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Article #33

Re: DTP-Fuehrerschein (war: Text versus DTP)

#33
From: Lutz Birkhahn
Date: Wed, 04 Nov 1992 02:13
173 lines
11274 bytes
harm@quest.sub.org (Harm Luebben) writes:

> Mir fehlt allerdings immer noch die Erklaerung, wo in TeX das Expertenwissen
> der Buchdrucker und Schriftsetzer kondensiert ist.

Naja, nimm doch mal z.B. die Absatzformatierung: z.B. kann TeX die bereits
erwaehnten Schusterjungen und Hurenkinder vermeiden (man kann fast stufenlos
angeben, wie "schlimm" diese sind), oder z.B. weiss TeX, dass es schlecht ist,
wenn mehrere *aufeinanderfolgende* Zeilen getrennt werden (genauer gesagt,
kann man auch das wieder ueber einen Parameter variieren). TeX achtet auch
darauf, dass auf eine sehr dicht gesetzte Zeile nicht eine sehr weit gesetzte
Zeile folgt (weil der Kontrast sonst sehr auffallen wuerde).

Oder natuerlich der ganze Bereich der mathematischen Formeln. Da ist so viel
spezielles Setzerwissen eingebaut, dass es erheblich zu weit fuehren wuerde,
hier alles aufzuzaehlen (nicht ohne Grund ist Mathematiksatz traditionell
sehr teuer). TeX unterscheidet z.B. dreizehn verschiedene Elemente (Atome)
in mathematischen Formeln, darunter binaere Operatoren wie "+", oeffnende
und schliessende Klammersymbole, Relationen (z.B. "=") usw., um daraus
bestimmte Regeln fuer die Abstaende der Symbole untereinander ableiten
zu koennen. Wenn Du z.B. auf Unix-Rechnern mit troff bzw. fuer mathematische
Formeln mit dem eqn-Praeprozessor arbeitest, musst Du selbst dafuer sorgen,
dass vor und nach einem "+"-Zeichen der richtige Abstand gesetzt wird,
von einer automatischen Unterscheidung zwischen unaerem und binaerem "-"
(-1 oder a-b) ganz zu schweigen...

Zum Thema "rivers" in Absaetzen (also vertikale Luecken, weisse Streifen),
das Michael Kranz ansprach: TeX hat keinen speziellen Mechanismus, der
solche Effekte vermeiden wuerde. Allein durch die globale Optimierung
der Formatierung ueber den ganzen Absatz werden die Wortabstaende so guenstig
verteilt, dass nur sehr selten "Fluesse" zu sehen sind. Knuth und Plass
bemerken in ihrem Artikel "Breaking Paragraphs into Lines":

   [...] occasional gaps of white space that are called `houndsteeth' or
   `lizards' or `rivers'. Such ugly patterns, which run up through a
   sequence of lines and distract the reader's eye, cannot be eliminated
   by a simple efficient technique like dynamic programming [darauf basiert
   TeXs Absatztrennung]. Fortunately, however, the problem almost never
   arises when the optimum-fit algorithm is used, because the computer is
   generally able to find a way to set the lines with suitably tight
   spacing. [...]
   Extensive experience with TeX has shown [...] that manual removal of
   rivers is almost never necessary after the optimum-fit algorithm has
   been used.

Ein weiteres Stueck Expertenwissen ist die zumindest in amerikanischer
Literatur oft angewandte Regel, nach bestimmten Satzzeichen mehr Abstand
zu lassen als zwischen Woertern. Z.B. laesst TeX im Normalfall nach einem
Komma 1.25 mal soviel Leeraum wie zwischen zwei Woertern, nach einem
Punkt oder einem "!" sogar den dreifachen Leerraum. Das funktioniert auch
dann noch, wenn zwischen Satzzeichen und Leerraum noch ein Anfuehrungs-
zeichen liegt (Standard-Beispiel aus dem TeXbook: "Oh, oh!" cried Baby Sally).
In Europa wird allerdings meist lieber das sogenannte "frenchspacing" ver-
wendet, das alle Abstaende gleich laesst. Aber TeX wird ja schliesslich
nicht nur in Europa verwendet... (man kann in TeX natuerlich einstellen, ob
man frenchspacing will oder nicht)

> Die Moeglichkeiten der style-Definition gehen natuerlich ueber die Freiheiten
> bei DTP hinaus, sehe allerdings bei Non-WYSIWYG Systemen keine Moeglichkeit
> individuell einzugreifen, wenn meine Vorgaben an einer bestimmten Stelle nicht
> mehr passen, einfach aus dem Grund weil ich das Ergebnis beim Editieren 
> nicht sehe.

Die strikte Trennung von Form und Inhalt ist auch bei TeX-Benutzern nicht
unumstritten. Knuth selbst z.B. aendert seinen Text so lange, bis er auch
optisch "richtig" ist. Im allgemeinen kann man aber wohl davon ausgehen,
dass ein sorgfaeltig erstellter Style keine oder nur sehr wenige manuelle
Nachbearbeitungen erfordert. Je mehr nachgebessert werden muss, desto
schlechter war wohl das uspruengliche Design, bzw. es wurden eben einige
Faelle einfach nicht beruecksichtigt. Und da ist es wiederum vorteilhaft,
wenn man wie in TeX auch Fallunterscheidungen, komplexe Formeln etc. im
Style verwenden kann, denn dann ist es oft gar nicht mal noetig, manuell
einzugreifen.

> Den Abruf von vorgefertigten Formaten kenne ich von DTP nicht anders.

Frage am Rande: gibt es inzwischen auch DTP-Systeme, die auch die *nach-
traegliche* Aenderung des Styles erlauben? Also dass ich mit meinem
"Hausstyle" den Text eingebe, und mein Nachbar dann meinen Text ohne
Aenderung mit seinem eigenen Style formatiert?

> Ich wuerd daher die mangelhafte Qualitaet von DTP-erzeugnissen nicht
> auf das Konto "DTP an sich" schreiben.

Naja, sie wird von DTP-Systemen zumindest gefoerdert, da brauch ich mir
nur die vielen mit DTP erstellten Werbeblaetter anzuschauen, die in immer
groesserer Anzahl mit immer schlechterer Qualitaet ins Haus flattern.
In der "Prae-DTP-Zeit" war das weit weniger schlimm. Ich bezweifle
wie gesagt nicht, dass DTP in den richtigen Haenden gute Ergebnisse
hervorbringen kann. Aber das ist wohl mit fast jedem Programm so.

> Urspruenglich ging es um die These: Mit TeX ist es einfacher *automatisch*
> besseren Satz herzustellen, was ich fuer Unfug halte.
> (Ok, es war andersherum formuliert: "Mit DTP ist es einfacher *automatisch*
> schlechteren Satz erstellen" - genauso Unfug)
> 
> Zu obiger Aussage ging es mir um das Werkzeug DTP, wo ich neben den Satz-
> funktionen Ergaenzungen zu Buchfunktionen, Querverweisen, automatischer
> Inhalts-/Index- Sonstwas-Generierung habe, was gerade bei Werksatz die
> Arbeit erheblich vereinfacht.

Ich verstehe das Argument nicht ganz. Willst Du damit sagen, dass DTP wegen
der Bereitstellung von Funktionen fuer Querverweise, Inhaltsverzeichnis- und
Indexerstellung Pluspunkte beim Werksatz (gegenueber TeX) sammeln kann?

Es mag ja sein, dass heutige DTP-Programme sowas generell anbieten, weil sie
sonst keiner mehr verwenden wuerde, aber urspruenglich waren das Funktionen,
die erst in etwas fortgeschritteneren (und entsprechend teureren) DTP-
Programmen als Besonderheit gross herausgestellt wurden. Und das ist auch
verstaendlich, denn gerade die Geschichte mit Querverweisen (im weiteren Sinne,
also auch Inhaltsverzeichnisse etc.) ist bei staendiger Darstellung des fertigen
Dokumentes nicht trivial. Was passiert z.B., wenn das Inhaltsverzeichnis auf
Seite 1 durch Hinzufuegen eines neuen Kapitels so lange wird, dass es jetzt
erst auf Seite 2 aufhoert? Dann muss naemlich die bisherige Seite 2 auf die
Seite 3 geschoben werden, und so weiter. Das ist noch relativ harmlos, wenn
fuer das Inhaltsverzeichnis immer ganze Seiten verwendet werden, weil dann
nur die Seitenzahl auf den Textseiten geaendert werden muss. Was aber, wenn
z.B. in einem Artikel das Inhaltsverzeichnis dem Text einfach vorangestellt
ist, ohne Seitenumbruch dazwischen? Dann muss praktisch bei jeder neuen
Kapitelueberschrift der Seitenumbruch des kompletten Dokumentes neu durch-
gefuehrt werden. Und auch das sind noch die "gutartigen" Faelle. Es lassen
sich durchaus auch Dokumente ausdenken, bei denen der Text des Querverweises
(z.B. die Seitennummer) von der Formatierung bzw. der Position des Verweises
abhaengt. Wenns bloed laeuft, aendert sich durch die Neuformatierung der
Querverweis, weshalb wieder neu formatiert werden muss, sich der Verweis
aendert, und so weiter. Das Thema nennt sich "Document Convergence" (z.B.
in einem Artikel von Donald D. Chamberlin naeher untersucht).

Es eruebrigt sich eigentlich, darauf hinzuweisen, dass solche Querverweise
(im weiteren Sinne) von Anfang an in TeX (zumindest LaTeX) vorhanden sind,
ja sogar selbstverstaendlich sind. Und wer diesbezueglich spezielle
Wuensche hat, kann die entsprechenden Makros von TeX auch aendern und
seinen eigenen Beduerfnissen anpassen, z.B. Bibliographien in jedem Kapitel
(auch ein "Querverweis im weiteren Sinne", ich weiss gar nicht, ob sowas
von DTP-Systemen ueberhaupt angeboten wird), differenzierte Stichwortver-
zeichnisse, die z.B. zwischen Erwaehnung und Definition eines Wortes unter-
scheiden, usw.

Zum grundlegenden Unterschied zwischen "direct manipulation" Systemen
wie DTP und dem "source language model", wie es z.B. in TeX verwirklicht
wird, hat Pehong Chen an der Berkeley Universitaet eine sehr interessante
Dissertation geschrieben, in der er diese Unterschiede deutlich macht und
als Folgerung ein System beschreibt (VorTeX), das das Beste aus beiden
Welten vereinigt ("A Multiple-Representation Paradigm for Document Develop-
ment"):

      A complete document development process involves a number of subtasks
   ranging from authoring, reading, filing, to printing. There are certain
   aspects of document development that are best-suited to a source-language
   approach while others are easier to deal with using direct-manipulation
   techniques. A hybrid paradigm combining the best of both approaches
   seems most desirable. In such a hybrid system, a document has at least
   two representations: a *source* representation with embedded commands
   that yields flexible high-level abstractions, and a *target* represen-
   tation displaying an object's final appearance that gives precise
   placement and orientation in response to direct manipulations.

Der Unterschied ist vielleicht etwas leichter in Grafik-Systemen zu sehen:
bestimmte grafische Elemente (z.B. eine Comic-Figur) sind auf jeden Fall
einfacher mit der Maus zu zeichnen als per Programmiersprache (grafische
Befehle). Andererseits sind viele regelmaessige Figuren einfacher und vor
allem exakter algorithmisch zu definieren. Wenn ich z.B. fuenf Rechtecke
in Kreisform um ein mittleres Rechteck anordnen will, dann hab ich erheblich
zu kaempfen, wenn ich das allein mit der Maus erledigen muss. Hab ich dagegen
die Moeglichkeit, ein kleines Prograemmchen zu schreiben, dann ist diese
Aufgabe relativ einfach (z.B. mit Turtle-Grafik: fuenf Vektoren, jeweils
um 360/5 = 72 Grad versetzt, bestimmen die Mittelpunkte der Rechtecke).

-- 
Lutz Birkhahn (Germany)   email: lutz@bisun.nbg.sub.org (don't use another!)
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