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Article #2122Fachbegriffe (war "editieren" oder "edieren"?)
From: Juergen Christoffel
Date: Mon, 07 Aug 1989 09:50
Date: Mon, 07 Aug 1989 09:50
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From article <718@uniol.UUCP>, by henseler@uniol.UUCP (Herwig Henseler): [...] > Einen Text mit einem Editor bearbeiten: Heisst es "editieren" oder "edieren"? Editieren. Edieren bezeichnet im Deutschen die Herausgabe eines Buches/Werkes (siehe auch Edition) und man macht sich zum Editor (oder klassisch: Herausgeber) desselben. Wir haben im Deutschen kein entsprechendes Wort fuer den Vorgang, der die Arbeit mit einem "editor" (man beachte die Ueberlagerung der Bedeutungen ;-) gut beschreiben wuerde. Meine eindeutige Stellungnahme fuer den englischen Begriff ruehrt nicht etwa aus mangelnder Liebe zu meiner Muttersprache ;-), sondern aus kuehlen pragmatischen Ueberlegungen: die Fachsprache (lingua franca) unseres Metiers ist nun einmal Englisch. Daran ist nicht zu ruetteln. Fuer Leute, die professionell in diesem Gebiet arbeiten, ist es unumgaenglich, eben diese zu verstehen (und auch zu sprechen, wenn man international kommunizieren will). Es gab eine Zeit zu Beginn dieses Jahrhunderts als Deutsch im Bereich der Mathematik/Physik diese Stellung einnahm und man findet aus dieser Zeit bemerkenswert viele Begriffe im Englischen wieder. Ich hatte als Student zu Anfang meines Studiums Probleme, weil ich, nachdem ich deutsche Terminologie gelernt hatte, irgendwann mal englische Literatur lesen musste und da hiess der Keller auf einmal Stack, der Uebersetzer Compiler und die Warteschlange hiess Queue und und und ... Da ich ja ohnehin den abstrakten Begriff zum Beispiel eines Stacks erst lernen musste, haette ich das auch ohne zusaetzliche Schwierigkeiten unter einem anderen Namen tun koennen; da ich mit dem Begriff "Stack" keinerlei Bedeutung verband, waere es vielleicht sogar einfacher gewesen. -- Auch wenn ich da mit der "Muenchener Schule" auf Konfrontationskurs gehe, empfehle ich jedem Studenten, die internationalen Fachbegriffe zu lernen und zu verwenden. Eindeutschungen von Begriffen, die zu aktiven Forschungsgebieten gehoeren, bringen noch den Nachteil mit, dass an verschiedenen Stellen unterschiedlich uebersetzt wird und man hinterher nicht einig wird, was denn nun der "richtige" Begriff sei. Besonders schoene Beispiele liefert hier u.a. die AI, mal Kuenstliche Intelligenz und auch mal (in Anlehnung an die Franzosen, die bei den Fachbegriffen ganz schoen "national" sind :-) Intellektik genannt. Mir ist bewusst, dass die konsequente Verwendung englischer Fachbegriffe auch ihre Schattenseiten hat (vor allem die Verben), aber die nehme ich, fuer den Profi, als das kleinere Uebel in Kauf. Probleme bereiten z.B. Handbuecher fuer Anwendungs-Software, die von Computer-Laien benutzt werden soll, wo dann verbindliche deutsche Begriffe fuer unsere Fachbegriffe fehlen. Die PC-Software zeigt hier z. T. haarstraeubende Wildwuechse. (Und ob Rollbalken wirklich so viel leichter verstaendlich ist als Scrollbar?) Auch systematische Versuche koennen abschreckend sein, man nehme zum Beispiel Systemliteratur der Fa. Siemens zur Hand. (Nicht nur) Unsere Sprache lebt (das heisst, veraendert sich) und lebte bisher immer damit, dass sie zu allen Zeiten Lehnwoerter aus anderen Sprachen uebernahm, die gerade en vogue waren oder die politisch bedeutsam waren. Deshalb amuesiere ich mich immer wieder, wenn mich jemand fragt "gibt's denn da kein deutsches Wort fuer" und, nach einem Hinweis, ueberrascht feststellt, welche Geschichte viele unserer Woerter haben. (Amuesieren, Trottoir, Scheck, Parfum, Pizza, Emanze, Friseur, Coiffeur, Baguette, Portemonaie, Kusine (hiess mal Base?), Konstrukteur, Croissant (ein "Hoernchen" ist nun wirklich etwas anderes :-), Redakteur, Journal, ... ad infinitum, man koennte glatt eine eigene Newsgroup einrichten) > Auch das (unschoene) Wort "redigieren" ist keine sinnvolle Eindeutschung, > denn es kommt von (<franz. rediger). Ich finde an "redigieren" nichts unschoen. Beeindruckend finde ich, welchen enormen Einfluss das Franzoesische in den nur wenigen Jahren nehmen konnte, die die Franzosen am Rhein herrschten. > Hoert (liest) ein angehender Germanistiker zu? Nur Deutsch-Leistungskurs vor Jahren gehabt und an obigen Problemen interessiert. Die Linguisten und Germanisten, so sie denn mitlesen, moegen dem Laien verzeihen. --jc P.S. Und die "Englischen" haben's ja nun auch nicht leicht, muessen sie sich doch an unser metrisches System gewoehnen. P.P.S. Es gibt uebrigens deutliche Unterschiede zwischen gesprochener Sprache und geschriebener Sprache, die jedem immer dann vor Augen treten sollten, wenn man versucht, den Computer-Slang, den man taeglich spricht, einzutippen. "Heisst es getraced, oder getract?" Und news ist eigentlich eher in ASCII konvertierte gesprochene Sprache ;-) P.P.P.S. Die Anglizismen, die uns die Werbung beschert und die auch in unser taegliches (Ohne-Computer-)Leben wuchern, sehe ich weniger gerne, kann aber damit leben und mich amuesieren, wenn ich hoere, wie sie z.B. von Rheinlaendern, die des Englischen nicht maechtig sind, "eingedeutscht" werden. P.P.P.P.S. In der DDR heisst meines Wissens Pizza nicht Pizza sondern Krusta, weil man ja keine imperialistischen Broetchen backen will :-) Na denn guten Appetit. P.P.P.P.P.S. Und dann wird im allgemeinen der Keller ja im (oder muesste es heissen "auf dem") Speicher (regional auch (Dach)Boden) realisiert ...
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