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1 total messages Started by Johannes Kiehl Fri, 08 Mar 1991 22:44
Borlands "Software Festival": Feuerwerk wider den Drachen
#376
Author: Johannes Kiehl
Date: Fri, 08 Mar 1991 22:44
471 lines
28120 bytes
   "Raetlich und fromm doch schien's,
   Fafner verreckte hier ohne Frist":
   -------------------------------------
   European Software Festival in Muenchen
   -------------------------------------

   Das dritte Jahrtausend wollte Borland am 18. Februar 1991
beginnen lassen. Damit war die Firma selbst bei grosszuegiger
Auslegung der ueblicherweise befragten Planetenkonstellationen um
rund acht Jahre zu frueh dran.

   Zum allfaelligen Feuerwerk zur vorgezogenen Jahrtausendwende
wurden Kunden (und News-Abonnenten, siehe <909@susan.sta.sub.org>)
ins Muenchner Kulturzentrum Gasteig geladen. Man lockte mit
prominentem Gelichter, immerhin sollten die Gaeste jeweils 120 Mark
in die Opferbuechse werfen:
   In den Ankuendigungen fanden sich aufgelistet die Professoren
Minsky ("Mentopolis"), Weizenbaum ("Eliza") und Wirth ("Pascal,
User Manual and Report") neben Professorin Turkle ("Die
Wunschmaschine"). Es fanden sich die Skandinavier Hejlsberg
("Turbo Pascal") und Stroustrup ("C++"). Und Borlandchef Philippe
Kahn, Ex-PARC-Vordenker Alan Kay, Hyperinstrumentalist Tod
Machover und Cyberspace-Philosoph Jaron Lanier.
   Dann, etwas zu vollmundig: "the list goes on and on", noch
viele mehr. Hmja. Es sollten eher einige weniger kommen.

   Chaos regierte auch in Muenchen

   Das tatsaechlich dicht gedraengte Programm -- 24 Veranstaltungen
sollten sich auf nur zwei Tage verteilen! -- lief zwischen acht
Uhr und halb fuenf simultan in drei Raeumen des Kulturzentrums; den
Teilnehmern wurde also manch schmerzhafte Entscheidung abverlangt.
Dabei verschob sich das Programm staendig, Referenten waren nicht
aufzufinden, Veranstaltungen wurden abgesagt. Rena Tangens,
alljaehrlicher Werkstatterin ("Feminines Computerhandling") beim
chaotisch organisierten Hamburger Communication Congress, fiel
auf: "Dafuer, dass das hier erheblich mehr kostet, ist die
Organisation nicht mal viel schlechter als beim CCC."
   Alan Kay, der geistige Vater der Window-Oberflaechen, hatte
seine Teilnahme abgesagt. Broetchengeber Apple hatte seine
Angestellten fuer die Dauer des Golfkriegs unter US-Arrest
gestellt.
   Die Soziologin Sherry Turkle war nicht da.
   Besonders schade fand ich allerdings, dass ein weiteres
wichtiges Zugpferd der Veranstaltung nicht kam -- Jaron Lanier,
der zottelkoepfige Virtuality-Philosoph aus Redwood City. Borland
war die Angelegenheit sichtlich peinlich. Lanier, der zur Zeit des
Festivals in London war, hatte sein Kommen bis zuletzt nicht
abgesagt; es kursierten sogar Geruechte, er sei in Muenchen gesehen
worden.
   CHIP-Cartoonist Werner Kuestenmacher, der als Moderator fuer die
Veranstaltungen in der Philharmonie fungierte, lenkte den Zorn der
Anwensenden, von denen wohl mancher hauptsaechlich Laniers wegen in
Muenchen war, auf den 30jaehrigen "Datasuit"-Erfinder. Seine
sybillinischen Worte erweckten, vielleicht unbeabsichtigt, bei
vielen Teilnehmern den Eindruck, Lanier habe Flugticket und
Hotelzimmer in Anspruch genommen, sich auf Kosten des Hauses einen
netten Tag in Muenchen gemacht, und sei dann wieder nach London
zurueckgeflogen.
   Kuestenmacher bemuehte sich, die enttaeuschten Erwartungen
sozusagen nachtraeglich noch zu daempfen. "Lanier haette hier nur ein
Video ueber seine Firma VPL gezeigt, das koennen wir auch ohne ihn
ansehen." Ich haette Lanier gerne nach seiner so chamaeleonhaften
Selbstdarstellung zwischen NASA und Department of Defense, Hacker-
Ideologie und Informations-anarchistischem Philosophentum gefragt.
Dazu freilich haette es mehr bedurft als VPLs Werbevideo, dessen
Bilder hier schon aus der Presse bekannt waren, und Herrn
Kuestenmachers Charme.
   Die Presseabteilung von Borland, ueber eine Woche spaeter auf
Laniers Verbleib angesprochen, hat als Antwort nach wie vor nicht
mehr parat als --: "Lost in Cyberspace". Wirklich, *sehr*
raetselhaft.

   Philippe Kahn zeigte Object Vision und Windows-Pascal

   Fuer Philippe Kahn, den schwergewichtigen Borland-Gruender
franzoesisch-juedischer Herkunft, nimmt schon seine Biographie ein.
Philippe Kahn studierte, nach einem abgeschlossenen Floetenstudium
in Paris, Mathematik an der Zuercher ETH und hoerte bei Niklaus
Wirth. Er wurde Mathematiklehrer und machte (trotzdem) Karriere im
Silicon Valley. Gemeinerweise schreibt ein Tomas F. Lansky in der
Einleitung zum Festivalprogramm, Kahn koenne "in der Jazzszene
seine Pfunde mindestens ebenso wuchten" wie als Softwarevisionaer.
Ne Wucht. Meint Lansky, es sind nur Leibespfunde, mit denen Kahn
wuchern (wuchern, Herr Lansky!) kann?
   Kahn, ganz Selfmademan, illustrierte seinen Vortrag
eigenhaendig. Mit selbstverstaendlicher Geste zog er seinen
Notebook-PC unter dem Arm hervor, schloss ihn an den
bereitstehenden Videoprojektor an und produzierte eine bunte
Grafik, die seine Ausfuehrungen ueber die "Evolution der
Programmiersprachen" illustrieren sollte.
   Wenn freilich jemand im Saal atemlos auf das projizierte
Computerdisplay starrte, dann nicht der Grafik wegen, sondern
wegen des Programms, das da unter Windows lief und sie erzeugte.
Philippe Kahn hatte auf seinem Schossrechner eine Betaversion von
Quattro Pro for Windows installiert! "Das sollten Sie eigentlich
gar nicht sehen", scherzte Kahn nonchalant. Kaum hoerbar entstand
jenes feuchte Geraeusch im Saal, das, wie Eingeweihte wissen, durch
das Sich-Sammeln von News-Geifer in Journaille-Maeulern entsteht.
  ##  Die Entwicklung der Programmiersprachen, behauptete nun
Kahn, verlaufe von der Ausrichtung nach der Maschine zur
Ausrichtung nach natuerlicher Sprache; und gleichzeitig von
beschreibender hin zu erklaerender Notation. An der Spitze der
Sprachen-Evolution, wie Kahn sie sieht, steht die graphische
Programmierung. "Programmierung", glaubt Kahn, "ist heute fuer
viele Gruppen von Anwendern, wie fuer Business-User, zu kompliziert
geworden. Um z.B. eine Windowsapplikation zu schreiben, soll einer
450 Windows-Routinen im Kopf behalten. Das ist beinahe unmoeglich."
   Natuerlich weiss Kahn Abhilfe und hat das Tool fuer seine
Evolutionstheorie parat. Das Programm, von dem in vergangenen
Monaten schon hier und da zu lesen war, heisst "Object Vision" und
macht auf mich den Eindruck einer Kreuzung von dBase mit
Smalltalk-80 oder HyperTalk. Um die Moeglichkeiten zu
demonstrieren, baute der Borland-Boss mit wenigen Handgriffen eine
primitive Anwendung zusammen. Es handelt sich um eine Loesung fuer
die Reisebranche: Der Anwender waehlt zwischen verschiedenen
Metropolen aus und das Programm faellt anhand des Verhaeltnisses
Einwohner/Museen die Entscheidung, ob sich ein Besuch lohnt (!).
   Wie in Smalltalks Oberflaechentool VICK muss ein
Benutzerinterface entworfen werden, indem grafische
"Bedienelemente" ausgewaehlt und mit Objekten verknuepft werden. Wie
im dBase-Assistant oder einem Spreadsheet dagegen sehen die
Objekte aus: Das sind beispielsweise Zahlen- oder Textfelder mit
festem oder veraenderlichem Wertevorrat.
   Eine Etage tiefer werden sogenannte "Decision Trees" definiert.
Dazu werden die Objekte willkuerlich miteinander verbunden, werden
Bedingungen formuliert, die in Abhaengigkeit von Werten oder
Berechnungen die jeweilige Verbindung aktivieren koennen. Programme
sehen wie riesige, in horizontaler Richtung sich verzweigende
Baeume aus, durch die man sich hindurch-scrollen und in deren
Details man sich hinein-zoomen kann.
   Object Vision enthaelt darueber hinaus, so Kahn, die "Paradox
Engine", weniger motorsportlich ausgedrueckt also ein Geruest von
Routinen aus dem Borland-Datenbankprogramm Paradox. Damit kann
direkt aus Object Vision auf alle Daten zugegriffen werden, auf
die auch Paradox zugreifen kann, neben dem hauseigenen Format auch
auf Btrieve, dBase und Delimited Ascii; SQL laeuft unter
Zukunftsplaene. Aber auch mit Windows-Applikationen, die Microsofts
dynamische DDE-Schnittstelle aufweisen, koennen Daten direkt
ausgetauscht werden.
   Object-Vision-Anwendungen lassen sich so kapseln, dass sie als
kommerzielle Anwendungen vertrieben werden koennen (man beachte die
wiederholte Analogie zu dBase). "Why don't you", schlug Kahn vor,
"earn your living by rebuilding the German tax forms?" Dazu muss
zur Entwicklerlizenz noch eine Runtime-Lizenz erworben werden.
Beides zusammen wird, fuer Borland-Verhaeltnisse ganz schoen teuer,
rund 1.500 Mark kosten.
  ##  Eine andere Betaversion, die Kahn kurz vorfuehrte, Windows-
Pascal, ist kein frueher Nachfolger fuer die Version 6 von Turbo-
Pascal, sondern begruendet eine eigene Produktlinie. Denn Windows-
Pascal-Programme, wenngleich die Sprache sich 100%ig mit Turbo-
Pascal 6.0 deckt, laufen wie alle Windowsapplikationen nur unter
Windows. Im objektorientierten Windows-Pascal sind Objektklassen
vordefiniert, die einen einfachen Zugriff auf die grafischen
Windows-Objekte ermoeglichen sollen. Borland versprach Einzelheiten
zur CeBit.
  ##  Fragestunde. Jemand will wissen, ob Jazz einen Einfluss auf
Kahns Software-Philosophie ausgeuebt habe. Schlau von Borland,
treue Kunden einzuladen... wer sonst wuerde Kahn ausgerechnet nach
seiner Software-Philosophie fragen! "Unsere Programme werden in
kleinen Teams von etwa 4 Leuten entwickelt", antwortet Kahn. "Das
habe ich vom Jazz gelernt... es sorgt dafuer, dass sie klein
bleiben. Ich glaube daran, dass Anwender mit Arbeitsspeicher stets
bessere Plaene haben, als ihn sich mit totem Code vollstopfen zu
lassen." Die Entwicklerversion von Object Vision soll dem
Vernehmen nach auf eine 3,5"-Diskette passen.
  ##  Abends war Philippe Kahn im Muenchner Club "Babalu" als
Saxophonist zu hoeren. Schlau auch von Borland, aus der
schillernden Persoenlichkeit ihres Chefs Kapital zu schlagen. Ich
vermute, dass sich Rivale Microsoft nie trauen wird, zu einer
solchen Veranstaltung "Tightwad" Bill Gates (John Dvorak: "People
say you fly coach when you travel. To give an example for your
employees, they say.") einzuladen.

   Machover, Rokeby, Weber/Brincken: Irgendwo zwischen
futuristisch-experimentell und archaisch-meditativ

   Borland wollte ja beweisen, dass sich Kultur und Computer
miteinander vertragen -- "How does culture mix with computers?".
   Kunststueck, wenn man sich Kuenstler aussucht, die den Computer
als Instrument benutzen. Weniges von den Aktionen, die sich da auf
zwei Stockwerken im Foyer der Philharmonie rund um die Uhr
anboten, fand wirklich Aufmerksamkeit, manches verkam zur Lunch-
Kulisse.
  ##  David Rokeby, einen Kanadier aus Toronto, hatte man eigens
eingeflogen, um eine Installation aus staehlernem Gestaenge, zwei
Macintoshes, einer Videokamera und einem Samplermodul
aufzustellen. Das Gestaenge schloss einen etwa zwei Meter hohen Raum
ein, an dessen vorderem Ende sich Kamera und die Monitore
befanden, und dessen Grundflaeche sich zum hinteren Ende hin
verbreiterte.
   Einer der Computer verfolgte und pufferte nun die Bewegungen
einzelner Pixelgruppen im von der Kamera abgetasteten Raum, eben
jenem Raum, der durch die Stangenkonstruktion markiert war. Diese
Informationen standen in Echtzeit beliebigen Programmen zur
Verfuegung, die sie auswerten mochten. Eines dieser Programme liess
beispielsweise die Definition von Bildausschnitten zu, denen
wahlweise direkt bestimmte Klaenge im Samplermodul oder das
Beschleunigen und Ritardieren, Verstaerken und Daempfen von autonom
ablaufenden musikalischen Prozessen zugeordnet waren.
   Ein solcher Prozess konnte wie ruhiges Atmen und gemaechlicher
Herzschlag klingen. Trat man vorsichtig in den "Stahlkaefig", waren
aufgeregte kleine Geraeusche zu hoeren, die man rasch zu steuern
lernte. Bewegte man die Fingerspitzen, erklang das Geraeusch von
Fingern, die unter Wasser bewegt werden. Ausholende Bewegungen mit
den Armen resultierten in wahren Wasserschwaellen und, naeherte man
sich dabei den Randzonen des "Kaefigs", dem Poltern von
Felsbrocken. Vertikale Bewegungen der Schultern riefen unmittelbar
heftige Atemstoesse hervor. Zugleich beschleunigte sich das ostinate
Atmen und Herzschlagen und beruhigte sich erst ganz allmaehlich,
wenn man sich laengere Zeit still verhielt: Acoustic Cyberspace.
   Ein konkreter-musikalisches, mindestens ebenso faszinierendes
Programm wies kleinsten, einzelnen Bildausschnitten einzelne
Pizzicato-Toene eines Cellos zu. Erstaunlich in beiden Faellen, wie
detailliert und genau sich die Klangereignisse durch
Koerperbewegungen steuern liessen, wie schnell das ungewohnte
Instrumentarium zu erlernen war. Wer im rechten Moment zur Stelle
war, konnte Dr. Eva Preuss, hartgesottene Karrierefrau und seit
Sommer letzten Jahres Chefin der deutschen Borland-Tochter (einst
"Heimsoeth+Borland") dabei beobachten, wie sie sich erst zoegernd,
dann vertrauter auf das Spiel mit dem Klang-Raum einliess.
  ##  Mike Weber und Bernd von den Brincken boten neben Rena
Tangens den zweiten Programmpunkt, in dem Borlands PR-Festival
sich mit dem letzten Communication Congress des Chaos
Computerclubs ueberschnitt. Als "Maya-Augenmusikorchester"
versuchten sie eine Visualisierung der Cyberspace-Phantasien von
William Gibson, auf die mit einer kurzen "Neuromancer"-Lesung
eingestimmt werden sollte. In einer wahren Farben-Orgie zeigten
sie daraufhin Dia-Zusammenstellungen von Computer-Grafiken, die
Schachbrett-Muster mit Farbschlieren, Kugelprojektionen und den
von Esoterikern so geliebten Kornfeld-Hieroglyphen zu einem
wahrhaft nervenspleissenden (so sprachschoepferisch kann Science-
Fiction-Literatur sein!) Sinnenrausch verschmolzen. Die dazu
servierte Musikuntermalung schwankte zwischen archaischen
Naturklaengen und Sci-Fi-Pomp. Mir war das alles zu lang und zu
formlos. Gleichwohl beeindruckt war ich von der nur geahnten
Anstrengung der Grafiker, die das oft in Sekunden vorbeiflimmernde
Bildmaterial in muehevoller Arbeit am Amiga produziert haben
muessen.
  ##  Tod Machover ist Komponist. Borland hat ihn eingeladen, weil
er ein Faible fuer Technologie hat: sie ist fuer ihn, wie er sagt,
ein Mittel, die Unterschiede zwischen musikalischen Objekten und
Informationen zu uebertreiben und gleichzeitig Verbindungen
herzustellen. Machover hat Cello und Komposition studiert, spaeter
am IRCAM in Paris gearbeitet. Heute ist er Professor am Media Lab
des MIT. Fuer sein Konzert in der Philharmonie im Gasteig hatte er
Musiker, nicht nur Computer, aus Cambridge mitgebracht: Einen
Computer-Operator... eine Saengerin, eine Perkussionistin, zwei
Gitarristen.
   Machover verwendet, was optisch zweifellos recht spektakulaer
ist, einen Datenhandschuh, in Form und Funktion jenen "Data
Gloves" aehnlich, die Autodesk oder Jaron Laniers VPL fuer die
uebertragung von Handbewegungen in Virtuelle Realitaeten verwenden.
So zieht sich Cyberspace als roter Faden durch das Festival...
   Wir hoeren/sehen:
   Die Ouvertuere aus Machovers Oper "Valis" (nach dem Roman von
P.K. Dick), ein Stueck, das mal Pop, mal Alte Musik persifliert,
Strawinski anklingen laesst und Jazz, so unbefangen mit
musikalischen Traditionen umgeht, dass es eigentlich Lust macht,
die ganze Oper zu hoeren.
   "Flora" untermalt einen Videofilm, eine japanische
Computeranimation, die, ehrlich gesagt, meine Aufmerksamkeit eher
von der Musik abgelenkt hat... da wandeln sich unablaessig
dreidimensional interpretierbare pflanzliche Texturen, in Wasser
reflektiert. Machovers Musik in Bezug zu den Bildern zu setzen,
fiel mir schwer, war vielleicht gar nicht beabsichtigt.
   "Bug-Mudra", das dritte, juengste Stueck, verlangt der
Percussion-Keyboarderin, besonders aber den beiden Gitarristen
wahrhaft artistische Leistungen ab. Ihre Instrumente erklingen
aber nicht eigentlich, werden vielmehr abgetastet, digitalisiert,
und in den Computer eingespeist, auf dem ein eigens fuer diese
Anwendung geschriebenes, besonders schnelles Lisp-System arbeitet.
Dieses Programm, das eigentliche "Hyperinstrument", setzt die
erhaltenen Daten auf fuer den Hoerer praktisch nicht
nachvollziehbare Weise um in musikalische Struktur. Auch die
Informationen aus Machovers Datenhandschuh, der laufend die genaue
Position von Hand und Fingern ermittelt und an den Computer
uebertraegt, fliessen in die programmgesteuerte Interpretation ein;
so wird der "Dirigent" in die eigentliche Klangerzeugung
miteinbezogen.
   Zuhoerer beklagten sich spaeter, sie haetten Machovers Gesten
nicht mit dem Hoereindruck zusammenbringen koennen, es ging mir
nicht anders. Wenngleich staendig Klangfetzen durchdringen, die man
den Bewegungen der Instrumentalisten zuordnen kann, ist die ganze
Anordnung doch zu komplex, um sie mit dem am traditionellen
Instrumentalensemble eingeuebten Verstaendnis begreifen zu koennen.
   Schoen, dazu passt ein Satz von Machover aus "Ear Magazine"
(uebrigens total aus dem Zusammenhang): "...in Wahrheit sind wir an
einem Punkt angekommen, an dem die Welt einfach zu komplex ist und
es keinerlei Moeglichkeiten gibt, wie wir einander verstehen
koennen." Machover wuenscht sich, dass anhand seiner Musik sich
unentdeckte Verwandschaften zwischen scheinbar voellig
unterschiedlichen Dingen erkennen lassen.
   Bug-Mudra gipfelt in einer minutenlangen, fulminanten
Klangwolke; Insider wird interessieren, dass man auf der Buehne
nicht weniger als 14 Yamaha-TF1-Module zaehlen konnte (werden wir
mal wieder technisch), ein Ensemble von 224 Tongeneratoren.

   Marvin Minsky, Joseph Weizenbaum und die Virtuelle Realitaet

   Minsky und Weizenbaum wurden in Muenchen gern als unversoehnliche
Widersacher verkauft. Weizenbaum, Jahrgang 1923, Erfinder des
elektronischen "Psychaters" Eliza, ist ein Kritiker jeden
bedenkenlosen Umgangs mit Hochtechnologie. Er gehoert zu den
Gruendern des Vereins "Computer Professionals for Social
Responsability", dessen deutsches Gegenstueck das "FIFF" ist.
Minsky, Generationsgenosse des anderen, gilt als Verfechter der
Theorie von "Artificial Intelligence"; die von ihm entwickelten
Lern- und Intelligenztheorien tragen mechanistische Zuege.
   Insbesondere der ungemein schlagfertige Minsky -- Weizenbaum
ist wohl ein zu alltaeglicher Gast in deutschen Hoersaelen -- erwies
sich als der stille Star unter den nach den bedauerlichen
Ausfaellen verbliebenen Referenten. Fast schon peinlich, wie
waehrend einer Pressekonferenz am ersten Abend sich das gebuendelte
Interesse der Journalisten auf Minsky konzentrierte. Niklaus Wirth
verliess die Pressekonferenz nach 15 Minuten, C++-Erfinder Bjarne
Stroustrup bedauerte es waehrend der folgenden 75 Minuten immer
wieder lautstark, es ihm nicht gleichgetan zu haben.
   Minsky und Weizenbaum, MIT-Professoren alle beide (das MIT war
wirklich ueberrepraesentiert!), sonnten sich offensichtlich ganz
gern in der gesammelten Aufmerksamkeit. Sie versicherten einander
wieder und wieder ihrer ungebrochenen gegenseitigen Wertschaetzung
und ueberboten sich mit Pointen und Anekdoten.
   Proben? Bitte: Werden Kuenstliche Intelligenzen je zu *glauben*
imstande sein? -- Minsky: Sobald sie *damit* anfangen, werden wir
sie toeten muessen. Schon die Schimpansen standen vor der
Alternative, als sie das weisshaeutig-missratene Baby entdeckten. Nur
der Fuersprache der Schimpansenmutter ("Es ist doch soo niedlich!")
haben wir unsere Existenz zu verdanken.
   Warum werden, wo doch von Intelligenz die Rede ist, keine
Fachleute, also Frauen zu Rate gezogen? -- Kahn: Computer sind
Spielzeug. Frauen beschaeftigen sich nicht mit Spielzeug, sie
machen lieber ernsthafte Arbeit.
Minsky: Meine Tochter studiert Informatik. Ich habe ihr eben
rechtzeitig verboten, mit Puppen zu spielen. Und, noch viel
wichtiger: mit anderen Kindern zu spielen (Anwesende tauschen
betroffene Blicke).
Weizenbaum: Glaubt bloss nicht alles, was Minsky sagt! Am Ende
seines Lebens wird Minsky, wenn er dazu kommt, einen Brief an die
Menschheit abfassen, in dem nur ein Satz steht: 'Habt ihr das
alles wirklich mein ganzes Leben lang geglaubt?'
   Die Organisatoren bemuehten sich, sobald feststand, dass Jaron
Lanier nicht mehr erscheinen wuerde, das tatsaechlich gar nicht
streitlustige Paar fuer eine Extra-Diskussionsrunde als "Ersatz"
fuer Laniers Cyberspace-Veranstaltung zu gewinnen. Eine Borland-
Mitarbeiterin, die mir den seltsamen Ersatz schmackhaft machen
wollte, schmatzte suggestiv und saeuselte: "Na, ist das vielleicht
nichts? Das *ist* doch *auch* etwas!"
   Die Teilnehmer waren ermutigt worden, den beiden Herren, die da
auf etwas zu hohen Hockern nebeneinander sassen, Fragen zu stellen.
Bald wurde Virtual Reality, Laniers Vortragsthema also,
angesprochen. Es stellte sich heraus, dass Weizenbaum wie Minsky
schon Erfahrung mit Laniers Datenanzug gesammelt hatten.
Weizenbaum hatte das Stichwort fuer ein Bonmot. "Das erinnert mich
an etwas, das ein grosser Philosoph einmal gesagt hat, Woody
Allen...", begann er und liess in geuebter Entertainer-Manier eine
kurze Pause fuer die erste Lachsalve. "Er schaetze die Realitaet
nicht besonders, es sei aber leider der einzige Platz, an dem man
sich aufhalten koenne."
Minsky bemerkte kritisch, es sei noch niemandem gelungen, einen
Datenhandschuh zu konstruieren, der dem Tastsinn realistische
Rueckmeldungen zu vermitteln vermocht haette. "Es ist trotzdem ganz
nett, in ein Computerbild hineinzugehen und dort Objekte
herumzubewegen."
Weizenbaum steuerte eine Sprachbetrachtung bei. "Es ist
interessant, sich ueber die eigentliche Bedeutung des Begriffs
'Virtual Reality' Gedanken zu machen, wenigstens gilt das im
Englischen. Wenn man sagt, etwas sei *virtually* etwas anderes,
dann meint man damit, es habe all die Eigenschaften (virtues)
dieses anderen, ohne dieses andere zu sein", erklaerte er. "'Es war
*virtually* Nacht' heisst ohne Zweifel, was immer es war, es war
ganz bestimmt nicht Nacht. In diesem Zusammenhang ist die Frage
nach dem Zweck wichtig, denn fuer einen bestimmten Zweck nur war es
eben in diesem spezifischen Augenblick Nacht."
Kann man im Cyberspace verloren gehen? Diesmal hatte Minsky eine
kleine Geschichte parat. Sie handelte von einem neunjaehrigen
Jungen, der "vor langer Zeit", 1964, bei Minskys zu Besuch war.
Seine Lehrer hatten ein Problem mit dem Kleinen: Er weigerte sich,
lesen zu lernen. Um es kurz zu machen, ein Terminal, ueber das man
das wahrscheinlich erste Textadventurespiel der Welt "spielen"
konnte, liess den Jungen in diesem primitiven, nur sprachlich
dargestellten "Cyberspace" buchstaeblich verlorengehen. Das
wiederum war, wie praktisch, Motivation fuer ihn, ein Blatt Papier
und einen Stift zur Hand zu nehmen, und in tagelanger Arbeit eine
Karte der virtuellen Topographie anzulegen. "Es war das erste Mal
in seinem Leben, dass dieser Junge eine Anwendung fuer Schrift und
Worte fand. Es war interessant, aufregend, ein klein wenig
beaengstigend, das zu erleben. Ich habe diese Geschichte behalten,
weil ich ein Optimist bin (und nur ein *bisschen* Pessimist)."
"Das erinnert mich", liess sich Weizenbaum auf das Stichwort
vernehmen, "an diesen kleinen Dialog zwischen dem Optimisten und
dem Pessimisten, wo der Optimist sagt: 'Das hier ist die *beste*
aller moeglichen Welten!' und der Pessimist ihm antwortet:
'Genau.'"
Minsky konterte sofort mit einem Beispiel seiner optimistischen
Betrachtungsweise. "Ich moechte, was Joe vorhin sagte, etwas
erweitern. Virtual Reality koennte auch bedeuten, manche *virtues*
der Realitaet beibehalten, andere auslassen. Endlich haben wir die
Moeglichkeit, Kloetzchentuerme aus ganz exakt geformten Baukloetzen zu
stapeln, Millionen Steine hoch, die niemals umfallen. So sind die
Dinge, die wir mit Virtual Reality anstellen werden. Spannende
intellektuelle Beschaeftigungen." Er einigte sich mit Weizenbaum
auf verschiedene Anwendungen, die unser Denken veraendern koennten:
Molekularchemie, Musik, und Cyberspace-Tennis, letzteres fuer
solche Leute, die so schlecht spielen, dass sie nie einen
*lebenden* Spielpartner finden wuerden.

   Siegfried und der Drache sitzen in einem Boot

   Zur Ikone des Festivals hatte Borland ein fruehgotisches Gemaelde
erkoren, den "Drachenkampf" von Uccello. St.Georg, ein
schimmelreitender Recke, bohrt die Spitze seiner Lanze in die
Nuestern eines kuriosen Drachentiers, aus dessen fangbewehrtem Maul
Blut tropft und das seine mit bunten Kreisen verzierten
Fledermausfluegel hilflos in die Luft streckt. Eine bleiche,
schwanenhaelsige Jungfrau von vermutlich edlem Gebluet ist mit einer
Leine an das Ungeheuer gekettet und gibt dem Kaempen fachfrauliche
Ratschlaege, wie jenes am besten zu erlegen sei. Der gepeinigte
Drache war allerorten im Gasteig: prangte auf den Programmheften,
zierte die Lunchgutscheine, diente als Wandschmuck. --
   Borland, deren Muenchner Residenz in der Lindwurmstrasse 88 ist,
hat zweifellos einen Kampf zu bestehen, den nur einer gewinnen
kann; der furchterregende Gegner heisst Microsoft, und dem Sieger
winkt wie die bleiche Jungfrau der Miniatur die Marktfuehrerschaft
bei den Programmiersprachen. Insbesondere bei C++ und OOPS-Pascal
("Turbo" vs. "Quick") war die moerderische Konkurrenz zuletzt
ziemlich deutlich zu Tage getreten. Aber auch andere Produkte der
beiden, wie die Tabellenkalkulatoren Quattro und Excel, zielen auf
ueberlappende Maerkte. Philippe Kahn, der seine eigentliche
europaeische Zentrale in Paris hat, hat also allen Grund, Borland
in Deutschland als eine Art europaeischen "Think Tank" zu
profilieren.
   Eine Beobachtung am Rande: Bei aller zur Schau gestellten
Rivalitaet ist doch auch offenkundig, dass sich der Drache und sein
junger Herausforderer notgedrungen in ein und dasselbe Boot
setzen. Microsoft, in der Umsatz-Rangliste der Softwarekonzerne
auf Platz eins und drei Plaetze vor Borland, hatte vor drei Monaten
die "Open Tools Strategy" ausgerufen. "Neu hinzukommende
Programmierer, z.B. aus dem Sharewaresektor", meldet eine
Microsoft-Pressemitteilung, sollen "fuer Windows entwickeln" und so
fuer (noch) mehr Anklang fuer die Benutzeroberflaeche sorgen.
   Das teure Software Development Kit, das Microsoft anbietet, ist
dazu kaum tauglich. Deshalb unterstuetzt Microsoft im eigenen
Interesse andere Softwarehaeuser bei der Entwicklung von Compilern
und Debuggern, die wiederum Windows unterstuetzen. Mit den neuen
Produkten, die Philippe Kahn in Muenchen zeigte, mit Object Vision
und Windows Pascal, aber auch Quattro Pro fuer Windows, entsteht
eine neue, wechselseitige Abhaengigkeit zwischen den Rivalen.
   Borland will Windows-Anwender -- Microsoft will Turbo-
Programmierer.

   Das dritte Jahrtausend. Dieses Feuerwerk war ein Werbegag, den
Borland bei geschaetzten Kosten von weniger als 700.000 und
Einnahmen von mindestens 300.000 Mark vergleichsweise billig
bekommen hat.
   Das dritte Jahrtausend, recht so. Manche Motti muessen
moeglicherweise verwurstet werden, bevor sie gar zu gruendlich
durchgelutscht sind.

   Johannes Kiehl

   (Jede publizistische Verwertung dieses Artikels bitte nur nach
Ruecksprache)

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 &HP'ZNF'      Johannes Kiehl
 NZv1K'    0    hannes@complx.stgt.sub.org
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