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Article #330

Grundfertigkeiten im Info-Age: Netz-Nutzung, Geschichtswissen

#330
From: Wau Holland
Date: Sat, 25 Jul 1998 00:00
297 lines
14042 bytes
FiFFi W.Moritz schrob schlechtquotend in de.org.ccc zu:

> WH+> Zumindest als Naeherungsformel fuer Rechner bei
> WH+> Alltags-Arbeiten gilt: "je duemmer der Anwender,
> WH+> desto schneller muss der Computer sein".
> 
> Ich weiss ja nicht, was Wau fuer "Alltagsarbeiten" hat. Aber mit einem

Netzpublizist.
Schreiben.
Datenbanken.
Meine Texte muessen nicht *leuchten*  das formuliere ich ggf.

> 286er lassen sich die meisten Alltagsarbeiten, die ich mir so vorstellen
> kann, alleine deswegen schon nicht bewaeltigen, weil es kaum jemanden
> gibt, der die Anwendungssoftware fuer solche Rechner schreibt.

Das ist grottenfalsch und doch so typisch F!FF-Mitglied ---
weil auf dem linken Auge geschichtsblind; Murx on tour eben.

Nett. Du bittest mich um eine Kuer, einen Exkurs Geschichte weit
vor der historischen Luecke, die Dejanews und Co schlossen.

Keine Gnade - aber bitte, aber gerne, aber sofort.
Und mit Crosspost nach cl.magazine.mik; mal sehen, was die
linken Headerfaelscher dort damit machen...


Here we go.

Der 286er war ein historischer Meilenstein.
Denn er war der erste rekursive Computer der Geschichte.

Er hatte die Kapazitaet, seine eigenen Kinder am Fliessband
zu produzieren. Seine Kindlein waren besser als die Eltern.
Insofern waren "Fernost-Klones" keine identischen Replikate,
sondern vom Fliessband flossen verbesserte Kopien der Eltern.
Weil Dino Apple das nicht begriffen hat, sterben die ab.

Soviel zur Hardware.
Nun zur Software, die zeitgleich den Quantensprung huepfte.
Die Fernost-Version von MSDOS 3.x machte einen Doppelhuepf.

Zum einen enthielt sie erstmals die Boot-Bedingung der Natur,
die Netzwerkfaehigkeit in Form des Net-BIOS. Das Laestern
ueber Details ist irrelevant, egal wie ekelhaft Netbios war;
hier kommt es "nur" auf die Boot-"conditio sine qua non" an.

Zum andern enthielt sie die Umwaelzung der fernoestlichen
Gesellschaften durch einen skalierbaren 16-Bit-Charakterset.
Die unmittelbare Wahrnehmung war, dass die Kisten nicht nur
Klones von sich selbst am Fliessband herstellen konnten,
sondern auch ihre Herstellung verwalten konnten in den
Landesschriften. Die waren seit Tausenden von Jahren zwar
hohe Kulturtraeger, aber hatten sich der Automatisierung
stets widersetzt. Immerhin hatten chinesische Schmiede
viele Jahrhunderte vor Gutenberg den Druck mit beweglichen
Lettern erfunden und gleich wieder beiseite gelegt.

Denn es ist ein Unterschied, ob es um die hiesige Zeichenmenge
von gut zwei Dutzend plus Ziffern und Beistriche geht oder um 
deutlich ueber 25 000 fernoestliche Zeichen. Mit einem Sortiment
von nur 5000 Drucktypen in Blei oder  Eisen koennen - bei durch-
schnittlicher Zeichen-Verteilung in Texten - so ziemlich die meisten
beliebigen Texte von rund 3000 Zeichen pro Seite gesetzt werden.

Dass der letzte Absatz kein "a" enthielt, mag andeuten, dass bei
Drucktypenmangel auch beim "a" Notbehelfe moeglich sind ohne ein
"ich kaufe ein a".

Bei zigtausend Zeichen jedoch braucht auf einer Seite bloss
ein Symbol doppelt vorkommen und man hat ein Problem - abgesehen
von der Logistik der Grundausstattung "jedes Symbol einmal".
Dass man die Silbentrennung spart, ist da wenig troestlich.

Exakt die beiden Komponenten "Netz" und "Zeichensatz" machen fuer
mich die historische Erfindungshoehe des 80286 mit Fernost-MSDOS
Version 3.x aus und das gilt heute noch im Rueckblick.

Exakt deshalb ist es im historischen Rueckblick plausibel,
dass der Bundestag zu genau diesem Zeitpunkt Geld bereitstellte
fuer die Ausstattung mit Computern bei den Fraktionen.
Die meisten FiFFis und GRUENLis betrieben im Rueckblick zu 
wenig Hirnkneterei, um das zu begreifen.

Zumindest eine wirkliche Verbuendete hatten wir:
die exRoadManagerin von Ton-Steine-Scherben,
heute im  Europaparlament fuer B90/Die Gruenen.

Ich werde mich bemuehen, unsere STUDIE von 1985 auf einen
Webserver zu kriegen, damit jeder 1998 selbst pruefen kann,
wieviel vom Wissen in den letzten Absaetzen bereits damals
copyrightmaessig frei war, weil dieser Text dem deutschen
Volk gehoerte aufgrund der Bedingungen des Auftraggebers ;-)

Soviel vorab zur historischen Bedeutung des 286ers.

Nun komme ich zur Software fuer den "Alltag" eines
Netzpublizisten wie mir oder eines Abgeordneten im BT.

Wir hatten 1985 286er und wir nutzten Alltags-Soft.
Damals wurde mit Wasser gekocht, heute auch noch.
Und Software fault nicht, im Gegensatz zu Bananen.

Insofern folgt keine Theorie, sondern ein Praxisbericht.

Btw: im Bezugsposting taucht 286er nicht auf und ab
386er gelten "Linux rules" mit GNU/GPL, the next step.

Deshalb erscheint mir Werners Posting eine Provokation zu sein,
mit der er mich zu diesem Text provoziert hat. Das greife
ich gerne auf und dafuer gebuehrt ihm mein *dankeschoen* ;-)


Konkret: 286er, 8 MHz, 640 KB/1 MB RAM, 40 MB Platte reichte
1985 fuer Abgeordnete im Bundestag aus fuer deren Job AFAIR.
Ist die Politik besser geworden durch blinkende HTML-Mail?

Die SPD-Abgeordnete, die ich im Juni 1998 (rpt: 1998) auf dem
Kongress zu Machtfragen der Info-Gesellschaft Ffm auf dem Podium
traf, hatte nichtmal eine E-Mail-Adresse auf der Visitenkarte;
der Gruene dort mit E-Mail kommt nicht mehr in den naechsten
Bundestag; durch Listenplatz ist er schon jetzt absehbar "raus".

Die Podiumsdebatte war so bescheuert, dass ich nur schimpfen
konnte und das war vor dem Publikum dann - da ist der AP-Bericht
korrekt, so formulierte ich: - eine Ehrenrettung der CDU. Denn die
hatten schon etwas eher begriffen, wie wichtig diese Maschinen sind.

Bei aller Kritik an der CDU - so einfach, wie es in Ffm SPD,
Gruene und Gewerkschaften darstellten - waren deren Aussagen
historisch am eher fernen Rande der Wahrheit; die CDU hatte bereits
1985 ihr WANG-Netz in Bonn, als die Gruenen unser Konzept der
Computerisierung mit 286ern ablehnten, obwohl Steuergelder
dafuer - wenn geschickt genutzt - sogar fuer Vernetzung
des Raumschiffs Bonn mit der Basis bereitstanden.

Unsere Studie wurde von den GRUENEN zensiert, indem Buerger,
die an die Gruenen in Bonn schrieben, um unsere Studie zu
bekommen, nur die Seiten erhielten, die gruene Bedenkentraeger
fuer "unbedenklich" hielten. Das war eine kleine Teilmenge.

Wir haben damals mit 286ern gearbeitet und auch die Studie
selbst damit produziert: fotosatzaehnliche Qualitaet; das
war dann die Druckvorlage fuer die Version bei Werner Pieper.

Die optisch "schlimmste" Datenschleuder wurde mit einem
Neunnadeldrucker produziert und der Software BUCHMASCHINE,
typographische Layout-Software aus England; alles 286er.

Natuerlich ist ein Power PC 8600/250 eine tolle Sache und
Quark auch ganz nett.

Doch die Inhalte machen es und nicht der schnelle Rechner.
Das Gewusst-Wie ist wichtiger als der Super-PC und exakt
darum ging es im Bezugsposting.

Eintrittsvoraussetzungen in den CCC, die 13jaehrige erfuellen
koennen, werden voraussichtlich von einer ein- bis zweistelligen
Zahl von Abgeordneten (eher unter 23) erfuellt; da wird beim
CCC zZ noch an der Ausformulierung von Kriterien gebruetet.



* Umformuliert auf heutige Rechnernutzung so oller 286er:

* OS: DRDOS oder MSDOS ab 3.3, besser 5 oder 6.22
Das Russen-DOS gab es 1985 noch nicht, es war kalter Krieg.
Inzwischen gibt es PTS; insofern ist Deine Anmache Geschwaetz,
weil es selbst fuer Steinzeit-PCs inzwischen bessere Software
mit mehr Leistungsfaehigkeit gibt als damals.

* Buero-Software von der FSF, Free Software Foundation, dem
"Vorlaeufer" von GNU/GPL, ergaenzt um in den letzten zehn
Jahren fuer diese Minimalplattform erfolgten Korrekturen
sowie um Crosspoint, XP, fuer UUCP.

Abgesehen von UUCP-XP hatten wir exakt diese Konfiguration 1985
vorgesehen fuer gruene Abgeordnete im Bundestag. Im Kellerbuero
eines Freundes in Hamburg steht - das erfuhr ich nach dem CCC97,
Januar 1998 - heute noch eine solche Kiste, mit der Soft von
damals, lauffaehig.

* Die absolute Haerte kann man erleben, wenn man eine Stoppuhr
* nimmt und die Zeit bis zum Start der Funktionsfaehigkeit als
* Schreibmaschine misst (Elektro-Deckel aufklappen):
* der 286er bootet schneller als ein heute ueblicher Win-PC.
* Dh, man konnte schneller mit der Arbeit beginnen als heute.

Und die Tippgeschwindigkeit von Menschen ist nicht wesentlich
schneller geworden; bereits damals waren im Satzbereich
Tastleistungen von mehr als 10 000 Zeichen pro Stunde die
Einstellungsvoraussetzung.

Auch im Rueckblick war unser damaliges Konzept besser als damalige
Konzepte fuer andere Parteien. Intelligente Menschen wie Gert Bastian,
die bereits damals eine Bonn-Berlin vernetzte Friedensdatenbank
betrieben, unterstuetzten unser Anliegen. Und bei Joseph Beuys 
war ich bereits etliche Jahre vor (!) Gruendung des CCC dabei,
als der erste Computer fuer die Gruenen NRW - gegen heftigen 
Widerstand gewisser heute maechtiger NRW-Gruener - im Raum mit
der Fettecke in Duesseldorf installiert wurde.

Diese Gruenen (spoettisch die Bedenkentraeger der Urzeit)
wollten damals die gruene NRW-Mitgliederverwaltung auf einem
Tandy TRS-80 mit Compactcassettenlaufwerk als Massenspeicher
durchfuehren (irgendsoeine esoterische WG hatte das empfohlen)
und diese Gruenen lehnten den von uns durchgesetzten Einsatz
modernerer Technik mit Festplatte und Profi-Magnetband ab;
dabei hatte unser Konzept nur ca. eine Null mehr hinten dran bei
den Kosten.

An exakt diesem Detail stimme ich Werner Moritz voll zu:
ein gewisses Minimum DV-Resourcen fuer einen bestimmten Job
ist zwingend notwendig und diskutierbar, auch im Rueckblick ;-)

Allerdings ist IMO seine "Minimum"-Definition im Jahre 1998
ebenso falsch ueberhoeht (denn 286 reicht als Schreibmaschine)
wie sie von seinen Gesinnungsgenossen rund zwanzig Jahre vorher
falsch zu tief lag (DV-Cassettenrecorder fuer Gruene in NRW war
dummes Zeug).

Die Moeglichkeiten der DV wurden damals durch Bedenkentraeger
massiv hintertrieben statt genutzt. Das musste Beuys erleben
und das setzte sich 1985 fort. Gert Bastian gehoerte zu den
wenigen, mit denen wir uns damals gut verstanden.

Die gruenen Birnis damals - einige genieren sich heute  dafuer -
lehnten unser Konzept ab und verzichteten - aus Angst vor
Computern - auf rund eine halbe Million Geld fuer die Ausstattung
der Fraktion damit.

Nochmal: das Gruene Raumschiff Bonn verzichtete auf das amtlich
bereitgestellte Geld fuer die Computerausstattung der Fraktion
aufgrund von Orwell-Befindlichkeiten. Gewerkschaft-Fuzzis
haengten einen Zettel ans Schwarze Brett, man solle bloss nicht
mit den Typen vom Chaos Computer Club reden, das sei letztlich
das gleiche wie IBM. Soviel zum Realitaetsabgleich Geschichte.

Genug des Negativen.
In Ex-Jugoslawien sind eine Reihe 286er Hardware-Konfigurationen
als Mailboxen gelaufen fuer Bueroarbeiten, Schreibkram fuer
internationale Organisationen, Flugblattherstellung uswusf.

Empfehlen tue ich das nicht, weil Crosspoint nur eine politisch
kontrollierte UUCP-Komponente enthaelt mit der Trennung User-Sysop
auf technischer Ebene: man hat da nur einen zerberus-kommerziell
kastrierten "Edelpoint" statt einen vollwertigen UUCP-Knoten.
Aber wenn nur ein 286er und kein 386er vorhanden ist, empfehle
ich diese Konstellation; sie funktioniert.

Sie war tauglich, im Krieg, in ex-Jugoslawien, bei Zamir.

Wenn Werner mir schon so kommt, dann das :-)


Gut, ich nannte den 286er den "ersten" rekursiven Computer.
Wenn Werner Moritz mich schon so provoziert mit einer
Falschanfrage, gehe ich glatt noch einen Schritt historisch
weiter zurueck ;-)

Auf einem C64 produzierte J.Wieckmann, jwi, den GenEthischen 
InfoDienst, aus dem spaeter das GenEthische Netzwerk wurde.
Fuer jwi war der 286er mit 40 MB Platte ein Segen, weil er -
bezogen auf Texte - damit eine Datenbank zur Verfuegung hatte,
die - bezogen auf sein Arbeitsgebiet - so maechtig war wie das,
was er damals bei dpa kannte.

Nur: er hatte das bei sich auf dem Schreibtisch, es war die
seine und nicht die Datenbank seines Herrn.

jwi war einer der (c)-Waechter und FSF-Foerderer. Aufgrund
seiner "strengen (c)-Schule" bei dpa war ihm die Bedeutung
freier Software schon damals klar und so versuchten wir die
286er Kisten zu konfigurieren, mit guter und freier Software.
NCD etwa war KO-Kriterium und damit war NC ein "muss".
Soviel zu einem "Zukauf"-Detail; heute auf CD fuer 12,99 DM
Insofern schreibt Werner einfach "Spinnkram" - von so einem
Preis haben wir damals nur getraeumt.

Unter Netz-Gesichtspunkten ist mein Minimum der 386er 33 MHz.
Wie im Thread, den Werner Moritz verfaelschte, dank dafuer.

Im Thread-Kontext bezog ich mich darauf, weil erst ab
386 33 MHz eine Internetanbindung "gut" moeglich ist.

Aber, lieber Werner, wenn Du so ausholst und 286 schreibst:
dann schlage ich zurueck und bringe historische Fakten aus
der Tiernetzkeimzeit.

Genau aus der Unfaehigkeit, dies zu begreifen, resultieren
die historisch bornierten CL-Altlasten...

Danke fuer die Gelegenheit, das ON-TOPIC auf doc
formulieren zu koennen.

wau
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From: wau@ccc.de (Wau Holland)
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Date: 1998/07/25
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