisch verfaszten Religions- und
Weltanschauungsgemeinschaften das Recht auf eigene
Bildungseinrichtungen und gleichberechtigte Foerderung
im Rahmen eines reformierten Bildungs-, Wissenschafts-
und Forschungsbetriebs erhalten
- die Streichung des Religionsunterrichts als ordentliches Schulfach
der Religions- und Weltanschauungsunterricht (z.B.
Lebenskunde) ist keine Sache des Staates, sondern der
entsprechenden Gemeinschaften selbst, die ein Recht auf
gleiche Behandlung haben; niemand darf zu einem
Ersatzfach gezwungen werden
- die oeffentlich-rechtlichen Medien
den mit Steuermitteln sowie mittels Rundfunk- und
Fernsehgebuehren alimentierten Medien und Einrichtungen
(z.B. Bibliotheken) ist die Bevorzugung der
christlichen Kirchen zu untersagen
- die sakralen Symbole
in den Bereichen der +ffentlichkeit, die staatlichem
Einflusz unterliegen, sind entweder alle Zeichen dieser
Art zu unterlassen oder es darf keine Religions- und
Weltanschauungsgemeinschaft benachteiligt werden.
Die Forderungen des HVD muenden in dem Ziel:
Abschaffung der Privilegien (Staatsfunktionen) der
christlichen Kirchen und Umwandlung aller religioesen
und weltanschaulichen Organisationen in
gleichberechtigte Vereine, Verbaende bzw.
Kultusgemeinschaften und Schaffung einer weltlichen
Verfassung Europas.
Der Humanistische Verband Deutschlands ruft alle Konfessionslosen,
Atheistinnen und Atheisten, Agnostikerinnen und Agnostiker, Freidenkerinnen
und Freidenker sowie freigeistigen Menschen auf, gemeinsam fuer ein
menschliches und solidarisches Miteinander in unserer Gesellschaft und auf
diesem Planeten zu arbeiten. In der Politik und in nahezu allen Bereichen
gesellschaftlichen Lebens ist die Entscheidung, nach welchen Wert- und
Moralvorstellungen sich unser Zusammenleben gestalten soll, nicht mehr eine
Sache der Kirchen und Religionen.
Um den Stimmen des Humanismus international Gehoer zu verschaffen, ist eine
europaeische und weltweite Zusammenarbeit aller organisierten Humanistinnen
und Humanisten erforderlich. Der Humanistische Verband Deutschlands sucht
den Dialog mit Andersdenkenden und nach Formen der praktischen
Zusammenarbeit mit deren Organisationen und Kirchen.
An der Schwelle zum 21. Jahrhundert draengen humanistische Initiativen und
Organisationen auf demokratische Reformen und Menschenrechte. Humanistinnen
und Humanisten unterstuetzen diese Bestrebungen, weil sie Hoffnung und
kreativer Impuls fuer eine friedliche und solidarische Welt sind.
VII. Mitgliedschaft
(fehlt: Was erwartet das Mitglied und was kann es erwarten?)
Berlin, 7. Dezember 1998
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