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Article #325

Netzaudio: langsamer, besser, billiger

#325
From: Wau Holland
Date: Mon, 11 Aug 1997 00:00
88 lines
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/emp 10.08.97 - GEZ-Gebuehrenpflicht fuer PCs ohne Lautsprecher
(denn Bruellwuerfel koennen "leicht" installiert werden) ist ein
Sommerlochknaller 1997. Der Entwurf stammt aus einer undichten
Schublade des SDR und sorgte fuer Aufregung. Dabei ist der Entwurf
haltlos, weil Audiodienste im Internet zwar alles moegliche sein
koennen, nur kein Rundfunk im Sinne der juristischen Definition
desselben.

Aber Vorsicht: mit Gesetzen ist vieles moeglich. So wurde im
Wahlgesetz festgelegt, dass die Stimmzettel in _viereckige_ Urnen
geworfen werden muessen. Ein Mathematiker klagte gegen das Gesetz.
Da die Abgeordneten bis drei zaehlen konnten, wurde anschliessend
eine Neuinterpretation der Zahl vier noetig und es wurde festgelegt,
dass auch achteckige Kaesten als Urnen im Sinne des Viereck-Gesetzes
zu betrachten sind. Alles ist halt Anschauungssache...

Bei der Definition von "Rundfunk" waere fuer das Internet eine
"Abrundung" des Begriffes moeglich. Diese verdient Widerspruch.
Festzustellen bleibt derzeit, dass die oeffentlich-rechtlichen
Sender bei der Versorgung derzeit nicht einmal naeherungsweise
"Rundfunk" liefern, sondern hoechstens ein paar Bits gemaechlich
bis an die naechste Ecke karren lassen. Und im Unterschied zu
den frei rumduesenden Funkwellen zahlt auch noch der Empfaenger
fuer den Transport; entweder pauschal oder Bit fuer Bit.

Derzeit reicht die Kapazitaet von "Bayern5" gerade einmal fuer
den gleichzeitigen Zugriff von 200 "Netzhoerern". Die Zahl ist
interessant, denn jeder sogenannte "Fuellsender", wie es sie in
bergigem Gelaende zur Versorgung abgelegener Doerfer gibt, hat
eine hoehere technische Reichweite als ein "nationaler" Server,
der - als Landesmedium - "nur" fuer Bayern zustaendig sein darf.

Bei einem Netzzugang ueber "Pseudo-Provider" wie metronet kommen
noch ganz andere Probleme hinzu und der Versuch, am Internet
"Radio" zu hoeren, scheitert in der Regel klaeglich. Die Audiobits
beim Versuch, mit einem 16 MHz 386er eine Multimedia-CD mit Film
zu betrachten, "ruckeln" weniger als etwas "Bayern5" per Modem.

Die "Radio"-Nutzung am Internet laesst sich am ehesten vergleichen
mit dem  Abholen einer digitalen Tonkonserve, die zeitversetzt und
zerhackt geliefert wird.

Die juristische Bedeutung von Verzoegerungen ist aus anderen
Bereichen bekannt. So sind manche Scannertreiber deshalb
"langsam" programmiert, weil der Lieferant die Abgabe von
Urheberrechtsgebuehren umgehen will.
Und beim Monopolbereich des Telefons haben die Anbieter von
Mehrwertdiensten (z.B. Dialoge bei 0190er Systemen) die Sprache
digital gespeichert und verzoegert wiedergegeben.
Denn durch diese Verzoegerung waren "Echtzeitdialoge" nicht
moeglich und das Telefonmonopol wurde nicht verletzt.

Der Sommerlochknaller "Rundfunkgebuehr fuer PC ohne
Lautsprecher" ist jedoch durchaus ernst gemeint und der
SDR mit dem Gesetzentwurf in der Schublade an der Spitze.

Der falsche Weg ist es jedoch, zum Boykott von Internet-Radios
aufzurufen. Denn in der Konsequenz foerdert die Idee, beim
Provider Netzzugaenge zu derartigen Internet-Angeboten zu
sperren, auf diesem Umweg die Netzzensur. Denn erforderlich
ist das, was in Singapur freundlicher formuliert als "large
scale content management" bekannt ist und das auch nicht
funktioniert.

Frei nach dem Motto von Walter Ulbricht "Ueberholen ohne
einzuholen" kann man den SDR-Juristen mit Langsamkeit
in die Quere kommen. So ist es denkbar, die Auslieferung
von Audio-Bits beim Provider um etwa eine Sekunde zu verzoegern.
Das reicht aus zur Abschaffung des "Rundfunks" im Sinne der
gesetzlichen Definition.
Auch wenn die Anstalten sich Riesenserver hinstellen, um die
derzeitige techische Reichweite so zu steigern, dass mehr
Teilnehmer in der BRD zugleich erreicht werden koennen als mit
jeder kleinen doerflichen Gemeinschaftsantennenanlage, sorgt
die Verzoegerung dafuer, dass kein Rundfunk stattfindet;
dafuer ist das Internet ungeeignet.

Vorteile fuer Nutzer haette die Verzoegerung, weil der Datenstrom
weniger abgehackt waere als beim Versuch, die Audiobitfluten ueber
begrenzte Bandbreite zu quetschen,

meint

Wau Holland fuer eMailPress, die agentur gegen den strich...

--
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From: WAU@OLN.comlink.apc.org (Wau Holland)
Subject: Netzaudio: langsamer, besser, billiger
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