🚀 go-pugleaf

RetroBBS NetNews Server

Inspired by RockSolid Light RIP Retro Guy

1 total messages Started by AS Sun, 22 Feb 1998 00:00
Dokumentation: AStA-Wahlkampf an der Ruhr-Uni Bochum
#182
Author: AS
Date: Sun, 22 Feb 1998 00:00
224 lines
10821 bytes
Liebe Leute!

Folgender Text ist im Rahmen das StudentInnenparalament-Wahlkampfes an
der  Ruhr-Uni-Bochum von der Linken Liste als Flugi geschmissen
worden. Da der  Text nicht ganz so schlecht geworden ist, erlaube ich
mir, diesen an  dieser Stelle zu verbreiten und der Diskussion
auszusetzen.

Andreas




[Seite1]


*"Zwangs"-Heterosexualitaet ist heilbar!*

Ein grosser Teil der maennlichen Bevoelkerung leidet unter einer starken
emotionalen Neigung und dem zwanghaften sexuellen Interesse fuer das
andere Geschlecht. Ihre Faehigkeit, Zaertlichkeit, Liebe und Geilheit
mit anderen Maennern zur Bereicherung ihres Lebens auszutauschen, ist
in den meisten Faellen verkuemmert. Dabei boete diese Faehigkeit in
unserer durch Sexismus gepraegten Gesellschaft die Moeglichkeit,
gleichberechtigte Sexualitaet erfahrbar zu machen.
Wissenschaftliche Forschung sollte daher nach den Ursachen suchen, die
fuer diesen unkontrollierten Zwang zur Heterosexualitaet, der fuer die
Betroffenen eine Reihe psychischer Probleme mit sich bringt,
verantwortlich sind. Eine Uebersicht moeglicher Forschungsansaetze haben
wir versucht, an dieser Stelle zusammenzufassen:

These 1: Genetische Veranlagung

Bei eher wenigen sich heterosexuell verhaltenden Personen (max. 5%)
liegt eine genetische Veranlagung zur Heterosexualitaet vor. Fuer diese
Gruppe besteht so gut wie keine Heilungschance. Dieser Gruppe von
Heterosexuellen sollten wir nicht Ablehnung, sondern Mitleid und
Verstaendnis fuer Ihre schwierige Situation entgegen bringen.
Faelschlicher Weise glaubt aber ein Grossteil der vermeintlich
Heterosexuellen fest daran, sie seien von Geburt an auf das andere
Geschlecht fixiert gewesen.

These 2: Ausbleibende Hormonschwankungen waehrend der Schwangerschaft

Fehlende Abwechslung fuer die schwangere Frau fuehren zu einem
gleichbleibenden Hormonhaushalt der Frau waehrend der Schwangerschaft.
Fuer die Entwicklung einer vielfaeltigen Sexualitaet und Liebesfaehigkeit
sind diese Hormonschwankungen jedoch erforderlich, da es ansonsten zu
einer Unterentwicklung des homosexuellen Triebzentrums im Gehirn
kommt.

These 3: Negative Vorbildfunktion der Eltern

In den meisten Faellen zwanghaften heterosexuellen Verhaltens zeigt
sich, dass schon die Eltern ein solches Verhalten an den Tag gelegt
haben. Da Eltern den Hauptbezugspunkt fuer Kinder in ihrer Entwicklung
darstellen, mangelt es an positiven Vorbildern, die ihre
Zwangsheterosexualitaet ueberwunden haben. Dabei weigert sich die
heterosexuelle Bevoelkerungsmehrheit standhaft, ihre Kinder an homo-
oder bisexuelle Lebensgemeinschaften zur Adoption freizugeben, um
ihnen eine gesunde Entwicklung zu ermoeglichen.

These 4: Kindheitstrauma

Ein schlimmes Erlebnis in der Kindheit mit Gleichaltrigen des gleichen
Geschlechts kann die Zurueckweisung von Personen des eigenen
Geschlechts zur Folge haben.

These 5: Kulturelle Enteignung

Es hat sich erwiesen, dass viele vermeintlich Heterosexuellen aus einer
Umgebung kommen, in der die Freude an ihrem eigenen Koerper
erbarmungslos unterdrueckt wird. Aus der Zurueckweisung ihres eigenen
Koerpers versuchen diese Personen dann in dem Kontakt zum Koerper des
jeweils anderen Geschlechts die Lustfaehigkeit des eigenen Koerpers
zurueckzugewinnen. Bei vielen heterosexuellen Maennern laesst sich ein
moralisch belastetes Verhaeltnis zur Autosexualitaet
(Selbstbefriedigung) in ihrer Kindheit und Jugend nachweisen.

These 6: Angst vor dem Tod

Oft ist die Angst vor dem Tod der Grund fuer heterosexuelle Paarung.
Viele Heterosexuelle werden von dem starken Wunsch, sich
fortzupflanzen und damit einem (genetischen) Teil ihrer Selbst ueber
ihren Tod hinaus am Leben zu erhalten, zu ihrem Verhalten getrieben.

These 7: Oekonomische Konditionierung

Unsere Gesellschaft verspricht Praemien fuer heterosexuelle Lebensformen
(Ehegattensplitting, Kindergeld, Sozialwohnungen ...). Schwules Leben
hingegen ist teuer und viele Leute koennen es sich einfach nicht
leisten.


Quatsch!!!
bitte wenden




[Seite 2]


*Nicht 'normal' werden, sondern anders sein!*

Alles Quatsch???

Das fragen sich Schwule auch, wenn sie sich mal wieder rechtfertigen
muessen, warum sie von der heterosexuellen Norm abweichen und das
eigene Geschlecht bevorzugen - auch wenn z.Z. kaum jemand sich so
richtig oeffentlich traut, in der auf der Vorderseite (natuerlich mit
umgedrehten Vorzeichen) ueberzogen dargestellten Weise gegen Schwule zu
hetzen. Nichtsdestotrotz zerbrechen sich weltweit WissenschaftlerInnen
den Kopf darueber, warum Maenner (und Frauen) homosexuelles Interesse
und Verhalten entwickeln - auch an dieser Uni! Dabei wird von der
Natuerlichkeit und Normalitaet der Heterosexualitaet ausgegangen (was
bleibt der Natur bei lauter Evolutionstheorie auch anderes uebrig!?).
Reiner Erkenntnisdrang steckt jedoch in den seltensten Faellen hinter
dieser Forschung! Methoden, Ratschlaege und Verfahren, um homosexuelle
Menschen zu verhindern (haeufig mit dem fadenscheinigen Argument, ihnen
gesellschaftliche Diskriminierung zu ersparen), sind die Triebfeder
dieser Forschung. Nicht wenige schwule Wissenschaftler (vor allem in
den USA) beteiligen sich selbst an dieser Ursachenforschung, um
nachzuweisen, dass ihr schwules Verhalten keine freie
Willensentscheidung ist, sondern sie von ihrem genetischen Code dazu
gezwungen werden.

Schwule im Neoliberalismus

In dieser domestizierten Form sieht der Neoliberalismus die Schwulen
durchaus sehr gerne - verbunden mit Leistungsbereitschaft,
Flexibilitaet und Kaufkraft. Auch als Trendsetter, Werbetraeger und
Konsumenten haben Schwule sich in den letzten Jahren hervorragend
bewaehrt. Kaum eine Soap-Opera (die ja bekanntlich zur besten Werbezeit
laufen) kommt mehr darum herum, auch ein schwules oder lesbisches
Liebes-Paerchen in die Geschichte mit aufzunehmen. Mit schwuler
Lebensrealitaet haben die Bildschirm-Produkte jedoch selten etwas zu
tun (die Darstellung der 'Normalen' sicherlich auch nicht).

SVD - Nein Danke!

Als medienwirksam erweist sich auch die oeffentliche Diskussion um die
Homo-Ehe - vorangetrieben von dem buergerrechts-konservativen
Schwulenverband Deutschland (SVD), der sich als DER Vertreter DER
Schwulen in Deutschland aufspielt, aber in erster Linie mit schwulen
Soldaten, Managern und ChristdemokratInnen paktiert. Die historische
Bedeutung der Ehe als zentrales durch christliche Ideologie
gerechtfertigtes oekonomisches und sexuelles Unterdrueckungsinstrument
von Maennern gegenueber Frauen wird quasi ignoriert. Dieses Machtkartell
schwuler Karrieristen stuelpt dem gemeinen Schwulen das ueberholte
Modell heterosexueller Zweisamkeit und Monogamie ueber. Die Anwendung
der heterosexuellen Normalitaet auf schwule Vielfalt statt einer
deutlichen Kritik der herrschenden Normalitaet wird dabei als
'emanzipatorisches' Konzept verkauft.

homophober Staat!

Die bundesdeutsche Gesellschaft scheint liberaler geworden zu sein
gegenueber Schwulen - liberaler denen gegenueber, die es sich leisten
koennen! In den Grundzuegen bleibt dieser Rechtsstaat homophob. Die
aufgrund des von den Nationalsozialisten 1935 verschaerften Anti-
Schwulen-|175 (siehe auch Bildunterschrift) verurteilten, in grossen
Teilen in Konzentrationslagern internierten und dort teilweise
ermordeten Schwulen sind von der BRD nie rehabilitiert worden und
gelten immer noch als Kriminelle. Die Nazi-Version des |175, die ein
altersunabhaengiges Totalverbot der maennlichen Homosexualitaet
darstellte, blieb in der BRD bis 1969 unveraendert gueltig.

Eine emanzipatorische Politik kann nicht auf einem neoliberal-
homophoben System aufbauen, sondern muss an diesen Verhaeltnissen
kratzen. Das Autonome Schwulenreferat ist dafuer eine wichtige
Institution, damit Schwule an dieser Uni und in dieser Stadt einen
nicht von Kommerz gepraegten Freiraum zum Treffen, Kennenlernen,
Diskutieren und politischen Agieren haben. Rechte Gruppen wie der RCDS
sind der Garant dafuer, dass Schwulen dieser Freiraum entzogen wird.
Waehlt Links!


Andreas Seier
(Schwulenreferent der RUB, studiert Psychologie und Mathematik)




[Ergaenzungen]


*Schwule Grossdemo 1991 in Berlin: |175 - HAUT WEG DEN SCHEISS*

|175 StGB hat von 1973 bis 1994 maennliche Homosexualiaet mit einem
unter 18jaehrigen mit bis zu 5 Jahren Freiheitsstrafe bedroht.
Vergleichbare Strafrechtsbestimmungen gab es fuer Heterosexualitaet
nicht!
Die Abschaffung erfolgte auf Grundlage der sexualwissenschaftlichen
'Erkenntnis', dass in dem durch |175 'geschuetzten' Jugendalter (14-17
Jahre) die Entwicklung der sexuellen Orientierung abgeschlossen sei
und die sogenannte 'Verfuehrungstheorie' keine Gueltigkeit habe.
In der Konsequenz heisst dies, dass |175 wieder eingefuehrt werden muesste,
wenn die uns allen als so objektiv bekannt Wissenschaft zu der
Erkenntnis kommt, dass man im Jugendalter zum Schwulsein verfuehrt
werden kann.
Die Ursachensuche geht weiter!


"Androgynsein ist endgueltig vorbei - herb-viril ist angesagt, und die
Bilder vom Selbstverliebt-Maennlichen liefert natuerlich der Kode der
Schwulen: Schweiss und X-Tasy, Poppers und Haare auf der Brust,
Muskeln, in Leder gezwaengt, das Format von Jeff Stryker.
Homosexualitaet wird geduldet, weitgehend, auf jeden Fall dort, wo
junge, froehliche Menschen nach Kraeften konsumieren. [...]
Im Augenblick zeigt sich die Ambivalenz "erfolgreicher" Emanzipation.
Schwul ist hip, und die Pop-Kultur fuehrt der Gay-Culture vor, wie
leicht sie ihr das Besondere abjagen kann. Uebermorgen ist das
vielleicht vorbei. Dann regiert wieder das alte Ressentiment."
Thomas E. Schmidt in der Frankfurter Rundschau vom 23.9.93


"Ich werde mich hueten, meinem Jura-Prof gegenueber, bei dem wir mit
Materialien arbeiten, in denen die Verfassungsmaessigkeit der
Abschaffung des Anti-Schwulen-Paragraphen |175 StGB in Frage gestellt
wird, irgend eine Andeutung zu meiner schwulen Lebensweise zu machen.
Dann koennte ich meine Pruefungen auch gleich vergessen."
RUB-Student, der verstaendlicher Weise anonym bleiben will
Thread Navigation

This is a paginated view of messages in the thread with full content displayed inline.

Messages are displayed in chronological order, with the original post highlighted in green.

Use pagination controls to navigate through all messages in large threads.

Back to All Threads