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Article #420Der PC-Troedelfaktor
From: Matthias Zepf
Date: Mon, 25 Jan 1993 15:26
Date: Mon, 25 Jan 1993 15:26
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Produktivität
Maßlos unterschätzt: Der PC-Trödelfaktor
Amerikanische Studien zeigen: Computer verführen zur Unproduktivität bei
der Arbeit
»Computer sind die reinste Vernichtung von Arbeitszeit«, wettert Ulrich
Schmidbauer, Inhaber einer Münchner PR-Agentur. Seine Begründung: »Jeden
Quatsch, den man mit einem kurzen Anruf erledigt hätte, verschickt man
jetzt als e-mail oder als Memo«. Schmidbauers private Erkenntnisse decken
sich nahtlos mit den Ergebnissen einer Studie des amerikansichen Arbeits-
ministeriums. Danach stieg die Produktivität der Büroarbeit seit der Ein-
führung von Computern jährlich nur um 0,8 Prozent - weit unter dem Durch-
schnitt aller Industriezweige von 3,5 Prozent. Im Klartext: amerikanische
Firmen und Behörden haben durch den Einsatz von Computern an Produktivität
verloren.
Präziser beleuchtet dieses überraschende Phänomen die Studie der kalifor-
nischen Softwarefirma SBT Accounting Systems. Unter dem Titel »Der PC-
Trödelfaktor« (The PC Futz Factor) kam SBT auf einen jährlichen Gesamt-
schaden für amerikanische Firmen von 100 Millionen US-Dollar oder fast
zwei Prozent des Bruttosozialprodukts - in Form von Zeit, die am Computer
vertrödelt wird. Nach dieser Studie verbringen Computerbenutzer im Schnitt
5,1 Stunden pro Woche mit unproduktiven Tätigkeiten. Hauptschuldige laut
SBT:
- Warten auf Ergebnisse (19 Prozent der vertanen Zeit),
- Helfen bei Problemen der Kollegen (16 Prozent),
- Überprüfen der Ergebnisse (17 Prozent) und
- Lernen von Software (12 Prozent).
Wolfgang Schröder, Geschäftsführer des Softwareherstellers Borland, hat
den Schuldigen schon aufgemacht: Microsofts millionenfach verkauftes Pro-
gramm »,Windows' kann dazu beitragen, daß die Produktivität nachläßt.«
Selbst der angeblich größte Vorteil von Windows, das einheitliche Er-
scheinungsbild unterschiedlicher Programme, ist laut Schröder nur Bluff:
»Da wird eine Homogenität vorgegaukelt, die es nicht gibt.«
Gregory Gordon, bei Microsoft zuständig für die Anwendersoftware, ver-
teidigt sich nur lahm: Er verspricht bis Ende 1993 Programme, die noch
mehr Aufgaben automatisch übernehmen: »Warum soll der Benutzer sich Ge-
danken machen, wie er einen Brief formatiert, wenn der Computer das über-
nehmen kann?«
Die Benutzer plagen andere Probleme. So erklärt Andreas Gretsch, Anwender-
berater bei der Deutschen Bundesbahn, die Software sei »schon heute über-
laden, 90 Prozent der Leute nutzen doch höchstens zehn Prozent der einge-
bauten Funktionen.«
Gordon dagegen zweifelt an der Zuverlässigkeit der amerikanischen Studien:
»Man muß doch auch die Qualität der Arbeit berücksichtigen.« Und die habe
sich dank der Hilfe von Computern enorm verbessert: »Vieles könnte man
ohne Computer heute gar nicht mehr machen.« Dem hält das amerikanische
Branchenblatt »Computerworld« nur trocken entgegen: »Computer machen oft
mehr Arbeit statt sie zu vereinfachen.«
Da paßt es ins Bild, daß die Studie des US-Arbeitsministeriums zum Ergeb-
nis kommt: »Wir fanden überraschend wenig Belege dafür, daß High-Tech-
Investitionen einen positiven Einfluß auf die Produktivität hatten.« Währenddessen wollen andere schon wieder einen Schritt weiter: So meint
Apple-Chef Gerhard Jörg, in der Fähigkeit zur Teamarbeit seiner Macintosh-
Computer »einen wesentlichen Beitrag zur Erhöhung der Produktivität« er-
kennen zu können.
Besonders die mangelhafte Zuverlässigkeit von Computern kritisierte der
Weltkonzern 3M: Etwa ein Drittel aller Computeranwender verlieren min-
destens einmal im Jahr wichtige Daten durch Computerfehler. 24 Millionen
Arbeitstage werden laut einer 3M-Studie allein in den USA dafür aufge-
wendet, diese Daten zu restaurieren.
»Wenn Ihnen ein Programm abstürzt und nimmt dabei alle anderen Programme
und deren Daten mit, dann stehen Sie dumm da,« bestätigt auch Herbert
Kahl, bei IBM Deutschland zuständig für PCs. Und er fügt ausdrücklich
hinzu, wem dieser Seitenhieb gilt: »Bei (den Microsoft-Produkten) DOS und
Windows kann Ihnen das doch ständig passieren.« Damit laufen derzeit über
90 Prozent aller in Deutschland verkauften Personal Computer.
Microsofts Gordon redet denn auch nicht lang um den heißen Brei: »Damit
haben wir noch ein Problem: Selbst mit stürzt Windows einmal pro Woche
ab.« Gordon macht kein Geheimnis daraus, daß man bei Microsoft mit den
eigenen Produkten keineswegs zufrieden ist: »DOS ist eine veraltete Tech-
nologie und Windows muß erst noch die nötige Betriebssicherheit erreichen«
- die der Konkurrent OS/2 von IBM laut Gordon heute schon hat: »Wir wollen
die gleiche Stabilität erreichen, aber da steckt noch Arbeit drin.«
Mittlerweile setzt Computeranwender Schmidbauer noch eins drauf: »Es ist
eine Frechheit, wenn ich erst das Betriebssystem meines Computers be-
herrschen muß, bevor ich arbeiten kann. Schließlich will ich nicht erst
wissen, wie das Ventilspiel meines Autos funktioniert, bevor ich mich ans
Steuer setze.«
Gregory Gordon, Manager Anwendersoftware Microsoft: »Man muß doch auch die
Qualität der Arbeit berücksichten.«
Hermann Stehlik, Lotus, Marketing Director Central Europe: »Neue Techno-
logien helfen die Produktivität zu erhöhen - Lotus arbeitet daran.«
Wolfgang Schröder, Geschäftsführer bei Borland, Langen: »Windows kann dazu
beitragen, daß die Produktivität nachläßt.«
Gerhard Jörg, Geschäftführer, Apple Computer, Deutschland: »Die Fähigkeit
zur Teamarbeit trägt wesentlich zur Produktivität bei.«
Klaus Kemmler, Leiter Technologiezentrum Digital Equipement: »Daran ist in
erster Linie dieses unsägliche MS-DOS schuld.«
Quelle: FOCUS Nr. 4, 25.1.93, Seite 92
P.S.: Keine Garantie für Tippfehler.
PS/2: Na, Herr Schmidbauer, hätten Sie sich eben einen richtigen Computer
gekauft!
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