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Started by Paul David Doherty
Tue, 30 Nov 1999 00:00
Videodrom (Update)
Author: Paul David Doherty
Date: Tue, 30 Nov 1999 00:00
Date: Tue, 30 Nov 1999 00:00
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[Aus: taz Berlin lokal Nr. 6004 vom 30.11.1999]
Videodrom
Zensur
Die Schliessung des Videodroms letzte Woche hat inzwischen das ausgeloest,
was frueher "eine breite Welle der Solidaritaet" hiess. Die Berliner Band
Die Aerzte protestierte per Fax "gegen die Schliessung eines wegweisenden
Kulturstuetzpunktes". Detlev Buck schickte eine Soliadresse, sogar
Unterschriftenlisten kursieren. Extra angereist, um ihren Unmut ueber die
polizeiliche Versiegelung ihrer Lieblingsvideothek auszudruecken, trafen
sich gestern Franka Potente, Tom Tykwer, Sophie Rois und andere Promis im
Eiszeit-Kino.
Da die rund 50 Polizisten scheinbar keine guten Filmkenner waren, haben
sie, laut Thomas Klein vom Videodrom, neben potenziellen Pornos (Klein:
"Hardcore fuehren wir eh nicht") und Ballerfilmen fast alles mitgenommen,
wo ein gewisser A. Hitler im Titel oder auf dem Cover auftaucht. So auch
Erwin Leisers preisgekroente Doku "Mein Kampf" oder die US-TV-Serie
"Holocaust".
Klein fragte in die Runde, warum die Beschlagnahmer nicht auch "Schindlers
Liste" zur Kontrolle mitnahmen? Insgesamt 666 (sic!) Filme liegen bei den
Behoerden. Ab 9. 12. veranstalten die "Berliner Independent-Cinemas" eine
"Woche des beschlagnahmten Films". Die wohl erste Filmreihe, die ein Gremium
aus Staatsanwaelten, Polizisten und dem Kreuzberger Wirtschaftsstadtrat
Fischer ("Euren Laden mache ich dicht", soll der schon im Sommer gesagt
haben) zusammengestellt hat. Unter anderem supergefaehrliche Ware wie:
"Braindead", "Violent Cop" (Takeshi Kitano), "Underground" (Emir Kusturica)
oder der Film, in dem Kindern nicht explizit erklaert wird, warum
Streichhoelzer gefaehrlich sind: Lynchs' "Wild At Heart". Ob und wann das
Videodrom-Team wenigstens wieder in seine nun "sauberen" Raeume darf, haengt
vom Bezirksamt ab. Die Aktion letzte Woche ist auch datenrechtlich
bedenklich: Die Polizei verfuegt ueber die kopierte Kundendatei des
Videodroms.
A. Becker
[Aus: Der Tagesspiegel vom 30. November 1999]
Kuenstler setzen sich fuer Videodrom ein
"Schliessung anmassend und dumm" - Polizei hatte letzte Woche rund 1000
Videos beschlagnahmt
Gegen die Schliessung der Kreuzberger Videothek "Videodrom" regt sich
heftiger Widerstand in der Berliner Film- und Musikszene. Filmemacher wie
Detlev Buck, Joerg Buttgereit und Tom Tykwer, Schauspieler wie Sophie Rois
und Juergen Vogel, Cineasten und Musiker haben sich oeffentlich mit der
Videothek an der Mittenwalder Strasse solidarisiert.
Im Verleih stehen rund 15 000 Titel zur Auswahl, Schwerpunkte sind Horror-
und Zeichentrickfilme, sowie Filme mit Themen ueber Homosexualitaet. Am
Dienstag vergangener Woche hatte die Polizei rund 1000 Filme unter dem
Verdacht der Verbreitung Jugend gefaehrdender Schriften beschlagnahmt,
seitdem ist die Videothek geschlossen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
Schauspielerin Franka Potente sagte: "Nirgendwo sonst in Berlin kann ich
mich so gut auf meine Arbeit vorbereiten, indem ich alte oder seltenere
Filme meines Regisseurs oder zu der Filmfigur ausleihen kann. Die
Schliessung ist fuer meine Arbeit schrecklich."
Fuer den auf Filmliteratur spezialisierten Bertz-Verlag hat das "Videodrom"
als bestsortierte Videothek der Stadt laengst die Funktion eines Filmarchivs
angenommen, es sei "unverzichtbar". Der Kommentar der Band "Die Aerzte":
"Anmassend und dumm." Videodrom-Mitarbeiter Thomas Klein betonte am Montag
erneut, dass von der Bundespruefstelle fuer Jugend gefaehrdende Schriften
(BPjS) verbotene Filme weder verkauft noch verliehen wurden. Allerdings
koennten sich in den verschlossenen Lagerraeumen und den Privatwohnungen
der Eigentuemer verbotene Artikel befunden haben.
Er hofft, dass unabhaengig von den weiteren Ermittlungen die seit zehn
Jahren bestehende Videothek moeglichst bald wieder aufmachen kann. "Wenn uns
das Weihnachtsgeschaeft durch die Lappen geht, stecken wir in mehr als nur
finanziellen Schwierigkeiten". Eine Reihe kleinerer, unabhaengiger Kinos wie
das Balazs, Blow up, Eiszeit, fsk und die Hackeschen Hoefe hat nun zu einer
"Woche des beschlagnahmten Films" aufgerufen. Vom 9. bis zum 15. Dezember
wollen sie taeglich die inkriminierten Filme zeigen: mit dabei uebrigens
"True Romance" - der Film war am vergangenen Wochenende im Fernsehen zu
sehen.
ulg
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