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1 total messages Started by Beschaeftigte_am_WZB Fri, 16 Oct 1992 17:24
WZB-Resolution gegen Auslaenderhass
#112
Author: Beschaeftigte_am_WZB
Date: Fri, 16 Oct 1992 17:24
148 lines
6638 bytes

                            Stoppt
                      den Flaechenbrand !


Eine Flut von Hoffnungslosigkeit und Hass ueberschwemmt
Deutschland.

Am Mittwoch, den 9. September haben sich viele
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Wissenschaftszentrums
Berlin fuer Sozialforschung versammelt, um gemeinsam zu
ueberlegen, welche Moeglichkeit wir als WZB-Angehoerige haben,
um unseren Protest gegen eskalierenden Auslaenderhass
auszudruecken und eine Gegenoeffentlichkeit zu mobilisieren.

Wir haben u.a. beschlossen, in einer privat finanzierten Fax-
Aktion zum einen dieses Protestschreiben an politisch
Verantwortliche und an die Medien zu schicken und zum anderen
Belegschaften anderer Einrichtungen von Wissenschaft und
Forschung dazu aufzurufen, sich unserem Protest anzuschliessen
und eine Anzeigenaktion finanziell zu unterstuetzen.

Wir, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des
Wissenschaftszentrums Berlin fuer Sozialforschung, kommen aus
vielen verschiedenen Nationen. Wir haben fassungslos die
Ausgrenzungen und Uebergriffe gegenueber allen "Nichtdeutschen"
beobachtet. Nach dem Beifall fuer die Flammen von Rostock-
Lichtenhagen und den zunehmenden Ausschreitungen gegenueber
Auslaendern, Fluechtlingen und anderen Minderheiten in Ost und
West wehren wir uns gegen die Aushoehlung demokratischer
Grundwerte.

In unseren Forschungen haben wir viele Gruende gefunden, warum
Millionen Menschen in Deutschland in grosser Zukunftsangst
leben. Erklaerungen von Ursachen und Aengsten rechtfertigen
jedoch niemals rassistische Ausschreitungen, Mord, Koer-
perverletzung und Beleidigung.

Massgebliche Politiker und fuehrende Verwaltungsbeamte auf
Bundes-, Landes  und kommunaler Ebene lenken die Zukunftsangst
der Menschen auf Auslaender, Fluechtlinge und Minderheiten, um
ihre Ratlosigkeit und ihr Versagen bei der Loesung der Probleme
im Einigungsprozess zu vertuschen. Damit bewirken sie, dass

- Schwarz-Weiss-Muster das Handeln bestimmen,
- bisher geltende Tabus erodieren,
- das staatliche Gewaltmonopol zerfaellt.

Uns ist bewusst, dass sich in der Weimarer Republik zu wenige
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dem aufkommenden
totalitaeren Denken und Handeln entgegengestellt haben. Dieses
Versagen darf sich nicht wiederholen.

Wir haben beschlossen, ein Zeichen des Protestes zu setzen.
Wir haben vom 21.9.1992 bis zum 2.10.1992 einige hundert
Protestschreiben per Telefax und elektronischer Post an den
Deutschen Bundestag, das Bundeskanzleramt, das
Bundesinnenministerium, die Laenderinnenminister,
Auslaenderbeauftragte des Bundes und der Laender, die
Innenausschuesse des Bundes und der Laender und Parteien
geschickt sowie andere Einrichtungen ueber diese Aktion
informiert.

Wir tun dies in der Hoffnung, dass sich auch in anderen
Forschungseinrichtungen Mitarbeiter/innen zusammenfinden, um
ebenfalls gemeinsam gegenueber verantwortlichen Personen in
Politik und Verwaltung ihren Protest gegen die rechtsradikalen
Angriffe auf Minderheiten auszudruecken.





(Anzeigentext)

Wir, Mitarbeiter/innen des Wissenschaftszentrums Berlin fuer
Sozialforschung und diese Aktion unterstuetzenden
Einrichtungen, kommen aus vielen verschiedenen Nationen.
Wir haben fassungslos die Ausgrenzungen und Uebergriffe
gegenueber allen"Nichtdeutschen" beobachtet. Nach dem Beifall
fuer die Flammen von Rostock-Lichtenhagen und den zunehmenden
Ausschreitungen gegenueber Auslaendern, Minderheiten und
Fluechtlingen in Ost und West wehren wir uns gegen die
Aushoehlung demokratischer Grundwerte.

Massgebliche Politiker und fuehrende Verwaltungsbeamte auf
Bundes-, Landes und kommunaler Ebene lenken die Zukunftsangst
der Menschen auf Auslaender, Fluechtlinge und Minderheiten, um
ihre Ratlosigkeit und ihr Versagen bei der Loesung der Probleme
im Einigungsprozess zu vertuschen. Damit bewirken sie, dass

- Schwarz-Weiss-Muster das Handeln bestimmen,
- bisher geltende Tabus erodieren,
- das staatliche Gewaltmonopol zerfaellt.

Uns ist bewusst, dass sich in der Weimarer Republik zu wenige
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dem aufkommenden
totalitaeren Denken und Handeln entgegengestellt haben. Dieses
Versagen darf sich nicht wiederholen.

Wir protestieren gegen die drohende Aushoehlung des Artikels 1
unseres Grundgesetzes: "Die Wuerde des Menschen ist
unantastbar"!

Wir fordern, dass alles getan wird, um das Leben und die
koerperliche Unversehrtheit der hier lebenden auslaendischen
Menschen und Minderheiten zu schuetzen und fordern politische
Zeichen gegen die zunehmende oeffentliche Akzeptanz von Gewalt
gegenueber Auslaenderinnen, Auslaendern und anderen
Minderheiten.

Wir protestieren gegen die weit verbreitete Missachtung der
Schmerzen und Aengste vieler Menschen beim Zusammenwachsen zu
einem demokratischen Deutschland!

Wir fordern, die derzeitige Wirtschaftspolitik, die in
Ostdeutschland fast jeden zweiten Menschen aus dem Erwerbsleben
gedraengt hat, durch eine Arbeitsplaetze und Ausbildungsplaetze
schaffende Politik abzuloesen!

Wir fordern eine Wohnungsbaupolitik, die fuer ausreichenden
Wohnraum und sozial vertraegliche Mieten in den alten und den
neuen Bundeslaendern sorgt!

Wir fordern, dass Politikerinnen und Politiker nicht weiter
suggerieren, dass eine Aenderung des Asylrechts die Probleme
der Armutswanderungen loesen koennte!

Totalitaeres Denken und Handeln darf nicht das in 40 Jahren
gewachsene demokratische Denken und Handeln ueberwaeltigen!

Wir bitten alle Betriebsgruppen/Personalraete/Betriebsraete und
ihre Einrichtungen, zur Unterstuetzung einer Anzeige (kursiv
gedruckter Text) in der FAZ 1992 Geld zu sammeln und mit
Angaben ueber die Einrichtung auf folgendes Spendenkonto zu
ueberweisen:

Axel Troester-Groenig
Dresdner Bank Bankleitzahl 10080000
Konto-Nummer: 0362720201


Ansprechpartner/innen im WZB:

Christoph Albrecht         030/25491-134
Axel Troester-Groenig    030/25491-290
Mechthild Lang        030/25491-297
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