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Sun, 22 Feb 1998 00:00
Dokumentation: AStA-Wahlkampf an der Ruhr-Uni Bochum
Author: AS
Date: Sun, 22 Feb 1998 00:00
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Liebe Leute! Folgender Text ist im Rahmen das StudentInnenparalament-Wahlkampfes an der Ruhr-Uni-Bochum von der Linken Liste als Flugi geschmissen worden. Da der Text nicht ganz so schlecht geworden ist, erlaube ich mir, diesen an dieser Stelle zu verbreiten und der Diskussion auszusetzen. Andreas [Seite1] *"Zwangs"-Heterosexualitaet ist heilbar!* Ein grosser Teil der maennlichen Bevoelkerung leidet unter einer starken emotionalen Neigung und dem zwanghaften sexuellen Interesse fuer das andere Geschlecht. Ihre Faehigkeit, Zaertlichkeit, Liebe und Geilheit mit anderen Maennern zur Bereicherung ihres Lebens auszutauschen, ist in den meisten Faellen verkuemmert. Dabei boete diese Faehigkeit in unserer durch Sexismus gepraegten Gesellschaft die Moeglichkeit, gleichberechtigte Sexualitaet erfahrbar zu machen. Wissenschaftliche Forschung sollte daher nach den Ursachen suchen, die fuer diesen unkontrollierten Zwang zur Heterosexualitaet, der fuer die Betroffenen eine Reihe psychischer Probleme mit sich bringt, verantwortlich sind. Eine Uebersicht moeglicher Forschungsansaetze haben wir versucht, an dieser Stelle zusammenzufassen: These 1: Genetische Veranlagung Bei eher wenigen sich heterosexuell verhaltenden Personen (max. 5%) liegt eine genetische Veranlagung zur Heterosexualitaet vor. Fuer diese Gruppe besteht so gut wie keine Heilungschance. Dieser Gruppe von Heterosexuellen sollten wir nicht Ablehnung, sondern Mitleid und Verstaendnis fuer Ihre schwierige Situation entgegen bringen. Faelschlicher Weise glaubt aber ein Grossteil der vermeintlich Heterosexuellen fest daran, sie seien von Geburt an auf das andere Geschlecht fixiert gewesen. These 2: Ausbleibende Hormonschwankungen waehrend der Schwangerschaft Fehlende Abwechslung fuer die schwangere Frau fuehren zu einem gleichbleibenden Hormonhaushalt der Frau waehrend der Schwangerschaft. Fuer die Entwicklung einer vielfaeltigen Sexualitaet und Liebesfaehigkeit sind diese Hormonschwankungen jedoch erforderlich, da es ansonsten zu einer Unterentwicklung des homosexuellen Triebzentrums im Gehirn kommt. These 3: Negative Vorbildfunktion der Eltern In den meisten Faellen zwanghaften heterosexuellen Verhaltens zeigt sich, dass schon die Eltern ein solches Verhalten an den Tag gelegt haben. Da Eltern den Hauptbezugspunkt fuer Kinder in ihrer Entwicklung darstellen, mangelt es an positiven Vorbildern, die ihre Zwangsheterosexualitaet ueberwunden haben. Dabei weigert sich die heterosexuelle Bevoelkerungsmehrheit standhaft, ihre Kinder an homo- oder bisexuelle Lebensgemeinschaften zur Adoption freizugeben, um ihnen eine gesunde Entwicklung zu ermoeglichen. These 4: Kindheitstrauma Ein schlimmes Erlebnis in der Kindheit mit Gleichaltrigen des gleichen Geschlechts kann die Zurueckweisung von Personen des eigenen Geschlechts zur Folge haben. These 5: Kulturelle Enteignung Es hat sich erwiesen, dass viele vermeintlich Heterosexuellen aus einer Umgebung kommen, in der die Freude an ihrem eigenen Koerper erbarmungslos unterdrueckt wird. Aus der Zurueckweisung ihres eigenen Koerpers versuchen diese Personen dann in dem Kontakt zum Koerper des jeweils anderen Geschlechts die Lustfaehigkeit des eigenen Koerpers zurueckzugewinnen. Bei vielen heterosexuellen Maennern laesst sich ein moralisch belastetes Verhaeltnis zur Autosexualitaet (Selbstbefriedigung) in ihrer Kindheit und Jugend nachweisen. These 6: Angst vor dem Tod Oft ist die Angst vor dem Tod der Grund fuer heterosexuelle Paarung. Viele Heterosexuelle werden von dem starken Wunsch, sich fortzupflanzen und damit einem (genetischen) Teil ihrer Selbst ueber ihren Tod hinaus am Leben zu erhalten, zu ihrem Verhalten getrieben. These 7: Oekonomische Konditionierung Unsere Gesellschaft verspricht Praemien fuer heterosexuelle Lebensformen (Ehegattensplitting, Kindergeld, Sozialwohnungen ...). Schwules Leben hingegen ist teuer und viele Leute koennen es sich einfach nicht leisten. Quatsch!!! bitte wenden [Seite 2] *Nicht 'normal' werden, sondern anders sein!* Alles Quatsch??? Das fragen sich Schwule auch, wenn sie sich mal wieder rechtfertigen muessen, warum sie von der heterosexuellen Norm abweichen und das eigene Geschlecht bevorzugen - auch wenn z.Z. kaum jemand sich so richtig oeffentlich traut, in der auf der Vorderseite (natuerlich mit umgedrehten Vorzeichen) ueberzogen dargestellten Weise gegen Schwule zu hetzen. Nichtsdestotrotz zerbrechen sich weltweit WissenschaftlerInnen den Kopf darueber, warum Maenner (und Frauen) homosexuelles Interesse und Verhalten entwickeln - auch an dieser Uni! Dabei wird von der Natuerlichkeit und Normalitaet der Heterosexualitaet ausgegangen (was bleibt der Natur bei lauter Evolutionstheorie auch anderes uebrig!?). Reiner Erkenntnisdrang steckt jedoch in den seltensten Faellen hinter dieser Forschung! Methoden, Ratschlaege und Verfahren, um homosexuelle Menschen zu verhindern (haeufig mit dem fadenscheinigen Argument, ihnen gesellschaftliche Diskriminierung zu ersparen), sind die Triebfeder dieser Forschung. Nicht wenige schwule Wissenschaftler (vor allem in den USA) beteiligen sich selbst an dieser Ursachenforschung, um nachzuweisen, dass ihr schwules Verhalten keine freie Willensentscheidung ist, sondern sie von ihrem genetischen Code dazu gezwungen werden. Schwule im Neoliberalismus In dieser domestizierten Form sieht der Neoliberalismus die Schwulen durchaus sehr gerne - verbunden mit Leistungsbereitschaft, Flexibilitaet und Kaufkraft. Auch als Trendsetter, Werbetraeger und Konsumenten haben Schwule sich in den letzten Jahren hervorragend bewaehrt. Kaum eine Soap-Opera (die ja bekanntlich zur besten Werbezeit laufen) kommt mehr darum herum, auch ein schwules oder lesbisches Liebes-Paerchen in die Geschichte mit aufzunehmen. Mit schwuler Lebensrealitaet haben die Bildschirm-Produkte jedoch selten etwas zu tun (die Darstellung der 'Normalen' sicherlich auch nicht). SVD - Nein Danke! Als medienwirksam erweist sich auch die oeffentliche Diskussion um die Homo-Ehe - vorangetrieben von dem buergerrechts-konservativen Schwulenverband Deutschland (SVD), der sich als DER Vertreter DER Schwulen in Deutschland aufspielt, aber in erster Linie mit schwulen Soldaten, Managern und ChristdemokratInnen paktiert. Die historische Bedeutung der Ehe als zentrales durch christliche Ideologie gerechtfertigtes oekonomisches und sexuelles Unterdrueckungsinstrument von Maennern gegenueber Frauen wird quasi ignoriert. Dieses Machtkartell schwuler Karrieristen stuelpt dem gemeinen Schwulen das ueberholte Modell heterosexueller Zweisamkeit und Monogamie ueber. Die Anwendung der heterosexuellen Normalitaet auf schwule Vielfalt statt einer deutlichen Kritik der herrschenden Normalitaet wird dabei als 'emanzipatorisches' Konzept verkauft. homophober Staat! Die bundesdeutsche Gesellschaft scheint liberaler geworden zu sein gegenueber Schwulen - liberaler denen gegenueber, die es sich leisten koennen! In den Grundzuegen bleibt dieser Rechtsstaat homophob. Die aufgrund des von den Nationalsozialisten 1935 verschaerften Anti- Schwulen-|175 (siehe auch Bildunterschrift) verurteilten, in grossen Teilen in Konzentrationslagern internierten und dort teilweise ermordeten Schwulen sind von der BRD nie rehabilitiert worden und gelten immer noch als Kriminelle. Die Nazi-Version des |175, die ein altersunabhaengiges Totalverbot der maennlichen Homosexualitaet darstellte, blieb in der BRD bis 1969 unveraendert gueltig. Eine emanzipatorische Politik kann nicht auf einem neoliberal- homophoben System aufbauen, sondern muss an diesen Verhaeltnissen kratzen. Das Autonome Schwulenreferat ist dafuer eine wichtige Institution, damit Schwule an dieser Uni und in dieser Stadt einen nicht von Kommerz gepraegten Freiraum zum Treffen, Kennenlernen, Diskutieren und politischen Agieren haben. Rechte Gruppen wie der RCDS sind der Garant dafuer, dass Schwulen dieser Freiraum entzogen wird. Waehlt Links! Andreas Seier (Schwulenreferent der RUB, studiert Psychologie und Mathematik) [Ergaenzungen] *Schwule Grossdemo 1991 in Berlin: |175 - HAUT WEG DEN SCHEISS* |175 StGB hat von 1973 bis 1994 maennliche Homosexualiaet mit einem unter 18jaehrigen mit bis zu 5 Jahren Freiheitsstrafe bedroht. Vergleichbare Strafrechtsbestimmungen gab es fuer Heterosexualitaet nicht! Die Abschaffung erfolgte auf Grundlage der sexualwissenschaftlichen 'Erkenntnis', dass in dem durch |175 'geschuetzten' Jugendalter (14-17 Jahre) die Entwicklung der sexuellen Orientierung abgeschlossen sei und die sogenannte 'Verfuehrungstheorie' keine Gueltigkeit habe. In der Konsequenz heisst dies, dass |175 wieder eingefuehrt werden muesste, wenn die uns allen als so objektiv bekannt Wissenschaft zu der Erkenntnis kommt, dass man im Jugendalter zum Schwulsein verfuehrt werden kann. Die Ursachensuche geht weiter! "Androgynsein ist endgueltig vorbei - herb-viril ist angesagt, und die Bilder vom Selbstverliebt-Maennlichen liefert natuerlich der Kode der Schwulen: Schweiss und X-Tasy, Poppers und Haare auf der Brust, Muskeln, in Leder gezwaengt, das Format von Jeff Stryker. Homosexualitaet wird geduldet, weitgehend, auf jeden Fall dort, wo junge, froehliche Menschen nach Kraeften konsumieren. [...] Im Augenblick zeigt sich die Ambivalenz "erfolgreicher" Emanzipation. Schwul ist hip, und die Pop-Kultur fuehrt der Gay-Culture vor, wie leicht sie ihr das Besondere abjagen kann. Uebermorgen ist das vielleicht vorbei. Dann regiert wieder das alte Ressentiment." Thomas E. Schmidt in der Frankfurter Rundschau vom 23.9.93 "Ich werde mich hueten, meinem Jura-Prof gegenueber, bei dem wir mit Materialien arbeiten, in denen die Verfassungsmaessigkeit der Abschaffung des Anti-Schwulen-Paragraphen |175 StGB in Frage gestellt wird, irgend eine Andeutung zu meiner schwulen Lebensweise zu machen. Dann koennte ich meine Pruefungen auch gleich vergessen." RUB-Student, der verstaendlicher Weise anonym bleiben will
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