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Article #868

Erfahrungsbericht: Ostwind und VVV im Alltagstest

#868
From: Michael Oberseider
Date: Mon, 21 Oct 2002 13:01
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Hallo zusammen,

ich hatte drei Monate Zeit um zwei Verkehrsverb�nde im
Alltagsbetrieb zu testen. Nachdem ich langsam Beitr�ge nach
dem Motto �woanders ist das Gras gr�ner� in der deb* nicht
mehr lesen kann, habe ich mich entschlossen, mal einen
kleinen Erfahrungsbericht  zu schreiben. Wegen starken
�sterreichbezugs habe ich auch avb mitreingenommen, jedoch
fup2 debm gesetzt.

Ostwind:
Ist der Name des Verkehrsverundes der Ostschweiz. Es ist
kein Verkehrsverbund wie der VGN oder der MVV, da es keine
Einzelbillette gibt, sondern nur Abonnemente � also
Zeitkarten � und Tageskarten. Das Preisniveau ist �brigens
sehr hoch, insbesondere wenn man zu ganzen Preis f�hrt. Die
Zweiteilung der Bev�lkerung in Abonnement- und
Halbtaxbesitzern und dem nicht �V-benutzenden Rest war
besonders deutlich zu sp�ren � der Mindestfahrpreis ganzes
Billett betr�gt CHF 4.-. Diese hohen Preise sind selbst im
hohen Preisniveau der Schweiz abschreckend. Anmerken m�chte
ich auch noch, dass Nahverkehrsbetriebe, die das Halbtax
nicht anrechnen, g�nstigere Grundfahrpreise haben. Was ich
auch erschreckend fand war, dass eine durchgehendes Billett
vom Bus auf Zug nicht m�glich war, da ich aber nun weiss,
dass es sich hier nur um einen Zeitkartenverbund handelt,
ist mir das ganze erkl�rlich.
Der Grundtakt des Systems betr�gt eine Stunde, auch f�r
Busse, in entlegenere Gebiete gibt es auch d�nnere Takte
oder nur einzelne Fahrten. Auch bei der Bahn ist der
Grundtakt eine Stunde, besonders nachteilig wirkt sich aus,
dass es auf der Rheintallinie keinen Nahverkehr mehr gibt,
und dass die Appenzeller Bahn nicht mehr den Bahnhof
Altst�tten anf�hrt. W�hrend die Z�ge gut besetzt sind,
beschr�nkt sich die Besetzung der �berlandbusse eher auf
captive riders. Aufgefallen ist mir auch, dass die
Strassenverh�ltnisse in der Schweiz deutlich schlechter
sind, insbesondere das nachgeordnete Strassennetz nach den
Autobahnen. Die Durchschnittsreisegeschwindigkeit auf einer
Landstrasse ist deutlich geringer. Solch grosse Strassen wie
etwa die Bundesstrassen 279, 470 oder 505 in Deutschland,
auf denen das Fahren so Spass macht, habe ich v�llig
vermisst.

VVV:
Ist der Verkehrsverbund in Vorarlberg. Die Hauptachse in
diesem System ist die Strecke von Bregenz nach Bludenz. Sie
ist durchgehend zweigleisig und im Gegensatz zur
eingleisigen schweizer Rheintallinie kreuzungsfrei
ausgebaut. Der Grundtakt betr�gt eine halbe Stunde, an
Wochenenden eine Stunde. Dazwischen fahren noch einige
Eilz�ge zur Verst�rkung. Die Anbindung an den Rest
�sterreichs erfolgt durch die ECs �ber den Arlberg, wobei
die Auflassung des Nahverkehrs auf der Arlbergwestrampe
durchaus nachvollziehbar ist, denn dieses Gebiet ist nur
d�nn besiedelt � Der Takt der Buslinie Bludenz � Langen ist
erheblich d�nner als der Vorarlberger Durchschnitt . Die
Vielen Halte zwischen Bregenz und Bludenz sind durchaus
gerechtfertigt, da der �berregionale Fernverkehr Richtung
Deutschland nur eine geringe Rolle spielt. Die Vorteile der
schnelleren Erreichbarkeit der Z�ge �berwiegen den
Nachteilen der geringf�gig l�ngeren Fahrzeit durch
zus�tzliche Halte. Auch auf der Montafoner Bahn betr�gt der
Grundtakt eine halbe Stunde, ebenso verkehren viele
Buslinien zumindest an Werktagen im Halbstundentakt. Trotz
des dichten Angebots sind auch hier die Busse �berwiegend
mit captive riders besetzt.
Der Mindestfahrpreis betr�gt 1 Euro, es gibt 1 Fahrschein
f�r alle Verkehrsmittel. Die Vorteilscard wird grunds�tzlich
nicht anerkannt, nur Besitzer der VC Senior erhalten 30%
Erm�ssigung. Eigentlich ist die Nichtanerkennung der VC ganz
g�nstig, denn dadurch k�nnen die Grundpreise niedrig
gehalten werden. Und so gross ist das Verkehrsbed�rfnis nach
Rest�sterreich nicht, so dass sich f�r jeden gleich die
Vorteilscard lohnen w�rde. Anmerken m�chte ich auch noch,
dass am 1. Juni ein v�llig neues Tarifsystem eingef�hrt
wurde. Besonders mangelhaft habe ich auch empfunden, dass
nach wie vor kein Fahrkartenautomat in Betrieb war, so dass
man immer noch die 10% Schalterzuschlag bezahlen muss.

Fazit:
Im Gegensatz zu vielen Eisenbahnfreunden bin ich
mittlerweile nicht mehr der �berzeugung, dass im Schweizer
�PNV alles aus �Gold� ist. Insbesondere, wenn man ein System
nicht im Alltagsbetrieb erlebt hat, �bersieht man viele
Schw�chen. Denn wenn man Strecken nur in der Freizeit und
vielleicht sogar nur zum Selbstzweck bef�hrt, sucht man sich
h�ufig Verbindungen, die ideal funktionieren. Aber es gibt
auch Verbindungen, die sehr umst�ndlich und zeitintensiv
sind, wie etwa von Appenzell nach Buchs (SG). Dass das dem
bahnaffinen Touristen nicht auff�llt ist nicht
verwunderlich, denn in Deutschland w�rde ja auch niemand
freiwillig von Rentweinsdorf (KBS 826) nach Dietersheim (KBS
806) mit der Bahn fahren um nur ein Beispiel zu nennen.
Erw�hnen m�chte ich auch, dass das Leistungs- und
Serviceniveau der �BB im Europ�ischen Vergleich der Bahnen
eher im oberen  Bereich anzusiedeln ist. Darauf sollten sich
die �BB jedoch nicht ausruhen, sondern vielmehr als Ansporn
zur Leistungssteigerung nehmen. Zumindest in der Grenzregion
konnte man neidische Blicke aus der Schweiz Richtung
Vorarlberg werfen.
Manche �sterreicher m�gen das bestreiten, aber ich habe
mittlerweile ohnehin den Eindruck gewonnen, das viele sehr
gerne auf die eigene Bahn schimpfen � weil man als
Vielfahrer nat�rlich den meisten �rger hat.

Gruss, Michael
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