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Article #569

Re: Altdemagogen

#569
From: Achim Stenzel
Date: Sun, 03 Aug 1997 00:00
66 lines
3221 bytes
Hallo Hansjoerg (walther@nineties.com),

jetzt muss ich doch mal grob werden:

du meintest am 01.08.97 zum Thema "Re: Altdemagogen (was: Jungdemagogen (was: Studiengeb. sind nicht unso":

[Werner:]
> > Das derzeitige Wirtschaftsystem hat Gewinner und Verlierer und
> > ich kann
>
> Der kapitalistische Teil hat nur Gewinner, da jeder einzelne
> Tauschakt nur zustandekommt, wenn beide etwas davon haben.

[grob]
Kasperkram.
[/grob]

Angenommen, ich hab Arbeitskraft zu verkaufen. Dann kommt  
einer und sagt: Komm doch in meine Fabrik/Buero/irgendwas,  
tu dieses und jenes, ich zahl dir was dafuer. Ich kuck mir  
an, was er zahlt und sage "ja" oder "nein".

Nur das "Neinsagen" kann ich mir eigentlich nicht leisten.  
Ich will ja irgendwo wohnen, moechte essen und mich kleiden.  
Aber was ist, wenn der gute Mann mir einen Lohn bietet, der  
unter dem Lebensminimum liegt? Oder Arbeitsbedingungen, die  
meine Gesundheit in kuerzester Zeit ruinieren? Wer es sich  
leisten kann, sagt "nein". Wer es sich nicht leisten kann,  
sagt "ja". Und malocht fuer schmale Kohle und macht sich  
kaputt. Na klar, er krepiert nicht gleich vor Hunger.

Der ewige Zuwachs an Gewinn, der bei deinen Tauschakten sich  
ergeben soll ("nur Gewinner"), stoesst leider an die Grenzen  
des Oekosystems Erde. Der von dir oft angefuehrte  
wirtschaftliche Aufschwung Englands im 19. Jahrhundert hatte  
seinen Preis: Englands Waelder wurden zu Grubenholz,  
Schiffen und Holzkohle, diese Ressourcen wurden in einem  
Tempo verbraucht, das die Natur nicht wettmachen konnte. Die  
Lebens- und Arbeitsbedingungen schildert uns DIckens  
ausfuehrlich. Der WOhlstand, den England sich erworben hat,  
haben vorhergehende Generationen bezahlt. Und in Deutschland  
ist es nicht anders.

Und nachdem die Koreaner gelernt haben, wie man Schiffe  
baut, die Inder, wie man aus Baumwolle Klamotten macht und  
die Japaner, wie man optische Geraete baut, sieht es hier  
schon voellig anders aus.

Natuerlich sagen jetzt viele "die Arbeitskosten sind zu  
hoch". Klar, so gesehen sind sie es. Aber wenn sie niedriger  
waeren, haetten die Leute weniger in der Tasche zum  
Ausgeben. Und dann?

Ich habe auch kein schluessiges Rezept. Aber eure Rezeote  
sind *sehr* blauaeugig.

Ciao,
Achim

-- 
Achim Stenzel, 23552 Luebeck
astenzel@on-luebeck.de

"Ich mag Kinder sehr. Andererseits interessiere ich mich  
auch sehr fuer Menschen." Verona Feldbusch, taz 19.7.97
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From: astenzel@tiger.ON-Luebeck.de (Achim Stenzel)
Subject: Re: Altdemagogen
Date: 1997/08/03
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