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Article #205Re: Vorsicht [Re: Internet-Experiment]
From: Klaus Beckmann
Date: Sun, 26 Oct 1997 00:00
Date: Sun, 26 Oct 1997 00:00
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Detlef Bosau <detlef@jojo.escape.de> wrote:
> >
> > Da fehlt jede Diskussionsgrundlage. Nur so viel: Wer ist hier
> > eigentlich der Ideologe?
>
> Ach, habe ich Dich beleidigt?
Noe. Ich vertrage eine ganze Menge.
[...]
> Wie "wissenschaftlich" das ist, zeigt schon Dein Satz. Eine
> Diskussionsgrundlage kann es nur zwischen zwei oder mehr
> Diskussionsteilnehmern geben. Nie bei einem allein. Das
> ist, als wollte man sagen: Eine Zahl ist gleich.
>
Moment. Der Satz sagt ja nun nichts anderes, als dass es bei _uns
beiden_ an der notwendigen Grundlage fehlt, um ueber
Wirtschaftswissenschaften --- und wohl auch ueber die anderen
Sozialwissenschaften --- zu diskutieren. Mit mir allein hat das nichts
zu tun. Ich kann mich mit anderen naemlich sehr gut ueber
Wirtschaftswissenschaften/Sozialwissenschaften unterhalten.
Dein Einwand ist Hirnschwurbel.
> Es wird ersichtlich, dass Du also schon mal ein Defizit im Umgang
> mit der deutschen Sprache hast.
Nein. Es wird nur ersichtlich, dass Du feindselig eingestellt bist.
>
> Das ist bei Wiwis uebrigens nicht sonderlich ungewoehnlich.
>
Wie kommst Du denn darauf?
> Wie gesagt, ich bleibe bei der These Wi"wi" ist keine Wissenschaft.
> Sie gehoert nicht an die Uni.
Die These habe ich haeufiger in den verschiedensten Varianten gehoert.
Eine Diskussion setzte voraus, "Wissenschaft" ordentlich zu definieren.
Was ist eigentlich mit Soziologie, Geschichte, Psychologie etc.? Sind
das nach Deinem Dafuerhalten Wissenschaften? Falls ja, warum diese und
die Oekonomie nicht?
> Ob jemand kaufmaennisches Geschick hat oder nicht, ist eine Frage
> des persoenlichen Talentes. Ich persoenlich achte kaufmaennisches
Du scheinst _Betriebswirtschaftslehre_ und _Volkswirtschaftslehre_ in
einen Topf zu werfen. Das ist Unfug. Und natuerlich kann man Talente nur
in einem begrenzten Umfang an einer Universitaet vermitteln. Das
Gegenteil behauptet aber auch keiner.
Kein Oekonom bietet einen "get rich quick"-Kursus. Und wie man
persoenlich reich wird, ist auch nicht unbedingt Gegenstand der
Oekonomie.
[...]
> Das, was an Wirtschaft "gelehrt" wird, ist pure Ideologie und
> es ist eine Ersatzreligion.
>
Dass es sich nur um Ideologie handelt, hast Du bislang nur behauptet.
Oft getretner Quark wird breit, nicht stark.
Um _eine_ Ideologie und _eine_ Ersatzreligion zu sein, muesste die
Oekonomie viel homogenere Ansaetze hervorbringen. Tatsaechlich aber gibt
es die verschiedensten Ansaetze, Auffassungen und Stroemungen (mit
unterschiedlichen normativen Implikationen). Deine Ablehnung der
"Ferengi-Gesellschaft" und Deine Kritik am "Konsumzwang" beispielsweise
kann man auch finden --- allerdings wohl nicht ganz so begruendungsfrei
und nicht ganz so polemisch wie bei Dir. Wenn Du Dich einmal auf die
Gesellschaftswissenschaften richtig eingelassen haettest, statt sie
gleich in Bausch und Bogen zu verdammen, wuesstest Du das.
In jeder Wissenschaft gibt es stets Ansaetze/Theorien, die eine Zeitlang
dominieren und den "Mainstream" bilden, bis sie dann abgeloest werden.
Diese dominierenden Stroemungen muessen nicht "richtig" sein (in der
Wissenschaft ist ja ohnedies alles Wissen nur vorlaeufig). Ihre Dominanz
bedeutet aber noch nicht, dass man es mit einer Religion zu tun hat,
solange die Profession wissenschaftliche Kriterien bei der Ueberpruefung
der Theorien anwendet, solange entlang abweichender Wege gedacht, andere
Theorien zugelassen und ueberprueft werden.
Der Mainstream in der Physik vertrat geraume Zeit (etwa bis Einstein)
die Existenz des sogenannten "Aethers", einer Substanz, durch die
Lichtwellen im All uebertragen werden. Stimmt nach gegenwaertiger
Auffassung nicht mehr. Als die Aethertheorie unter Beschuss geriet,
wehrten sich deren Vertreter vehement und polemisierten; sie verhielten
sich ein wenig wie "Kardinaele".
Ist die Physik deshalb keine Wissenschaft und gehoert nicht an die Uni?
> Und es wundert mich nicht, dass die entsprechenden Kardinaele
> verschnupft reagieren, wenn man ihnen das einmal sagt.
>
Wenn ich doch nur schon "Kardinal" waere. :-)
> Aber so wie Marx/Engels/Lenin von Deinen Leuten vertrieben wurde,
> wird auch Smith/Schumpeter/Kaynes vertrieben werden.
>
"Keynes". Smith, Schumpeter und Keynes in gleicher Weise zu verbinden
wie Marx, Engels und Lenin, ist schon ein starkes Stueck. Z.B. sind
Schumpeter und Keynes von ganz anderem Kaliber als Engels und Lenin. Und
sie haben weit divergierende Ansichten/Theorien vertreten.
Schumpeter war im uebrigen Sozialist.
> Ich habe mich in der Schule schon ueber den Unsinn der "Mehrwerttheorie"
> von Smith aufgeregt. Da wurde uns etwas von einem Mann erzaehlt,
??? Marx???
Ich war immer schon der Ansicht, dass der ganze WiSo-Unterricht an den
Gymnasien nix taugt. Da fuehren die Einaeugigen mit grauem Star die
Blinden; und oft halten diese Einaeugigen mit ihrer persoenlichen
Ansicht nicht zurueck.
Das ist bei den Gesellschaftswissenschaften kritisch, weil hier jeder
--- anders als z.B. bei der Mathematik und den Naturwissenschaften ---
taeglich mit dem Erkenntnisgegenstand konfrontiert wird, eine Meinung
hat und daher glaubt, wie ein Experte (oder sogar besser) urteilen zu
koennen.
> der ganz offenkundig nicht rechnen konnte, und dann wurde uns
> das ganze als Religion oktroyiert.
>
> Ich bin mittlerweile zu der Einsicht gekommen, dass dieser ganze
> Stuss vollkommen unsinnig ist und ein ziemlich uebler Beschiss.
Keine _Einsicht_. Einsicht setzt Ueberlegung und Beschaeftigung mit der
Materie voraus.
[...]
> Jede Ideologie, die den Menschen verachtet, jedes "System", jede
> Denkschablone gehoert da ganz einfach verschrottet. Und es ist
> einfach eine Schande, hier von "Freiheit der Forschung und Lehre"
> zu sprechen, wenn gerade die Wirtschafts"wissenschaften" zeigen,
> spaetestens, wenn mal wieder Doktorhuete verkauft werden, weil
> McKinsey-Trainees in Rekordzeit zum Doc. mehr getragen als geschoben
> werden, dass sich hier eine "Wissenschaft" zum Buettel des
> Geldadels macht.
Es ist ja nicht so, dass Du mit dieser Ablehnung der Wirtschaftsberater
(und gerade McKinseys) die Oekonomen (will sagen: Volkswirte) angreifst.
Die meisten von uns moegen das Duennbrettgebohre ebensowenig. Und wir
praktizieren es auch nicht.
Um von der Homepage eines unserer Lehrstuehle zu zitieren:
In Washington Lord Halifax
Once whispered to Lord Keynes:
"It's true they have the money bags
But we have all the brains."
An den Fakultaeten, die ich kennne, wird leider niemand zum Doktortitel
getragen.
>
> Es ist und bleibt eine Schande, und ich werde nicht muede werden,
> das anzuprangern. Ob Dir das passt oder nicht.
>
> Ich muss das alleine sagen. Ich habe keine Lobby. Aber ich habe
> recht, und das weisst Du. Und daran ist mir mehr gelegen
Das ist eine Unterstellung. Ich weiss nicht, dass Du recht hast.
Allerdings glaube ich zu wissen, ob Du recht hast.
> als an Deiner geneigten Wertschaetzung.
>
Ironischerweise duerftest Du Dich meiner Wertschaetzung in groesserem
Masse erfreuen, als Du recht hast. Ich mag Quixoterien. Ansonsten haette
ich gar nicht geantwortet, zumal Deine Diatribe mit einer bewussten und
ungerechten Anfeindung beginnt und endet.
> Und wenn Du Dich dann abgeregt hast, nach dem Lesen dieses Artikels,
> dann denk noch mal ueber die eingangs gemachten Bemerkungen ueber die
> deutsche Sprache nach.
>
Been there, done that.
> Waere doch schade, wenn Du Deine McKinsey-Dissertation abgibst und
> den Doktorhut aufgrund einer Arbeit bekommst, die im Deutsch
> unterhalb des Niveaus der ersten Klasse liegt.
Ich denke mal, dass dieser Schuss nach hinten losgegangen ist.
Klaus
--
Klaus Beckmann * [49] (851) 509 2523
* Klaus.Beckmann@uni-passau.de
* KBeckmann@compuserve.com
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