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Started by Stefan Strigler
Sun, 11 Jan 1998 00:00
Beck ab! Pressemitteilung vom 06.01.98
Author: Stefan Strigler
Date: Sun, 11 Jan 1998 00:00
Date: Sun, 11 Jan 1998 00:00
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Pressemitteilung 6. 1. 1997 Ein Traum in Gr�n! Am 6. Januar 1998 �bersandte die schwul-lesbische Initiative Beck ab! allen Abgeordneten von B�ndnis 90/Die Gr�nen im Bundestag ihre Alternativvorschl�ge zum Programmentwurf zur Bundestagswahl 1998. Hierzu erkl�rt J�rgen Nehm, Sprecher der Initiative: Der vorgelegte Entwurf befa�t sich in den Kapiteln "Frau-en-politik f�r eine emanzipierte Gesellschaft" sowie "B�rgerrechte, Demokratie und �ffentliche Sicher-heit" mit Fragen lesbischer und schwuler Emanzipation. Unsere genaue Analyse f�hrte zu dem Ergebnis, da� das Programm in dieser Hinsicht stark �berarbeitungsbed�rftig ist. Beck ab! hat sich entschlossen, B�ndnis 90/Die Gr�nen bei dieser �berarbeitung unter die Arme zu greifen. Zu den entsprechenden Passagen hat Beck ab! alternative Formulierungen vorgelegt, die sich ent-gegen dem Entwurf an einer breiten Vielfalt lesbischer, schwuler und Fraueninteressen orientieren. Insbesondere wird das sehr verengte Verst�ndnis von Lebensformenpolitik erweitert. Hierzu z�hlen neben den im Programm ausschlie�lich ber�cksichtigten homosexuellen Paaren die Interessen und Lebensrealit�ten von Individuen, die in mono-gamen, promisken und sonstigen frei gestalteten Formen leben. Korrigiert haben wir auch, da� einzelne Teile des Programms (etwa Frauen- und M�nner-, respektive Schwu-len-politik) einander ausschlie�en. So w�re die �ffnung der BGB-Ehe f�r Homosexuelle ein Affront gegen feministische Forderungen nach Entprivilegierung der Ehe. Dar-�ber hinaus tritt Beck ab! f�r die seit 30 Jahren erstmalige F�rderung schwuler und lesbischer Selbst-hilfearbeit sowie bedarfsgerechte Finanzierung von AIDS-Projekten aus dem Bundeshaushalt ein. Die Neuschaffung einer Bundesbeauftragten-Stelle lehnt Beck ab! hingegen als b�ro-kra-ti-schen Unfug ab. Mit der �bersendung fordert Beck ab! alle Abgeordneten von B�ndnis 90/Die Gr�nen auf, sich mit den �nderungsantr�gen auseinanderzusetzen. ______ B�ndnis 90/Die Gr�nen Programm zur Bundestagswahl '98 Erster Entwurf �nderungsantr�ge Kapitel "Frauenpolitik f�r eine emanzipierte Gesellschaft", Abschnitt 4: "Lesbisch leben ohne Diskriminierung", Zeile 175ff.: Text im vorliegenden Programmentwurf: Menschen in unserer Republik lassen sich nicht mehr von Staat und Gesellschaft vorschreiben, wie sie ihr Zusammenleben und -lieben gestalten sollen. Sie leben in frei gew�hlten Wohngemeinschaften, mit und ohne Trauschein, in hetero- und homosexuellen Partnerschaften. Eine gleich-berechtigte Anerkennung aller Lebensformen ist ein wichtiges Ziel gr�ner Politik. B�NDNIS 90/DIE GR�NEN fordert deshalb die gesellschaftliche Aner-kennung lesbischer Lebensweisen. �nderungsvorschlag: Menschen in unserer Republik lassen sich nicht mehr von Staat und Gesellschaft vorschreiben, wie sie ihr Zusammenleben und -lieben gestalten sollen. Sie leben allein oder in frei gew�hlten Wohn- und Lebensgemeinschaften mit zwei oder mehreren Beteiligten, hetero-, homo- oder bisexuell, monogam oder promisk, mit oder ohne Trauschein. Eine gleichberech-tigte Anerkennung aller Lebensformen ist ein wichtiges Ziel gr�ner Politik. B�NDNIS 90/DIE GR�NEN fordert deshalb die gesellschaftliche Anerkennung lesbischer Lebensweisen. Begr�ndung: Der urspr�ngliche Text schlie�t eine Vielzahl frei gew�hlter Lebensformen aus, die ebenso f�rderungsw�rdig und sch�tzenswert sind wie die genannten. Letzteres sollte mit ihrer gleichrangigen Erw�hnung deutlich gemacht werden. Der Terminus "Partnerschaften" sollte vermie-den werden, weil er traditionell die monogame Zweierpartnerschaft assoziiert. Kapitel "B�rgerrechte, Demokratie und �ffentliche Sicherheit", Abschnitt 2. "Rechte von Minderheiten st�rken", Absatz "Gleiches Recht f�r Schwule und Lesben", Zeile 350ff.: Text im vorliegenden Programmentwurf: Gleichgeschlechtliche Partnerschaften m�ssen die gleichen M�glichkeiten zur rechtlichen Ausgestaltung ihrer Lebensgemeinschaften erhalten wie Heterosexuelle: Eheschlie�ungsrecht und �ffnung aller Regelungen f�r nichteheliche Lebensgemeinschaften. �nderungsvorschlag: Schwule, Lesben und Bisexuelle m�ssen M�glichkeiten zur rechtlichen Aus-gestaltung ihrer Lebensformen erhalten. Diese k�nnen sich nicht an tradierten Formen heterosexuellen Zusammenlebens orientieren, sondern m�ssen dem lebensgeschichtlich Anderen sowie der Vielfalt lesbischer und schwuler Existenz Rechnung tragen. Das Ehemodell allein ist daf�r ungeeignet. F�r Lebens- und Liebesgemeinschaften zweier oder mehrerer Personen m�ssen prim�r Regelungen gefunden werden, die eine juristische Absicherung jenseits staatlicher Sanktionierung erlauben und �konomische Abh�ngigkeiten vermeiden. Begr�ndung: Der Ursprungstext steht im erheblichen Widerspruch zu anderen Teilen des Programmentwurfs und setzt politisch falsche Signale. So ist unter Kapitel 6. "Frauenpolitik ist �berall" zutreffend formuliert: "M�nner bewerten die Situation und treffen die Entscheidungen aus ihrer Sicht der Dinge und machen diese zum allgemein-g�ltigen Ma�stab." Und in Abschnitt 0, Zeile 29f. hei�t es: "Unsere Frauenpolitik will gesellschaft-liche Strukturen ver�ndern, die sich einseitig an m�nnlichen Werten orientieren." In einer Gesellschaft wie unserer aber, in der M�nner ungebrochen �berproportional vom traditionellen Konstrukt der Alleinverdiener- und Hausfrauenehe profitieren, kann jede Politik, die die Institution Ehe als Ma�stab anerkennt und st�rkt, nur an M�nnern orientierte Politik sein. Damit ignoriert der Entwurf 25 Jahre feministische Kritik an der Ehe, die gerade in Krisenzeiten f�r Frauen ein �konomisches Abh�ngigkeitsverh�ltnis vom Mann darstellt. Es darf nicht Ziel gr�ner Politik sein, solche Herrschaftsinstrumente durch ihre Ausdehnung juristisch, moralisch und politisch zu legitimieren. Im Hinblick auf die Demontage des Sozialstaates ist die Forderung ebenso kontraproduktiv. Stets haben B�NDNIS 90/DIE GR�NEN das unsoziale Subsidiari-t�tsprinzip bek�mpft, die Verweigerung von Sozialleistungen durch den Staat unter Verweis auf Angeh�rige. In Abschnitt 2, Zeile 131ff. des Entwurfs hei�t es dazu berechtigt, Frauen "d�rfen bei sozialen Leistungen nicht weiterhin als Anh�ngsel von Ehem�nnern und Kindern behandelt werden". Dies als gegebenen Konsens, sollten Ehefrauen auch nicht zum Anh�ngsel von Ehefrauen oder Ehem�nner zum Anh�ngsel von Ehem�nnern gemacht werden. In Abschnitt 4. "Lesbisch leben ohne Diskriminierung" hingegen steht: "Eine gleichberechtigte Anerkennung aller Lebensformen ist ein wichtiges Ziel gr�ner Politik." Die �ffnung der BGB-Ehe f�r Lesben, Schwule und Bisexuelle oder die Einf�hrung eines analogen Rechtsinstituts f�hrt aber an diesem Ziel vorbei. Zwar w�rde dies f�r einige Schwule und Lesben Erleichterungen im t�glichen Leben mit sich bringen. Die wenigsten Schwulen und Lesben leben aber in solchen auf Dauer angelegten Gemeinschaften. Der Zugang zur Ehe f�r wenige (und auch dann nur f�r Paare), die einer neuen Normensetzung gleichkommt, w�rde indes zur verst�rkten Diskriminierung anderer homo- und bisexueller Lebensweisen f�hren. F�r sie entst�nde ein unzumutbarer Anpassungs- und Legitimationsdruck. Es ist nicht einzusehen, warum kurzfristige Beziehungen oder Alleinlebende gegen�ber einerm solchen "neuen" Institut unterprivilegiert sein sollten. Auch das steht den Grundprinzipien emanzipa-torischer Politik entgegen. Die �ffnung der BGB-Ehe nur als ersten Schritt f�r eine weitere Emanzipation von Lesben, Schwulen und Bisexuellen zu betrachten ist ebenfalls unlogisch. Sie w�re nicht deren Anfang, sondern w�rde bis auf weiteres ihr Ende bedeuten, Vielfalt verhindern und die Ent-solidarisierung der Lesben und Schwulen beg�nstigen. Sie kann auch nicht Instrument zur L�sung anderer dringender politischer Fragen sein, etwa im Ausl�nderrecht. Hier etwa w�rde sie lediglich binationale Paare beg�nstigen, nicht jedoch die freie Wahl des Lebensmittelpunktes durch das Individuum. Im Gegenteil w�rde sie auch im homo- und bisexuellen Bereich Scheinehen boomen lassen, die entw�rdigend sind und mit der freien Wahl der Lebensform absolut nichts gemein haben. Dem laut Programm geforderten eigenst�ndigen Aufenthaltsrecht f�r Migrantinnen steht sie damit diametral entgegen. Das erhebliche diskriminatorische Potential einer �ffnung der BGB-Ehe f�r Lesben, Schwule und Bisexuelle konterkariert nicht zuletzt die Forderung nach einem wirksamen Antidiskriminierungsgesetz, wie sie der Programmentwurf zu recht vorsieht. Kapitel "B�rgerrechte, Demokratie und �ffentliche Sicherheit", Abschnitt 2. "Rechte von Minderheiten st�rken", Absatz "Gleiches Recht f�r Schwule und Lesben", Zeile 355ff.: Text im vorliegenden Programmentwurf: Eine aktive Gleichstellungspolitik f�r Schwule und Lesben soll durch eine Beauftragtenstelle der Bundesregierung gef�rdert werden. �nderungsvorschlag: "Eine aktive Gleichstellungspolitik f�r Schwule, Lesben und Bisexuelle soll durch die Bundesregierung gef�rdert werden. Lesbische, schwule und bisexuelle Vereine, Gruppen und Projekte werden durch die zust�ndigen Abteilungen in den Fachministerien in ihrer Arbeit finanziell unterst�tzt. Die Selbsthilfestrukturen im AIDS-Bereich werden vom Bundesministerium f�r Gesundheit gef�rdert und bedarfsgerecht finanziert." Begr�ndung: Seit rund drei Jahrzehnten arbeiten im alten Bundesgebiet schwule, lesbische und bisexuelle Selbsthilfestrukturen ohne jegliche Bundesf�rderung. Insofern ist es nicht einsehbar, weshalb nun eine besondere und vor allem kostenintensive Beauftragtenstelle eingerichtet werden soll. Vielmehr sollte es Anliegen sein, die Beamten in den zust�ndigen Fachministerien zu schulen und zu ermuntern, sich mit den Problemen alternativer Lebens-weisen und sexueller Identit�ten auseinanderzusetzen. Dies w�re einer Emanzipation sehr viel dienlicher als eine neue Institutionalisierung von Emanzipationsarbeit, die letztlich die Abschiebung der Thematik auf eine Stelle erm�glicht. Mit dem f�r eine solche Stelle notwendigen Fonds sollte sinnvollerweise grund-legende Basisarbeit gef�rdert werden: Coming-out-Projekte, Gruppen �lterer Lesben und Schwuler, Freizeit- und Kulturprojekte sowie Stricherarbeit. Wir m�chten auch darauf hinweisen, da� die Forderung nach einer/m Bundesbeauftragten in der Schwulen- und Lesbenbewegung v�llig neu und deren Inhalt im Programmentwurf nicht definiert worden ist. Au�er dem Schwulenverband in Deutschland (SVD) hat sie bisher keine bundesweit agierende Schwulen- und Lesbenvereinigung erhoben, weder die PDS-nahe AG Two in One, noch Homosexuelle und Kirche (HuK), noch der Lesbenring, noch die Schwulengruppen in der FDP oder CDU (SGU und SCD). Lediglich die SPD-nahen Schwusos haben sich nachholend f�r eine solche hochangebundene Institutionalisierung entschieden, als der Entwurf des Wahlprogramms von B�ndnis 90/Die Gr�nen erschienen war. Bevor B�ndnis 90/Die Gr�nen sich f�r eine solche Stelle stark machen, sollte u. E. die schwul-lesbische, bi- und transsexuelle Basis konsultiert werden. Ansonsten besteht die Gefahr, an deren wirklichen Interessen vorbeizuzielen. Nachbemerkung zur Wahlstrategie von B�ndnis 90/Die Gr�nen Sich mit den Forderungen zur Lesben- und Schwulenpolitik lediglich auf die Interessen und Lebensentw�rfe eines begrenzten Teils der Lesben und Schwulen in diesem Lande zu beschr�nken, wie es der erste Entwurf tut, hintertreibt ein bestm�gliches gr�nes Wahlergebnis. Ohne Not wird ein traditionell gr�nes, weil alternativ denkendes schwules und lesbisches W�hlerInnenpotential vor den Kopf gesto�en, was die Gefahr heraufbeschw�rt, da� es sich an Parteien links von B�ndnis 90/Die Gr�nen, vor allem der PDS, orientiert. Die engen Formulierungen im ersten Entwurf stellen nicht zuletzt das Credo gr�ner Politik infrage, die sich als langfristig und nachhaltig definiert. Sie setzen (vor allem mit der die �ffnung der BGB-Ehe) auf den kurzfristigen Erfolg in bezug auf eine begrenzte Klientel, der jedoch das Erreichen weiterer Emanzipationsziele wie die Entmystifizierung und Entprivilegierung der Ehe langfristig erschwert, wenn nicht unm�glich macht. In diesem Sinne bitten wir unsere Vorschl�ge zu verstehen: Sie grenzen weder die eine noch andere Interessenlage aus, sprechen aber die gesamte Zielgruppe gr�ner Lesben- und Schwulenpolitik an. Stefan Strigler, i.A. Beck ab! -- mehr dazu auf Homepage unter http://userpage.fu-berlin.de/~milch/Beck_ab/
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