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1 total messages Started by Kaspar Landsberg Thu, 15 Aug 1996 00:00
Aufruf zum Boykott der taz (fwd)
#47
Author: Kaspar Landsberg
Date: Thu, 15 Aug 1996 00:00
160 lines
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"[] Was darf der "Barbier von Bebra"? Soll dem Helden des taz-Sommerromans
   das Morden verboten werden? Zwei BuergerrechtlerInnen sehen die Serie
   als "literarische Anleitung zum Mord an Andersdenkenden" und verfassen
   den

AUFRUF ZUM BOYKOTT DER TAZ

    Erlebnisbericht von Joerg Lau

Natuerlich ist es noch keine Nachricht, wenn Journalisten sich mit  
gewaehlten Volksvertretern und Repraesentanten politischer Gruppen  
getroffen haben, um ueber publizistische Gretchenfragen wie die Freiheit  
der Kunst zu debattieren und sich die beliebte Frage zu stellen: Was darf  
Satire?
   Dass Vera Lengsfeld und Konrad Weiss, beide MdB (Buendnisgruene), sich  
gestern zu diesem Zweck in der taz einfanden, waere denn auch eigentlich  
kein Thema fuer einen prominenten Platz wie diesen. Wenn dabei allerdings  
nach etwa einer halben Stunde eregten Streits ein Brief gezueckt wird, der  
zum Boykott der taz aufruft, stellt sich die Sache schon etwas anders dar.  
Wenn dieser Brief dann auch noch links oben das erhabene Hoheitszeichen  
der Bundesrepublik traegt, darf man die Sache wohl als oeffentlich  
ansehen. Und wenn sich schliesslich - durch ein ebenso ahnungsloses wie  
bestuerztes Fax von Ralph Giordano ("Wohin driftet die taz?") -  
herausstellt, dass der Boykottaufruf schon laengst ein oeffentlicher ist,  
dann fuehrt kein Weg mehr daran vorbei, die Leser ins Bild zu setzen.
   Worum geht es? Heute erscheint die zehnte Folge eines  
Fortsetzungsromans von Wiglaf Droste und Gerhard Henschel, in dem einer  
gewissen Gisela Guetzel, "Deutschlands schoenster Polizistin", die  
Aufklaerung einer raetselhaften Mordserie obliegt. Die Opfer sind durchweg  
Maenner mit Baerten, die aus der Buergerrechtsbewegung der DDR bekannt  
sind: Wolfgang Thierse, Markus Meckel, Juergen Fuchs, Rainer Eppelmann.  
Alle Morde tragen trotz unterschiedlichster Todesarten - vom Erstechen  
mittels einer Klarinette ueber das Erschiessen mit einer  
Hotzenplotzpistole bis zum Ertraenken in Sulfrin-Schampoo - die gleiche  
Handschrift: Die Opfer werden allesamt sorgsam barbiert aufgefunden. Im  
weiteren Verlauf der Handlung werden dann auch noch Angela Marquardt, Inge  
Meysel, Gregor Gysi, die Wildecker Herzbuben und Innenminister Kanther in  
den Sog der Handlung gezogen. (Mehr wird hier nicht verraten.)
   Mit Aerger bei manchem Betroffenen war zu rechnen. Schliesslich leben  
wir in einer Republik, in der die verfolgende Unschuld immer noch viel  
groesseren Kredit geniesst als die satirische Zertruemmerungskunst. Dank  
einiger Gerichtsentscheide der letzten Zeit (siehe Kasten) ist  
Ehrpusseligkeit auf dem besten Wege, auch finanziell zu einer aeusserst  
lukrativen Handlung zu werden. Aber auch ein vorgewarnter Beobachter  
konnte nicht ahnen, was Lengsfeld und Weiss waehrend unserer nur zum  
Schein privaten Debatte in petto hielten.
   Wie oft ich auch die Ironiersignale des Textes, die redaktionelle  
Plazierung auf einer Satireseite, die deutlichen Genremerkmale ins Feld  
fuehrte, immer wieder wurde mir vorgehalten, die taz gebe mit dem  
strittigen Text "literarische Anleitungen zum Mord an Andersdenkenden".  
Erst als Vera Lengsfeld den bereits ventilierten Boykottaufruf  
hervorzauberte, in dem diese Anschuldigung in den Kontext des deutschen  
Judenmordes gestellt wird, wurde mir der Sinn dieses Gespraeches klar: So  
hatte ich mich zuletzt als Schueler gefuehlt, der wegen schlechten  
Betragens ins Rektorzimmer einbestellt worden war.
   Auf den Satz "Ich will, dass das aufhoert" folgte also der Hinweis auf  
"meinen sehr guten Anwalt" und schliesslich die aufrichtige Bitte, diesen  
Auftritt nicht als Erpressung misszuverstehen. Als Redakteur einer  
Zeitung, die sich mit abenteuerlichen Sparmassnahmen und einer auf die  
Sympathie der Leserschaft spekulierenden Bettelkampagne ueber den Herbst  
zu retten versucht, hat man da zunaechst einmal nicht viel  
entgegenzusetzen.
   Zwei Abgeordneten jener Partei gegenueberzusitzen, die nicht zu waehlen  
mir bislang trotz allem Ungenuegen unmoeglich war, und diese Abgeordneten  
mich im Namen des Antifaschismus mit dem Verlust meiner Existenz bedrohen  
zu hoeren - dies werde ich unter der Rubrik "Interessante biographische  
Schluesselerfahrungen" mit mir selber abzumachen haben.
   Den Faschismusvorwurf, mit dem man die taz zu treffen gedenkt, halte  
ich fuer ein solches intellektuell-moralisches Armutszeugnis, dass er an  
die Oeffentlichkeit gehoert, ob uns dies nun schadet oder nicht. Man muss  
kein Ueberlebender der Lager und kein Kind von Ueberlebenden sein, um  
solche Verunglimpfung des Andenkens der Ermordeten obszoen zu finden. Aus  
dem Faschismusvorwurf kleine Muenze zu machen - Konrad Weiss fuehlte sich  
an den Stuermer und den Film "Der ewige Jude" erinnert - das ist moralisch  
illegitim und politisch fatal: Womoeglich werden wir einen substantiellen  
Faschismusbegriff noch gut brauchen koennen.
   Vera Lengsfeld sollte das eigentlich wissen. 1987 hat diese mutige
Frau - eine Ungeheuerlichkeit in der DDR - einen Verleumdungsprozess  
gefuehrt, weil ihre Mahnwachen vor der Zionskirche vom FDJ-Organ Junge  
Welt mit Aktionen von "faschistischen Schlaegern" gleichgesetzt worden  
waren."

Und hier nun der Boykottaufruf von Frau Vera Lengsfeld (mehr oder weniger  
in Originalabbildung):

------------------------------- oberer Rand -----------------------------
         [BUNDESADLER (Bild)]

            Vera Lengsfeld                          Bundeshaus
  Mitglied des Deutschen Bundestages
                                                    Vera Lengsfeld
                                                    Rheinweg 6/205
                                                    53113 Bonn
                                                    Tel: (0228) 16 - 89145
                                                    Fax: (0228) 16 - 86701
                                                    e-Mail:
                                       vera.lengsfeld@mdb.bundestag.dbp.de




                                                    Bonn, 12.08.96


Aufruf zum Boykott der taz

Seit der vergangenen Woche veroeffentlicht die "taz" ausser Aufrufe zum  
Abschluss von Rettungsabos einen ganz besonderen Gag zu Auflagesteigerung.  
In einem Fortsetzungskrimi von Wiglaf Droste und Gerhard Henschel werden  
namentlich genannte Buergerrechtler "barbiert" und anschliessend  
exekutiert. Bisher waren es Wolfgang Thierse, Markus Meckel, Juergen Fuchs  
und Rainer Eppelmann. Es ist zu fuerchten, dass weitere folgen werden.

Das Machwerk ist in einer Zeit, da in Deutschland Daniel Goldhagens These  
von den willigen Vollstreckern der Hitlerischen Mordbefehle empoert  
zurueckgewiesen wird, ein Beweis, dass sich Sprache und Denkungsart der  
Geistesstuetzen deutscher Diktaturen nicht geaendert haben.
Zur Mordsgaudi der Leute wurden einst die orthodoxen Juden barbiert und  
exekutiert. So viel Spass blieb den willigen Vollstreckern im Stasiknast  
leider versagt. Dafuer werden ehemalige politische Haeftlinge wie Juergen  
Fuchs als unansehnliche, kranke Menschen beschrieben und dem Gelaechter  
preisgegeben. Fettige Haare, schmuddelige Baerte, nikotingelbe Fuesse  
werden als Attribute des lebensunwerten Lebens praesentiert. Bisher fehlen  
nur noch Witze ueber Behinderte, Toetungsempfehlungen fuer "Erbkranke" und  
Einsperr- bzw. Quaelphantasien gegenueber psychisch Kranken in  
"Gummizellen". Es ist bekannt, wie tief solche Ausgrenzungs- und  
Entwertungsmechanismen in der Bevoelkerung bis heute lebendig sind, auch  
die "taz" wurde vor einiger Zeit vom Begriff "gaskammervoll" heimgesucht.

Eine Zeitung, die literarische Anleitungen zum Mord an Andersdenkenden  
(und Andersaussehenden, Andersfuehlenden, Anderslebenden) druckt,  
benoetigt eine Denkpause. Deshalb rufen wir alle taz-Abonennten auf, ihr  
Abo zu kuendigen und alle Leser, die Zeitung ab sofort zu boykottieren.


[UNTERSCHRIFT VON VERA LENGSFELD]
Vera Lengsfeld

---------------------------- unterer Rand -------------------------------

QUELLE: die tageszeitung (taz) vom 15.08.1996, Seite 3

Siehe auch http://www.taz.de.
EMail: brief@taz.de


Frau Lengsfelds EMail-Adresse lautet (siehe oben):

vera.lengsfeld@mdb.bundestag.dbp.de


Satire darf alles!

Gruesse, Kaspar

PS Follow-Up beachten!

--
Kaspar Landsberg, <kl@kl.in-berlin.de>
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