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Started by Gigi l'Amorosa
Mon, 27 Apr 1998 00:00
Abschaffung/Entprivilegierung der Ehe
Author: Gigi l'Amorosa
Date: Mon, 27 Apr 1998 00:00
Date: Mon, 27 Apr 1998 00:00
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Abschaffung/Entprivilegierung der Ehe als Ziel lesbisch-feministischer und schwuler Politik Seit etwa 1989 fordert eine Minderheitenstr�mung in der Schwulenbewegung die sog. Homo-Ehe, die es seitdem � zumindest in den Massenmedien � zur Hauptforderung �der Lesben und Schwulen� geschafft hat. Das ist ein Bruch mit der langanhaltenden Kritik von Lesben und Schwulen an der patriarchalen und heteronormierten Institution Ehe. Die weltweite Ausbeutung der Frau Die Ehe ist in vielen L�ndern der Erde nicht etwa Zeichen �romantischer Liebe� (oft entscheiden traditionell die Eltern �ber die K�pfe ihrer Kinder hinweg), sondern knallharter �konomischer Realit�ten. In ihr und durch sie organisiert sich die gesellschaftliche Ausbeutung der Frau. Deren Arbeit wird in der kapitalistischen �konomie auf den Hausbereich zentriert und als unproduktive Nichtarbeit umdefiniert: sie z�hlt nicht. So leisten Frauen zwar de facto zwei Drittel der gesellschaftlichen Arbeit. Trotzdem gilt der Mann als Ern�hrer der Familie � schlie�lich erhalten Frauen nur ein Zehntel des Welteinkommens und besitzen gerade mal ein Hundertstel des Weltverm�gens. Mit dem Ehegattensplitting wird in Deutschland diese geschlechtshierarchische Arbeitsteilung steuerlich gef�rdert: Je gr��er der Unterschied zwischen den Einkommen der �Ehepartner� ist, desto gr��er ist auch der steuerliche Gewinn, den heterosexuelle P�rchen aus ihrem rechtlich privilegierten Ehedasein ziehen. Er bel�uft sich pro Jahr auf ca. 40 Milliarden DM. Gleichzeitig spart sich der Staat jedoch auch Geld durch die Ehe, denn es gilt das Subsidiarit�tsprinzip, nach dem eine verheiratete Frau nur dann Anspruch auf staatliche Unterst�tzung hat, wenn sie nicht von ihrem Mann �versorgt� werden kann (mensch kann das gerne auch geschlechtsneutral formulieren; das �ndert aber nichts an der gesellschaftlichen Regel). Damit ist die Abh�ngigkeit der Frau rechtlich festgeschrieben. Die Intimisierung der Ehe und der Verfall der �Freundschaft� In der Ehe wird die sexuelle Verf�gbarkeit der Frau nach dem Muster von Monogamie und Heterosexualit�t gesellschaftlich organisiert. W�hrend dies in fr�heren Zeiten vor allem hie�, die Frau auf ihr Geb�rfunktion zu reduzieren, so tritt in der b�rgerlichen Moderne der Anspruch hinzu, die lebenslange Einstehensgemeinschaft (so die Wortneusch�pfung Volker Becks, der noch nicht einmal den Zynismus dieses Wortes kapiert) mit den Requisiten von Treue, Partnerschaft und sogar Liebe zu versehen. Gab es fr�her Leidenschaft meist nur au�erhalb der Ehe, so wird heute eine Institution, deren Zwecke im �konomischen und reproduktiven Bereich liegen, mit genau diesem, sie �berfordernden Anspruch verbunden. Aber wer glaubt schon ernsthaft, da� eine lebenslange innige Liebe unter Eheleuten mehr sein k�nnte als eine ganz normale Unwahrscheinlichkeit. Die allt�gliche Realit�t von Ehe und Familie sind hingegen sexueller Mi�brauch, Vergewaltigung und Pr�gel. Parallel zur Durchsetzung des b�rgerlichen Ehemodells wurden gesellschaftlich exterritoriale Leidenschaften, wie vor allem die Liebe zwischen Frauen und zwischen M�nnern oder das M�tressenwesen sie darstellten, historisch durch ein neues brutales System von Erpressung bzw. homosexueller Panik ausged�nnt und in ein Ghetto von ausschlie�lich homosexuell identifizierten Menschen (nach offiziellem Zeitungsdeutsch das �Homosexuellenmilieu�) und in ein ebenso gesellschaftlich ge�chtetes �Prostituiertenmilieu� verlagert. Dieser Proze� der Enteignung einer autonomen Lebenspraxis im Rahmen b�rgerlicher Modernisierung findet seinen Ausdruck im Verfall der konventionalisierten Formen m�nnlicher Freundschaft, die noch im 17. Jahrhundert durch den �ffentlichen Austausch von Liebe und Z�rtlichkeit bis hin zu Umarmungen und K�ssen sowie das Teilen des Nachtlagers gepr�gt waren. Statt dessen etabliert sich die wissenschaftliche Konstruktion des Homosexuellen als besonderer abnormer Spezies sp�testens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und findet seinen H�hepunkt w�hrend des postfaschistischen CDU/Adenauer-Regimes, als ca. 50.000 Menschen wegen Vergehen gegen den � 175 (in der von den Nazis versch�rften Form) in die Kn�ste einwandern, ein konservatives Frauen- sowie Ehe- und Familienbild regiert und die mediale und Alltags�ffentlichkeit von �Homosexuellen� gereinigt wird. Der Rassismus der B�rgerrechte �Die Ehe ist ein Menschenrecht� und �Die Arbeiterbewegung hat immer gegen Eheverbote gek�mpft� behauptet der gr�n dominierte Schwulenverband (SVD), jenes �linkenfreie Biotop� (Ralf Dorschel), das sich 1990 als konservative Konkurrenz zum str�mungs�bergreifenden schwulen Dachverband BVH etablierte. Das mag ja allerhand Licht auf die Arbeiterbewegung und deren Bewu�tseinsstand in Sachen Geschlechterverh�ltnis werfen, t�uscht aber dar�ber hinweg, da� die Ehe sich als solche �ber den Ausschlu� anderer Lebensweisen definiert. Ein Menschenrecht ist sie definitiv nicht (vgl. die allgemeine Erkl�rung der Menschenrechte). Da� sie als solches behauptet wird, entbl��t die Methode des SVD, Begriffe entgegen ihrem urspr�nglichem Gehalt zu besetzen: etwa den Menschenrechtsbegriff f�r eine antiegalit�re Politik zu mi�brauchen oder den in seiner bewegungspolitischen Form aus der afroamerikanische Tradition stammenden B�rgerrechtsbegriff �ber den Umweg DDR nach Deutschland zu transferieren und ihn dadurch mit einem latent rassistischem Gehalt zu f�llen. Denn in Deutschland bindet er Rechte an die Zugeh�rigkeit und letztlich Bekenntnis zu diesem Staat. Schwule sollen als �B�rger dieses Staats� Rechte genie�en, w�hrend Migrantinnen keine B�rgerinnen sind und somit auch keine Rechte haben. Konsequent schrieb denn auch der Homob�rgerrechtler Arno Schmitt in der Siegess�ule: �Das Wahlrecht denen zu geben, die �t�rkisches Blut und muslimische Lebensart reinhalten� wollen, entwertet das B�rgerrecht. Von denen haben ... Schwule ... nichts Gutes zu erwarten.� (November 1992). Ein besseres Beispiel f�r rassistische Projektion l��t sich kaum finden. � Die Einforderung von �B�rgerrechten� kann kein Ziel radikal-emanzipatorischer Politik sein, sondern nur Teil einer Anbiederung und kollektiven Dem�tigung von Lesben und Schwulen. Die Ehe als bev�lkerungspolitisches Instrument Gesamtgesellschaftlich ist die Ehe vor allem auch als bev�lkerungspolitische Instanz von Bedeutung. Mit Foucault lie�e sich sagen, da� sie als Scharnier zwischen einer Mikro- und einer Makropolitik der Macht funktioniert. Die Funktion der Ehe im kapitalistischen Modernisierungsproze� kann an einem historischen Beispiel illustriert werden: W�hrend in den d�rflichen Gemeinden der fr�hen Neuzeit die Heiratserlaubnis an den Besitz einer Vollerwerbsstelle gebunden war (mit der Folge der erzwungenen Ehelosigkeit des Gesindes) und zus�tzlich das Heiratsalter gem�� der demographischen Situation herauf- und heruntergesetzt wurde, entfielen diese Mechanismen der Bev�lkerungskontrolle in den neuen l�ndlichen Gewerberegionen mit protokapitalistischer Hausindustrie v�llig. Je mehr Arbeitskr�fte eine Familie hier zur Verf�gung hatte, desto besser stand es um ihre finanzielle Situation. So stiegen schlie�lich die Bev�lkerungen, die in das lukrative Ausbeutungssystem des fr�hneuzeitlichen Handelskapitals involviert waren, sprunghaft an und schufen die Rekrutierungsbasis f�r die internationale Akkumulation des Kapitals. Dieser Proze� war nicht �berall funktional. Wenn es auch dem Handelskapital darum ging, ein massenhaft verelendetes Proletariat zu zeugen, aus dem billige Arbeitskr�fte rekrutiert werden konnten, so war man an anderer Stelle an einer allzu raschen Bev�lkerungsvermehrung durchaus nicht interessiert. Im agrarischen Sektor etablierte sich im Rahmen des neuen europ�ischen Weltsystems in Polen eine Form zweiter Leibeigenschaft, in der die Abh�ngigen jeweils durch ihren Gutsherren verheiratet wurden. Im europ�isch-amerikanischen Sklavenhandel des 17. und 18. Jahrhunderts schlie�lich waren Ehe und Familie f�r die Schwarzen �berhaupt nicht mehr vorgesehen. Es war billiger, die Sklaven im arbeitsf�higen Alter aus Afrika zu importieren, sie in kurzer Zeit zu vernutzen und damit die Kosten, die mit �Aufzucht� und Erziehung verbunden waren, auf die dortigen Stammesgesellschaften abzuw�lzen. Metropole und Peripherie Wie dieses Beispiel illustriert, ist eine unterschiedliche Ehe- und Familienpolitik in unterschiedlichen Staaten der Erde eine grundlegende Voraussetzung f�r das Funktionieren einer kapitalistischen �konomie. In der Weltwirtschaft periphere Staaten sind nicht einfach nur r�ckst�ndig, wenn sie Homosexualit�t strafrechtlich verfolgen und Ehe und Familie als Ort der sozialen Absicherung des einzelnen in den Vordergrund stellen. Vielmehr ist diese Bev�lkerungspolitik Teil des kapitalistischen Expansionsprozesses in der Dritten Welt, mit dem die st�ndige Neubildung eines Halbproletariats gew�hrleistet wird, das durch niedrige Unterhaltskosten, Ausnutzung von Kinderarbeit und den Verzicht auf staatliche Unterst�tzung gekennzeichnet ist. Zwischen der Lockerung der Institution Familie in den Metropolen der Weltwirtschaft (wo Lesben und Schwule das durch die Massenmedien hergestellte Ideal eines sozial ungebundenen, flexiblen Konsumenten- und Produzententyps verk�rpern) und der gegenl�ufigen Tendenz in den sogenannten �Entwicklungsl�ndern� besteht ein funktionaler Zusammenhang. Doch selbst in den Metropolen der entwickelten Welt h�rt die durch Ehe und Familie heteronormierte Gesellschaft nicht auf zu bestehen � ihre Aufl�sung hat immer nur einen tendenziellen und beschr�nkten Charakter. Unterlaufen wird sie durch die Ausbildung von neuen proletarischen Armutszonen, in denen die Menschen f�r ihre soziale Sicherung auf Verwandtschaftsnetze angewiesen sind und die auch erfahrungsgem�� Orte extremer Homophobie sind. Res�mee Die Integration der Homosexuellen ist nur ein Oberfl�chenph�nomen in Randbereichen der kapitalistischen Gesellschaft, selbst noch in einer Stadt wie Berlin auf die mittelst�ndischen Innenbezirke beschr�nkt. Eine Ausweitung der BGB-Ehe auf das homophile Kleinb�rgertum wird an der Marginalisierung von Lesben, Schwulen, Trans- und Intersexuellen nichts �ndern, sondern lediglich die Chancen emanzipatorischer Politik durch die Aufwertung zwangsheterosexueller Institutionen verringern und die gesellschaftliche Normierung von Lebensstilen auch im schwulen Ghetto durchsetzen (�Sach mal, bist Du eigentlich verheiratet?�). Schlie�lich wird sie in eine Zweiklassengesellschaft von angepa�ten Biederm�nnern auf der einen Seite und schwulen S�uen und Tunten auf der anderen Seite m�nden. Statt dessen k�me es darauf an, eigene Lebensweisen zu entwickeln und rechtlich abzusichern, statt sich dem heterosexistischen Blick von Gr�nen und SPD zu f�gen, wonach f�r Lesben und Schwule gut sein m�sse, was f�r die herrschende Heterosexualit�t schon jetzt recht und billig ist: die Ehe. Emanzipatorisch w�re es, Verwandtschaft neu und selbst zu definieren statt einfach ein heterosexuelles System von Heirat und Blutszugeh�rigkeit fortzuschreiben. Ausblick Die Homo-Ehe ist �berfl�ssig. Schon jetzt ist �ber ein einfaches Formularheft, das von der Deutschen Aids-Hilfe herausgegeben wurde, eine weitgehende rechtliche Absicherung von lesbischen und schwulen Lebensweisen in den wichtigsten sozialen Bereichen m�glich. Hingegen steht eine Absicherung etwa im Zeugnisverweigerungsrecht noch aus. Ansonsten l��t sich das juridische Ziel der FrauenLesben-, Schwulen- und Transsexuellenbewegung in der Abschaffung der Ehe, der Entprivilegierung eines heterosexuellen Verwandtschaftssystems, Durchsetzung des Individualrechts, freiem Zugang zu Namen und Geschlecht und dem Recht auf k�rperliche Unversehrtheit f�r Menschen au�erhalb der geschlechtlichen Norm zusammenfassen. Solange SPD, Gr�ne und gro�e Teile der PDS das nicht kapiert haben, sind sie f�r uns Gegner, die wir mit aller Militanz angreifen. Denn au�er uns selbst wird sich niemand f�r unsere Rechte einsetzen. Gigi l'Amorosa Literatur: Alan Bray, Homosexuality and the Signs of Male Friendship in Elizabethan England. In: Jonathan Goldberg (Hrsg.), Queering the Renaissance. Durham; London 1994 Michel Foucault, Sexualit�t und Wahrheit. Erster Band: Der Wille zum Wissen. Frankfurt/M. 1983. Peter Kriedte, Sp�tfeudalismus und Handelskapital: Grundlinien der europ�ischen Wirtschaftsgeschichte vom 16. bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. G�ttingen 1980. Eve Kosofsky Sedgwick, Epistemology of the Closet. New York u.a. 1990. Eike Stedefeldt, Schwule Macht oder Die Emanzipation von der Emanzipation. Berlin 1998. Immanuel Wallerstein, The Modern World-System I: Capitalist Agriculture and the Origins of the European World-System in the Sixteenth Century. San Diego 1974. erscheint in: Schwulenverrat SoSe 98 Nr. 1 (Schwules Semesterinfo f�r die Freie Universit�t Berlin)
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