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Article #59

Re: CFD: de.comm.netzwesen

#59
From: Andreas Edler
Date: Mon, 07 Sep 1992 16:54
212 lines
11673 bytes
In <T6J60W@math.fu-berlin.de>, Heiko Schlichting writes:

>Ich bin dagegen. Ich glaube nicht, dass wir eine "mein Netz ist besser als
>Dein Netz"-Gruppe brauchen. Ausserdem bin ich auf jeden Fall gegen eine
>Aussage "mit ...{Fremdnetz}... zu vernetzen".

Die Gruppe NETZWESEN ist auf keinen Fall eine solche Gruppe. Im Z-Netz
sowie MausNet laeuft sie bereits sehr erfolgreich, und auch in's
LightNET wird sie seit langer Zeit gegatet.

Ziel dieser Gruppe ist ein allgemeiner und offener Austausch bezueg-
lich Netzen und dem Leben damit. Dies ist voellig netzunabhaengig zu
sehen, und dass die Initiative aus dem Z-Netz stammt, hat hier nichts
zu sagen. Hier wurde nur die Notwendigkeit erkannt, diesen Themenkom-
plex gerade im Medium selber anzusprechen.

Ich moechte hier im Anschluss nun einmal den Ersttext des Initiators
zu der Gruppe senden...

Seine Netzadresse lautet: h.willenberg@bionic.zer.de

-->>---------------------------------------------------------------------------

                                I M   N E T Z


Meinem WESEN gerecht zu werden, es ist oft eine Slalomfahrt zwischen Anspruch
und Wirklichkeit. Erbauliches wie Leidiges stehen einander gegenueber. Es haelt
sich nicht einfach die Waage, darf es nicht. Ich will fuer jede konstruktive
Phase ebenso Freude empfinden, wie fuer jede Schlammschlacht jene Trauerarbeit
leisten, die mein notwendiger Anteil ist.

Hierbei Milde und Haerte zeigen und mir zeigen lassen, ist verhaeltnismaessig
einfach. Schwerer hingegen, nicht von einem Extrem ins andere zu fallen,
sondern Situationen und Personen verantwortlich abzuschaetzen und zu reagieren.

Dem NETZ gerecht zu werden, es faengt mit dem Unbehagen an, dass ich empfinde,
wenn ich feststelle, "mein" Netz zu meinen. Das NETZ ohne jede Einschraenkung
als Gesamtheit aller TeilnehmerInnen wahrzunehmen, egal ob sie gezielt oder
zufaellig dabei sind. Den TechnikerInnen immer jede Unterstuetzung zukommen
lassen, die einen menschengerechten Umgang im Netz erlaubt.

Ich empfinde mich als NETZWESEN, habe mich dem Netzwesen zugewandt. Mit
Erstaunen schaue ich auf meinen persoenlichen Werdegang. Als Jugendlicher ganz
Technofreak, spaeter, viel spaeter, Arbeitstherapeut im Gartenbau. Dann eine
unverhoffte berufliche Weiche und binnen kuerzester Zeit Computerfreak total.
Die Ernuechterung, das Aufwachen, die Abwendung. Und dann Schlag auf Schlag.
Netznachrichten auf Diskette im Diskettenlaptop, und nun? Sozialpolitisch
engagierter High-Tech-Point.

Es ist nicht mein persoenlicher Gang, was mir hier wichtig ist, es ist mehr die
Alltaeglichkeit, die sich mit wenigen Worten nur schwer und ohne ein wenig
Offenheit ueberhaupt nicht mitteilen laesst. Der Begriff Nachrichtenraum hat
eine Bedeutung bekommen, die noch nicht verkehrsueblich ist, aber als
Erklaerungsmuster auf die (Laien-) Frage: Was ist denn DFUe und so? brauchbar
genug ist, einen Darstellungsansatz bietet.

Das /NETZWESEN ist die faellige Konsequenz. Waehrend im /GATEWAY Schnittstellen
und Systeme eine Nachrichtengrundlage, somit ein Medium bilden, praegt sich im
/NETZWESEN der Organismus aus. Eine zerbrechliche Utopie? Ein zwangslaeufiges
Phaenomen? Jedenfalls eine Evolution, das materiell Machbare und das menschlich
Denkbare beginnen einander zu beeinflussen. Was mich fasziniert ist, dass ich
als Netzwesen im Netzwesen aufgehen kann, ohne meine Individualitaet verlieren
zu muessen.

Dem /NETZWESEN gerecht zu werden, es kann eine Chance sein, unser Selbst und
unser Miteinander zu erkennen. Im Netz gefangen, nur "meinem Netz" unbefangen
gegenueberzustehen, dem System huldigen. NEIN !   Ich will und werde mich auf
Dauer im Netz bewegen und jede Schranke, die mir nur ein System, ein paar
Schnittstellen und den einen oder anderen Gateway aufdraengt, als das
zurueckweisen, was sie ist: Kuenstlich wie die Grenzen auf der Landkarte,
zukunftsloser Feudalismus.

Die materielle Zwangsjacke abgelegt haben werden wir noch lange nicht. Aber
verbluefft eine Ahnung solcher Freiheiten zur Kenntnis nehmen koennen wir.

Erkennen wir uns, nicht als Elite, sondern als Randgruppe einer Welt, auf die
wir warten koennen. Nicht untaetig, sondern wie GastgeberInnen, die ein Haus
fuer eine Unterkunft vorbereiten. Und seien wir nicht so engstirnig, jeden
politischen Fehler zu wiederholen. Bis dahin, es wird ein fuerchterlich langer
Weg sein, gibt es genug konkrete, auf unsere Gegenwart bezogene Problem- und
Fragestellungen.

Meine Anregungen sind nicht mehr als meine Sicht. Auch werden Prioritaeten ganz
sicherlich oft genug anders gesehen. Und meine Vorgehensweise, die technische
Machbarkeit den menschlichen Anspruechen nachzuordnen, nun, das kommt daher,
weil ich gelernt habe, was sich technisch realisieren laesst, wenn mensch es nur
fuer notwendig haelt. Ich beschreibe die mir vorschwebenden Loesungen. Ob der
Rest (Loesungswege und Problemstellungen) zur Diskussion kommt, dafuer fuehle
ich nicht allein zustaendig. Und Darstellungen anderer Menschen kann ich nur
begruessen, denn ich selbst bin mir nicht genug.



Meine Themenliste:
******************

1.) In welchen Systembereichen bin ich taetig?

    Die Debatte um den Schutz sogenannter PM's (personally mails ==
    persoenliche Nachrichten) hat im Prinzip nur die Oberflaeche einer ganzen
    Anzahl von Schnittstellen-Fragen angekratzt.

    Ich stelle mir vor, dass in allen Mailboxen eine Kurzbeschreibung der
    vorhandenen Standards vorliegt. Jede Box, die sich zum ersten Mal in einem
    anderen System meldet, sendet die Systembeschreibung und bekommt die
    Beschreibung des kontaktierten Systems. Nachrichten aller Art werden erst
    ermoeglicht, wenn die Zeitdauer ausreichend ist, dass die jeweiligen
    Beschreibungen in jedem System an die Boxen verteilt werden konnten.

    Erst dann koennen AnwenderInnen Nachrichten aller Art absenden, wobei alle
    AnwenderInnen ebenfalls mit den Beschreibungen der angschlossenen Systeme
    versorgt wurden.

    Es ist nicht Sache des einen Systems, die AnwenderInnen des anderen
    Systems zu informieren, sondern dies ist eine Angelegenheit, die die
    GATEWAY-Richtlinien darzustellen haben, die Gateway-Betreiber einzuklagen
    haben. Es muss Schluss damit sein, dass GATEWAY's ihre Technikorientierung
    als eine Art "kuturell-wissenschaftliche Immunitaet" verinnerlichen.
    Ebenfalls an die Adresse der AnwenderInnen, solche "elitaer-technologische
    Kompetenz" durch nicht ausreichendes Hinterfragen zu foerdern.

    In einem Satz: spaetestens im Fall einer direkt-persoenlichen Nachricht hat
    ein Automatismus einzusetzen, der mich ueber die Gepflogenheiten des
    Empfaengersystems informiert.

    Ich will nicht gelyncht werden, weil ich einem Kind ueber den Kopf
    streichele, nachdem ich einem Bettler die Hand reichte. So denkbar in
    weiten Teilen des laendlichen Indiens, aufgrund der Kasteneinteilung. Ein
    krasses Beispiel, aber es hinkt nicht.



2.) Wie erhalte ich mir meinen Netzzugang?

    Zur Zeit findet die Finanzierung von Mailboxen in jeder Menge
    Schattierungen zwischen Selbstausbeutung und Bauernfaengerei, die
    Motivationen zwischen Kunst und Kommerz statt. In der Regel muss die
    Feststellung gemacht werden, dass sich die SystembetreiberInnen, wenn
    ueberhaupt, als privilegierte AnwenderInnen verstehen. Und die Zahl der
    AnwenderInnen, die sich als NetzbetreiberInnen verstehen, ist auch nicht
    gerade hoffnungsvoll stimmend.

    Eine, von falsch plazierten Aggressionen befreite, Sammlung der Vielfalt
    denkbarer und ausgefuehrter Finanzierungsmodelle, sowie regionale
    Arbeitsgruppen, deren Hauptaufgabe eine Betreuung der neuen AnwenderInnen
    ist, waere nicht nur ein Schritt, sondern fast die Loesung der in vielen
    Netzen schwelenden "internen" Wortschlachten.

    Es ist volkswirtschaftlicher Schwachsinn, dass NeuAnwenderInnen aufgrund
    fehlender Einstiegshilfen im Netz Fragen stellen, die ZIGFACH beantwortet
    werden, derweil im Kreis der Stammbox ebenfalls Beantwortungskompetenz
    vorliegt. Hier wird Geld in einem Gang erzeugt und verschleudert. Ich
    selbst beantworte solche Fragen per PM, als Regel wuerde es den Effekt
    haben, dass den AnwenderInnen zu Bewusstsein kommt, dass ihre Fragen wohl
    auch im naeheren Umfeld beantwortbar sein koennten.

    Dieser Punkt leitet dann auch in die dritte und vorlaeufig letzte
    Problemstellung ueber.



3.) Wie gross ist der Raum, in dem ich mich bewege?

    Fast jedes System bietet ausreichend informierten Personen an, die Welt
    als globales Dorf anzusehen. Dies ist ebenso wuenschenswert wie es fatal
    werden kann. Waehrend die Gilde der ProgrammiererInnen allmaehlich ihrer
    De-Sozialisierung entgegentritt, ja sinnvolle Anwendungen ohne
    Gruppenfaehigkeit kaum noch realisierbar sind, koennen bei vielen
    AnwenderInnen der Mailboxsysteme Symptome einer seltsamen Vermischung von
    Interaktion und Vereinsamung, von Sprachgewandtheit und der Unfaehigkeit
    persoenlicher Kontakte wahrgenommen werden.

    Wir koennen und duerfen uns nicht mehr damit zufriedengeben, dass eine
    Mailbox einen Zugang zum Netz darstellt. Jede Mailbox ist potentiell ein
    Infoladen im Bereich der von ihr selbst gestellten Zielsetzungen. Diese
    sozialpolitische Notwendigkeit zu erkennen, und ihr eine hohe Prioritaet
    einzuraeumen, wird zukuenftiger Anspruch an die Systeme sein. Nicht
    Kommerzialitaet oder Selbstausbeutung, sondern Verknuepfungen mit der
    nicht-elektronischen Welt waren und sind die einzig akzeptablen Werte, aus
    denen die Qualitaet des NETZWESEN abzuleiten ist.

    Diese regionale Kleinst- und Schwerstarbeit wird uns durch alle Stadien
    der wirtschaftspolitischen Entwicklung fuehren. Aber auch zu der Gewissheit,
    dass eine menschliche Beziehung nur von Menschen ausgehen kann, die sie im
    persoenlichen Umgang erlernt haben. Diese Pflicht darf, bei allem Respekt
    vor den Leistungen, nicht in der Willkuer abgeschotteter Lokalgottheiten
    verbleiben.

_______________


Dieses Medium stellt einen neuen Machtfaktor dar. Wir duerfen uns nicht
einschuechtern lassen von den Stimmen, die meinen, geltendes Recht und
Politikverstaendnis sei nun 1:1 zu uebertragen. Dieses Medium ist KEINE
Einbahnstrasse. Wir koennen aber noch mehr daraus machen. Was? Ich weiss es
nicht, aber jedeR kann den Anfang machen.



Horst Willenberg                                                Bielefeld
/NETZWESEN ...ueberall!                                           12.10.91

---------------------------------------------------------------------------<<--

Gruss, Andreas

-- 
Andreas Edler       MAGNUS Mailbox- und Gateway-System Herten (Westf.)
H.-Lersch-Str.23a   Data : 02366-32142 (1200-14400 bps, V.32bis)
D-W4352 Herten      eMail: a.edler@magnus.light.de, ae@light.de
 
Technical Details
Message-ID: <H.ZeuTj2avmZ2@magnus.light.de>
Path: arc1-ca.pugleaf.net!sparky!uunet!europa.asd.contel.com!darwin.sura.net!spool.mu.edu!umn.edu!math.fu-berlin.de!news.netmbx.de!Germany.EU.net!rz.uni-hildesheim.de!agsc!open.de!teddy!germany!horga!ruhr.de!magnus.light.de!a.edler
References: <T6J60W@math.fu-berlin.de> <1255@sol.ccc.de>

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Organization: Privat BBS-System Herten (Westf.), Germany
Subject: Re: CFD: de.comm.netzwesen
Keywords: Netzwesen
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Date: Mon, 07 Sep 1992 18:54:18 +0200
Lines: 211