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Article #23HINTERGRUENDE Nr.13: Tuerkei
From: Stefan Merten
Date: Wed, 01 May 1991 19:02
Date: Wed, 01 May 1991 19:02
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T\"urkei
Das Osmanische Reich
Die Urv\"ater der heutigen T\"urkei, Angeh\"orige des Stammes der
Seldschuken, eroberten Mitte des 11. Jahrhunderts erstmals
Kleinasien. 1281 gr\"undete Osman I. die osmanische Dynastie. 1353
begann die Eroberung des europ\"aischen Balkans und die
Ausbreitung des Osmanischen Weltreichs, dem hundert Jahre sp\"ater
die Einnahme Konstantinopels folgte. Der gro{\ss}e T\"urkenkrieg gegen
zahlreiche europ\"aische M\"achte (1683 - 1699) leitete den Zerfall
des Osmanischen Reichs ein, das auf dem H\"ohepunkt seiner
Macht weite Teile des Balkans, des Nahen und Mittleren Ostens,
der Gebiete n\"ordlich des Schwarzen Meeres und Nordafrikas
umfa{\ss}te.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich in der t\"urkischen
F\"uhrung aus politischen wie psychologischen Gr\"unden eine
deutliche Hinwendung zu Deutschland vollzogen. Diese erstreckte
sich auf die milit\"arische Zusammenarbeit ebenso wie auf die
Vergabe weitreichender Infrastrukturprojekte an Deutschland, von
denen die Bagdadbahn die popul\"arste wurde. Diese Zusammenarbeit
beeinflu{\ss}te die Au{\ss}enpolitik des Sultanats soweit, da{\ss} das
Osmanische Reich 1914 an der Seite Deutschlands in den Ersten
Weltkrieg eintrat. Vor den Augen der Welt\"offentlichkeit kam es
1915 zur Massenvernichtung von ca. 1,5 Millionen Armeniern in
der syrisch-irakischen W\"uste.
Die moderne T\"urkei
Nach dem Ersten Weltkrieg besetzten England, Frankreich, Italien
und Griechenland das Osmanische Reich. Unter dem Oberbefehl des
Mustafa Kemal Pascha wurde der zweij\"ahrige Befreiungskampf gegen
die Besatzungsm\"achte 1922 erfolgreich beendet. 1923 wurde unter
dem Vorsitz Mustafa Kemals, genannt Atat\"urk ("Vater der T\"urken")
die t\"urkische Republik ausgerufen.
Atat\"urk hat wie kein anderer Reformer im islamisch gepr\"agten
Nahen und Mittleren Osten Modernisierung mit Verwestlichung bzw.
Europ\"aisierung gleichgesetzt. Das t\"urkische Bewu{\ss}tsein sollte
sich nicht nur f\"ur (westliche) Wissenschaft und Technik
vorbehaltlos \"offnen, vielmehr sollten sich auch \"au{\ss}erliche
Erscheinungsformen, wie Kleidung (Verbot des Fez als
Kopfbedeckung) oder die Einrichtung des Sonntags als
w\"ochentlichen Feiertag anstelle des islamischen Freitags, die
Zugeh\"origkeit zum Westen demonstrieren. Die Einf\"uhrung der
lateinischen Schrift anstelle der arabischen demonstrierte die
Hinwendung zu Europa ebenso wie die "Reinigung" der Sprache von
ihren arabischen und persischen Elementen, die die Abkehr vom
nah\"ostlichen Kultur- und Religionskreis zum Ausdruck bringen
sollte. Hinzu kam die Trennung von Kirche und Staat, die
Gleichstellung des Frau, das allgemeine Wahlrecht und die
Einf\"uhrung westlich orientierter Schulen.
Im Wesentlichen bedeutete Au{\ss}enpolitik f\"ur Atat\"urk die Wahrung
des Friedens um alle Kr\"afte auf den inneren Aufbau seines Landes
konzentrieren zu k\"onnen. "Friede im Land - Friede in der Welt"
wurde so das zentrale Prinzip seiner Au{\ss}enpolitik.
Nach dem Tode Atat\"urks 1938 wurden 1950 die ersten Wahlen mit
Beteiligung der Oppositionsparteien durchgef\"uhrt. 1952 erfolgte
der Beitritt zur NATO. Das Milit\"ar griff durch Putsch (1960 und
1980) oder ultimative R\"ucktrittsforderung (1971) in die
Staatsf\"uhrung ein. Bei den sogenannten freien Wahlen 1983 siegte
die Mutterlandspartei Turgut \"Ozals. Bei diesen Wahlen wurden
demokratisch gesinnte Kandidaten durch das Milit\"ar von den
Wahlen ausgeschlossen. Erst 1987 durften diese Politiker durch
einen Volksentscheid auf die politische B\"uhne zur\"uckkehren.
Die Regierung \"Ozal
Unter der konservativ-nationalistischen Regierung erfolgte eine
Re-Islamisierung und die Abkehr vom Kemalismus. Von der
Wiedereinf\"uhrung des Gebetsrufs in arabischer (nicht mehr
t\"urkischer) Sprache \"uber die Ausbildung der Geistlichen und den
Bau von Moscheen zieht sich durch die Jahre eine Kette von
Ma{\ss}nahmen, die der T\"urkei wieder ein islamisches Gesicht gegeben
haben. Zur Zeit gibt es in der T\"urkei 61 000 Moscheen gegen\"uber
56 000 Schulen. Die religi\"os-fanatische Regierung und das
Milit\"ar benutzen den Einflu{\ss} der Moschee als ihren verl\"angerten
Arm, um an der Macht zu bleiben. Die Moschee verk\"undet auch in
der Bundesrepublik: "Die Macht soll nicht dem Volk geh\"oren - die
Macht geh\"ort Allah".
Die Einschr\"ankung der Pressefreiheit geht bis zum Verbot
jeglicher links orientierter Presse. Demonstrationen und
Friedensbewegungen sind genauso verboten, wie das
Versammlungsrecht und die Maifeier. Das Verm\"ogen von
Gewerkschaften, welche nicht regierungsorientiert sind, wurde
beschlagnahmt. Menschenrechtsverletzungen geh\"oren zur
Tagesordnung, bis hin zu Folter und Mord an Oppositionellen.
Kurden und religi\"ose Minderheiten werden unterdr\"uckt, verfolgt
und inhaftiert. Hunderte von Oppositionellen verloren ihre
Staatsangeh\"origkeit und versuchen au{\ss}erhalb ihres Landes Asyl zu
erhalten. Im Oktober 1985 lehnte das Oberlandesgericht L\"uneburg
einen Antrag auf Asyl mit folgender Begr\"undung ab:
\"Ubergriffe wie Folterungen k\"onnen teilweise durch die
traditionsbedingte Einstellung der T\"urkei zur Gewalt erkl\"art
werden. Zum Teil sind sie auch auf das Selbstverst\"andnis der
Sicherheitskr\"afte in der T\"urkei zur\"uckzuf\"uhren, die dieses
Mittel zum Schutz ihres Staates nicht f\"ur verwerflich halten.
In den vergangenen Jahren hat es etliche solcher Urteile
gegeben.
Die Kriegsziele \"Ozals
Vor dem Ausbruch des Golfkriegs war \"Ozal durch zunehmende
Arbeitslosigkeit (18%) und sinkende Realeinkommen durch die
galoppierende Inflation politisch am Ende. Jetzt hat der
Golfkrieg \"Ozal etwas Luft verschafft. Er scheint den Grundsatz
Atat\"urks ins Gegenteil kehren zu wollen: vom Krieg im inneren
(gegen streikende Bergarbeiter und nach Autonomie strebenden
Kurden) lenkt er ab durch kriegerische Au{\ss}enpolitik, in der
Hoffnung dabei noch territioriale Beute zu machen. Sein Ziel ist
die \"olreiche irakische Provinz Mossul, die 1925 durch Entscheid
des V\"olkerbundes, mit der erkl\"arten Absicht hier ein autonomes
Kurdistan zu gr\"unden, dem Irak zugesprochen wurde.
\"Ozal setzt darauf, da{\ss} die USA f\"ur eine Nachkriegsordnung im
Nahen Osten neben Israel einen neuen Hilfspolizisten brauchen.
Mit Lieferungen von Kampfflugzeugen, Panzern und Raketen wird
das milit\"arische Potential der T\"urkei in aller Eile aufgestockt.
Nicht zu vergessen ist die Waffe Wasser: Bereits jetzt kann
Ankara den Atat\"urkstaudamm dazu benutzen, den Nachbarn Syrien
und Irak das f\"ur die Landwirtschaft lebenswichtige Euphratwasser
abzusperren.
ViSdP: Ilona Ratter f\"ur Kaiserslauterer Friedensplenum,
Buchenlochstr. 37, 6750 Kaiserslautern
--
My name is Stefan Merten and you can reach me at <merten@informatik.uni-kl.de>
"Socialism or barbarity" -- Rosa Luxemburg
"Radical (from radix: root!) thinking and moderate acting YES,
fanaticism or dogmatism NO!" -- Stefan Merten
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