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1 total messages Started by Christoph Eckert Mon, 27 Jul 1992 18:54
FITNUS Nr.25 (17.Juli'92)
#56
Author: Christoph Eckert
Date: Mon, 27 Jul 1992 18:54
304 lines
15930 bytes
Newsgroups: srg.ticker
Subject: FITNUS: 25 / 92
Date: 22 Jul 92 06:53:27 GMT
Distribution: srg
Organization: Schweizer Radio und Fernsehen (SRG)

******************************************************
 FITNUS
 Fachinformations- & Informationstechnologie-
 Nachrichten aus den USA
 Redaktion: GMD-Korrespondent Michael Pieper
 (Fax: 001-301-299-1162; E-mail: michael.pieper@gmd.de)
******************************************************
 * FITNUS * Nr. 25 * 17. Juli 1992 *
*
 1. "OSF/1-1.1" - NEUES BETRIEBSSYSTEM DER "OPEN SOFTWARE
FOUNDATION":
 Fuer internationales Aufsehen sorgt in Fachkreisen die von
der "Open Software Foundation" (OSF) in einer
Presseerklaerung vom 23. Juni bekantgegebene Vermarktung der
neuen Betriebssystemversion "OSF/1 - Release 1.1".
 "Dieses neues OSF/1-Release", so OSF-Geschaeftsfuehrer
David Tory, "unterstreicht die Verpflichtung der OSF zur
Weiterentwicklung des Betriebssystems OSF/1 zu einem
kommerzialisierbaren Produkt. OSF/1-1.1 bietet die robuste
und kompatible Plattform, die von Endbenutzern fuer offene
Systemumgebungen verlangt wird." Nach Angaben der "Open
Software Foundation" bietet OSF/1-1.1 folgende
Verbesserungen:
- Fortgeschrittene Internationalisierung:
 Anwendungsentwickler werden in die Lage versetzt,
Softwaremaerkte auf der ganzen Welt zu erreichen, ohne
Anwendungscodes fuer Benutzerschnittstellen an
unterschiedliche Landessprachen anpassen zu muessen.
Erweiterte UNIX-codes (EUC) unterstuetzen auch Fremdsprachen
wie "koreanisch", "chinesisch" und "japanisch". Zusaetzlich
wird Konformitaet mit dem X/Open XPG4
Standardisierungsentwurf fuer "wide-character interfaces"
angeboten.
- Verbesserte Skalierbarkeit:
 OSF/1-1.1 laueft bereits auf Systemen mit nicht mehr als 4
MByte Arbeitsspeicher. Dabei werden die bereits in der
Vorgaengerversion angelegten dynamischen
Konfigurationstechnologien angewendet, die wesentliche
Subsysteme, wie z.B NFS, TCP/IP oder einen "System V file"
waehrend des Betriebs von OSF/1 nach- bzw. zurueckladen.
- Kompatibilitaet mit SVID-3:
 Applikationen fuer "System V, Release 4" (SVID-3 ist die
Spezifiaktion fuer dieses UNIX-System) sind auf OSF/1-1.1
portierbar. Release 1.1 unterstuetzt SVID-3 Kompatibilitaet
fuer Basis- und Kernerweiterungen, darunter eine SVID-3
kompatible STREAMS-Implementation.
- Performance-Verbesserungen:
 Inbesondere im "Virtual-Memory Bereich", fuer NFS und den
"Loader" sollen eindrucksvolle Performance-Verbesserungen
angeboten werden.
- Beruecksichtigung wichtiger Standards:
 OSF/1 wird in Uebereinstimmung mit wichtigen nationalen -
und internationalen Standards und weithin akzeptierten
Industriestandards weiterentwickelt. So ist OSF/1
beispielsweise voll kompatibel mit POSIX 1003.1 - 1990, ANSI
C und XPG3. Darueberhinaus ist Release 1.1 auf die
Standardisierungsentwuerfe POSIX 1003.2 fuer Kommandos und
Utilities, 1003.4a fuer Pthreads und 1003.6, dem
Sicherheitsstandard, abgestellt.
 OSF/1, so die "Open Software Foundation" wird eweiterhin
auf "symmetrisches Multiprocessing" und auf neueste Features
aus dem Bereich der Datensicherheit abgestellt werden.
 Parallel zur Weiterentwicklung des gesamten Betriebssystems
wird am "OSF Research Institute" weiterhin an der "OSF/1
Microkernel Technology" gearbeitet, die OSF/1-Lizenznehmern
ab sofort als "Snapshot" zur Verfuegung gestellt wird.
 Das Band mit dem OSF/1-Release 1.1 enthaelt drei
Referenzimplementationen fuer die 80386-basierte Intel 302
Architektur, die MIPS-basierte DECstation 3100 und Encore
Multimax.
 Auf unmittelbare Rueckfragen zum Stellenwert des neuen
Betriebssystems, das in seiner Basisversion (OSF/1-1.0)
erstmalig im Oktober 1990 vorgestellt wurde, reagierte die
OSF-Zentrale in Cambridge (Mass.) zum Teil ausweichend.
 Vermutungen, dass es sich bei der neuen Version OSF/1-1.1
moeglicherweise nur um eine Ansammlung weiterer "Snapshots"
handelt, wurden unter Verweis auf das gaengige
Begriffsverstaendnis dieser, unter Softwareentwicklern
gaengigen Wortschoepfung, zurueckgewiesen. OSF/1-1.1 sei ein
komplettes Betriebssystem oder - in anderen Worten - "ein
vollstaendiges "Release" des Betriebssystems OSF/1".
"Snapshots" bezoegen sich lediglich auf eingegrenzte
Quellcodemodifikationen, die von Lizenznehmern in
Vorwegnahme umfangreicherer Weiterentwicklungen vorgenommen
wuerden.
 Als "General-Purpose Operating System" koenne OSF/1-1.1 von
vielen Anbietern auf unterschiedliche Hardwarearchitekturen
aufgesetzt werden (s.o.). Keinesfalls handele es sich um
eine ausschliesslich proprietaere Loesung. Portierungen fuer
Referenzapplikationen, die unter OSF/1 -1.1 lauffaehig
seien, stuenden ebenfalls bereits zur Verfuegung.
Wahrscheinlich handelt es sich dabei um die bereits
erwaehnten SVID-3 kompatiblen Applikationen fuer "System V,
Release 4". Weitergehende Angaben machte die OSF nicht.
 Fragen, ob das aktuelle Selbstverstaendnis der OSF nunmehr
eher das eines Betriebssystemanbieters unter anderen
Anbietern sei, oder ob sich die OSF weiterhin als
Industiekonsortium im Breich der Technologie-Entwicklung
fuer offene Systeme verstehe, beantwortete die OSF mit dem
Verweis auf die 1988 formulierte "OSF-Mission". Im Mai 1988
sei die OSF "mit dem erklaerten Ziel gegruendet worden,
softwaretechnologische Kerne fuer "offene Systeme" zu
entwickeln, um sie kommerziell zu fairen und vernuenftigen
Bedingungen anzubieten."
 Der konkreteste, auf entsprechende Nachfragen gegebene
Hinweis bezieht sich auf die fuer OSF/1-1.1 zur Verfuegung
stehenden Entwicklungssysteme. OSF/1 werde mit dem "gcc-
Compiler" der "Free Software Foundation" ausgeliefert.
Darueber hinaus koenne in Zusammenhang mit OSF/1 jeder ANSI
C-Compiler fuer Entwicklungsvorhaben eingesetzt werden.
 Eine OSF/1-1.1 Quellcodelizenz kostet mit vollen
Verwertungsrechten $85.000 und ohne diese Verwertungsrechte
$60.000. Fuer bisherige Lizenznehmer sind Upgrades vom
Release 1.0 auf die neue Version 1.1 fuer $25.000
erhaeltlich. Lizenzen fuer den Einsatz von OSF/1-1.1 an
universitaeren Forschungseinrichtungen werden fuer $5.000
vergeben
(FITNUS 25-1)
*
 2. FLASH-CHIPS UND 256-MEGABIT D-RAMS - "AMD/FUJITSU" UND
"IBM/TOSHIBA/SIEMENS" BILDEN EINFLUSSREICHE
HALBLEITERKONSORTIEN:
 Vergangenen Dienstag (13. Juli) wurde bekannt, dass auch
die Siemens AG in ein Joint-Venture zwischen IBM und Toshiba
eingebunden werden soll. Ob es sich bei diesem
Dreierkonsortium um eine Erweiterung der bereits am 20. Juni
bekannt gewordenen IBM/Toshiba-Allianz zur Entwicklung
nichtfluechtiger "Flash-Memories" handelt (vgl. FITNUS24-4),
ist bislang unklar (FITNUS 25-2). Auf einer IBM-
Pressekonferenz in New York, die simultan in die
Unternehmenszentralen der Konsortialpartner in Muenchen und
Tokyo uebertragen wurde, verlautete lediglich, das
Dreierkonsortium wolle sich der gemeinsamen Entwicklung
eines 256-Megabit Speicherchips widmen, der bis zum Ende
dieses Jahrzehnts zur Marktreife gebracht werden soll. IBM
und Siemens produzieren bereits gemeinsam einen 16-Megabit
Chip. Eine 64-Megabit Version ist in der Entwicklung.
 Das jetzt zwischen IBM, Toshiba und Siemens vereinbarte
Forschungs- und Entwicklungsvorhaben soll von
Halbleiteringenieueren aus allen drei Unternehmen im IBM-
Forschungszentrum "East Fishkill", 70 Meilen noerdlich von
New York durchgefuehrt werden. Der 256-Megabit Chip soll auf
Schaltverbindungen mit einer Staerke von lediglich 1/4
Mikron aufsetzen. Als Entwicklungsinvestitionen fuer dieses
VLSI-Design sind ueber $1 Mrd. vorgesehen.
 Investitionen in Hoehe von insgesamt $700 Mio. wollen zu
gleichen Teilen die "Advanced Micro Devices Inc." (AMD) und
Fujitsu fuer die Errichtung einer Entwicklungs- und
Produktionstaette in Japan aufwenden, in der nichtfluechtige
Flash-Chips hergestellt werden sollen. AMD gilt bereits als
US-Marktfuehrer fuer diese zukunftstraechtige
Speichertechnologie. Zusaetzlich soll in dieser
Produktionsstaette bis Ende 1994 die Produktion sog. EPROMs
("Erasable Porgrammable Read-Only Memory") aufgenommen
werden.
 Kommt auch dieses Joint-Venture zustande, konterkarrieren
zwei weitere einflussreiche Konsortien der
Halbleiterindustrie die vor allem im konservativen Lager -
z.B. hinsichtlich der Einrichtung einer nordamerikanische
Freihandelszone zwischen Kanada, den USA und Mexiko - immer
wieder diskutierte und teilweise auch bereits implementierte
isolationistische Perspektive der US-Handelspolitik.
 Hikotaro Masunaga, Mitglied der Geschaeftsfuehrung von
Fujitsu, kritisiert diese Perspektive. Der High-Tech Bereich
der Halbleiterindustrie sei so kostenintensiv, dass es in
dieser Branche selbst fuer Unternehmen mit Weltgeltung
zunehmend schwieriger werde, die Kapitalausstattung fuer
entsprechende Produktionsstaetten alleine aufzubringen.
(FITNUS 25-2)
*
 3. TECHNOLOGIE-, WETTBEWERBS- UND HANDELSPOLITISCHE
AKZENTE IM US-PRAESIDENTSCHAFTSWAHLKAMPF:
- Demokraten:
 Unter technologie- wettbewerbs- und umweltpolitischen
Gesichtspunkten ist der letzte Woche vom demokratischen
Praesidentschaftkandidaten Bill Clinton als Vizepraesident
vorgeschlagene Sen. Al Gore kein Unbekannter. Sein im Jan.
bei Houghton/Mifflin erschienenes Buch "Earth and Balance -
Ecology and Human Spirit" rangierte schon vor seiner
Nominierung als US-Vizepraesidentschaftskandidat auf Platz 8
der amerikanischen Bestsellerliste fuer Sachbuecher.
 Gore, der dem "Science, Technology and Space Subcommitte"
des "Senate Committee on Science, Technology and
Transportation" vorsitzt, gilt als herausragender Umwelt-
und Technologiepolitiker. Er hat sich insbesondere auch um
den High-Tech Bereich der US-Informationstechnologie
verdient gemacht.
 Im Fruehjahr 1991 konterte er in einer entsprechenden
Anhoerung des Senatskomitees fuer "Science, Technology and
Transportation" eine Feststellung des "Department of
Defense" (DOD). Das DOD machte damals geltend, es wuerde
sich, obwohl die Gefahr bestuende, diesen F&E-Bereich an
Japan zu verlieren - das sich erst seit ein paar Jahren mit
diesem Gebiet beschaeftigt - schon seit Mitte der sechziger
Jahre mit "Virtual Reality" befassen. Dies, so seinerzeit
Gore, koenne keine Kritik an Japan sein, sondern wieder mal
ein Ausdruck dessen, dass es den Amerikanern oft nicht
gelaenge, vielversprechende Technologien in Produkte
umzusetzen. Einzelne japanische Grossunternehmen
investierten mehr in "Virtual Reality" als die USA insgesamt
(vgl. FITNUS19-4 Ue1991Ae).
 Sen. Gore spielte ebenfalls eine entscheidende Rolle bei
der Durchsetzung von oeffentlichen Foerdermitteln fuer die
"National High Performance Computing and Communication
Initiative (HPCC)" .
 In der Auseinandersetzung, welcher Regierungseinrichtung
die Federfuehrung bei der Durchfuehrung der HPCC-Initiative
uebertragen werden sollte, vertrat Gore im Gegensatz zu
Senator J. Bennett Johnston (D-Louisiana) die Auffassung,
die zivile "National Science Foundation" (NSF) mit dem
Management dieses F&E-Vorhabens zu betrauen. Als
Vorsitzender des "Senate Energy and Natural Resources
Committee" favorisiert Johnston das "Department of Energy
(DOE)". Das DOE, so Johnston, benutze seit langem
Supercomputer fuer das Design von Nuklearwaffen, sei der
weltgroesste Einzelnutzer derartiger Rechner und von daher
am besten fuer die Programmkoordination qualifiziert.
 Sen. Gore konterte seinerzeit, dass die NSF mit dem sog.
NSFnet bereits ein Computernetz mit zugegebenermassen
begrenzterer Kapazitaet als im Rahmen der HPCC-Initiative
vorgesehen betreibt. Die daraus resultierenden Erfahrungen
und die langjaehrigen Verbindungen der NSF zu den in die
HPCC-Initiative einzubindenden Universitaeten machten die
NSF daher zum "logischen Kandidaten" fuer die Federfuehrung
des Gesamtprogramms. Darueber hinaus unterlaege die NSF
weitaus weniger Geheimhaltungsvorschriften, was die HPCC-
Beteiligung privater Unternehmen erleichtere, die fuer den
Erfolg der Initiative unerlaesslich sei.
Zusaetzlich legte sich Gore mit der Bush-Administration
selbst an. Die Regierungsauffassung, die Durchfuehrung der
HPCC-Initiative beduerfe keiner weiteren
haushaltsgesetzlichen Absicherung durch den Kongress,
provozierte den Senator zum Widerspruch. "Wir alle moechten
ein deutliches Signal fuer die Privatwirtschaft und
jedermann sonst setzen, dass dies nicht nur eine
Einjahresveranstaltung ist. Interessierte Investoren koennen
entsprechende Investitionen im Vertrauen darauf taetigen,
dass die Durchfuehrung der HPCC-Initiative ein
laengerfristiges Unternehmen von der Art ist, wie es nur der
US-Kongress zusichern kann." (vgl. FITNUS 28-1 Ue1991Ae)
 Im September 1991 wurde ein Kompromiss bezueglich des
Projektmanagements fuer die HPCC-Initiative geschlossen. Ein
wesentlicher Teil der oeffentlichen Foerdermittel wurde, wie
von Gore verlangt, der NSF zugewiesen. Die generelle
Verantwortung und Kontrolle obliegt jedoch dem "Office of
Science and Technology Policy" des Praesidenten (vgl. FITNUS
37-1 Ue1991Ae).
 In den spaeten Abendstunden seines letzten Sitzungstages
vor den Weihnachtsferien verabschiedete der US-Kongress das
Haushaltsgesetz zur Foerderung der "National High
Performance Computing and Communications Initiative" (HPCC)
. Praesident Bush unterzeichnete das Gesetz, dass die
Bereitstellung entsprechender Foerdermittel in Hoehe von
zunaechst $ 638 Mio fuer das Haushaltsjahr 1992 vorsieht, am
9. 12. 1991. Die Unterzeichnung dieser in Fachkreisen mit
aussergewoehnlich grossem Interesse diskutierten,
technologieorientierten Gesetzesinitiative wurde seinerzeit
vermutlich deshalb vergleichsweise lautlos, ohne begleitende
Pressekonferenz vollzogen, weil sie massgeblich von dem
demokratischen Senator Al Gore unterstuetzt wurde, dem der
Republikaner Bush keinen weiteren Publicityerfolg
ermoeglichen wollte.
- Unabhaengige:
 Waehrend der Abfassung dieser FITNUS-Meldung (16. Juli)
verlautet ueber den Kabelkanal CNN, Ross Perot, der
unababhaengige, bislang unerklaerte Kandidat um die US-
Praesidentschaft habe seine Wahl-Kampagne eingestellt. Noch
vor zwei Wochen kritisierte er die US-Aussenhandelspolitik
gegenueber Japan, der EG und der deutschen
Automobilindustrie in einem Interview mit dem
Starjournalisten Peter Jennings vom Fernsehsender ABC mit
einem metaphorischen Verweis auf das Tennisspiel - Auch wenn
andere besser sind und gewinnen, wuerde kein Tennisprofi dem
naechsten Spiel ausweichen, sondern entsprechend trainieren!
(FITNUS 25-3)
*
 * FITNUS * Nr. 25 * 17. Juli 1992 *

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