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2 total messages Started by Karl-Ludwig Diehl Sun, 22 Jun 2008 13:23
Der Beginn des Aufbaus moderner Verkehrsdrehscheiben im 19.Jahrhundert: Kroll's Garten in Berlin soll Menschen an die Stadt bind...
#2
Author: Karl-Ludwig Diehl
Date: Sun, 22 Jun 2008 13:23
231 lines
12191 bytes
Der Beginn des Aufbaus moderner Verkehrsdrehscheiben
im 19.Jahrhundert: Kroll's Garten in Berlin soll Menschen
an die Stadt binden


Wenn man am Ende der Biedermeierzeit die Stadt Berlin
durch das Brandenburger Tor über die Chaussée nach
Charlottenburg verließ, konnte man rechts in ein Gebiet
abbiegen, in dem zwischen der Spree und der Chaussée
ein Paradeplatz angelegt worden war. Dort war Kroll's Gar-
ten als Publikumsmagnet aufgebaut worden. Er befand
sich am westlichen Ende des Platzes im Anschluß an
einen Ziergarten, der in der Rundung des Platzes lag. Es
war damals vorgesehen, das Areal zwischen dem da-
maligen Parade Platz und der Spree zu bebauen. Man
wird diese Grundstücke als sehr hochwertig ansehen
müssen, da sie zwischen Spree und Tiergarten lagen.
Sie waren aber noch unbebaut, als Kroll's Garten als
Ausflugslokal fertiggestellt worden war. Kroll war derje-
nige, der in dieses Bauwerk investiert und über dem
linken Flügel dieses Gebäudes seine prachtvolle Woh-
nung eingerichtet hatte.

http://www.fotos.web.de/spaceoffice/Berlin_Krolls_Garten_1
Lage im Stadtgebiet

In einem Aufsatz vom Jahre 1846 in der Wiener Allgemei-
nen Bauzeitung wird dieser öffentliche Platz als "ehemali-
ger Exerzierplatz" bezeichnet. (1) Der preußische König
hatte dafür gesorgt, daß hier ein großes Vergnügungslo-
kal entstand, damit möglichst viele Menschen zu diesem
Ort im Tiergarten strömen. Der damalige Investor erhielt
das riesige Grundstück zum Geschenk, weil er bereit war,
sich nach den Plänen zu richten, die der König für dieses
Gebiet hatte. Der "Hofbaurathe Persius" hatte "in aller-
höchstem Auftrage" eine Skizze von dem Bauwerk für die-
sen Ort verfertigt, und es war dem "Baumeister Herrn
Knoblauch" aufgetragen worden, die genauen Pläne für
das Vergnügungslokal auszuarbeiten. Es wurde "in den
Jahren 1843 auf 1844 in dem kurzen Zeitraum von 9 Mo-
naten" errichtet und diente dann "als Balllokal, für Kon-
zerte und zu festlichen Mahlzeiten". Die Räume waren so
geschickt arrangiert, daß sie vielen Zwecken dienen konn-
ten. Mittelpunkt des Gebäudes war der Königssaal:

"Der sogenannte Königssaal, welcher die Mitte der gan-
zen Gebäudegruppe einnimmt, ist 100 Fuß lang und 80
Fuß breit; er erscheint in jeder Hinsicht als die hervor-
ragendste Lokalität und bildet bei allen Festlichkeiten
das glänzende Zentrum um das alles sich dreht." (2)

Er mußte allen repräsentativen Zwecken dienen, wenn
die Oberschicht Preußens darin feiern wollte. Aus die-
sem Grunde war er aufwendigst gestaltet worden:

"Die reichste Dekorazion zeigt der Königssaal, der durch
die Bogenstellung, welche nach dem Büffet hier sich öff-
net, durch die Logen und ganz vorzüglich durch die
Deckenkonstrukzion, die das Hängewerk zum Theil
sichtbar werden läßt, ein natürliches und sehr wirkungs-
reiches Relief erhält. Fünf große Lustres hängen von der
Decke herab und sind zum Zweck der Beleuchtung sehr
glücklich vertheilt. Die Malerei ist einfach aber passend,
der Grund der Wände blaß rosafarbig, während der
Grund der Logen dunkel purpurfarbige Tapeten zeigt; die
Architektur und das Deckenwerk sind gelblich weiß mit
theilweiser Vergoldung, die Gesimsglieder mit einfachen
Chematen bemalt, und unter dem reichen Wandgesim-
se schlängelt sich ein buntes Rankenornament auf dun-
kelbraunem Grunde hin. Der überhöhte Theil des
Deckenwerkes bildet ein Oberlicht und ist durchaus mit
mattgeschliffenem Glase bedeckt, das mit transparen-
ten Sternen in Orangefarbe geschmückt ist." (3)

Dieses Zitat sagt deutlich, daß Pracht durch den Ein-
satz einfachster Mittel hergestellt wurde. Nach Westen
zu hatte man an diesen, zum Parade Platz hin, lang aus-
gestreckten Saal, mit breiter Terrasse davor, auf der
Rückseite des Saales einen korridorähnlichen Raum an-
geschlossen, in dem das Buffet aufgebaut wurde, wenn
Feste im Königssaal gefeiert wurden.

Die erwähnten "Fünf große Lustres", die von der Decke
des Königssaals herabhingen, hatten bereits Gasflam-
men:

"Von den fünf Lustres des Königssaales hat der mittle-
re 40, die vier übrigen jeder 24 Flammen" (4)

Um die 400 Gasflammen aller Lichtquellen von Kroll's
Garten mit Gas versorgen zu können, war ein spezielles
Gebäude notwendig gewesen, das die Gasometer ent-
hielt. Zum Gasverbrauch wird gesagt:

"An Ballabenden, wo die Flammen von Abends 8 Uhr
bis Morgens 7 Uhr brennen, werden 2 solche Gasfüllun-
gen, also circa 13800 Kubikfuß Gas konsumirt." (5)

Neben dem Königssaal lagen langgestreckte Gebäude-
flügel, die aus dem gesamten Bauwerk einen sehr lan-
gen und eindrucksvollen Bau machten, der den Parade
Platz beherrschte. Von ihm aus gesehen befand sich
der Haupteingang am Ende des linken Flügels. Er war
bequem mit Kutschen zu erreichen. Wer aus der Kut-
sche stieg, befand sich sofort unter einem offenen und
überdachten Vorraum, der in ein Treppenhaus führte,
in dem eine prachtvolle Treppe zur Vorhalle vor dem Win-
tergarten führte, wo sich dann linker Hand und rechter
Hand die Garderoben befanden. Man befand sich auf
diese Weise auf dem Niveau der vielen Säle und der
großen Terrasse vor dem Königssaal, von der aus der
Blick über den Paradeplatz ging. Dieser Wintergarten
hatte hinter sich den langgestreckten "Rococo Saal".
Beide hatten eine Verbindung in den Königssaal,
sodaß sich bei großen Festlichkeiten, die das gesam-
te Gebäude einnahmen, zwischen den Sälen raum-
greifende Spaziergänge unternehmen liessen. Auf
der anderen Seite des Königssaals war in gespiegelter
Form ein weiterer Wintergarten gebaut worden, der
rückwärts von einem langgestreckten Raum begleitet
wurde, der in viele kleine Säle und einen langgestreck-
ten Gang aufgeteilt worden war, um kleineren Gesell-
schaften Festivitäten zu ermöglichen. Aus symmetri-
schen Gründen war ganz am ende dieses Gebäude-
flügels ein querliegendes Saalgebäude angefügt, das
in der Anordnung das Vorhallengebäude am anderen
ende des Bauwerkes, wo sich der Haupteingang be-
fand, zu spiegeln hatte. Somit war in der Außenan-
sicht eine perfekte Ausgewogenheit der Baumassen er-
zielt worden.

http://www.fotos.web.de/spaceoffice/Berlin_Krolls_Garten_2
Außenansicht von Kroll's Garten

Es gab ein Obergeschoß. Über den seitlichen Flügeln
befanden sich die Wohnungen des Herrn Kroll und die
der Restaurateure, welche in den Sälen das Essen
und die Getränke bereitzustellen hatten. Rund um den
Königssaal gab es die Logen und die Plattform für das
Orchester. Die königliche Loge nahm die linke Breit-
seite des Obergeschoßes ein. Die Logen umgrenzten
den Luftraum über dem Königssaal und erlaubten dem
ausgesuchten Adel den Einblick in das Ballgeschehen.
Von der Königsloge aus erreichte man auf gleicher
Höhe, im Obergeschoß des linken Seitenflügels gele-
gen, die königlichen Salons. Treppenanlagen gab es
an den Ecken des rückwärtigen Gebäudeteils, in dem
sich der hohe Königssaal befand. Über sie konnten
die Gäste in den Logen nach unten in den Ballsaal ge-
langen.

http://www.fotos.web.de/spaceoffice/Berlin_Krolls_Garten_3
Grundrisse von Kroll's Garten

Die großen Wintergärten links und rechts des Königs-
saals waren ursprünglich mit Glasflächen überdacht
und sollten wie botanische Gärten kostbare Gewächse
enthalten. Jedoch zeigte es sich während des Alltags-
betriebes von Kroll's Garten, daß die empfindlichen
Pflanzen den Bedingungen in diesen Innenräumen
nicht gewachsen waren und immerzu eingingen. Des-
wegen entfernte man die Glasflächen über diesen Win-
tergärten und stattete diese Sälen mit einer dekorati-
ven Bemalung aus, welche den vormaligen Pflanzen-
schmuck zu ersetzen hatte.

Die Küchen und Vorratsräume dieses Vergnügungslo-
kals befanden sich alle im Keller. Hier mußte auch
das schmutzige Geschirr gespült und getrocknet wer-
den. Unter dem großen Ballsaal in der Mitte des Ge-
bäudes lag im Keller der sogenannte Tunnel, ein rie-
siger Raum im Souterrain:

"Im Souterrain liegt unterhalb des Königssaales der
sogenannte Tunnel, der als Rauchzimmer benützt wird
und mehrere Billards und sonstige Spielapparate ent-
hält" (6)

Kroll's Garten war also reichlich ausgestattet worden.
Der äußere Anblick des Gebäudes läßt an ein Tem-
pelareal denken, das auf die griechische Antike an-
spielt. Die Wintergärten, die auch als Kolonnaden be-
zeichnet werden, hatten hinter sich Säle, die als "Ro-
coco Saal" und "Renaissance Saal" bezeichnet wer-
den. Wir befinden uns also mit diesen Bauwerk, das
eine sehr schöne Bogenarchitektur an den Außenfas-
saden zeigt, in einer Zeit, die eine klassizistische Ar-
chitektur liebt. Die beiden Türme über den Treppen-
häuser an den rückwärtigen Ecken des Königssaals
ragen hoch über die Gebäudemasse des langgestreck-
ten Gebäudes und bilden eindrucksvolle stadtbildprä-
gende Gestalten. Auch die turmartig aufgebauten Ge-
bäudemaßen an den Enden der Seitenflügeln haben
Tempelcharakter. Sie enthielten die Wohnungen von
Herrn Kroll und den Restaurantbetreibern. Man hatte
also, wenn man auf den Parade Platz gelangte, eine
Art Akropolis von Berlin vor sich, was Menschen in die
Stadt ziehen sollte, um das Bauwerk zu erleben.

Wer hier feiern konnte, hatte Macht und Einfluß. Bei
den Berliner wird das Bauwerk Eindruck geschunden
haben. Es muß sehr dazu beigetragen haben, Men-
schen nach Berlin zu ziehen und war Teil der Infra-
struktur, mit der aus Berlin eine Verkehrsdrehscheibe
gemacht werden sollte, die der Hauptstadtfunktion
dieser Stadt gerechter wurde. Von Kroll's Garten aus
konnte man sehr rasch zum Hamburger Bahnhof ge-
langen. Gästen der Stadt standen also bereits mo-
derne Verkehrsmittel zur Verfügung, die ein rasches An-
reisen und Abreisen ermöglichten, wenn sie Events
wahrnehmen wollten. Solche Events mußten von über-
regionaler Bedeutung sein. Kroll's Garten konnte sol-
che Events bieten und war durch seine Lage sehr pri-
vilegiert und deswegen anziehend für einkommensstarke
Besucher der Stadt.

K.L.

Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in
http://groups.google.com/group/de.sci.architektur
und
http://groups.google.com/group/de.sci.ing.misc
zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende
Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de

Anmerkungen:
(1) siehe: o.A.: Kroll's Garten zu Berlin. S.267- ......
in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1846. S.267
(2) zitiert aus: o.A., wie vor, S.267
(3)-(6) zitiert aus: o.A., wie vor, S.268
Re: Der Beginn des Aufbaus moderner Verkehrsdrehscheiben im 19.Jahrhundert: Kroll's Garten in Berlin soll Menschen an die Stadt ...
#3
Author: Karl-Ludwig Diehl
Date: Sun, 22 Jun 2008 13:41
261 lines
13837 bytes
Ich fand eben eine passende historische Karte,
welche die Lage von Kroll's Garten im Verkehrs-
zusammenhang der Jahre deutlich nach 1846 wie-
dergibt:

http://www.alt-berlin.info/cgi/stp/lana.pl?nr=29&gr=5&klick_navigator=?87,117

Die Karte ist von 1876. Man hatte 1846 prophezeit,
daß Kroll's Garten dann mitten im Stadtgebiet liegt.
Dazu das Zitat:

"Die Lage dieses Vergnügungslokales ist zwar für jetzt
noch ziemlich isolirt, dorch dürfte sich dieses binnen
wenigen Jahren geändert haben, denn es sei die Ab-
sicht des Königs - so hört man - die Stadt sowohl auf der
südlichen als auf der nördlichen Seite um den Thiergarten
hin auszudehnen, so daß dieser dereinst mitten in der
Stadt zu liegen käme, und die Realisirung dieser gewiß
großartigen Idee wäre bei der erstaunlich raschen Bevöl-
kerungszunahme von Berlin recht wohl denkbar, wenn
dies auch noch im weiten Felde liegt."

zitiert aus: o.A.: Kroll's Garten zu Berlin. S.267-271
in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1846. S.271

Grüße
K.L.

-----------------
On 22 Jun., 15:23, Karl-Ludwig Diehl <spaceoff...@web.de> wrote:
> Der Beginn des Aufbaus moderner Verkehrsdrehscheiben
> im 19.Jahrhundert: Kroll's Garten in Berlin soll Menschen
> an die Stadt binden
>
> Wenn man am Ende der Biedermeierzeit die Stadt Berlin
> durch das Brandenburger Tor über die Chaussée nach
> Charlottenburg verließ, konnte man rechts in ein Gebiet
> abbiegen, in dem zwischen der Spree und der Chaussée
> ein Paradeplatz angelegt worden war. Dort war Kroll's Gar-
> ten als Publikumsmagnet aufgebaut worden. Er befand
> sich am westlichen Ende des Platzes im Anschluß an
> einen Ziergarten, der in der Rundung des Platzes lag. Es
> war damals vorgesehen, das Areal zwischen dem da-
> maligen Parade Platz und der Spree zu bebauen. Man
> wird diese Grundstücke als sehr hochwertig ansehen
> müssen, da sie zwischen Spree und Tiergarten lagen.
> Sie waren aber noch unbebaut, als Kroll's Garten als
> Ausflugslokal fertiggestellt worden war. Kroll war derje-
> nige, der in dieses Bauwerk investiert und über dem
> linken Flügel dieses Gebäudes seine prachtvolle Woh-
> nung eingerichtet hatte.
>
> http://www.fotos.web.de/spaceoffice/Berlin_Krolls_Garten_1
> Lage im Stadtgebiet
>
> In einem Aufsatz vom Jahre 1846 in der Wiener Allgemei-
> nen Bauzeitung wird dieser öffentliche Platz als "ehemali-
> ger Exerzierplatz" bezeichnet. (1) Der preußische König
> hatte dafür gesorgt, daß hier ein großes Vergnügungslo-
> kal entstand, damit möglichst viele Menschen zu diesem
> Ort im Tiergarten strömen. Der damalige Investor erhielt
> das riesige Grundstück zum Geschenk, weil er bereit war,
> sich nach den Plänen zu richten, die der König für dieses
> Gebiet hatte. Der "Hofbaurathe Persius" hatte "in aller-
> höchstem Auftrage" eine Skizze von dem Bauwerk für die-
> sen Ort verfertigt, und es war dem "Baumeister Herrn
> Knoblauch" aufgetragen worden, die genauen Pläne für
> das Vergnügungslokal auszuarbeiten. Es wurde "in den
> Jahren 1843 auf 1844 in dem kurzen Zeitraum von 9 Mo-
> naten" errichtet und diente dann "als Balllokal, für Kon-
> zerte und zu festlichen Mahlzeiten". Die Räume waren so
> geschickt arrangiert, daß sie vielen Zwecken dienen konn-
> ten. Mittelpunkt des Gebäudes war der Königssaal:
>
> "Der sogenannte Königssaal, welcher die Mitte der gan-
> zen Gebäudegruppe einnimmt, ist 100 Fuß lang und 80
> Fuß breit; er erscheint in jeder Hinsicht als die hervor-
> ragendste Lokalität und bildet bei allen Festlichkeiten
> das glänzende Zentrum um das alles sich dreht." (2)
>
> Er mußte allen repräsentativen Zwecken dienen, wenn
> die Oberschicht Preußens darin feiern wollte. Aus die-
> sem Grunde war er aufwendigst gestaltet worden:
>
> "Die reichste Dekorazion zeigt der Königssaal, der durch
> die Bogenstellung, welche nach dem Büffet hier sich öff-
> net, durch die Logen und ganz vorzüglich durch die
> Deckenkonstrukzion, die das Hängewerk zum Theil
> sichtbar werden läßt, ein natürliches und sehr wirkungs-
> reiches Relief erhält. Fünf große Lustres hängen von der
> Decke herab und sind zum Zweck der Beleuchtung sehr
> glücklich vertheilt. Die Malerei ist einfach aber passend,
> der Grund der Wände blaß rosafarbig, während der
> Grund der Logen dunkel purpurfarbige Tapeten zeigt; die
> Architektur und das Deckenwerk sind gelblich weiß mit
> theilweiser Vergoldung, die Gesimsglieder mit einfachen
> Chematen bemalt, und unter dem reichen Wandgesim-
> se schlängelt sich ein buntes Rankenornament auf dun-
> kelbraunem Grunde hin. Der überhöhte Theil des
> Deckenwerkes bildet ein Oberlicht und ist durchaus mit
> mattgeschliffenem Glase bedeckt, das mit transparen-
> ten Sternen in Orangefarbe geschmückt ist." (3)
>
> Dieses Zitat sagt deutlich, daß Pracht durch den Ein-
> satz einfachster Mittel hergestellt wurde. Nach Westen
> zu hatte man an diesen, zum Parade Platz hin, lang aus-
> gestreckten Saal, mit breiter Terrasse davor, auf der
> Rückseite des Saales einen korridorähnlichen Raum an-
> geschlossen, in dem das Buffet aufgebaut wurde, wenn
> Feste im Königssaal gefeiert wurden.
>
> Die erwähnten "Fünf große Lustres", die von der Decke
> des Königssaals herabhingen, hatten bereits Gasflam-
> men:
>
> "Von den fünf Lustres des Königssaales hat der mittle-
> re 40, die vier übrigen jeder 24 Flammen" (4)
>
> Um die 400 Gasflammen aller Lichtquellen von Kroll's
> Garten mit Gas versorgen zu können, war ein spezielles
> Gebäude notwendig gewesen, das die Gasometer ent-
> hielt. Zum Gasverbrauch wird gesagt:
>
> "An Ballabenden, wo die Flammen von Abends 8 Uhr
> bis Morgens 7 Uhr brennen, werden 2 solche Gasfüllun-
> gen, also circa 13800 Kubikfuß Gas konsumirt." (5)
>
> Neben dem Königssaal lagen langgestreckte Gebäude-
> flügel, die aus dem gesamten Bauwerk einen sehr lan-
> gen und eindrucksvollen Bau machten, der den Parade
> Platz beherrschte. Von ihm aus gesehen befand sich
> der Haupteingang am Ende des linken Flügels. Er war
> bequem mit Kutschen zu erreichen. Wer aus der Kut-
> sche stieg, befand sich sofort unter einem offenen und
> überdachten Vorraum, der in ein Treppenhaus führte,
> in dem eine prachtvolle Treppe zur Vorhalle vor dem Win-
> tergarten führte, wo sich dann linker Hand und rechter
> Hand die Garderoben befanden. Man befand sich auf
> diese Weise auf dem Niveau der vielen Säle und der
> großen Terrasse vor dem Königssaal, von der aus der
> Blick über den Paradeplatz ging. Dieser Wintergarten
> hatte hinter sich den langgestreckten "Rococo Saal".
> Beide hatten eine Verbindung in den Königssaal,
> sodaß sich bei großen Festlichkeiten, die das gesam-
> te Gebäude einnahmen, zwischen den Sälen raum-
> greifende Spaziergänge unternehmen liessen. Auf
> der anderen Seite des Königssaals war in gespiegelter
> Form ein weiterer Wintergarten gebaut worden, der
> rückwärts von einem langgestreckten Raum begleitet
> wurde, der in viele kleine Säle und einen langgestreck-
> ten Gang aufgeteilt worden war, um kleineren Gesell-
> schaften Festivitäten zu ermöglichen. Aus symmetri-
> schen Gründen war ganz am ende dieses Gebäude-
> flügels ein querliegendes Saalgebäude angefügt, das
> in der Anordnung das Vorhallengebäude am anderen
> ende des Bauwerkes, wo sich der Haupteingang be-
> fand, zu spiegeln hatte. Somit war in der Außenan-
> sicht eine perfekte Ausgewogenheit der Baumassen er-
> zielt worden.
>
> http://www.fotos.web.de/spaceoffice/Berlin_Krolls_Garten_2
> Außenansicht von Kroll's Garten
>
> Es gab ein Obergeschoß. Über den seitlichen Flügeln
> befanden sich die Wohnungen des Herrn Kroll und die
> der Restaurateure, welche in den Sälen das Essen
> und die Getränke bereitzustellen hatten. Rund um den
> Königssaal gab es die Logen und die Plattform für das
> Orchester. Die königliche Loge nahm die linke Breit-
> seite des Obergeschoßes ein. Die Logen umgrenzten
> den Luftraum über dem Königssaal und erlaubten dem
> ausgesuchten Adel den Einblick in das Ballgeschehen.
> Von der Königsloge aus erreichte man auf gleicher
> Höhe, im Obergeschoß des linken Seitenflügels gele-
> gen, die königlichen Salons. Treppenanlagen gab es
> an den Ecken des rückwärtigen Gebäudeteils, in dem
> sich der hohe Königssaal befand. Über sie konnten
> die Gäste in den Logen nach unten in den Ballsaal ge-
> langen.
>
> http://www.fotos.web.de/spaceoffice/Berlin_Krolls_Garten_3
> Grundrisse von Kroll's Garten
>
> Die großen Wintergärten links und rechts des Königs-
> saals waren ursprünglich mit Glasflächen überdacht
> und sollten wie botanische Gärten kostbare Gewächse
> enthalten. Jedoch zeigte es sich während des Alltags-
> betriebes von Kroll's Garten, daß die empfindlichen
> Pflanzen den Bedingungen in diesen Innenräumen
> nicht gewachsen waren und immerzu eingingen. Des-
> wegen entfernte man die Glasflächen über diesen Win-
> tergärten und stattete diese Sälen mit einer dekorati-
> ven Bemalung aus, welche den vormaligen Pflanzen-
> schmuck zu ersetzen hatte.
>
> Die Küchen und Vorratsräume dieses Vergnügungslo-
> kals befanden sich alle im Keller. Hier mußte auch
> das schmutzige Geschirr gespült und getrocknet wer-
> den. Unter dem großen Ballsaal in der Mitte des Ge-
> bäudes lag im Keller der sogenannte Tunnel, ein rie-
> siger Raum im Souterrain:
>
> "Im Souterrain liegt unterhalb des Königssaales der
> sogenannte Tunnel, der als Rauchzimmer benützt wird
> und mehrere Billards und sonstige Spielapparate ent-
> hält" (6)
>
> Kroll's Garten war also reichlich ausgestattet worden.
> Der äußere Anblick des Gebäudes läßt an ein Tem-
> pelareal denken, das auf die griechische Antike an-
> spielt. Die Wintergärten, die auch als Kolonnaden be-
> zeichnet werden, hatten hinter sich Säle, die als "Ro-
> coco Saal" und "Renaissance Saal" bezeichnet wer-
> den. Wir befinden uns also mit diesen Bauwerk, das
> eine sehr schöne Bogenarchitektur an den Außenfas-
> saden zeigt, in einer Zeit, die eine klassizistische Ar-
> chitektur liebt. Die beiden Türme über den Treppen-
> häuser an den rückwärtigen Ecken des Königssaals
> ragen hoch über die Gebäudemasse des langgestreck-
> ten Gebäudes und bilden eindrucksvolle stadtbildprä-
> gende Gestalten. Auch die turmartig aufgebauten Ge-
> bäudemaßen an den Enden der Seitenflügeln haben
> Tempelcharakter. Sie enthielten die Wohnungen von
> Herrn Kroll und den Restaurantbetreibern. Man hatte
> also, wenn man auf den Parade Platz gelangte, eine
> Art Akropolis von Berlin vor sich, was Menschen in die
> Stadt ziehen sollte, um das Bauwerk zu erleben.
>
> Wer hier feiern konnte, hatte Macht und Einfluß. Bei
> den Berliner wird das Bauwerk Eindruck geschunden
> haben. Es muß sehr dazu beigetragen haben, Men-
> schen nach Berlin zu ziehen und war Teil der Infra-
> struktur, mit der aus Berlin eine Verkehrsdrehscheibe
> gemacht werden sollte, die der Hauptstadtfunktion
> dieser Stadt gerechter wurde. Von Kroll's Garten aus
> konnte man sehr rasch zum Hamburger Bahnhof ge-
> langen. Gästen der Stadt standen also bereits mo-
> derne Verkehrsmittel zur Verfügung, die ein rasches An-
> reisen und Abreisen ermöglichten, wenn sie Events
> wahrnehmen wollten. Solche Events mußten von über-
> regionaler Bedeutung sein. Kroll's Garten konnte sol-
> che Events bieten und war durch seine Lage sehr pri-
> vilegiert und deswegen anziehend für einkommensstarke
> Besucher der Stadt.
>
> K.L.
>
> Dieser Text von Karl-Ludwig Diehl wurde in
http://groups.google.com/group/de.sci.architektur
> und
http://groups.google.com/group/bln.verkehr
> zur Diskussion gestellt. Der Autor ist über folgende
> Emailadresse erreichbar: baugeschichte (at) email.de
>
> Anmerkungen:
> (1) siehe: o.A.: Kroll's Garten zu Berlin. S.267-271
> in: Allgemeine Bauzeitung. Wien, 1846. S.267
> (2) zitiert aus: o.A., wie vor, S.267
> (3)-(6) zitiert aus: o.A., wie vor, S.268
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